Rezension

Zweimal hingehört

  • 28.09.2012, 00:38

Kati Hellwagner und Eva Grigori über „Vision“ von Grimes und „We All Yell“ von Giantree.

Kati Hellwagner und Eva Grigori über „Vision“ von Grimes und „We All Yell“ von Giantree.

Grimes | Visions (2012)

KATI: Cyborgs. Ich liebe Cyborgs. Ich warte darauf, dass eines Tages Roboter die Welt regieren. Bis dahin kann es aber ruhig Grimes mit ihrem Album „Visions“ tun. Und sie macht das von ihrem Zimmer aus - das Album hat sie dort aufgenommen, indem sie mit ihrer Lispelstimme spielt, sie verzerrt, zu ihrem eigenen Echo macht und ihren eigenen Background-Chor mit Grimes-Klonen einsingt. New-Wave-Synthie-Pop wird der Sound zur Post-Internet-Revolution sein. Der von Grimes ist nämlich nicht nur cool und trotz seiner simplen Machart bestechend, sondern auch irgendwie witz- und tanzig. Außerdem: Wer kann schon von sich behaupten, in einem selbstgebauten, nur mit Hühnern beladenen Hausboot den Mississippi runtergefahren zu sein?

EVA: Kati meinte zu mir: „Ey, lass uns unbedingt ‚Visions‘ von Grimes besprechen.“ Ich habe von ihr noch nie gehört, würde auch nach dem Durchhören sicher niemals auf ein Konzert von Claire Boucher gehen und würde das Album niemals freiwillig nochmal hören. Außerdem ist die jünger als ich! Eitelkeiten hintenan gestellt: Ich mag affektierte, hochgeschraubte Kinderstimmen. Ich dachte zuerst, „da kommt jetzt seichter Pop“, der Sound hat aber deutliche Elektronika- und Breaks-Anleihen und löst sich immer wieder gelungen in Disharmonien auf. Von „Visions“ ist alles in allem jedoch nicht besonders viel zu spüren, „Sketch Book“ wäre ein zutreffenderer Titel: Insgesamt finde ich die Platte etwas dürftig produziert, und selbst (oder gerade) auf guten Kopfhörern klingt der Sound recht dünn. Mir fehlt der Groove. Anspieltipps: „Nightmusic“ und „Eight“.

Giantree | We All Yell (2012)

KATI: Als mir letztes Semester die Kollegin im Seminar einen Flyer für ein Konzert in die Hand drückte, dachte ich mir noch nicht viel. „Machst du da auch mit?“, fragte ich sie. Ja, tut sie. Jetzt hat sie mit ihren BandkollegInnen von Giantree das erste Album herausgebracht. Vertraut hört es sich an. Das Indie-Rezept „Gitarre - Vocals - Synthesizer, einmal umgerührt“ funktioniert - vor allem Nummern wie „Communicate“, „Life was Young“ oder auch der Opener erinnern an Francis International Airport in ihren sonnigeren Augenblicken. In der zweiten Hälfte von „We All Yell“ werden die Stimmen rauer, die Instrumente rockiger, Schatten ziehen auf. Mich fröstelt ein bisschen und ich hör lieber nochmal „Communicate“ zum Aufwärmen.

EVA: Ich gebe es zu, diese Ausgabe der Plattenkiste ist meine Grantl-Edition. Ich hab mir die neue lokale Indie-Hoffnung (auch wenn man „Indie“ nicht mehr sagen darf) angehört, und alles, was mir einfiel, war: „Was für ein belangloser Scheiß.“ Beim zweiten Durchhören dachte ich: „Naja, gegen Grimes sind die okay“. Und seitdem begleiten Giantree mich durch regne- rische Nachmittage. Textlich gibt die Platte nicht besonders viel her, und beim Titel „We All Yell“ kratzt man sich doch am Schädel, denn gebrüllt wird nicht. Von Verzweiflung oder Wut keine Spur, höchstens eine abgesicherte Koketterie mit Licht und Schatten des Lebens. Ich kann Ansagen wie „I’m ready for drowning“ nicht besonders ernst nehmen, wenn sie in einer heiteren Popnummer untergebracht sind. Und dass gerade dieser Gegensatz das Tiefgründige ausmachen soll, kann ich genauso wenig ernst nehmen. Wenn man aber von all dem absieht, eine wunderbare Aprilwetterplatte.

»K? Warum K?«

  • 13.07.2012, 18:18

Keine geringere, als die Frage danach, ob da etwas ist, das alles Leben und Sterben auf der Welt miteinander verbindet, treibt die ProtagonistInnen in Tom McCarthys neuem Roman „K“ um. Im Februar diesen Jahres erschien er in deutscher Übersetzung in der Deutschen Verlags-Anstalt.

Buch-Rezension

Keine geringere, als die Frage danach, ob da etwas ist, das alles Leben und Sterben auf der Welt miteinander verbindet, treibt die ProtagonistInnen in Tom McCarthys neuem Roman „K“ um. Im Februar diesen Jahres erschien er in deutscher Übersetzung in der Deutschen Verlags-Anstalt.

Der Held des Romans wird 1898 in England als Sohn eines technikversessenen Erfinders und einer gehörlosen Betreiberin einer Seidenspinnerei geboren. Angesteckt vom ErfinderInnengeist des frühen 20. Jahrhunderts, verbringen er, Serge Karrefax, und seine Schwester Sophie ihre Kindheit auf der Suche nach Möglichkeiten zur Übertragung geheimer Codes sowie nach möglichst explosiven chemischen Substanzen und Verbindungen. Sophie, die ihren eigenen Kater dabei erst versehentlich vergiftet und dann persönlich ausstopft und verdrahtet, setzt als Studentin ihrem Leben ein Ende: Ihre Schwangerschaft, die sie als eine zerstörerische körperliche Veränderung erlebt, treibt sie in den Wahnsinn.

KRIEG. Serge trägt dies als dunkle, schwere Last mit sich, bis er im Ersten Weltkrieg als Kundschafter für die Britische Luftwaffe zu fliegen beginnt. Unter dem ständigen Einfluss von Kokain erlebt er den Krieg nicht als unerträgliche Grausamkeit, sondern sieht die Landschaft unter sich durch Granateneinschläge „erblühen“, genießt die Beben und Eruptionen, die „die Erde zum Leben erwecken“ und die er durch die Übermittlung von Morsedaten über feindliche Positionen herbeiführen kann. Serges ästhetizistisch-technophiler Blick lässt die LeserInnen distanzierter und unerschrockener als gewöhnlich am Schrecken des Krieges teilhaben. Er kreiert eine KomplizInnenschaft, die eineN immer wieder erschauern lässt.

„K“ hat wie McCarthys erster Roman „8 1⁄2 Millionen“ einen unheimlichen, düsteren Sog. In beiden Büchern geht es um Zufälligkeit sowie um willkürliche Systeme, die selbstreferentiell und somit sinnlos erscheinen - wie der Tunnelbau unter Serges Gefangenenlager in Deutschland, bei dem die Männer lediglich auf andere Tunnel stoßen oder sich von einer Baracke zur nächsten graben. So zufällig die Verbindungen zwischen den Dingen und Menschen aber sein mögen: Alles ist in „K“ miteinander verknüpft, und kehrt wieder, wie Funkwellen, die noch lange nach ihrem Aussenden eine Spur hinterlassen.

Tom McCarthy, K. Übersetzt von Bernhard Robben. München: Deutsche Verlags-Anstalt (2012).

Buch-Rezension: "Kritik des Kapitalismus"

  • 13.07.2012, 18:18

Einen interessanten Versuch, die Wirtschaftskrise von linker Perspektive aufzuarbeiten, hat der Autor und freie Journalist Christian Stenner mit dem Buchprojekt Kritik des Kapitalismus – Gespräche über die Krise gewagt, welches von SPÖ-, Grünen- und KPÖ-Steiermark finanziert wurde.

Einen interessanten Versuch, die Wirtschaftskrise von linker Perspektive aufzuarbeiten, hat der Autor und freie Journalist Christian Stenner mit dem Buchprojekt Kritik des Kapitalismus – Gespräche über die Krise gewagt, welches von SPÖ-, Grünen- und KPÖ-Steiermark finanziert wurde. Ähnlich bunt gemischt, aber so bezeichnend wie die Zusammensetzung der Finanziers, sind auch die 15 linken ÖkonomInnen aus dem deutschsprachigen Raum, mit denen der Autor jeweils am Rande von Veranstaltungen Einzelinterviews geführt hat. Die Interviewten reichen von Margit Schratzenstaller (WIFO), über den bekannten deutschen Politökonomen Elmar Altvater, dem Austrokeynesianer Kurt W. Rothschild bis zu einigen MarxistInnen. Der einzige dünne rote Faden der sich auf den ersten Blick durch das Buch zieht, ist der interviewende Autor selbst. Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass es sich bei dem Buch um einen Versuch handelt, die Linke auf einen groben Nenner, auf gemeinsame politische Strategien im Zuge der Wirtschaftskrise zu bringen. Eindeutig steht bei den Fragen des Autors nicht das Trennende, sondern das Verbindende, nicht das gegenseitige Ansudern, sondern das Erweitern im Vordergrund.
So ist beispielsweise ein Konsens der ÖkonomInnen, dass die expansive Niedrigzinspolitik und die hochriskanten Kreditvergaben der USA nur der Auslöser, nicht aber der tiefere Grund für die Finanzkrise sind. Das Problem ist nicht nur ein unregulierter Finanzmarkt, sondern die massive Umverteilung von den ArbeitnehmerInnen und Erwerbslosen hin zu den Vermögenden in den letzten 30 Jahren. Durch Standortkonkurrenz, Lohndumping, Privatisierung von Pensionen, Beitragssenkungen für Konzerne etc. wurden gewaltige Summen an Geld nicht mehr hauptsächlich konsumiert (wie noch in den 1970ern), sondern es wurde sukzessive damit spekuliert, da am Finanzmarkt mehr Gewinne zu machen waren als in der Realwirtschaft. Stephan Schulmeister vom Wirtschaftsforschungsinstitut sieht das Problem dieser Entwicklung darin, dass „je mehr Teilnehmer auf einem Markt spekulieren, desto stärker schwanken die Preise – und je stärker die Preise schwanken, desto mehr lässt sich auf diesem Markt verdienen.“ Immer mehr werden dadurch auch vermögende, „realwirtschaftliche“ Unternehmen gezwungen, mitzuwetten, um sich zum Beispiel gegen starke Kursschwankungen abzusichern – dadurch werden immer größere angehäufte Vermögen auf der Jagd nach Gewinnen in den Finanzsektor geworfen und somit in immer kürzeren Zeitabständen Blasen produziert: Dieser Teufelskreis ist der Grund der gegenwärtigen Krise. Eine gezielte und große Umverteilung von gesellschaftlichem Reichtum von „oben“ nach „unten“ ist für die ÖkonomInnen nicht nur moralisches Gebot, sondern muss die logische Antwort auf die Krise sein – ansonsten werden weitere folgen. Die momentane Politik wird aber von Joachim Becker (Uni Wien) eher als „restaurativ“ gewertet – speziell Europa versucht, ohne große Veränderungen den Zustand vor der Krise wiederherzustellen, pumpt frisches Geld in den Finanzmarkt und verteilt weiter in Richtung „oben“ um.
Im Buch werden auch Alternativen vorgestellt: Manche Vorschläge bleiben in der kurzfristigen Polit-Ebene (Finanzmarktregulierung, Vermögensbesteuerung, bis hin zum Umgang mit Staatsschulden und sinnvolleren Konjunkturprogrammen), andere Ideen skizzieren auch alternative Modelle des Wirtschaftens. Obwohl das Buch Kritik des Kapitalismus heißt, wird es diesem Anspruch auf seinen kurzen 192 Seiten kaum gerecht. Auch die Differenzen und Widersprüchlichkeiten der ÖkonomInnen hätten ehrlicher herausgearbeitet werden können. Im Großen und Ganzen aber ist das Buch angenehm verbindend und empfehlenswert.

Julian Schmid studiert Politikwissenschaft und Volkswirtschaft in Wien.

Kritik des Kapitalismus. Gespräche über die Krise, Herausgeber: Christian Stenner, Edition Linke Klassiker. 224 S., Promedia, Wien 2010.

Buchrezension: Metaphysik der Gewalt

  • 13.07.2012, 18:18

„Literaturwissenschaftler gegen Hitler“

„Literaturwissenschaftler gegen Hitler“ klingt nach dem Namen einer eher verwegenen Studiengruppe. Im Zweiten Weltkrieg war es aber ein reales Programm des britischen Geheimdienstes MI6. Gegen die Gräuel und das Lügen könne nur ankämpfen, wer selbst das Gespür für Geschichten und das Geschichten-Erzählen besäße, so dachten die Schlapphüte, und heuerten GeisteswissenschaftlerInnen und LiteratInnen an. Eine Geschichte solcher Figuren erzählt der spanische Großschriftsteller Javier Marías im heuer erschienenen dritten und letzten Teil seines Romans Dein Gesicht morgen.
Als der Romanist Jaime Deza wegen Streitereien mit seiner Frau aus dem Madrid der Gegenwart f lüchtet, ahnt er nicht, dass die Tradition der Geistesmenschen undercover nicht vorbei ist. Überzeugt, dass Jaime tief in die Seele anderer Menschen zu blicken vermag und ihre Absichten erraten kann, heuert ihn ein Mann namens Tupra an, vermittelt von seinem väterlichen Freund Wheeler, der einst im Krieg gegen die Nazis selbst für den Geheimdienst arbeitete. Wofür die Psychogramme dienen, die er für Tupra erstellt, erfährt Jaime jedoch nur selten.
Schon bald wird sein gutes Gewissen auf die Probe gestellt. In der ansonsten verwaisten Behindertentoilette einer Diskothek muss er zusehen, wie sein Chef einen spanischen Diplomaten brutal verprügelt und foltert. Später stellt sich heraus, dass ihm dies nicht nur sardonisches Vergnügen bereitet, sondern Teil seines Jobs ist.Videoaufnahmen dieser entmenschlichten Folterszenen, in die er reiche Geschäftsleute und PolitikInner hineinzwingt, schaffen für Tupra eine psychische Abhängigkeit bei seinen Opfern. Sie werden zu seinen willfährigen Instrumenten.
Dieses Wissen verändert Jaime. „Vielleicht empfindet man nie völlig ehrlichen Abscheu gegen sich selbst, und eben das ermöglicht uns, alles zu tun, sobald wir uns an die Gedanken gewöhnen, die in uns aufkommen“, räsoniert er, nachdem er der Disko-Szene passiv beiwohnt. Sein Schrecken lähmt ihn, hindert ihn am Eingreifen. Wenig später ist die Gewalt auch in ihn eingedrungen, wie eine Infektionskrankheit. Er terrorisiert und verprügelt einen Liebhaber seiner Frau, wird selbst zur Bestie.
In mäandernden, sich windenden Sätzen, die so typisch sind für Marías, beschreibt er die Indifferenz der menschlichen Empfindsamkeit gegenüber der Grausamkeit. Jaime Deza bleibt nicht bis zum Ende des Buches im Dienste des Folterknechts Tupra, aber lange genug, um mit Faustischer Rücksichtslosigkeit mehr über das Leben zu lernen, als es NormalbürgerInnen jemals könnten. Die Erforschung des Schmerzen-Bereitens verquickt im Roman gleichsam mit der Beschreibung der Geheimorganisation. Beides, so wird suggeriert, ist esoterisches, verbotenes Wissen, dass nur von Mund zu Mund verbreitet werden kann, unwiderstehlich für den Geist von Jaime. Genau diese verborgene Qualität ist es, die trotz ihrer bitteren Mischung aus Disziplin und Strafe auch in dem oder der LeserIn das perverse Verlangen weckt, in ihre Geheimnisse eingeweiht zu werden.

Vom Wesen Europas

  • 13.07.2012, 18:18

Was verbindet den Wiener Stadtteil Ottakring mit dem Balkan?

Buch-Rezension

Was verbindet den Wiener Stadtteil Ottakring mit dem Balkan? In Karl-Markus Gauß’ Erzählung Im Wald der Metropolen ist die Antwort weniger offensichtlich, als man vermuten würde. Bei ihm ist Ottakring Schauplatz vom Leben desjenigen Schriftstellers, bei dem „so viel gestorben wie in keinem anderen Werk der Weltliteratur“ wird, dem Slowenen Ivan Cankar nämlich, der über zehn Jahre in einem düsteren Kabinett bei einer Ottakringer Näherin zur Untermiete lebte, und welchem die Ottakringer Straße als Vorlage für seinen Roman Die Gasse der Sterbenden diente.
Erkundungen wie diese, die an 13 Stationen und noch mehr Schauplätzen innehalten, machen die ineinander verwebten Reportagen zu einer großen Erzählung. Kleine Hinweise, aufgelesen an Gedenktafeln oder Grabsteinen, verweisen dabei zu immer neuen Orten, Personen und Ereignissen: So war das Ottakring von 1911, damals innerhalb weniger Jahre zur Vorstadt der Fabriken und Zinskasernen gewachsenen, auch Schauplatz von ArbeiterInnenaufständen, die von habsburgischen Soldatentruppen aus Bosnien und Herzegovina niedergeschlagen wurden. Für die unangenehmen Aufträge wie Verprügeln und Niederschießen rekrutierte die Monarchie lieber Soldaten vom Balkan als aus Wien.
Gauß führt die LeserInnen vom Burgund bis zum Belvedere, von Brünn nach Bukarest, von den künstlich gotischen Plätzen des schlesischen Oppeln bis zur neapolitanischen Piazza San Francesco, hält inne in der trägen Hitze griechischer Inseln, um endlich in die europäische Hauptstadt Brüssel zu kommen. Richtungsweisend für die Wege, die Gauß im Laufe des Erzählens einschlägt, sind die Lebens- und Arbeitsstationen zahlreicher SchriftstellerInnen, die auf jeden Fall die ProtagonistInnen in Gauß´ Werk darstellen. Gauß ist Herausgeber der Literaturzeitschrift Literatur und Kritik, die Erforschung von Biographien Schreibender sind nicht zum ersten Mal Teil seiner Arbeit. Insofern ist Im Wald der Metropolen nicht nur im Bezug auf persönliche Bemerkungen im Verlauf des Buches, wie der wiederkehrenden Angst vor dem drohenden Herzinfarkt, autobiographisch. Eine Vielzahl von Anekdoten aus dem Leben des Begründers der modernen serbischen Schriftsprache, Vuk Karadžić, des kroatischen Nationaldichters Petar Preradović oder des Brünner Dichters Ivan Blatný, um nur einige zu nennen, machen das Buch auch zu einer Zusammenschau des intellektuellen Lebens in Europa.
Ist Im Wald der Metropolen über weite Strecken von der Vergangenheit inner-europäischer Verstrickungen geprägt, thematisiert Gauß an mehreren Stellen auch Europas Randgruppen als zweite Protagonisten: Einerseits die Roma als Beispiel für die größte innereuropäische Randgruppe. Andererseits zeigt Gauß am Beispiel der überwiegend afrikanischen EinwohnerInnen des Brüsseler Stadtviertels Marollen auf, dass Europa die neue Randgruppe der von außen nach Europa dringenden ZuwanderInnen nicht mehr länger aufhalten wird können.
Die vielleicht am schönsten beschriebenen ProtagonistInnen in Im Wald der Metropolen sind aber diejenigen, die von der Geschichte und ihren Verstrickungen völlig ungerührt scheinen: Die Alten und Greise der Städte und Inseln Südeuropas, die, in der Mittagshitze in Straßen schlurfend und auf Mauern sitzend, Sinnbild für die Ewigkeit sind.

Thomas Bernhard schtirbt.

  • 13.07.2012, 18:18

„Hier in Österreich blockieren ein paar machtgierige und größenwahnsinnige alte Männer alles um sie herum und es ist erstaunlich, wie lange sich vor allem die jungen Menschen in diesem stinkenden Staatskessel das gefallen lassen. Als gäbe es keine Jugend!“

Rezension

„Hier in Österreich blockieren ein paar machtgierige und größenwahnsinnige alte Männer alles um sie herum und es ist erstaunlich, wie lange sich vor allem die jungen Menschen in diesem stinkenden Staatskessel das gefallen lassen. Als gäbe es keine Jugend!“
Die Rede ist nicht von heute, sondern von 1981. Und es spricht kein alt gewordener Staatskünstler, kein mild gewordener Revolutionär und auch kein wild gewordener Reformer, sondern ein früh Gestorbener, dessen Tod, so scheint es, vielen auf keinen Fall zu früh kam.
Heuer wäre Thomas Bernhard achtzig Jahre alt geworden, sein runder Geburtstag wird merklich gewürdigt. Auch heute noch ist der „Alles-und-alle-Beschimpfer“ eine Attraktion unter Verständigen, ein Säulenheiliger unter Unverständigen und ganz sicher eine nationale Schande unter ewig Unverstandenen.
Angesichts solcher virtueller Geburtstage (gerade in einem Land wie Österreich, in dem das Gedenken ja eine Tugend und das Denken eine Untugend ist) kommen allerdings immer wieder Fragen auf: Etwa ob denn der „frühe“ Tod nicht auch erst das Gedenken hervorgerufen hat, ob denn ein „später“ Abgang den Betreffenden nicht in die Vergessenheit hätte sterben lassen. Solche Fragen sind müßig; hingegen die Frage, ob Bernhard heute noch Aktualität besitzt, ob man ihn heute noch nicht revidiert hat, kann in Hinblick auf diese Kommemoration durchaus gestellt werden. Und tatsächlich, viele heute noch überraschend gültige Ausrufe finden sich in einer vom Suhrkamp Verlag erstmals in dieser Form präsentierten Überdenkschrift. Es wird einem grausig, wenn man Bernhard beschwören hört, „ob Diktatur oder Demokratie – für den Einzelnen ist im Grunde alles gleich schauerlich. Zumindest bei näherer Betrachtung.“

Der Wahrheit auf der Spur sammelt Selbstinszenierung und Selbstoffenbarung, und Selbstaufbahrung des gewaltigen Autors. In der heutigen Zeit hat der Sumpf eben ein anderes Schlaglicht, er ist nicht mehr rot wie bei ihm, sondern schwarz wie bei uns. Die nun vorliegende Sammlung von Thomas Bernhards Öffentlichkeitsauftritten erklärt in eleganter Kohärenz seinen Kampf gegen den Staat und das ästhetische, mehr noch, das kulturelle Unverständnis seiner spießbürgerlichen Beamten. Natürlich verliert der brave „Skandalautor“ auch das eine oder andere Wort zuviel, weiß gleich einem verwöhnten Kind (einem Fratz!) nicht, wann Schluss sein soll. Wenn auch zugegebenermaßen die Beschreibung Kreiskys als „kleinbürgerlicher Salonsozialist“ im unverdienten Ruhestand sicher eine gewollt zu starke Polemik ist, man liest auch bei Bernhard ebenjene angeklagte Kleinbürgerlichkeit heraus; weltmännische Kritik von einem Mann mit Hang zum Biedermeierversteckspiel ist wohl nicht sehr glaubwürdig.

Jedoch genau die harsche Kritik an Kreisky und später dann auch an Vranitzky erlaubt die Frage, ob er heute wohl noch gut gewesen wäre, das heißt, ob er denn nicht wirklich besser damals an einem zu schwach schlagenden Herzen als heute an einem zu stark (zu)schlagenden Hirn gestorben ist. Wenn Bernhard schon unter diesen beiden zu leiden hatte, wie hätte er wohl mit Pröll und Faymann leben können. Wie hätte er als antikatholisches ÖVP-Mitglied und Naziallergiker die blau-schwarzen Jahre überdauert?
Nichtsdestotrotz möchte man Bernhard einfach als einen Mann mit gesunden Emotionen sehen, denn wo Liebe ist, da ist auch Hass. Er liebe Österreich, weil er nicht anders könne, sagte er. Bloß ist es hart für einen ernsten Menschen, in einem Land zu leben, in dem „man alles Ernsthafte zum Kabarett macht“. Denn, „jeder Ernst wandert auf die Witzseite, und so ertragen die Österreicher den Ernst nur als Witz“. Und was in anderen Ländern eben ein Rücktrittsgrund ist oder Richtern eine Verurteilung wert, das ist in Österreich ein Witz, nach wie vor.

Ich komme zu dir

  • 13.07.2012, 18:18

Die bosnisch-österreichische Regisseurin Nina Kusturica war einst selbst Asylantin. Nun hat sie einen Film über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gemacht, die in Europa auf der Suche nach ihrem Glück sind.

Die bosnisch-österreichische Regisseurin Nina Kusturica war einst selbst Asylantin. Nun hat sie einen Film über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gemacht, die in Europa auf der Suche nach ihrem Glück sind.

Ich habe den Tod gerufen, aber er ist nicht gekommen. Sogar der Tod hasst uns“, sagt Jawid Najafi, einer der Protagonisten des Films „Little Alien“.
Das Filmteam rund um Regisseurin und Produzentin Kusturica zeigt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf ihren Weg in die EU. Sie kommen aus Afrika und Afghanistan, sie sind geflüchtet vor Hunger und Verfolgung und erzählen von der ständigen Angst vor der Polizei und wie sie sich in LKWs versteckten,  um die vielen Grenzen und Kilometer ihrer Reise zu überwinden.
Die Schilderungen vom Überwinden des Meeres oder hoher Berge wirken im Film sehr sachlich, fast emotionslos – die Tristesse und das Grauen, die zu sehen sind, erscheinen den ZuseherInnen wie ein selbstverständlicher Teil des Lebens der Kinder.
Man sieht wuchtige Grenzposten, High-Tech-Sicherheitssysteme und Mauern, die die Berliner Mauer geradezu mickrig wirken lassen. Wer die Bilder sieht, dem drängt sich ein Bild von Europa als menschenfeindlicher Festung auf. 
Ein zentraler Schauplatz des Films ist Wien, hier wurden Szenen mit Jugendlichen gedreht, die die Stadt von unten kennen lernen. Sie werden angepöbelt, von der Polizei ein klein wenig schikaniert, und immer und immer wieder müssen sie irgendwelche Behördenwege erledigen.
Regisseurin Kustarica wollte auch im Flüchtlingslager Traiskirchen drehen, doch sie bekam keine Drehgenehmigung. Kustarica kennt den Asylapparat: Sie floh nach Kriegsausbruch als 17-Jährige nach Österreich, allerdings nicht unbegleitet, sondern gemeinsam mit ihren Eltern.
Trotzdem fühlt sich die Regisseurin den unbegleiteten „Little Aliens“ verpflichtet. Aus gutem Grund: Allein im Jahr 2008 stellten in Österreich 872 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einen Antrag auf Asyl.
Diese Kinder kommen nach Österreich und versuchen hier, ihr Leben neu zu gestalten und kämpfen für ihr Recht auf eine halbwegs unbeschwerte Jugend.
Obwohl ihr Leben hier vor allem von Gesetzen bestimmt wird, nehmen es die Kinder mit erstaunlich viel Humor und haben ihre eigenen Mechanismen entwickelt, die ihnen helfen, ihre Probleme zu bewältigen. Sie leben ihre Jugend laut und frech, sie verlieben sich und trennen sich, genauso wie alle Jugendlichen auf dieser Welt. Es sind jedenfalls Leben im Ausnahmezustand.

David Schalko: Weiße Nacht

  • 13.07.2012, 18:18

Es war nach der Folge von „Willkommen Österreich“, in der Stermann und Grissemann sich über den verstorbenen Jörg Haider und seinen schluchzenden Pressesprecher Stefan Petzner lustig gemacht haben.

Es war nach der Folge von „Willkommen Österreich“, in der Stermann und Grissemann sich über den verstorbenen Jörg Haider und seinen schluchzenden Pressesprecher Stefan Petzner lustig gemacht haben. Da kam David Schalko die Idee zu dem blumig-schwülstigen Roman über zwei ungleiche Lebensmenschen. Stefan Petzner alias Thomas und der Messias-gleiche Jörg Haider einfach als „er“. Wenn David Schalko für Stefan Petzner denkt, dann hört sich das so an:
„Wir lachten wie kleine Kinder, die der Welt einen gemeinsamen Streich gespielt hatten. Plötzlich hielt er inne, schüttelte den Kopf und kam langsam näher. Wie ein Fuchs, der hinter seinem Bau hervorlugte. Er näherte sich meinem Ohr, hielt die Nase nur einen Hauch entfernt. Ich konnte seinen warmen Atem spüren. Wie ein sanfter Wellengang am See. Lebkuchen.“
Absatz.
„Und er flüsterte: ‚Eternity, Thomas.’“

Eternity. Wie eine Ewigkeit fühlt es sich auch an, die 134 Seiten von „Weiße Nacht“ durchzuackern. 134 Seiten geballter Trash, schleppende Schilderungen einer mystisch-faschistoiden Märchenwelt. Pseudo-dramatische Handlungsstränge führen durch ein pseudo-absurdes Kärnten, gequälte No-na-Wortwitze führen einen Absatz zum nächsten. Mit jeder Seite, die umgeblättert wird, wird das Seufzen der LeserInnen tiefer und gequälter. Kurzum: „Weiße Nacht“ ist grottenschlecht.
Doch der Autor wäre nicht David Schalko, wenn das nicht seine Intention gewesen wäre. Dass er dabei leider nicht wahnsinnig witzig ist, mag eine andere Geschichte sein. Jedenfalls lehnt er sich mit dem „Experiment“, wie es der Falter nennt, ziemlich weit hinaus. Nicht unbedingt deswegen, weil er die Liaison Petzner-Haider ins Lächerliche zieht (wie originell ist das heute noch?), sondern weil er den LeserInnen damit sehr viel zumutet. „Mein Buch lehnt sich an die Heimatromantik der 1930er-Jahre an. Ich habe die faschistoiden, verkitschten, esoterischen Bilder übernommen.“ Blaue Bergseen, grüne Wiesen, zwitschernde Vöglein, dazwischen die „Landesmutter“, mit der sie auf die Jagd gehen, das Projekt eines „Endless Summers“ für ganz Kärnten. Doch nur wenige Menschen haben den Heimatroman der 1930er Jahre vermisst. Er zieht sich wie ein Strudelteig. Daran ändert auch die brisante homoerotische Beziehung von Jörg Haider und Stefan Petzner nichts.
Beeindruckend ist alleine das Durchhaltevermögen, mit dem Schalko alle Klassen der Schundliteratur in dem Roman vereint: Heimatroman, Groschenroman, esoterische Ratgeber, bis hin zu Karl Mays Winnetou-Büchern. Der Mix aus Spaßkultur, Esoterik, Katholizismus und Deutschtümelei zeichnet ein originelles Bild der modernen „Rechten“ und trifft mitten ins sonnige Herz von Haiders Kärnten. Nicht so, wie es realpolitisch war, aber so, wie es phantastischer Weise sein könnte.
Leider geht die spannende Idee in den nicht enden wollenden Schilderungen jenes phantastischen Kärntens unter. Das Buch macht einfach keinen Spaß. Ursprünglich hat Schalko „Weiße Nacht“ als Kurzgeschichte geschrieben. Dabei hätte er es belassen sollen.

David Schalko, Weiße Nacht Czernin 2009, 134 S., 16,90€

Kreiskys Außenpolitik

  • 13.07.2012, 18:18

Rezension

Rezension

Die deutsche Zeithistorikerin Elisabeth Röhrlich zeichnet in ihrem umfassenden Erzählband Kreiskys Außenpolitik. Zwischen österreichischer Identität und internationalem Programm die persönlichen Ambitionen und Erlebnisse des „Politikgenies“ über die gelungene Außendarstellung von Österreich nach. Kreiskys Politik erklärt sich aus seiner Biographie. Die Autorin folgt diesen Stationen und setzt sie unmittelbar in einen breiten nationalen wie internationalen Kontext. Um Geschichte handhabbar zu machen, ist es verlockend, sie zu periodisieren. Die Ideengeschichte ist als Hilfswissenschaft für eine Biographie besonders geeignet. Röhrlich bedient sich der Methode der Ideengeschichte, die in der deutschsprachigen Forschung eine lange Tradition hat. Sachlich und objektiv zeichnet die Autorin Kreiskys Lebensweg nach.
Das 20. Jahrhundert war ein „Zeitalter der Extreme“ – unfassbare Verbrechen stehen neben Wohlstand und Demokratie in seiner Bilanz. Kreisky erlebte diese „Extreme“ hautnah. 

Österreichische Vergangenheit. Seine frühe Kindheit war noch von der Monarchie geprägt, er erlebte die krisengeschüttelte Erste Republik und das autoritäre Dollfuß-Schuschnigg-Regime. 1938 wurde er ins schwedische Exil gezwungen und kehrte erst spät nach Österreich zurück. „Sechs Österreich und ein Leben – so könnte es über Kreisky heißen“, schreibt Röhrlich in Anlehnung an eine Aussage des Europapolitikers Erhard Busek. Personen, welche ein Jahrhundert fast vollständig erlebt und mit ihrem politischen Wirken geprägt haben, faszinieren. Auch Kreisky dachte weit voraus, denn bereits im Jahr 1964 schrieb er sein Plädoyer für eine gesamteuropäische Integration, welche den gesamten Kontinent umfassen sollte. Bei seiner Nachbarschaftspolitik argumentierte er historisch-geographisch: Lage und Geschichte Österreichs verbinde das Land mit der EU. Erst nach schweren innenpolitischen Bemühungen und der notwendigen Unterstützung einer Massenzeitung trat Österreich 1995 der Europäischen Union bei. Das Verhältnis der ÖsterreicherInnen zur österreichischen Vergangenheit ist und bleibt zwar so, dass sie sich ihr lieber gar nicht erst stellen, die offiziöse Deutung leuchtet ihnen aber ohne weiteres ein: Austria Erit In Orbe Ultima – zu allerletzt wird es nur mehr Österreich geben. Es hat seinen Reiz, wieder einmal in europäischen Dimensionen zu denken. Kreiskys internationales Programm war identitätsstiftend für Österreich. Aber die eigene Unsterblichkeit ist wahrscheinlich das Einzige, woran ÖsterreicherInnen nicht zweifeln oder verzweifeln. Der Sonnenkanzler dürfte manchmal noch ein Auge auf „sein“ Österreich haben. 

Elisabeth Röhrlich: „Kreiskys Außenpolitik. Zwischen österreichischer Identität und internationalem Programm“ Zeitgeschichte im Kontext, Band 2, 1. Auflage. Vienna University Press bei V&R unipress 2009. 437 S., 57.90 €

 

„Es kann notwendig sein, Tausende zu opfern“

  • 13.07.2012, 18:18

Was wissen wir heute über den Zweiten Weltkrieg?

Was wissen wir heute über den Zweiten Weltkrieg? Beginn 1938, Ende 1945. Hitler, Churchill, Roosevelt. Auschwitz und Holocaust. Hiroshima und Nagasaki. Die Epoche des Zweiten Weltkriegs ist wohl diejenige, über die auch SchülerInnen, die Semester für Semester um ihre Geschichtsnoten kämpfen mussten, halbwegs Bescheid wissen. Dementsprechend niedrig ist daher die Motivation, sich mit Literatur zu einer solchen Epoche zu befassen, da das Gefühl vorherrscht, bereits zur Genüge gelehrt worden zu sein. Nicholson Bakers Textcollage Menschenrauch ist aber auch gerade jenen ans Herz zu legen, die sich in den obigen Zeilen beschrieben meinen. Ohne sich selbst zu Wort zu melden, schafft Baker es, mittels Zeitungsausschnitten, Tagebucheinträgen, Reden und Briefen eine Chronik des Zweiten Weltkriegs zu schaffen, die durch die Zurschaustellung der bizarren Handlungsweisen der Kriegsführer starke Zweifel bezüglich dessen Unabwendbarkeit aufkommen lassen. Durch die zitierten Dokumente werden bei LeserInnen Reaktionen ausgelöst, die von ungläubigem Lachen bis hin zu angewidertem Kopfschütteln reichen. Und immer wieder kommt die Frage auf, ob denn nicht alles hätte ganz anders laufen können, wären die Zeichen, die auf einen drohenden Krieg und den bestialischen Holocaust hinwiesen, schneller erkannt worden. Gleichgültig, wie viel Wissen bereits über den Verlauf des Zweiten Weltkriegs vorhanden ist – gewisse Gegebenheiten überraschen garantiert. So zum Beispiel Mahatma Gandhis Opfertheoretik, mit der er sein Konzept der Gewaltlosigkeit zu untermauern versucht: „Ich weiß, dass es notwendig sein kann, Hunderte wenn nicht gar Tausende zu opfern, um den Hunger von Diktaturen zu stillen.“ Die Praxis der Gewaltlosigkeit – ashimsa – sei am wirksamsten angesichts schrecklicher Gewalt, schrieb Gandhi, „auch wenn die Opfer nicht mehr erleben, wofür sie gelitten haben“. Bakers Buch sorgte für allerlei Kritik. Die Verbrechen der NationalsozialistInnen würden verharmlost, Hitler mit Churchill auf eine Ebene gestellt und außerdem würde Baker mit den Quellentexten zu frei hantieren. Angesichts der Tatsache, dass Baker lediglich vorhandenes Material zu einem großen Ganzen zusammengestellt hat, scheinen derartige Vorwürfe nicht wirklich gerechtfertigt. Vielmehr versucht er seinen pazifistischen Standpunkt zu verständlichen, indem er mit leichtem Hohn das Verhalten der EngländerInnen und AmerikanerInnen ebenso für den Verlauf des Krieges verantwortlich macht, wie das der Deutschen. Er verachtet alle am Krieg Beteiligten gleichermaßen. Die einzige Gruppierung, die mit gewisser Würde aussteigt, ist eben jene der bedingungslosen PazifistInnen. Die Verachtung auf alle anderen zu vermitteln, gelingt Baker ohne selbst zur Feder zu greifen. Diese Aufgabe dürfen die LeserInnen übernehmen. Zusammengefasst also eine Lobeshymne auf den Pazifismus, die allerdings hauptsächlich von dessen GegnerInnen gesungen wird. 

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