Jan Marot

Spanien: Balkonien in der Bredouille

  • 20.03.2019, 14:18
m Konflikt zwischen Spanien und Katalonien um die Unabhängigkeit der abtrünnigen Region offenbart sich, dass ein rechtslastiger bis rechtsextremer Nationalismus und eine transversale Bewegung aufeinanderprallen. Beiden gemein ist ihr Faible für Flaggen, beide sehen sich in der Opferrolle und im Recht.

Mit erschreckender Virulenz breitet sich in Spanien ein altbekanntes Gespenst der Vergangenheit aus. Auf dem gut-gedüngten Nährboden der schmerzlich überwundenen Wirtschaftskrise, einer versäumten Vergangenheitsbewältigung des Bürger_innenkriegs (1936–1939) sowie der bis 1977 währenden faschistischen Franco-Diktatur erstarkt antagonis- tisch zum katalanischen Separatismus der spanische Nationalismus.

Das „Spanien der Balkone“, an das der Chef der oppositionellen Rechtskonservativen Pablo Casado (Partido Popular, PP) seinen stets radikaleren Diskurs zur „Rettung Spaniens“ richtet, ist mit rot-gelb-roten „Rojigualda“- Fahnen geschmückt. Sie hängen seit etwas mehr als eineinhalb Jahren von den Fenstersimsen herab, mittlerweile teils von der sengenden Sonne vergilbt und löchrig. Ihr ursprünglicher Anlass waren das von Polizeigewalt überschattete und von Madrid als „illegal“ eingestufte Referendum über eine Unabhängigkeit Kataloniens am 1. Oktober 2017 sowie die Großkundgebungen und Wahlkampfveranstaltungen im Vorfeld. Es gibt mittlerweile drei spanisch-unionistisch-nationalistische Rechtsparteien – neben dem PP und Ciudadanos (Cs) noch die rechtsra- dikale, neofaschistische Vox-Partei, wobei letztere am erfolgreichsten mittels Polemiken und Falschbehauptungen um die Medienaufmerksamkeit konkurriert. Die Straßen gleichen einem Flaggenmeer, wie man es nicht einmal um den Fußball-WM-Sieg der spanischen „Furia roja“ („Rote Furie“) 2010 in Südafrika gesehen hat. Es gilt, Patriotismus zu demonstrieren angesichts des „Putschs“ der von Separatist_innen regierten autonomen Region Katalonien gegen das „ewige und unteilbare Spanien“.

„Potente Propaganda-Maschine“.

„Dabei gibt es mindestens zwei Spanien, mit völlig unterschiedlichen Mentalitäten“, ein rechtskonservatives, traditionalistisches, und ein Linkes mit republikanischen Idealen, schildert Gustavo Adolfo Leguizamo Alcazar. Der aus Kolumbien stammende und in Dos Semanas (Sevilla) aufgewachsene Konzertgitarrist und Master-Student am Salzburger Mozarteum ist besorgt um Spanien und Europa, das mit dem Erstarken der Nationalismen und rechtsradikalen Parteien Gefahr laufe, auseinanderzubrechen. Für den Katalonien-Konflikt fordert er, „die Spirale der Eskalation zu durchbrechen, die Fahnen abzuhängen, und dafür die ‚Weiße‘ zu schwenken“. Seine größte Angst dabei ist, dass sich die verbale Gewalt zu realer auf den Straßen wandeln könnte. Die Konfliktparteien müssten sich endlich zum Dialog einigen und eine Verfassungsreform akkordieren, um ein legales Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten. „Beide Seiten müssen Abstriche machen, sonst ist es ausweglos“, sagt Leguizamo. Doch moderate, neutrale Stimmen wie die seine, die gehen in den spanischen Medien aber auch in Debatten in Tapas-Bars zumeist unter. Jetzt, wo sich vorgezogene Neuwahlen nach dem Scheitern des Budgets 2019 der sozialistischen Minderheitsregierung unter Premier Pedro Sánchez wohl für Mitte-Ende April abzeichnen, wäre für die rechtsradikale Vox-Partei die Tafel gedeckt, fürchtet der Konzertgitarrist: „Es ist sehr einfach, die Menschen mit patriotischen Gefühlen zu blenden“, lamentiert er: „Darin sind alle Nationalismen gleich.“ Auch gegen Feindbilder, seien es wie im Falle von Vox Katalan_innen, Feminist_innen, Migrant_innen oder Homosexuelle, wird Hass geschürt. Zu Gute käme Vox bei Neuwahlen zweierlei: Der Rechtsruck der rechten Parteien PP und Cs, anstatt die Mitte zu suchen, und das leichte Spiel, das die Neofaschisten hätten, die Medienaufmerksamkeit auf sich zu konzentrieren. „Das ist eine potente Propaganda-Maschine, die da am Laufen ist“, weiß Leguizamo.

„Bolschewik_innen“ vs. Faschist_innen

Im Ringen um Wähler_innenstimmen und die Medienaufmerksamkeit ist das Thema Katalonien eine sichere Bank rechts der politischen Mitte in Spanien.
Ein Thema, das alles andere, auch jegliche Rationalität, in den Schatten der damit aufgebauschten Emotionen stellt. Wenn jetzt Vox in Allusion an die christliche Eroberung des fast 800 Jahre islamisch dominierten Iberien zur „Rückeroberung“ Kataloniens (span. Reconquista) aufruft, so der Slogan mit dem die Rechtsextremen fulminant den Einzug ins andalusische Regionalparlament schafften, werden Erinnerungen wach an die sprachliche Verrohung der Monate, die zum Bürgerkrieg 1936 führten, an das Hetzen gegen die linke Republik. Alte, antiquierte Feindbilder, „die Roten“, „Bolschewik_innen“, „Sowjets“ oder zumindest zeitgemäßer „Chavist_innen“ werden wieder geschürt, gegen einen vermeintlichen katalanischen Suprematismus, der die in Katalonien lebenden Spanier_innen zu „Bürger_innen 2. Klasse“ deklariere. Neofaschist_innen und Franco-Nostalgiker_innen stimmen Francos Hymne „Cara al Sol“ an, faschistische Fahnen (mit dem einköpfigen Adler) oder dem Bündel an Lanzen (Symbol der faschistischen Falange-Partei), aber auch Hakenkreuz-Fahnen (Spanien hat kein NS-Verbotsgesetz) mischen sich nicht selten unter die verfassungskonformen Fahnen der derzeitigen konstitutionellen Monarchie. Und bei Vox-Veranstaltungen tönt der Schlachtruf „Arriba España!“, aber auch Politiker_innen des PP und Cs wiederholen Mantra-artig „Viva España!“ und „Viva el Rey!“ („Es lebe der König“).

Auf der anderen Seite, in Katalonien, wehrt man sich der Bedrohung durch spanische Faschist_innen und übt sich im gewaltfreien Widerstand angesichts der Unterdrückung durch den politischen Gegner. Mindestens zwei Millionen Demonstrant_innen gehen alljährlich zu den Massenkundgebungen um den katalanischen National- feiertag („Diada“, 11. September) in Barcelona und anderen Städten auf die Straßen. Hochgehalten wird dabei die „Estelada“-Flagge, die es in variantenreichem Design gibt, doch gängiger Weise dünne gelb-rote Balken und einen weißen Stern in einem blauen Dreieck zeigt. Wie im restlichen Spanien die „Rojigualdas“ zieren in Katalonien fast flächendeckend eben „Esteladas“ Balkone, zu denen sich gelbe Schleifen gesellen, als Zeichen der Solidarität, mit den eben am Höchstgericht prozessierten „Polithäftlingen“ (lt. Separatisten) oder „inhaftierten Politikern“ (lt. Unionisten). Auffällig ist, dass die Vox-Partei mit dem Partei-Generalsekretär Javier Ortega Smith zur „Volksanklage“ im Prozess gegen die zwölf katalanischen Politiker_innen auftritt und dabei Haftstrafen unter anderem wegen „Rebellion“ von über 70 Jahren fordert.

„Tri-Fachito“-Allianz

Nach den Neuwahlen könnte eine rechte Dreier-Koalition oder PP und Cs mit der Stützung von Vox wie in Andalu- sien im gesamtspanischen Parlament eine Mehrheit stellen, die der Journa- list und Satiriker Gerardo Tece „Tri- Fachito“ nannte. Salonfähig gemacht haben die beiden Rechtsparteien die Rechtsextremen der Vox-Partei im Rekordtempo. „Der sich akzentuieren- de Rechtsruck in Spanien ist dabei nur ein Gesicht des globalen Erstarkens des Autoritarismus, der Xenophobie, rechtsradikaler Ideologien, exkludie- render Nationalismen, reaktionärer Politik oder dem ‚Weißen Suprematis- mus‘. All diese Facetten waren Spanien schon lange inhärent. Dazu kommt, dass der spanische Staat ein deutliches Erbe des Franquismus und Faschismus in seinen Strukturen hat“, konstatiert der katalanische Soziologe und Kri- minologe Ignasi Bernat im progress-Interview: „Das aktuelle Gerichtsverfahren gegen die führenden Köpfe der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, der ‚Procès‘, wird dabei von den reaktionärsten Kräften des Apparates gesteuert. Womit auch die hässlichste Fratze des ranzigen spanischen Nationalismus zu Tage kommt, an dem sich die extreme Rechte labt.“ Die rechtsradikale Vox-Partei profitiert davon und setzt ganz deutlich auf einen ‚Diskurs des Hasses‘, der die Grenzen des Legalen streife und auch überschreite. Getragen werde dieser von weißen, rassistischen, frauenfeindlichen Hetero-Männern aus der Oberschicht, die Anhänger des „Weißen Suprematismus“ seien und die ihre Privilegien bewahren wollen: „Deren Feindbilder sind Feminist_innen, Homosexuelle, Migrant_innen und katalanische Separatist_innen.“

Feminist_innen und Antifaschist_innen

„Wir Katalan_innen verteidigen unser Recht auf Selbstbestimmung. Ein unabhängiger Staat, eine Republik (Anm. Katalonien) ist der Weg, Kollektive, die marginalisiert werden, und unser aller Grundrechte zu schützen. Wir müssen uns selbst organisieren und die antifaschistische Bewegung forcieren, um einen Sperrgürtel gegen die Rechtsextreme zu schaffen. Wir dürfen keinen Millimeter zurückweichen“, betont Maria Sirvent, Abgeordnete der antikapitalistischen, separatistischen Kandidatur der Volkseinheit (CUP) im katalanischen Parlament im progress-Gespräch. Für die Kommunal- und Europawahlen Ende Mai gelte es, „Basisarbeit zu leisten, für betroffene, marginalisierte Kollektive, Solidarität zu leben und Netzwerke zu fördern und aktiv-antifaschistisch im öffentlichen Raum gegen Rechtsextremismus vorzugehen“. Ein Trumpf gegen den (Neo-)Faschismus ist dabei ganz klar der Feminismus, betont Sirvent: „Eine geballte Kraft, die die Fundamente des Systems erschüttern kann.“ Dem seien sich Vox, aber auch der PP bewusst. „Darum wird der Feminismus mit einem patriarchalischen Diskurs attackiert, der danach trachtet, die grundlegenden Rechte, die sich Frauen erkämpft haben, wieder wegzunehmen.“

„Viva Franco! Viva España!“

Bereits Mitte Juli 2018 wurde der Pressefotograf Jordi Borràs i Abelló Opfer einer Neonazi-Attacke. Nach einem CDR-Treffen („Comitès de Defensa de la República“) im Barri Gòtic griff ihn auf dem Weg zu seinem Auto ein spanischer Beamter der Policía Nacional mit den Worten „Es lebe Franco! Es lebe Spanien! Du Hurensohn!“ an. Borràs, der seit 2010 die spanische extreme Rechte in Katalonien dokumentiert, erlitt einen Nasenbeinbruch, ein Schädeltrauma und Prellungen am Oberkörper. Als sich Passant_innen näherten, wies sich der Polizist außer Dienst mit seiner Plakette aus und suchte das Weite. „Wenn wir nicht drastisch gegen das rechte Milieu vorgehen, werden wir ein stets massiveres Problem haben“, unterstreicht Borràs, der die Szene wie kaum ein anderer kennt, im Gespräch mit progress: „Es kommt in Katalonien jeden Tag zu Übergriffen, neuen Schmierereien, verbalen Attacken und physischen Angriffen.“ Borràs ist im rechtsextremen Milieu bekannt. Mehrfach wurde er bedroht, auch mit dem Tode: „Auffällig ist, dass die meisten Aggressionen und Aktionen von einigen wenigen bekannten und sehr aktiven Neonazis ausgehen. Doch es passiert ihnen nichts.“

In der Eskalation des Separatismus-Konfliktes sehen Spaniens Rechtsradikale ihre Chance, für die „Einheit Spaniens“ zu kämpfen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. „Es war und ist stets ein Eckpunkt des spanischen Rechtsextremismus, gegen separatistische Bestrebungen vorzugehen“, sagt Borrás, etwa im Baskenland oder in Galicien: „Der spanische Ultranationalismus ist stark im Aufwind. Das gibt den Rechtsextremen mehr Sichtbarkeit, im öffentlichen Raum aber auch in den Medien. Durch den aggressiven Diskurs von Cs und PP sehen sich die Neonazis zusätzlich legitimiert, Gewalt auszuüben“, warnt Borràs.

Jan Marot (*1981) studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien und Zürich. Seit 2006 lebt und arbeitet er als freischaffender Auslands- korrespondent für Spanien, Portugal und dem Maghreb in Granada. @JanMarot auf Twitter

Portugal surreal

  • 21.06.2017, 18:07
Europa driftet immer weiter nach rechts. Mit Ausnahme von Portugal, mit seiner Linksregierung unter Premier António Costa – auf deren Erfolge die GenossInnen der EU-Partnerstaaten neidvoll blicken.

Europa driftet immer weiter nach rechts. Mit Ausnahme von Portugal, mit seiner Linksregierung unter Premier António Costa – auf deren Erfolge die GenossInnen der EU-Partnerstaaten neidvoll blicken.

Die Choreografie der Baukräne über den Dächern Lissabons versinnbildlicht eine der Facetten der wirtschaftlichen Kehrtwende, die Portugal unter seiner Linksregierung glückt. Mitverantwortlich sind der Tourismusboom, steigende Auslandsinvestments und ein brummender Exportmotor. Nach Jahren der Tristesse ist nun knisternder Optimismus spürbar. „Selbst der Exodus junger PortugiesInnen reversiert sich zum Glück“, sagt Luis Fonseca zu progress. Bis zur Krise noch im Seehandel und in Angola tätig, arbeitet er zurzeit als Chauffeur: „Meine beiden Söhne, ein Architekt und ein Ingenieur, vor der Krise die Studien mit Quasi-Jobgarantie, sind im letzten Jahr wieder aus Lateinamerika zurück in ihre Heimat gekommen“, freut er sich.

PRAGMATISCHER OPTIMIST. Während die Sozialdemokratie europaweit orientierungs- und zahnlos in Opposition oder Zweckehe-gleichen Koalitionskompromissen ihre Wurzeln vergisst, erfreut sich Premier António Costa großer Beliebtheit. Ein überaus pragmatischer Optimist, dem es geglückt ist, zur Stützung seiner sozialistischen Minderheitsregierung die stets zerstrittene Linke – KommunistInnen (PCP) und Linksblock (BE) – zu einen.

Was Costas Polit-Antagonist Ex-Vizeregierungschef Paulo Portas (CDS-PP) – nun bei Mexikos Ölkonzern Pemex tätig – zu dessen Amtseinführung „Geringonça“ nannte (zu Deutsch „schräges, unsolides Konstrukt“), funktioniert nun – aller Unkenrufe zum Trotz.

Mehr noch, es gelang Costas Kabinett, der Wirtschaft Flügel zu verleihen. Costa sieht den Grund darin freilich pragmatisch: Er habe einfach alles exakt umgekehrt gemacht wie sein Vorgänger – der konservative Ex-Premier Pedro Passos Coelho (PSD).

EINFACHES REZEPT. „Eineinhalb Jahre sind vergangen, und der Teufel hat das Land nicht geholt“, sagte Costa Anfang Juni: „Wir haben das Land nicht neuerlich in eine Tragödie gesteuert. Ganz im Gegenteil.“ Wo die Vorgänger Pensionen und Gehälter gekürzt haben, um das Budget zu sanieren, habe man diese angehoben. Wo Steuern gestiegen seien, habe man diese gesenkt. „Das Rezept ist einfach“, so Costa: „Nicht mit Kürzungen saniert man den Haushalt, sondern mit dem Vertrauen der Familien und UnternehmerInnen.“ Was Jobs betrifft, blickten die Menschen nun sukzessive optimistischer in die Zukunft, sagt João Barata, der als Fotograf für eine Stadtgemeinde des Großraums Lissabon arbeitet: „Früher drehten sich Gespräche im Freundeskreis nur um die ‚Troika‘, die Krise und wie schlecht es allen geht, was Arbeitsplatzsicherheit, -konditionen oder eben Pensionskürzungen betrifft.“ Nun könne man wieder feiern. Sei es der Fußball-EM-Titel oder der Sieg beim Eurovision Song Contest, scherzt Barato: „In gewisser Weise hat sich die Kehrtwende auch in den Köpfen der PortugiesInnen vollzogen. Vom Pessimismus, der dominierte, zum Optimismus.“

Dafür setzt Costa populäre Maßnahmen. Etwa gegen die Energiearmut, oder das Anheben des gesetzlichen Mindestlohns um 25 Prozent binnen vier Jahren, der aktuell unter 650 Euro monatlich rangiert. Neben der Senkung der Mehrwertsteuer von 23 Prozent generell, in Hotellerie und Gastronomie auf 13 Prozent. Oder die Rücknahme der Privatisierung der Fluglinie TAP Portugal. Costa surft auf einer Welle der Beliebtheit, was sich in Wahlsonntagsumfragen zeigt. Mehr als 42 Prozent würden den Premier wiederwählen. Die Arbeitslosigkeit markierte im März bereits ihren Tiefststand seit sieben Jahren (9,8 Prozent laut Eurostat). Ein Defizit von 2,1 Prozent (2016) haben die Konten Lissabons seit der Nelkenrevolution 1974 nicht mehr gesehen.

„Die Stimmung ist deutlich optimistischer als vor ein paar Jahren. Wenn ich durch die Straßen gehe, fällt mir auf, dass viel mehr TouristInnen unterwegs sind“, sagt Sven Haidinger, österreichischer Motorsportjournalist, der sich 2015 in Lissabon niedergelassen hat. „Der Tourismusboom bringt natürlich Arbeitsplätze. Überall wird gebaut und renoviert, um die Stadt attraktiver zu machen.“ Es würden immer mehr Läden und Lokale aufsperren, deren Zielgruppe aber reiche TouristInnen seien. Oder die vielen EU-BürgerInnen, junge Selbständige und PensionistInnen, die es nach Portugal zieht. Erstere wegen der Lebensqualität, Zweitere wegen Steuerbefreiungen.

MUTIGER. „Meine portugiesischen FreundInnen verdienen zu wenig, um sich das leisten zu können“, sagt Haidinger weiter und warnt: „Lissabon läuft Gefahr, seine Authentizität und Identität zu verlieren.“ Positiv bemerkt er einen einsetzenden Startup- Boom in der jungen Bevölkerung: „Die PortugiesInnen sind heute mutiger geworden, neue Wege unternehmerisch auszuprobieren.“

Dafür gewährt Wirtschaftsminister Mário Centeno (PS) Förderungen. Weiters soll forcierte Altersteilzeit den jungen arbeitslosen PortugiesInnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern und zugleich die Zahl der Teilzeit arbeitenden jungen ArbeitnehmerInnen reduzieren, um deren Perspektiven zu steigern.

Dafür, dass Costa schön auf Linkskurs bleibt, und der EU und den Gläubigern die Stirn bietet, sorgen ohnehin die PCP, und allen voran BE-Chefin Catarina Martins. Sie mäßigte nach Drohungen um ein Euro-Austritts-Referendum zwar den Ton. Doch fordert sie im progress-Interview vehement ein, „dass der Aufschwung sich auf die Lebensqualität der ArbeitnehmerInnen und deren Rechte positiv auswirkt. Die Regierung muss ihr Versprechen halten, und den grundlegenden Verpflichtungen gegenüber den ArbeiterInnen nachkommen.“

Jan Marot studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

Im Herrenhaus des Horrors

  • 23.02.2017, 18:46
In ihrem Spukhaus nahe Lissabon seien Panikattacken die Regel, betont das junge Theaterkollektiv „Teatro Reflexo“. Ein Lokalaugenschein.

In ihrem Spukhaus nahe Lissabon seien Panikattacken die Regel, betont das junge Theaterkollektiv „Teatro Reflexo“. Ein Lokalaugenschein.

Belas ist ein beschauliches Dorf. Doch auf halbem Weg zwischen Lissabon und Sintra gelegen, hat es sich binnen eines Jahres zur Pilgerstätte für LiebhaberInnen gruseliger Erfahrungen gemausert. Unweit der alten Kirche und des noch älteren Friedhofs steht das mondäne Herrenhaus Quinta Nova da Assunção aus dem 19. Jahrhundert. Die rosa Farbe trügt. Nicht grundlos hört man von weitem angsterfüllte Schreie. Die Lokalpresse widmete sich über die vergangenen Dekaden angeblichen paranormalen Erlebnissen, die hier einst BewohnerInnen, HandwerkerInnen und BesucherInnen widerfahren seien. Was davon wahr ist und was erfunden, lässt der Initiator des Projekts Geisterhaus, Michel Simeão, im Gespräch mit progress offen: „Dass Freimaurer- Logen im Haus Rituale durchgeführt haben, ist belegt. Und in den nahen Gräbern liegen Gebeine von Tempelordensrittern“, bekräftigt Simeão, der das mehrfach preisgekrönte junge Theaterkollektiv „Teatro Reflexo“ mit Sitz in Sintra leitet.

SPUKHAUS-WARTELISTE. Auf die Idee, in Portugal Schockeffekt- Theater zu produzieren, kam Simeão in Irland, wo er 2011 geführte Touren zu schaurigen Orten unternahm. In Belas gehen er und sein 13-köpfiges Team aus SchauspielerInnen, Laien und TechnikerInnen viel weiter, seit sie das Geisterhaus-Projekt im Juni 2015 begannen. Mehr als 6.000 BesucherInnen empfing man seither. Knapp nochmal so viele stehen aktuell auf der Warteliste. Trotz der hohen BesucherInnenzahlen ist das Projekt kein leichtes Unterfangen im Portugal der Post-Troika-Rettung, wo man als SchauspielerIn oder TheatermacherIn kaum Chancen auf staatliche Förderungen hat. „Es waren harte Jahre“, weiß Simeão: „Das Letzte wofür meine Landsleute Geld aufwenden, ist Kultur. Selbiges gilt für den Staat.“ „Verstehen Sie Portugiesisch?“, fragt Simeão und warnt: „Sonst gehen Sie im Spukhaus verloren. Die per Audio-Guide geführte, sekundengenau abgestimmte Tour gibt es nur auf Português.“ Einmal drinnen, gibt es kein Entrinnen. Tür für Tür, Gänge entlang, Treppen hinauf, tastet man sich wie in den Resident-Evil-Computerspielklassikern vor. Die Sinne schärfen sich im Dunkeln. Geruch nach Flohmarkt, Modrigem bis Verdorbenem, gar Verwesendem umnebelt einen. Was das Auge im Kerzenschimmer nicht zu eruieren vermag, übernehmen das Ohr, die Nase oder eben die Haut. Wenn Spinnweben über das Haar streifen oder eisigkalter Atem einem in Genick und Ohr bläst, gefriert das Blut in den Adern. Der anfangs amüsante Gänsehautfaktor verwandelt sich in Panik. „Angstschweiß lockt wilde Tiere“, wird einem ins Ohr geflüstert. Hundebellen ertönt hinter der Türe, von der man erhoffte, sie gebe den Fluchtweg frei. Geschirr fällt zu Boden. Schritte nähern sich. Erst schlurfend, hinkend, und auf das Kommando „Verlass den Raum so rasch du kannst!“, einer 100-Meter-SprinterIn gleich. Die Klinke senkt sich quietschend. Nichts wie weg, sagt einem der Instinkt.

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KINDHEITSÄNGSTE. Durchatmen ist nur angesagt, um das eine oder andere Rätsel in Teamarbeit oder im Alleingang zu lösen, während der nächste Schockmoment nur Zentimeter entfernt wartet. „Dort, hinter dem Ohrensessel, neben dem Ehebett, dort ist mein Versteck“, scherzt Lavínia Roseiro, die Schauspielerin in einer Zombie- Rolle. Wenn man unter ein Bett kriecht, kommt der Moment, auf den die Untote nur gewartet hat. Wahrlich monsterhaft ihr Make-up, allzeit bereit auf die Matratze zu springen: „Ich werde nach dir Ausschau halten.“ Ohne zu viele Spoiler zu liefern: Die Suche nach einem adäquaten Versteck ist aussichtslos. Sollte jemandem der Spuk zu weit gehen, müsse er das Safeword „Miguel“ rufen. Laut Simeão hätten viele den Namen verzweifelt gerufen. „Zur Hilfe eilte man jedoch meist nicht. Es soll vor allem vor dem Eintritt beruhigen und einen glauben machen, man käme heraus.“ Panikattacken und eine Handvoll Ohnmachtsanfälle im letzten Jahr sind dokumentiert. Das rührt die Werbetrommel, primär über klassische Mundpropaganda, exponentiell verstärkt über soziale Netzwerke.

In Belas war die Theatergruppe zunächst nicht willkommen. „Die Dorfbevölkerung ist eine sehr verschlossene“, sagt Simeão: „Wie in den Romanen von Stephen King.“ Hier wollte man von schwarzen Messen, obskuren Treffen von Geheimbünden, die Tier- und Menschenopfer zelebrierten, nichts wissen. „Noch weniger, weil tief katholisch, vom Exorzismus-Ritual, das zwischen den Mauern des Hauses stattgefunden haben soll.“

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SOLIDARITÄT FÜR GEISTER. Eine BürgerInnenplattform mobilisierte gegen das unchristliche Gruselkabinett. Vor allem die ältere Generation protestierte gegen die TheatermacherInnen. Der Bürgermeister entzog dem Spukhaus-Projekt zeitweise die Genehmigung. Schade es doch dem Image des Ortes, der sonst für seine Fofos genannten kleinen, süßsündigen Backwaren aus Biskuit und Konditorcreme berühmt ist. Es sind willkommene Blutzuckerspender vor dem Adrenalinrausch, die ungefähr seit der Bauzeit des Horrorhauses um 1850 vis-à-vis in der kleinen Bäckerei verkauft werden.

„Über soziale Netzwerke organisiert, folgte eine Welle der Solidarität für uns Schreckgespenster“, sagt Simeão. So darf in der rosa Villa das Grauen weiterregieren. Und sollte das internationale Interesse wachsen – die Rundgänge sind auf fast ein Jahr hin ausgebucht, sodass nun Extra-Touren im Halbstundentakt starten –, plant Simeão eine englische Version. Auch für das nächste Projekt, das er anstrebt: ein interaktives Krimi-Stück, wo es ganz in der Manier von Agatha Christie darum geht, dass das Publikum die MörderInnen gemeinsam entlarvt. Denn Simeão ist, wie seine Kollegin Roseiro, überzeugt, dass „in der Immersion des Publikums, und dem Miteinbeziehen der ZuseherInnen, die Zukunft des Theaters liegt“.

Facebook: facebook.com/projecto.casa.assombrada. 15 Euro Eintritt pro Person

Jan Marot studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und Zürich. Seit 2007 arbeitet er als freier Auslandsjournalist in Spanien.

Fiktion …

  • 22.06.2016, 12:32
Zur Darstellung von Drogendealer_innen in Filmen und Serien ...

Zur Darstellung von Drogendealer_innen in Filmen und Serien ...

Die uneindeutige Weiblichkeit von Snoop
Felicia „Snoop“ Pearson in der HBO-Serie The Wire wird von Felicia Pearson gespielt. Neben professionellen Schauspieler*innen wurden auch viele Lai_innen gecastet. Unter anderem Pearson, die selbst Drogendealerin war und mit 14 zu acht Jahren Gefängnis wegen Mordes verurteilt wurde. Zu Beginn nur Statistin wird ihre Rolle in weiterer Folge ausgebaut. Sie dealt nicht direkt mit Drogen, sondern ist dafür zuständig, Leute aus dem Weg zu räumen, bringt deshalb im Laufe der Serie dutzende Menschen um und scheint dabei nie von irgendwelchen Skrupeln geplagt zu sein. Sie steht symbolisch und am treffendsten für den Typus „Men with Tits“, da sie durch nichts als Frau zu erkennen ist. Nur am Ende, bevor sie von einem früheren Verbündeten hingerichtet wird, fragt sie diesen noch: „Does my hair look good?“, woraufhin ihr entgegnet wird: „You look good Felicia.“ Es ist das erste und einzige Mal, dass sie von einem der ihren mit Felicia angesprochen wird. Erst im Tod wird sie zur Frau.
[Anm. d. A.: Ich danke Laura Söllner für ihre Mithilfe.] Anne Marie Faisst arbeitet als Buchhändlerin und studiert nebenbei Internationale Entwicklung an der Uni Wien.

Das undynamische Duo
Ein Verkaufsort, eine Droge: Jay und Silent Bob vertreiben in zahlreichen Filmen des Regisseurs Kevin Smith Marihuana vor dem „Quick Stop“-Laden in Leonardo, New Jersey. Als Kinder haben sie sich dort kennengelernt und so ihren Platz im Leben gefunden. Sie sind die liebenswerte Version lästiger Dealer_innen an der Straßenecke: Zwar machen sie Radau und belästigen Passant_innen, doch erweisen sie sich immer wieder als Menschen mit gutem Herz. Wenn es die Handlung erfordert, begehen sie ihre kleinkriminellen Taten im nächstgelegenen Einkaufszentrum oder reisen auch quer durchs Land. Die beiden sind nicht eindimensional auf das Dealen reduziert. Ihr Erwerbsleben bleibt aber eine nicht näher ausgestaltete Facette wie auch ihre anderen Charakteristika – etwa der Kunstgriff, dass Silent Bob, wenn er denn mal redet, meist etwas Bedeutungsvolles zu sagen hat. Die beiden sind also nicht mehr (und sollen auch nicht mehr sein) als Cartoon- Figuren, quasi die straffälligen Enkel der Marx Brothers.
Markus Grundtner hat Rechtswissenschaften sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Er arbeitet als Konzipient in Wien.

Grace Saves Herself
Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes erbt Grace Trevethyn einen Schuldenberg. Ihrem Haus, das sich unweit eines west-englischen Fischerdorfes befindet, droht die Zwangsversteigerung. Die Hauptfigur des Films Saving Grace ist eine begnadete Gärtnerin. Als ihr Hausangestellter Matthew sie darum bittet, seine angeschlagenen Hanfpflanzen aufzupeppeln und ihre Bemühungen binnen kürzester Zeit Wirkung zeigen, haben beide die rettende Idee: Grace und Matthew pflanzen hochpotentes Marihuana an. Bald wissen alle im Dorf – inklusive des örtlichen Polizisten – vom groß dimensionierten Drogenanbau. Aus Verständnis für die von finanziellen Nöten geplagte Grace unternehmen sie nichts. Größere Polizeirepression droht erst, als Grace und Matthew versuchen, ihre Ernte in London zu verkaufen. Auf dem Anwesen von Grace kommt es zum Showdown zwischen Polizei, einem hippieesken Kleindealer und dem Handlanger des potentiellen Großabnehmers. Dank eines Hanffeuers löst sich alles im kollektiven Rausch auf. Die Verarbeitung des Erlebten in Form eines Bestseller- Romans wirft schlussendlich das nötige Kleingeld für Grace ab.
Florian Wagner studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien.

Ein Schneemann in Kolumbien
Robin Hood, Familienmensch und Serienmörder: Die Serie Narcos nimmt sich dem Leben und Wirken Pablo Escobars an. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln all jener Lebenswelten und behördlichen Schutzbereiche, welche von Escobar berührt, beeinflusst oder gar eingerissen wurden. Die Hauptperspektive bleibt jedoch jene eines US-Drogenpolizisten. Die erste Staffel folgt dem Aufstieg vom kleinen Schmuggler zum internationalen Kokain- Großhändler. Gezeigt wird Escobar als Mann mit Ambitionen, dessen krimineller Hintergrund ihm aber den Eintritt in die Politik verwehrt. Eben diese Obrigkeit zwingt er mit Entführungen, Auftragsmorden und Terroranschlägen in die Knie. Er errichtet gar sein eigenes Gefängnis und sperrt sich dort selbst mit allen Annehmlichkeiten ein, um nicht an die USA ausgeliefert zu werden. Am Schluss der ersten Narcos-Staffel muss Escobar seine persönliche Festung verlassen, weil sich zwei Staatsgewalten (die US-amerikanische und die kolumbianische) nicht von einem einzelnen Mann die Stirn bieten lassen wollen.
Markus Grundtner hat Rechtswissenschaften sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Er arbeitet als Konzipient in Wien.

Mutter Oberin!
Er hat stets feinen Stoff. „Mutter Oberin“/„Mother Superior“, aus der Kultromanverfilmung „Trainspotting“. „Was darf’s denn sein?“, fragt der von Keith Allen personifizierte Dealer mit Stil. Heroin natürlich. Was sonst? Intravenös. Wie sonst? Fixbesteck vergessen? Kein Problem; der fürsorgliche Mitvierziger aus der Lebensrealität des schottischen Autors Irvine Welsh entsprungen, hilft gerne aus. Lou Reeds „Perfect Day“ ertönt in der Verfilmung von Danny Boyle, mit dem damals blutjungen Ewan McGregor in der Hauptrolle. Als heroinaffiner Renton versinkt er prompt im roten Teppich, einem Grabe gleich. Zu viel war es. Zu rein. So zerrt die Oberin seinen bewusstlosen Körper möglichst sanft aus dem Arbeiter_innensiedlungs-Wohnblock auf die Straße und ruft ein Taxi. Denn Taxler_innen stellen keine Fragen. Die Oberin steckt Renton ein paar Pfund in die Hemdtasche. Tätschelt liebevoll die Wange – Kundenpflege aus dem Bilderbuch.
Jan Marot studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und Zürich.

Tarantinos Version eines Dealers
In „Pulp Fiction“ (1994) werden fast alle Formen von Kriminalität in irgendeiner Weise gezeigt. Der Lieblingsdealer von Vincent – dem Handlanger eines Gangsterbosses und Hauptfigur im Film – ist Lance. Er lebt mit seiner Frau in einem gemütlichen Vorstadthaus und muss zum Arbeiten dieses nicht mehr verlassen. Er begrüßt dort seine Stammkund_ innen und versorgt sie mit hochklassigem Stoff. Lance selbst ist den Drogen nicht abgeneigt, ist aber bei weitem kein Junkie. Er arbeitet also nicht, um sich seine Sucht zu finanzieren. Viel Platz bekommt er in Quentin Tarantinos Blockbuster nicht. Der Film lebt von der Vielzahl an coolen Typen und ihren Sprüchen. Die Welt der organisierten Kriminalität wird sehr stilisiert, voller Klischees und Verweisen auf Popkultur zelebriert. Sehr realitätsnah ist die Darstellung von Lance also nicht, der gern vor dem Fernseher hockt und um drei Uhr nachts genüsslich Frühstücksflocken verzehrt.
Katja Krüger-Schöller studiert Gender Studies in Wien.

Lest hier den begleitenden Artikel über die realen Drogendealer*innen

Grasgrüne Hoffnungsschimmer

  • 21.06.2016, 19:48
In Granadas Nordbezirk Almanjáyar bringen zahllose Indoor-Cannabisplantagen die Stromnetze an ihre Belastungsgrenzen. Und deren Blüten den krisengeplagten BewohnerInnen ein illegales Einkommen. Ein Lokalaugenschein.

In Granadas Nordbezirk Almanjáyar bringen zahllose Indoor-Cannabisplantagen die Stromnetze an ihre Belastungsgrenzen. Und deren Blüten den krisengeplagten BewohnerInnen ein illegales Einkommen. Ein Lokalaugenschein.

Wer den Duft kennt, weiß was hier wuchert. In jedem Straßenzug zwischen den tristen, oft verwaisten 1970er-Wohnblöcken der Satellitensiedlung am äußersten Stadtrand der andalusischen Provinzhauptstadt Granada riecht es fein süßlich nach Cannabis. Nicht nur an diesem tiefgrauen, regnerischen Maitag, der zum Alltag in Almanjáyar passt.

Ein Schuss aus einem Druckluftgewehr ertönt. Die getroffene Katze miaut schmerzerfüllt. Gelächter. An der Ecke spielen Kinder und Jugendliche, die eigentlich in der Schule sein sollten, mit Airsoft-Pump-Guns. Streunerjagen ist ein willkommener Zeitvertreib. Außenstehende sind hier nicht gern gesehen, denn neben dem Cannabis gehören auch der Verkauf von Kokain und Sexarbeit zu der hier alles dominierenden Schattenwirtschaft.

Der Cannabisanbau stieg über die vergangenen Jahre immens an, vor allem mit der in Granada nichtendenwollenden Krise. „Er prägt den Alltag der von Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit geplagten Bewohner_innen“, weiß José Lombardo. Der gelernte Installateur hält sich mit Gelegenheitsjobs und zeitweise als Aushilfs-Pizzakoch finanziell über Wasser. Seit mehr als zehn Jahren lebt er hier. Wie er progress erklärt, will er „auch am Boom um die Cannabisplantagen, die leerstehende Wohnungen, Keller, Garagen, ja selbst Industrieflächen füllen, teilhaben“. Jedoch legal: „Guano-Dünger, Kokosmatten, Samen, alles was man für den Anbau braucht“, will er zu seinem Geschäft machen. Und sich eine Ausbildung als Schädlingsbekämpfer leisten.

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SIE KAUFEN ALLES. „Kontrolliert wird der Anbau und Handel von hier vor Dekaden an den Stadtrand umgesiedelten Roma-Familienclans“, sagt Lombardo. „Kund_innen kommen aus Holland, Tschechien, Deutschland. Erst vor wenigen Wochen hat man zwei Franzosen festgenommen, die 34 Kilo im Auto transportierten“, sagt er.

„Sie kaufen alles“, weiß sein Jugendfreund Juan Heredía*, der anonym bleiben will. Heredía ist „Kleinstbauer“. Er hat eine potente Grow- Lampe und 16 Pflanzen, wie er sagt. Dank eines Sozialtarifs ist seine Stromrechnung gering. „30 Euro im Monat.“ Seine größte Sorge ist, dass man ihm seine Ernte stiehlt. „Wo das Geld quasi an ‚Bäumen‘ wächst, gibt es Neider_innen.“ „Warum nach Marokko fahren, um Kif oder Haschisch zu kaufen? Und es über eine EU-Außengrenze schmuggeln, wenn man in Granada für 1000 Euro das Kilo Indoor-Cannabis kaufen kann?“, erklärt sich die Policía Nacional die Plantagenschattenwirtschaft.

Angebot bestimmt die Nachfrage und vice versa. So habe es sich längst bis nach Mitteleuropa durchgesprochen, dass man hier „Qualität für einen Euro das Gramm bekommt“. Sofern man ausreichend große Mengen abnimmt. Die Polizei kommt kaum mit der Beschlagnahme von Pflanzen nach. Fast 12.000 Stauden wurden im Vorjahr vernichtet. Das ist Rekord in Spanien und stellt fast ein Viertel der landesweit konfiszierten Cannabispflanzen dar. Periodische Razzien tun dem Anbau jedoch kein Ende.

Die stetigen Routinekontrollen bei der Ausfahrt aus dem Stadtteil nerven Lombardo indes: „Zwei, drei Mal die Woche wird mein Auto komplett durchsucht.“ Was er mittlerweile mit einberechne, wenn er ins Zentrum fährt.

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STROMAUSFALL. Die „Maria“ hat für die lokale Ökonomie sowie in den angrenzenden Bezirken La Paz, Rey Badis aber auch Cartuja sukzessive an Bedeutung gewonnen. Insbesondere, weil knapp 80 Prozent, ein Großteil der jungen SpanierInnen, bereits lange Zeit erwerbslos sind. Immerhin verdient man als Tagelöhner_ in im Gras-Gewächshaus mehr als bei der harten Olivenernte. 50 bis 80 Euro, die bei einem gesetzlichen monatlichen Mindestlohn von knapp 650 Euro locken. „Wer mehr als 200 Pflanzen hat, braucht Hilfe, um die Blüten vom Blattwerk zu befreien“, weiß Lombardo: „Das muss schnell gehen. Zeit ist Geld. Kund_innen stehen Schlange.“

Der Indoor-Plantagenanbau führt jedoch auch zu Problemen. Angezapfte Stromleitungen strapazieren die Netze über die Grenzen der Belastbarkeit. Stromausfälle sind die Regel. Zwei Trafostationen waren mit dem Strombedarf restlos überfordert. „Sie haben sie durchgeheizt“, sagt Lombardo, schüttelt den Kopf und lacht: „Das Licht ging flächendeckend aus.“ Mittlerweile begleiten stets Angestellte des Stromgiganten Endesa die PolizistInnen bei Razzien. Mehrfach haben Anwohner_innen, die nichts mit dem Grasanbau am Hut haben, protestiert. Endesa gab an, dass der Stromverbrauch in Almanjáyar den von Juncaril, dem größten Industriegebiet bei Granada, übertreffe. Dieser Fakt macht die Dimensionen begreifbar

Im Zuge der „Operation Urko“ nahm die Polizei zum Jahreswechsel 2015 19 Plantagen in Wohnungen, Garagen und Kellern aus. Alleine in dieser Aktion – einer von vielen – wurden stattliche 2.200 Pflanzen beschlagnahmt, außerdem 5,7 Kilogramm getrockneter, verkaufsfertiger Cannabisblüten in Topqualität. 212 Halogen-Hochleistungsanbaulampen, Verteilerstecker, Zeitschaltuhren, Ventilatoren, Klimaanlagen, Pumpen und Co. zeugten vom Grad der Professionalität.

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LAXES STRAFRECHT. Erst Monate nach der Razzia wurden sieben Männer ausgeforscht und festgenommen. Von Seiten der Ermittler_innen wird nicht nur das Stillschweigen der Anwohner_innen, sondern mehr noch das „zu laxe Strafrecht“ lamentiert. Wer unbescholten als Plantagenbesitzer_ in entlarvt wird, „kann zwar nicht auf die Eigenbedarfs-Strategie bauen“, scherzt Lombardo. Aber man komme schlimmstenfalls mit einer bedingten Haftstrafe davon.

Jemi Sánchez, Sozialarbeiterin, langjährige sozialistische Bezirksrätin für Almanjáyar und nun Neo-Stadträtin, weiß: „Die Bewohner_innen werden hier im Stich gelassen. Es ist nicht sicher hier, dreckig, und es gibt keine Arbeit.“ Sie fordert im progress-Gespräch Lösungen ein, für fast 30.000 Menschen, die in den Nordbezirken leben. Höchste Zeit wäre es. Womöglich klappt es nun unter Francisco Cuenca Rodríguez vom sozialistischen PSOE, der seinem in Korruptionsskandale verwickelten Vorgänger als Bürgermeister nachfolgt. Ein weiterer Hoffnungsschimmer. Auf eine Wende abseits grasgrüner Geschäfte.

* Name der Redaktion bekannt

Jan Marot studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und Zürich und arbeitet seit 2007 als freischaffender Auslandsjournalist.

„Alternative gab es keine“

  • 05.12.2015, 12:26

Der syrische Fußballtrainer Osama Abdul Mohsen wurde durch den Tritt einer ungarischen Kamerafrau berühmt. In Spanien hat er eine neue Heimat gefunden.

Der syrische Fußballtrainer Osama Abdul Mohsen floh mit seinem Sohn Zaid nach Europa. In Ungarn gelangte er durch den Tritt einer Kamerafrau ins mediale Rampenlicht. In Spanien, wo er eine neue Heimat gefunden hat, trüben Gerüchte um seine angebliche islamistische Vergangenheit den Neubeginn, wie er Jan Marot sagt.

progress: Wie geht es Ihnen nach den ersten Monaten nach der Flucht aus Syrien über die Türkei und die Balkanroute?
Osama Abdul Mohsen: Es geht mir wieder gut. Ich bin sehr, sehr froh, hier in Spanien zu sein. Die Kleinstadt Getafe ist eine ruhige Stadt mit freundlichen Menschen. Ich lebe hier in einer sehr hilfsbereiten, fremdenfreundlichen Nachbarschaft. Man hat uns mit offenen Armen empfangen. Ich bin hier sehr glücklich mit meinen beiden Söhnen. Man grüßt uns auf den Straßen, lächelt uns zu. Und man ist um unser Wohl besorgt, aber auch sehr interessiert an unserem Leben in Syrien und unseren Erfahrungen auf der Flucht.

Wie geht es Ihren Kindern in Spanien, dem jungen Zaid und dem volljährigen Mohammed?
Auch ihnen geht es wieder sehr gut. Sie haben längst mit der Schule begonnen und auch FreundInnen gefunden. Wenngleich vor allem Zaid, dem Siebenjährigen, seine Mutter sehr fehlt. Ich habe just nach meiner Ankunft hier einen Intensivsprachkurs begonnen und übe auch täglich mit meinen Kindern. Spanisch ist enorm wichtig. Nicht nur für das Leben hier und unsere Integration, sondern auch für meine Arbeit als Fußballtrainer.

Welches ist Ihr Lieblingsfußballteam in Spanien?
Real Madrid, wie könnte es anders sein (lacht). Bereits in Syrien war ich Fan. Und mein Sohn Zaid auch. Es war eine wunderbare Erfahrung, nach unserer Ankunft, das Team und Cristiano Ronaldo zu treffen und ein paar Pässe mit ihnen zu spielen. Damit ging für Zaid ein Traum in Erfüllung. Und er fasste auch neuen Mut, nach all der Mühsal und den schweren Monaten der Flucht.

Was waren die schwersten Stationen auf Ihrer Flucht?
Viele Stationen waren schwer, sei es in Griechenland, etwa auf der Insel Kos, direkt nach der Überfahrt. Aber auch in Mazedonien oder Serbien. Man erlebt Phasen permanenter Angst, teils Todesängste, und die quälende Ungewissheit nagt an einem. Was einen vorantreibt ist die Hoffnung, die ja bekanntlich zuletzt stirbt – die Hoffnung auf ein besseres Leben, in erster Linie für meine Kinder. Es war sehr, sehr hart. Doch ich muss sagen, Ungarn war mit Abstand der allerschlimmste Teil der Flucht. Ein permanenter Alptraum. Ein Land, das jegliche Menschlichkeit verloren zu haben schien. Aber das ist zum Glück jetzt alles überstanden. Hier in Spanien will ich bleiben. Hier bin ich nach langer Zeit wieder zufrieden und vor allem auch ruhiger geworden.

Wie haben Sie Österreich in Erinnerung?
In Österreich hat man uns sehr, sehr freundlich empfangen. Die PolizistInnen waren ausgesprochen hilfsbereit, die Soldaten des Bundesheeres auch. Viele Menschen waren offen und herzlich. Sie fragten, was uns fehlt, und gaben uns, was wir brauchten. Essen, Kleidung und auch Geld hat man uns gegeben. Mein jüngerer Sohn Zaid war ja zuvor in Ungarn bereits erkrankt. Er hatte sich stark verkühlt und fieberte. Dort hat man ihn nicht behandelt. Keine Chance. In allen Krankenhäusern hat man uns abgewiesen. In Österreich war ich mit ihm in drei Spitälern und überall hat man uns sofort geholfen. Und Zaid ist rasch gesund geworden, zum Glück. Ich möchte mich an dieser Stelle bei den ÄrztInnen und allen Menschen, die uns in Österreich geholfen haben, von Herzen bedanken.

Gab es auch so etwas wie „gute Tage“ auf der Flucht?
Natürlich ist nicht jede Minute hoffnungslos. Solidarität zeigte man uns vielerorts. Und Flüchtlinge untereinander teilen und helfen, wie sie nur können. Auch in Griechenland, auf Kos, in Mazedonien und Serbien war man oft sehr nett und hilfsbereit. Die Menschen, die dort leben, tun, was sie können. Sie leben Menschlichkeit. Anders als in Ungarn. Aber die Lebensstandards sind nun einmal ganz andere als in Österreich und Deutschland. Dementsprechend half man uns dort weit mehr als in den Balkanstaaten oder dem von der Krise geprägten Griechenland. Vor allem seitens Privatpersonen, aber auch seitens der Sicherheitskräfte und des Roten Kreuzes. Weil die Menschen mehr haben. Doch auch diejenigen, die wenig haben, teilten oftmals das Wenige mit uns. Und wir waren viele Flüchtlinge, hunderte, oft tausende, die sich von Station zu Station bewegten.

Haben Sie noch Kontakt zu FreundInnen in ihrer Heimatstadt Deir ez-Zor?
Leider kaum. Das ist fast unmöglich. Maximal einmal im Monat schaffe ich es, mich mit meinen zwei Brüdern in Syrien auszutauschen. Die Wartezeit dazwischen ist geprägt von Ungewissheit und Angst. Denn man weiß nie, ob es das letzte Mal war, mit ihnen gesprochen zu haben. Aber zum Glück ist meine Frau in Sicherheit. Sie lebt noch in der Türkei. Ich versuche alles Menschenmögliche, damit sie auch zu mir nach Spanien kommen kann. Ich hoffe, das dauert nicht mehr lange. Ende November werde ich sie endlich besuchen können. Mit Zaid, meinem kleinen Sohn. Die Türkei-Visa und unsere Pässe haben wir nun bekommen, am 23. 11. fliegen wir. Ich habe meine Frau fast ein halbes Jahr nicht mehr in den Armen gehalten. Zaid vermisst seine Mutter sehr.

Haben Sie auch in den Flüchtlingslagern in der Türkei an der syrischen Grenze gelebt?
Nein, das wollten wir von Anfang an vermeiden. Die Zustände in den Lagern sind sehr schlecht. Also haben wir, einmal in der Türkei angekommen, für mich, meine Frau und meine Kinder ein kleines Haus gemietet. Das war sehr, sehr teuer. Und ich musste für zehn Euro Lohn am Tag schuften, damit wir Nahrung und ein Dach über dem Kopf hatten. Nach zwei Jahren hatten wir es satt, unter derartigen Bedingungen ein Überleben zu fristen. Meine Familie beschloss, dass ich mich auf den Weg nach Europa machen soll, mit meinem jüngsten Sohn. Das war keine leichte Entscheidung. Aber Alternative gab es keine.

Hat sich die Kamerafrau, die Sie attackiert hatte, bei Ihnen persönlich entschuldigt?
Das ist eine sehr bösartige Person. Sie hat nicht nur mich getreten, als ich meinen Sohn tragend vor der Polizei davonlief. Auch ein junges Mädchen hat sie getreten. Das sind Taten, die unentschuldbar sind. In Ungarn gehen aber viele Menschen davon aus, dass wir Flüchtlinge die Bösen sind und man ihnen sehr deutlich zeigen müsse, dass sie hier eben nicht willkommen sind. Unmenschlich ist das. Ich bin aber in Kontakt mit AnwältInnen und werde sie anzeigen, auf dass sie hoffentlich ins Gefängnis kommt.

Was sind Ihre Pläne für die nahe Zukunft in Spanien?
Ich bin noch bei der Trainerschule in Getafe. Ganz gleich bei welchem Team man mich braucht, ich werde dort arbeiten. Wie es nun aussieht, wird es ein Jugendteam werden, Villaverde Boetticher in Madrid, wo ich neben meiner Trainertätigkeit auch für die kommerziellen Beziehungen zu arabischen Staaten gebraucht werde. Das sei einmal für ein Jahr, wie man mir sagte. Dann werden wir weitersehen. Solange ich nicht nach Syrien zurückkehren kann, wird Spanien meine Wahlheimat bleiben.

Wie stehen Sie zu den internationalen Militärinterventionen?
Viele Nachrichten, die aus Syrien gemeldet werden, sind Lügen. Das Assad-Regime verbreitet selbst sehr viele Lügen. Ja, Assad hat Russland um Hilfe gebeten. Aber gegen wen? Und für welchen Zweck? Selbstzweck natürlich, um seine Position abzusichern. Die Zivilbevölkerung interessiert ihn wenig. Das Leben im Bürgerkrieg ist schlichtweg katastrophal. Das war es schon vor fast drei Jahren, als ich aus Syrien 2012 in die Türkei geflohen bin. Folglich habe ich auch vom Islamischen Staat, der dort mit Splittergruppen aktiv ist, noch nichts mitbekommen. Und ich hatte auch keinen Kontakt zum IS, der nun in weiten Teilen meiner Heimat wüten soll.

Nähe zum IS ist etwas, das man Ihnen auch wegen des Posts eines schwarzen Banners mit dem Schriftzug „Es gibt keinen Gott außer Gott“ auf Ihrem Facebook-Profil vorgeworfen hat. Und auch wenn man Ihren Namen googelt, scheint „Terrorist“ auf.
Das sind Lügen und bösartige, haltlose Gerüchte. Ich habe an Anti-Assad- Protesten für einen demokratischen Wandel in Syrien teilgenommen. Und man weiß nur zu gut, wie mit KritikerInnen von Präsident Bashir al-Assad verfahren wird. Die Gerüchte wurzeln vor allem in den Kommentaren eines Regime-freundlichen Journalisten und in rechtsextremen Online- Foren. Ich verabscheue Gewalt und habe absolut gar nichts mit radikalislamistischen Gruppen wie al-Nusra im Bürgerkrieg zu tun, das versichere ich Ihnen. Das Facebook-Foto hat man falsch interpretiert, auch wenn ich es mittlerweile entfernt habe. Der Spruch ist allen MuslimInnen wichtig. Nicht nur den Radikalen, die ihn für ihre Zwecke missbrauchen. Und nebenbei: Derselbe Spruch ziert auch die saudiarabische Flagge.

Glauben Sie, je nach Syrien zurückkehren zu können?
So Gott will ja, irgendwann. Doch der Krieg hat alles zerstört. Es ist sehr gefährlich und auch auf lange Sicht sehe ich keinen Frieden für mein Land am Horizont. Das Leben dort ist unmöglich geworden. Wenn der Krieg enden soll, „inshallah“, würde ich freilich gerne wieder als Trainer dort arbeiten. Aber derzeit kann ich meiner Familie von Spanien aus mehr helfen, als von vor Ort. Und auch meinem Land. Was muss Ihrer Meinung nach geschehen? Das Morden aller Seiten muss aufhören. Der IS mordet, Assad mordet. Die RebellInnen morden. Europa muss uns helfen. Den Flüchtlingen, aber auch vor Ort. Die Regierungen, auch die spanische sind gefordert. Und die Verantwortlichen wissen selbst zu gut, dass sie mehr für Syrien und die syrische Bevölkerung machen können.

Jan Marot studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und Zürich und arbeitet als freischaffender Journalist in Granada, Spanien.
 

Gewalt an der Grenze

  • 27.10.2014, 14:03

An der Straße von Gibraltar kommt es seit Monaten zu rassistischen Übergriffen. Jan Marot sprach mit der spanischen Flüchtlingshelferin Helena Maleno über die Hintergründe.

An der Straße von Gibraltar kommt es seit Monaten zu rassistischen Übergriffen. Jan Marot sprach mit der spanischen Flüchtlingshelferin Helena Maleno über die Hintergründe.

progress: Wie ist die aktuelle Situation der MigrantInnen in Boukhalef bei Tanger?

Helena Maleno: Man ist vom zivilen Terror eines mit Macheten bewaffneten radikalen Mobs zu institutioneller Gewalt übergegangen. Anstatt Täter zu verfolgen, kam es zu Festnahmen von Flüchtlingen. Konkret waren es 26 Personen, die es wagten, für mehr Schutz zu demonstrieren, was in Marokko unangemeldet verboten ist. Sie wurden verurteilt und mit regulären Linienflügen von Casablanca aus in ihre Herkunftsländer deportiert. Andere wurden direkt abgeschoben, oftmals ohne Gerichtsverfahren, ohne Feststellung ihrer Identität, ihrer Herkunft oder ihres Alters, ohne gesetzliche Garantien. Daher leben Flüchtlinge hier in permanenter Angst und Panik vor Attacken und Festnahmen. Wir fordern von Marokko ein, dass es die Konvention für migrantische ArbeiterInnen, die es unterzeichnet hat, auch umsetzt und über die bilateralen Verträge mit Spanien stellt. Letztere und der Druck seitens der EU sind für die Gewalt und Rechtlosigkeit verantwortlich. Das Einzige, was Brüssel und Madrid mit der Forcierung des Grenzschutzes erreichen, sind schreckliche Menschenrechtsverletzungen an der migrantischen Bevölkerung. Wir in Europa tragen Verantwortung für die Grausamkeiten, die MigrantInnen erfahren.

Hat die NGO Walking Borders ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft?

Natürlich. Dabei werden wir von der FrauenrechtsNGO OAKfoundation unterstützt. Sie helfen uns dabei, Migrantinnen zu schulen, was den Schutz vor sexuellen Übergriffen angeht. Das geht zwar mit einem Verlust der persönlichen Freiheit einher, ist aber absolut notwendig. Zudem sind wir nach all den rassistischen und oftmals sexuellen Gewaltakten der vergangenen Monate auch im Bereich der Traumabewältigung aktiv.

Welche Gruppen stehen hinter den Angriffen?

Es gibt drei Akteure. Die Hintermänner, die Aktionen planen, Macheten kaufen und Gruppen finanzieren. Sie richten sich an Kleinkriminelle, die Gewaltakte koordinieren und anführen. Hinzu kommen radikal-islamistische Elemente, die mit Parolen gegen MigrantInnen – zum Beispiel „Sie trinken Alkohol!“ und „Sie respektieren den Islam nicht!“ – Hass schüren und die Massen zusätzlich aufstacheln. Das spricht viele Jugendliche aus der Mittel- und Unterschicht an.

Gab es seitens der spanischen oder marokkanischen Institutionen Unterstützung für die Flüchtlinge?

Nein. Wir haben uns nicht viel erwartet. Die spanische Rechtsregierung und das Außenministerium haben nie von der marokkanischen Regierung Erklärungen zu den Übergriffen auf eine spanische Staatsbürgerin und Menschenrechtsaktivistin eingefordert. Politische und vor allem ökonomische Interessen stehen im Vordergrund. Das ist traurig, aber die Realität. Die spanische Regierung ignoriert ihrerseits das wiederholte, direkte Abschieben von Flüchtlingen an den Grenzen von Ceuta und Melilla. Hier wurde vom Gericht in Cadíz Anklage gegen den Guardia-Civil-Chef von Melilla erhoben. Ein weiteres Verfahren läuft, weil im Februar während eines Polizeieinsatzes in Ceuta 15 MigrantInnen ertrunken sind. Madrid ignoriert die Grundrechte von Flüchtlingen.

Wie steht es um die MigrantInnen an den Grenzen zu den spanischen Enklaven, die auf ihre Chance warten, den Wall zu überwinden?

Ceutas Lager sind seit 2006 weitgehend abgerissen. Hier gibt es, anders als am Monte Gurugu bei Melilla, wo große permanente Zeltlager existieren, nur temporäre Schlafplätze für jene, die den Sprung nach Spanien wagen. Es ist schwer, dort Hilfe zu leisten. Zuletzt haben wir daher unsere Kräfte gegen die Gewalt an der Grenze forciert. Am Grenzwall ist vor allem das Recht auf Leben gefährdet, weil das Gewaltpotenzial der Grenzwache enorm ist. Zudem halten wir die Augen offen, um auf Flüchtlingsschiffe, die in der Zone der Straße von Gibraltar in Seenot geraten sind, hinweisen zu können. Außerdem informieren wir die MigrantInnen über ihre Rechte, wie zum Beispiel das Recht auf Gesundheitsversorgung, und leisten Aufklärungsarbeit gegen sexuelle Gewalt, für den Schutz vor Schwangerschaften und vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

Kam es in der ngeren Vergangenheit am Grenzwall zu Todesfällen?

Ja, doch ich kann nur einen bestätigen. Ein Malinese starb bei einem Polizeieinsatz. Ein zweiter ist laut seinen Freunden nach einem Schlag auf den Kopf durch die Grenzwache Stunden später im Zeltlager wahrscheinlich an einer Hirnblutung gestorben. Wie verhält sich die Zivilgesellschaft? In zwischenmenschlicher Hinsicht ist die Solidarität groß, besonders seitens der ärmsten marokkanischen Schichten. Auch in Spitälern behandeln ÄrztInnen und PflegerInnen MigrantInnen kostenlos und ohne die Polizei einzuschalten. Dennoch spielt die Geschichte des Rassismus gegenüber schwarzen Menschen, die in der arabischen Welt und in Nordafrika über Jahrhunderte in erster Linie SklavInnen waren, eine Rolle. Dazu kommt, dass es den Regierenden ausgesprochen genehm ist, wenn sich schwache, arme Bevölkerungsgruppen gegeneinander richten und nicht gegen die MachthaberInnen. Sie könnten sich sonst ja gar gemeinsam wehren. Aber mit Positivem kann man gegen den Hass und den Rassismus arbeiten. Hier dienen afrikanische Läden, Cybercafés und der Sport, zum Beispiel Fußball, als Bindeglied.

Wie steht es um Demokratisierungsund Protestbewegungen in Marokko?

Man hat diese Bewegungen auseinandergenommen und ihre führenden Köpfe inhaftiert. Hinzu kommt die Angst durch die Negativbeispiele des arabischen Frühlings: Ägypten, Libyen und Tunesien geht es jetzt keineswegs besser als unter den früheren Autokraten. So denken viele: „Besser wir bleiben so, wie wir sind, als wir haben Krieg.“ So sind es vor allem junge MarokkanerInnen, die oft im Ausland studiert haben, die sich organisieren, um die Demokratisierung voranzutreiben. Die europäische Entwicklungshilfe blockiert diese Bestrebungen jedoch. Sie dient in erster Linie dazu, Europas Interessen zu festigen und soziale Bewegungen zu schwächen, statt Reformkeime zu unterstützen.

 

Das Interview führte Jan Marot.

 

Zur Person: Die spanische Flüchtlingshelferin und Migrationsoziologin Helena Maleno (44) arbeitet bei der NGO Walking Borders/Caminando Fronteras im nordmarokkanischen Tanger für MigrantInnen aus Subsahara-Afrika an Europas Südgrenze.

Helena Maleno auf Twitter: @HelenaMaleno

„Walking Borders/Caminando Fronteras“ auf Facebook.

OAK Foundation: oakfnd.org

 

Wem gehört die Sonne?

  • 11.08.2014, 16:29

Die rechtskonservative Regierung in Madrid hat die Nutzung von Sonnenenergie für den Eigenbedarf unmöglich gemacht. Ein Präzedenzfall, der in anderen EU-Staaten bereits NachahmerInnen findet – zu Lasten der KonsumentInnen.

Die rechtskonservative Regierung in Madrid hat die Nutzung von Sonnenenergie für den Eigenbedarf unmöglich gemacht. Ein Präzedenzfall, der in anderen EU-Staaten bereits NachahmerInnen findet – zu Lasten der KonsumentInnen.

KritikerInnen nennen sie „Sonnensteuer“ oder „Sonnenmaut“. Und unter dem Motto #DeSOLbediencia, ein Wortspiel, zusammengesetzt aus den spanischen Wörtern für „zivilen Ungehorsam“ (desobediencia) und Sonne (sol), wird der Widerstand der Bevölkerung gegen ein Quasi-Verbot der Nutzung von Solarenergie für den Eigenbedarf in Spanien zuletzt deutlich forciert. Privathaushalten wurde mit der jüngsten Reform der rechtskonservativen Regierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy praktisch verunmöglicht, Strom aus Fotovoltaik-Anlagen auf ihren eigenen Dächern, Balkonen oder in ihren Gärten zu nutzen. Wer seine Paneele zur Erzeugung von Ökostrom pflichtgemäß ans Netz anschließt, dem wird seit der Reform mit eklatant höheren Stromrechnungen gedankt, was die Nutzung, zumindest finanziell, absurd macht. Jenen, die ihre Paneele nicht ans Stromnetz anschließen und behördlich melden, drohen drakonische Strafen von bis zu einer Million Euro und in bestimmten Fällen sogar bis zu
60 Millionen Euro.

Offizielles Ziel der Reform sei, „die Energiewende zu beschleunigen“ und die Subventionskosten zu senken, wie man im Energieministerium in Madrid betont. Klima- und UmweltschützerInnen warnen hingegen vor gegenteiligen Effekten und einer deutlichen Verzögerung in puncto Umstieg auf erneuerbare Quellen. Tatsächlich wird Sonnenenergie nämlich unrentabel für die KleinstproduzentInnen und für KonsumentInnen exorbitant teurer. Tausende SpanierInnen haben bereits begonnen, ihre Paneele abzumontieren und zu entsorgen. Gas, Öl und Uran. Es mag hochgradig paradox erscheinen, dass gerade im sonnigen Spanien die ohnehin von Krisen geplagten BürgerInnen um ein augenscheinliches Allgemeingut, die Sonne, gebracht werden. Daran zeigt sich jedoch deutlich, in welche Richtung die Energiepolitik der Konservativen steuert. In die Sondierung neuer Erdöl- und Erdgasvorkommen vor den Balearen und den Kanaren wird massiv investiert und der von der sozialdemokratischen PSOE anberaumte Ausstieg aus der Atomenergie immer weiter aufgeschoben. Auch das AKW Santa María de Garoña bei Burgos, baugleich mit dem in Japan havarierten Fukushima-Reaktor und seit 1971 in Betrieb, soll noch viele Jahre Strom liefern.

„KleinsterzeugerInnen werden von der Regierung behandelt, als hätten sie ein AKW am Dach“, kritisiert Mario Sánchez-Herrero, Mitinitiator der #DeSOLbediencia-Kampagne. Der Soziologe und Politikwissenschafter betont, dass eine Forcierung der Produktion nachhaltiger Energie über Selbstversorgung und die Einspeisung der dabei anfallenden Überschüsse jedoch der einzige Weg wäre, um die Preise für die EndverbraucherInnen zu senken. Stattdessen sind die Energiepreise seit 2007 um etwa 70 Prozent gestiegen. Die spanischen Energiekonzerne schwelgen derweil in satten Gewinnen von sieben bis acht Milliarden Euro jährlich, und rangieren selbst angesichts eines krisenbedingt eingebrochenen Verbrauchs im Spitzenfeld der EU-Stromerzeuger.

Todesstoß für KMUs. Klagen gegen das neue Gesetz wurden längst vorbereitet und auch eingereicht, unter anderem von kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs), die es in den Konkurs getrieben hat. Auch Klagen vor EU-Gerichten sind angedacht. Denn sollte Madrid damit durchkommen, drohen auch in anderen EU-Staaten solche Szenarien: Die einst großzügig durch die öffentliche Hand geförderten Anlagen, die den BesitzerInnen über Einspeisevergütungen überdies monatlich eine kleine Gutschrift auf der Stromrechnung brachten, müssen nun auf eigene Kosten abmontiert werden. Spaniens Nachbar Portugal bereitet bereits ein vergleichbares Gesetz vor, mehr und mehr Unternehmen ziehen sich deshalb aus dem Geschäftsfeld zurück.

Einmal mehr zeigt sich durch die umstrittene spanische Reform auch, wie nahe sich Energiekonzerne und Politik stehen. Ein Blick in die Aufsichtsräte der Energiegiganten zeigt deutlich, dass diese zu einem Großteil mit Ex-PolitikerInnen besetzt sind: Der sozialistische Ex-Premier Felipe González ist bei Gas Natural tätig, der konservative Ex-Premier José Maria Aznar bei Endesa, Javier Solana bei Acciona, um nur die wichtigsten zu nennen. Bereits jetzt kursieren im Internet „Wetten“, wo Energie- und Industrieminister José Manuel Soria (PP) nach seiner Politkarriere landen wird. Der Ibero-Erdölgigant Repsol führt derweil im Wettranking.

„Energiewende gegen die Wand“. Auch in Deutschland wurde gerade beschlossen, die Steuerlast für Eigenheim-Solaranlagen zu erhöhen. Zukünftig werden auch Privathaushalte, die mit Sonnenenergie Strom für den Eigenbedarf produzieren, mit der sogenannten EEG-Umlage (Erneuerbare-Energien-Gesetz) von 40 Prozent belastet. Rentabel wären solche Anlagen somit nicht mehr, sind sich ExpertInnen einig. „Hier droht der größte Rückschritt seit Beginn des Klimaschutzes in Deutschland. Wer Klimaschützer derart bestraft, wird die Energiewende gegen die Wand fahren“, warnte etwa Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft e.V. in der FAZ. Er kritisierte zudem, dass Förderkürzungen für Fotovoltaik in Deutschland längst die Nachfrage nach solchen Anlagen für Eigenheime einknicken haben lassen.

In Österreich formierte sich im Frühjahr bereits seitens der Grünen Widerstand gegen die Besteuerung von Solaranlagen ab 5.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch, die seit dem Vorjahr zu entrichten ist. Die Grünen fordern eine Befreiung von so kleinen Anlagen, die in etwa den Strom erzeugen, den ein Vier-Personen-Haushalt in einem Jahr verbraucht. Wie schwer es in Österreich ist, eine Mini-Solaranlage zu montieren beschreibt beispielsweise Simon Niederkircher auf seinem lesenswerten Solar-Zwerg-Blog (siehe Webtipps).

Eine Selbstversorgung der BürgerInnen mit erneuerbaren Energien ist in der EU seitens der regierenden Großparteien mit ihrem Naheverhältnis zu Energiekonzernen nicht gewünscht, wenn nicht sogar gefürchtet. Um sie trotzdem zu verwirklichen, bedarf es einer raschen, weitreichenden Mobilisierung der EU-Bevölkerung, unterstreicht Sánchez-Herrero: „Wir müssen dieses Stück Freiheit erkämpfen!“ Nur so sei eine wahre Energiewende möglich: „Nachhaltig, sauber, grün und vor allem mit und in den Händen der BürgerInnen.“

Webtipps:

http://desolbediencia.org/
http://www.ecooo.es/
http://solarzwerg.wordpress.com/

Jan Marot arbeitet als freier Journalist in Granada.

Krux um Katalonien unter Kommiliton_innen

  • 29.01.2018, 12:57
Studierende gelten als die treibende Kraft der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, insbesondere was die Mobilisierung bei Massenprotesten für die Republik betrifft. Der von Madrid postulierte „separatistische Meinungsterror“ gegen Andersdenkende, primär rechte, unionistische Studierende wird bei einem Lokalaugenschein fast völlig entkräftet. Nur Spaniens Rechtsextreme suchen den Konflikt für ihre Interessen zu nutzen.

Wie wirken sich die turbulenten Ereignisse um die Sezessionspläne Kataloniens auf den studentischen Alltag in Barcelona aus? Offenbaren sich die angeblich derart tiefen Gräben auch zwischen Kommiliton_innen? Können sich Kritiker_innen, die sich gegen eine Unabhängigkeit stemmen, überhaupt noch freiäußern? An der Autonomen Universität Barcelonas (UAB) scheint auf den ersten Blick Normalbetrieb zu herrschen. Auch auf den zweiten. Klarerweise finden sich Plakate, die „Freiheit für Polithäftlinge“ fordern. Sind doch seit Wochen die Präsidenten der Katalanischen Nationalversammlung (ANC), Jordi Sànchez i Picanyol, und des katalanischen Kulturinstituts Òmnium Cultural, Jordi Cuixart i Navarro, in Präventivhaft wegen „tumultartigem Aufruhr“. Ebenso der von Madrid entmachteter Vize-Regionalregierungschef Oriol Junqueras und sieben seiner Minister_innen, unter anderem wegen „Rebellion“.

„Die politischen Themen, die Katalonien bewegen, sind omnipräsent in Konversationen unter Kolleg_innen an der Fakultät und im Freund_innenkreis“, sagt Núria Janué (20), die Rechtswissenschaften
an der UAB studiert, zum progress. „Das schadet keinesfalls dem universitären Zusammenleben. Diejenigen, die ständig von Spaltung sprechen, sind jene, die Konfrontationen suchen und damit auch schaffen. Tatsächlich herrscht unter den Studierenden hier weitestgehend ein Konsens darüber, dass wir Katalan_innen das Recht haben sollten, über den Wunsch nach Unabhängigkeit abzustimmen, ganz gleich ob man jetzt dafür oder dagegen ist“, führt Janué aus. Sie unterstreicht ebenso, dass unter den Studierenden der UAB eine fast geschlossene Opposition zur Reaktion des spanischen Staates mit dem Außerkraftsetzen der katalanischen Autonomie und zur einhergehenden Welle der Repression seitens der Regierung in Madrid.

Rechtsextreme Aufmärsche
Doch Janué zeigt sich besorgt über „die steigende Sichtbarkeit von Rechtsextremen an der Universität“, wie etwa die so genannte Sociedad Civil Catalana (SCC, „Katalanische Zivilgesellschaft“): „Sie sind eine kleine
Gruppe der Studierenden der UAB, aber sie machen jede Menge Lärm“, klagt sie. Sie verteilen Propaganda-Flyer, organisieren Aufmärsche, Bücherkreise und Diskussionsrunden, zu denen sie Vortragende aus der Neonazi-Szene laden, die Glatzköpfige mit sich im Schlepptau haben. „Sie haben an der Universität nichts verloren“, sagt Janué. Die SCC ist übrigens ein landesweit nicht einmal 800 Mitglieder zählender Verein, der in Vergangenheit
ein Nahverhältnis zur „Nationalen Francisco Franco Stiftung“ unterhielt, die der Pflege des Andenkens an den faschistischen Ex-Diktator verschrieben ist und zuletzt die Massendemonstrationen in Barcelona für die Einheit Spaniens organisierte. Sekundiert wurden diese Proteste vom regierenden rechtskonservativen Partido Popular (PP) unter Spaniens Premier Mariano Rajoy, der rechten „Ciutadans“-Partei („Bürger_innen“- Partei) aber auch den katalanischen Sozialist_innen (PSC) – die unionistischen Kräfte in Katalonien.

Generell gilt es, in den medialen Propaganda-Wirren Vorsicht walten zu lassen: Spaniens Rechtsextreme versuchen im Fahrwasser des katalanischen Separatismus Land zu gewinnen. Öl ins lodernde Feuer goss dabei etwa Ende Oktober eine UAB-Studentin, die Berühmtheit erlangte, weil sie querbeet ein in vielen Medien, inklusive dem katalanischen Regionalsender TV3 „vom Gesinnungsterror durch gewaltbereite Separatist_innen an Universitäten sprach“, und dabei anonym bleiben wollte. Sie wurde als Mitglied der SCC und Ciutadans enttarnt, und ihre Schilderungen als an den Haaren herbeigezogen entlarvt. Die 20-Jährige Janué hat übrigens am von Madrid
als „illegal“ erachteten Unabhängigkeits-Referendum vom 1. Oktober teilgenommen. Wobei sie auch ihr Wahllokal mit tausenden Bürger_innen vor der Polizei verteidigt hat. Nach den Gewaltexzessen der wohlgemerkt spanischen, und nicht katalanischen Polizei (Mossos d’Esquadra) „war die Frage nicht mehr die Unabhängigkeit per se, sondern es ging um die Verteidigung der Demokratie“, sagt sie. Als pure Spekulation erachtet Janué ein zweites Referendum, bindend in seinem Ergebnis, da der spanische Staat das „katalanische Volk in der demokratischen Ausübung seiner Rechte ohnehin nur unterdrückt“. Vielmehr unterstreicht sie, dass das Referendum
vom 1. Oktober legitim war und dass man nun das Ergebnis in den Regionalwahlen am 21. Dezember bestätigen müsse.

Leichte Spannung in den Hörsälen

Der Katalane Marcel Jordi Dreier (22) macht seinen Master in Maschinenbau an der privaten Ramon-Llull-Universität, parallel zu einem MBA-Programm. Er meint im progress-Gespräch, dass es an seiner Hochschule in Sachen Separatismus „leider eher ruhig bleibt“. „Natürlich heizt die aktuelle politische Lage unter den Kommiliton_innen viele Debatten in den Pausen und in der Kantine an.“ Auch Dreier beharrt dabei auf den existierenden  Meinungspluralismus, mehr noch an seiner privaten Elite-Hochschule. „Bei uns gibt es Klassenvertreter_Innen, die sich paarMal im Jahr versammeln, aber nicht über Politik reden“, betont Dreier : „Es gibt nur Einzelpersonen, die ein paar Plakate gegen die politischen Häftlinge aufhängen, die aber auch von anderen Studierenden zerrissen werden.“ Dreier ist übrigens auch Mitglied von Òmnium Cultural, und nimmt regelmäßig an Aktionen für die Unabhängigkeit teil. „Dieser Tage hängen wir auf den Straßen Barcelonas große gelbe Schleifen auf, für die Inhaftierten unter den Separatist_innen.“ Die überdimensionale Schleife am Eingang zur Universität, die hat Dreier mit Kolleg_innen angebracht, worauf er stolz ist. „Für mich wäre die Lösung des Konfliktes ein vereinbartes Referendum zu feiern. So wie Schottland 2014. Nur leider ist der spanische Staat von diesem Punkt sehr, sehr weit entfernt“, unterstreicht Dreier, der sich keineswegs als Nationalist erachtet. Ohnehin hätte die Sezessionsbewegung für ihn keine derartigen, oder gar populistische Züge, betont er. Vielmehr sei sie aus der Zivilgesellschaft in Graswurzel-Manier erwachsen, über die ANC und eben Òmnium.

Vielstaatliches Spanien zu Grabe getragen

Er fände es richtig und wichtig, dass die katalanische Regierung diesen Konflikt internationalisiert. „Ein föderales, wahrhaftig vielstaatliches Spanien ist am 1. Oktober zu Grabe getragen worden“, meint er, da die zwei größten Parteien Spaniens, Rechtskonservative (PP) und sozialistischer PSOE sich nicht für die Polizeigewalt entschuldigten und die Unterwerfung des katalanischen Volkes anstreben würden. „Von einer spanischen Vielstaatlichkeit ist man aktuell noch weiter entfernt, als von einer Republik Katalonien“, ist Dreier sich sicher. Schauplatzwechsel zu einer weiteren der großen Universitäten Barcelonas, wo bereits am Ausgang von der U-Bahnstation in großen gelben Lettern „Espanya“, jedoch mit einem Hakenkreuz an Stelle des „S“, gesprayt wurde. Und im Campus-Innenhof ein „Sí“, „Ja“ den Unabhängigkeitswillen deutlich macht: „In meinem Fachbereich ist das Klima stark
für die Unabhängigkeit“, sagt der deutsche Universitätsprofessor Klaus-Jürgen Nagel von der Universitat Pompeu Fabra (UPF) in Barcelona zum progress. Der gebürtige Münsteraner lehrt Politikwissenschaft und lebt seit fast 20 Jahren in Katalonien und gilt als Experte für Nationalismus- und Föderalismus- fragen: „Die wenigen Student_innen, die in Vertretungen organisiert sind, sind zumeist im separatistischen SEPC.“ An der UPF seien die Studierenden vielmehr sehr stark zivil mobilisiert, betont Nagel. „Doch selbst wenn ein Streik angesagt ist, dann geht der bis mittags, es folgt eine Demo und am Nachmittag sind meist schon wieder Lehrveranstaltungen“, sagt er.

Das im Verhältnis zu anderen Hochschulen – wie eben die UAB oder die Universität von Girona, eine Wiege des Separatismus – „ruhigere Klima“ erklärt er sich damit, dass die größten Fachbereiche an der UPF Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sind. Human- und Sozialwissenschaftler_innen seien kaum vertreten. Er meint weiter, dass Gegner_innen und Befürworter_innen ja keinen echten Streit haben müssen, solange sie mehrheitlich zumindest
das Recht auf eine Volksabstimmung in Katalonien anerkennen. Wie 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung es auch wollen.“ Erst wenn man das Recht darauf abstreite, wie es die spanische Regierung tue, dann werde es kritisch, sagt Nagel. 
Emigrant_innenfamilien

Doch wie betrachten Studierende fern von Katalonien die Situation? Gonzalo de la Orden Rodriguéz (22) ist Musikstudent im südspanischen Granada. Der überwiegende Teil seiner Onkel und Tanten, väter- und mütterlicherseits, leben in Katalonien. Normal, für viele Familien Süd- und Zentralspaniens, denn zur Franco-Diktatur gab es massive Migrationsbewegungen aus den landwirtschaftlichen Regionen ins damals bereits stark industrialisierte Katalonien: „Ich bin sehr interessiert an der Katalonienfrage und bin dafür, dass ein bindendes Referendum abgehalten wird. Mit allen rechtlichen Garantien. Aber prinzipiell bin ich gegen eine Unabhängigkeit“, sagt er zum progress. Die Entscheidung darüber müssten jedoch die Katalan_innen haben. „Die Frage betrifft nicht nur die Katalan_innen, sondern ganz Spanien“, sagt indes seine Kollegin Lourdes Gay Punzano (22) aus Jaén. Auch sie studiert Musik in Granada, und wie so viele Andalusier_innen hat auch sie Verwandte in Katalonien, „die jedoch geschlossen gegen eine Sezession wären“, wie sie betont. Sie seien Spanier_innen: „Schuld an der
aktuellen Situation tragen beide Seiten, Madrid und Barcelona“, ist sie überzeugt. 
 

Von Jan Marot, Barcelona (@JanMarot auf Twitter)

 

Wissen

Aktuelle Studien des offiziellen katalanischen CEO-Statistikinstitutes (Centro de Estudios de Opinión, siehe http://ceo.gencat.cat) belegen einen deutlichen Zusammenhang zwischen höherem Bildungsniveau und
stärkerem Wunsch nach staatlicher Souveränität. Aber auch wer ein mittleres bis hohes Einkommen (ab 1800 Euro monatlich) hat, tendiert eher für die unabhängige Republik. Spitzenverdiener_innen indes sind eher unionistisch eingestellt. Zudem gilt in Sachen politischer Einstellung, wer sich eher als links erachtet, zählt mit weit größerer Wahrscheinlichkeit zum Sektor der Unabhängigkeitsbefürworter_innen. 

 

Was vom Jasminduft geblieben ist

  • 17.12.2013, 16:07

Fast drei Jahre nach dem Sturz des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali lechzt Tunesien nach Stabilität und die tunesische Jugend nach Perspektiven. Die Revolution ist festgefahren, radikale Kräfte agieren immer offener.

Fast drei Jahre nach dem Sturz des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali lechzt Tunesien nach Stabilität und die tunesische Jugend nach Perspektiven. Die Revolution ist festgefahren, radikale Kräfte agieren immer offener.

Fast drei Jahre sind vergangen, seit sich der damals 26-jährige tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid selbst im Brand steckte. Drei Wochen später erlag er den Verletzungen, während seine Heimatstadt zur „Wiege der Jasminrevolution“ wurde.
Ein Akt, der zu Protesten und Umstürzen, Bürgerkriegen und letztendlich auch Reformen führte. In Tunis hat sich der Großteil der Hoffnungen der revolutionären Bewegungen jedoch noch nicht erfüllt, am wenigsten jene der jungen Generation. Das tief gespaltene Land ringt um seine Zukunft. Maßgeblich dafür verantwortlich sind die ideologischen und programmatischen Gräben, die die politischen Lager trennen. Hinzu kommen außerparlamentarische Kräfte, in erster Linie radikale Salafist_innen, die mächtigen Gewerkschaften, aber auch jene Bevölkerungsschicht, die einst von Ben Alis Regime profitierte und jetzt zusätzlich Konflikte schürt.

Gespaltene Gesellschaft. Nach wie vor hat Tunesien keine neue Verfassung, sondern lediglich einen von der Verfassungsgebenden Versammlung erarbeiteten, nicht-akzeptierten Entwurf. Die Grundübel der Vergangenheit unter dem Ben-Ali-Clan – Vetternwirtschaft, Korruption, Armut, Arbeitslosigkeit – sind noch nicht beseitigt. Zwar existiert vor allem dank Online-Medien eine gewisse Pressefreiheit, doch was Blogger_innen und Neo-Newsportale aufdecken – beispielsweise das ministerielle Verprassen von Staatsgeldern für Luxushotels und teuren Champagner – lässt das Vertrauen in die neuen Strukturen schwinden.
Dennoch, die moderat-islamistische Ennahda-Partei, die eine quasi-permanente Übergangsregierung und den Premier Ali Larayedh stellt, klammert sich beharrlich an die Macht, wenngleich Larayedh seinen Rücktritt längst angeboten hat. Der Ennahda wird nicht nur ein ambivalentes Verhältnis zu militanten Salafist_innen unterstellt, zudem soll sie jene decken, die die tödlichen Mordanschläge auf Mohamed Brahmi und Chokri Belaid begangen haben – sofern die Mörder_innen nicht sogar aus ihren eigenen Reihen stammen. Brahmi war Parlamentsabgeordneter und Gründer der Partei Volksbewegung, Belaid Politiker der linken Bewegung Patriotischer Demokraten. Beide waren Teil der linksliberalen Volksfront zur Verwirklichung der Revolutionsziele. Auf ihrer Ermordung folgten schwere Unruhen; nach Belaids gewaltsamem Tod wurde der Dialog der verfeindeten politischen Lager in Tunesien abgebrochen.
Während dieser Dialog bis heute nie so recht in Gang gekommen ist, pochen die Salafist_innen immer offener auf einen Gottesstaat. Ein solcher wird in Tunesien aber auch auf lange Sicht wohl nicht errichtet werden. Zu groß ist die Zahl derjenigen, die eine funktionierende, mit Freiheiten ausgestattete Demokratie fordern. Immerhin sind die oppositionellen Kräfte, darunter Linke, Sozialist_ innen und Liberale, fast so stark wie die Ennahda, die viele ihrer einstigen Wähler_innen vergrault hat.

Blockade-Spiel. Größtes Hindernis für die Umsetzung der dringend anstehenden Reformen in Tunesien ist, wie Analyst_innen betonen, der Kommunikationsboykott von Regierung und Opposition, der den wichtigen „nationalen Dialog“ verhindert. Man bezichtigt sich gegenseitig der Blockade und schiebt einander die Schuld am Stillstand zu. Das machen sich vor allem die gemeinsamen Feinde beider Seiten, die einstigen Nutznießer_innen des Ben-Ali-Regimes, zu Nutze und gießen noch Öl ins Feuer.
Auch die Terrorgruppe Al Qaida des Islamischen Maghreb erstarkte in den Revolutionswirren und bewaffnete sich während des Bürgerkriegs im benachbarten Libyen. Die Zahl der Anschläge – auch in Tourismusorten – steigt. Gerade der Tourismus ist jedoch wirtschaftlich die größte Hoffnung der jungen Demokratie, die kaum über Rohstoffe verfügt.
Wiederholt kam es auch zu Gewaltakten und Ausschreitungen rund um Kunstausstellungen und Filmpremieren, wenn gezeigte Inhalte nicht den rigiden Moralvorstellungen von selbsternannten Glaubenshüter_innen entsprachen. Von Moralhüter_innen in den Reihen der Justiz werden exemplarisch Prozesse gegen Jugendliche geführt, die Kuss-Fotos auf Facebook posten. Auch Musiker, wie die Rapstars Alaa Yaacoub und Ahmed Ben Ahmed aka Weld El 15 und Klay BBJ mussten untertauchen – wegen kritischer Songs, die der Revolutionsjugend aus der Seele sprechen, etwa ihrem Track „Polizisten sind Hunde“ (arab. „Boulicia Kleb“). In Abwesenheit hat man sie zu 21 Monaten Haft verurteilt.
Einer, der maßgeblich zum Umsturz Ben Alis beigetragen hat, ist Hamadi Kaloutcha – ein Alias des einstigen Cyberdissidenten Sofiène Ben Haj M’Hamed, der nach seinem Politikwissenschaftsstudium in Brüssel noch zu Diktaturzeiten nach Tunesien heimkehrte. Sein Pseudonym bot allerdings nur bedingt Schutz: Drei Tage war er nach einer Polizeirazzia unter Schlafentzug verhört worden. „Sie haben zwar nicht meinen Laptop, jedoch den meiner Ehefrau beschlagnahmt“, wie Ben Haj M’Hamed sagt. Er übersetzte unter anderem pikante Wikileaks-Dokumente, in denen es um Ben Ali geht, ins Französische und Arabische.
 

Trotz allem Optimist. Ben Haj M’Hamed ist nach wie vor Cyberaktivist. Gilt es doch das Erreichte zu verteidigen, und das Erhoffte zu erlangen. Ungefährlich ist das freilich nicht. Im Oktober wurde er, wie er selbst twitterte, aufgrund eines Facebook-Posts von islamistischen Schlägern physisch attackiert. Zudem ist Ben Haj M’Hamed als Filmemacher aktiv und verdient den Lebensunterhalt für sich und seine Familie mit Gelegenheitsjobs für ausländische Nachrichtenteams. Doch auch wie internationale Medien über die Situation in Tunesien berichten, kritisiert er: „Sie kommen mit vorgefertigten Meinungen. Manche Reportagen sind fertig, bevor die Teams zu drehen beginnen. Auch Journalist_innen von staatlichen TV-Sendern sind oft manipulativ und vorurteilsbehaftet.“ So würden mitunter etwa fälschlicherweise Salafist_innen als die dominante Kraft im Land dargestellt.
Auf die Frage, was sich verbessert habe, antwortet er: „Vieles“ und scherzt: „Nun muss ich nicht mehr mehrere Proxy-Server hintereinander schalten, um die Ortung meines Standortes zu erschweren, oder über fremde WLAN-Netze einsteigen. Ich war, bin und bleibe Optimist“, sagt Ben Haj M’Hamed und hofft auf einen baldigen Urnengang, eine Aufklärung der Morde an Belaid und Brahmi und eine Mehrheit der Linksliberalen bei den nächsten Wahlen. Eine echte Verfassung müsse her, und das rasch. Doch dafür sei ein ehrlicher und zielorientierter Dialog der Zerstrittenen in der Verfassungsgebenden Versammlung unabdingbar. Die dringend geforderten Wahlen wurden bereits mehrmals verschoben. So auch der im Juli angekündigte Termin für den 17. Dezember. „Die Geduld der Tunesier_innen wird weiter auf die Probe gestellt.“

Der Autor lebt als freier Journalist in Granada und schreibt regelmäßig über Spanien, Portugal und Nordafrika.

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