Bildung

Alma Mater und ihre Kinder

  • 11.10.2017, 17:12
Soziale Herkunft und Geschlecht sind die großen Selektionskriterien für wissenschaftliche Karrieren. Ein kritischer Blick in die Promovierenden-Statistik.

Schließlich waren die Existenzängste zu groß. Kurz vor dem Auslaufen ihres Stipendiums sah sich Camille Liessem (Name geändert) gezwungen, einen Job anzunehmen, obwohl sie kurz vor ihrem Abschluss stand. Die 32-Jährige ist Mutter zweier Kleinkinder: „Besonders wegen der Kinder will ich nicht immer nur am Limit kratzen und auch finanziell unabhängig von meinem Partner sein.“ Gleichzeitig weiß Camille, wie gefährdet ihr Studium seit dieser Entscheidung ist.

Die prekäre Situation ist für viele Promovierende belastend. Jede_r fünfte Studierende im Doktorat kämpft mit finanziellen Schwierigkeiten. Davon sind insbesondere jene betroffen, die ihre Dissertation über ein Stipendium finanzieren und in geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern promovieren. Erschwerend kommen Betreuungsverpflichtungen hinzu: 21 Prozent der Dissertant_innen haben ein Kind, das jünger als 25 Jahre ist. Camille will sich durchbeißen: „Irgendwie schaffe ich das“, ist sie sicher. „Das hat mit Stolz zu tun und ein bisschen auch mit Trotz – weil viele seit meiner letzten Schwangerschaft davon ausgehen, dass ich früher oder später abbreche.“

Voller Kopf, leere Geldbörse

Zwei Drittel der Promovierenden schreiben ihre Doktorarbeit weder im Rahmen ihrer Erwerbstätigkeit noch finanziert über ein Stipendium. Sie forschen ohne Förderung. Lediglich 30 Prozent können Dissertation und Lohnarbeit vereinbaren (z. B. als Assistent_in an einer Universität) und nur fünf Prozent erhalten ein Lebensunterhaltskosten sicherndes Stipendium. Österreich ist damit unrühmliches Schlusslicht im europäischen Vergleich, wie eine Eurodoc-Studie schon 2011 festgestellt hat. Ein heuer veröffentlichter Zusatzbericht der Studierenden-Sozialerhebung des Instituts für Höhere Studien (IHS), in dem die Studienbedingungen der 25.231 Doktorand_innen durchleuchtet wurden, zeigt, dass sich die Situation in den letzten Jahren verschärft hat.

Am wenigsten gefördert werden die 10.863 Promovierenden in den rechts-, geistes- und kulturwissenschaftlichen Studien: Hier müssen knapp über 80 Prozent eine studienunabhängige Einkommensquelle finden. Besser stellt sich die Situation in den ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studien dar (9.400 Promovierende), in denen 54 bzw. 44 Prozent ihre Doktorarbeit im Rahmen der Erwerbsarbeit schreiben können. Erschwert wird die prekäre Situation durch die Tendenz zur (teil-)strukturierten Promotion, bei der zusätzlich zur Dissertation zeitaufwändige Qualifikationsleistungen erbracht werden müssen, die häufig an ECTS-Punkte gebunden sind.

Im Schatten der Eltern

Die Auswertung der soziodemografischen Faktoren der Studie ergab, dass die Doktoratsstudierenden mit einem Durchschnittsalter von 34,7 Jahren im Vergleich zur Erhebung 2003/04 älter werden und dass nur 46,5 Prozent von ihnen Frauen sind – obwohl diese in den Studien vor dem Doktorat mit 53 Prozent die Mehrheit stellen.

Die Wahrscheinlichkeit, ob jemand studiert, lässt sich nach wie vor am besten am Bildungsstand und am Beruf der Eltern ablesen. Dieser Zusammenhang verstärkt sich im Doktorat. Dissertant_innen stammen noch häufiger als Universitätsstudierende in einem Bachelor-, Master- oder Diplomstudium aus einer hohen oder gehobenen sozialen Schicht (57 %). In den vergangenen Jahren ist dieser Anteil gestiegen, während der Anteil der Doktorand_innen aus niedriger Schicht (16 %) leicht gesunken ist.

Wolfgang Fauth (Name geändert) kommt aus einem Milieu, das in der IHS-Studie prototypisch als niedrige soziale Schicht bezeichnet wird: Die Großeltern waren Bauern, seine Eltern Schichtarbeiter und Hausfrau. Als erster in der Familie hat er sich nach dem Gymnasium für ein Studium entschieden. Fehl am Platz – so wie es viele Arbeiterkinder bisweilen erleben – habe er sich dennoch an der Universität nie gefühlt: „Vielleicht lag’s an meiner Clique“, meint Wolfgang rückblickend. „Alle in meinem Freundeskreis stammen aus Nicht-Akademikerfamilien vom Land.“ Die Finanzierung des Studiums war durch eine Uni-Anstellung gewährleistet, das sei seinen Eltern wichtig gewesen: „In unseren Gesprächen über mein Doktorat standen praktische Dinge im Vordergrund, aber ich weiß trotzdem, dass sie stolz darauf sind, was ich geschafft habe.“

Kopftuch ist kein Widerspruch

Die erschwerenden finanziellen Rahmenbedingungen, aber auch strukturelle Diskriminierungen innerhalb des Hochschulsystems befeuern gesellschaftliche Schieflagen: 61 Prozent der Studierenden, die ihr Doktorat im Rahmen einer Anstellung bezahlt verfassen, sind männlich und kommen vergleichsweise selten aus einer niedrigen sozialen Schicht. Ebenfalls wenig vertreten sind Promovierende der ersten und zweiten Zuwanderer_innengeneration.

Lediglich sechs Prozent der promovierenden Bildungsinländer_innen haben einen Migrationshintergrund. Die gebürtige Bosnierin Esma Filipović (Name geändert) ist eine von ihnen. Sie ist in der dritten Klasse Volksschule ins österreichische Schulsystem eingestiegen. Nach Studium und mehreren Jahren im Berufsleben hat die 34-Jährige über eine Mitarbeit bei einem universitären Forschungsprojekt wieder Feuer an der Wissenschaft gefangen und mit dem Doktorat begonnen. Als Migrantin, Frau, Mutter und Kind aus einer Arbeiter_innenfamilie sind Esmas Hürden groß, aber nicht weniger groß ist ihre Motivation: „Ich möchte mich in meinem zweiten Heimatland vor allem über Bildung integrieren.“ Dass sie Kopftuch trägt, habe ihr im akademischen Umfeld keine Benachteiligung gebracht, betont sie: „Vielmehr erlebe ich unterstützende Reaktionen. Man zeigt mir, dass auch ich dazugehöre.“ Gleichzeitig spürt sie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung: „Mir ist es in Bezug auf die mediale Diskussion wichtig, klassische Bilder umzudrehen. Ich möchte zeigen, dass es natürlich muslimische Frauen mit Kopftuch gibt, die gebildet sind.“

Leistungsbegriff in Kritik

Dass Arbeiter_innenkinder sukzessive an den wissenschaftlichen Karriere-Schnittstellen verlorengehen, wirke auf verfügbares Wissen zurück, kritisiert Tamara Ehs, Vorstandsmitglied der „IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen“: „Wissenschaft ist nie unabhängig von den Forscher_innen, die auch aufgrund ihrer Biografie bestimmte Fragen an ihr Fach richten.“ Doch mit dem Universitätsgesetz 2002 habe die Politik jegliche Steuerungsinstrumente an den globalen Markt übergeben. Seither richtet sich nicht nur die Vergabe von Fördermitteln an der internationalen Reichweite von Forschungsvorhaben, sondern mitunter auch die Auswahl der Promovierenden für bezahlte Stellen und Doktoratskollegs. Dies gehe zu Lasten derer, die nicht aus einem finanzkräftigen Elternhaus kommen, Kinder versorgen müssen oder sich aus anderen Gründen unbezahlte Auslandsaufenthalte nicht leisten können.

Ehs schlägt vor, den internationalen Leistungsbegriff an sich in Frage zu stellen und gesellschaftliche Verankerung von Forschenden wertzuschätzen: „Heutzutage können Promovierende, die nicht jeden Monat auf einer anderen Konferenz im Ausland sind oder an fünf Unis geforscht haben, nichtsdestotrotz weltweit Kontakte pflegen und über internationale Forschung informiert sein. Sie bringen sich im Gegenzug oft vor Ort mehr ein und zeigen gesellschaftspolitisches Engagement. Die Betreuung von Flüchtlingen bei Behördenwegen zum Beispiel ist ebenso eine internationale Erfahrung.“

Verlorenes Praxiswissen

Wissensproduktion an Hochschulen kann auch aus dem Blickwinkel der „Third Mission“ betrachtet werden: Neben Forschung und Lehre spielt der Wissenstransfer zunehmend eine wichtige Rolle in Universitäten. Die Implementierung einer aktiven Vernetzung von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft haben sich viele Hochschulen explizit auf die Agenda geschrieben. Entsprechend sieht es die Journalistin Julia Herrnböck als Bringschuld der Unis, sich auch um Studierende zu bemühen, die aus der Wirtschaft kommen, um in ihrem Fachbereich zu forschen: „Dieser Fall ist offenbar nicht vorgesehen“, konstatiert sie enttäuscht über das Fehlen von Förderprogrammen für Doktorand_innen wie sie eine ist, die nicht unmittelbar in Anschluss an ein Grundstudium mit der Promotion beginnen, dafür aber Wissen aus der Praxis mitbringen: „Das halte ich für einen Fehler, weil viel Wissen und Potenzial nicht geschöpft wird.“ Die 35-Jährige steht noch am Anfang ihres Doktorats und will sich durch die hiesigen Strukturen nicht aufhalten lassen: „Neben einem anspruchsvollen Vollzeitjob ist ein Doktoratsstudium nicht möglich – jedenfalls nicht in guter Qualität und ohne auszubrennen. Wenn das in Österreich nicht klappt, werde ich mich im Ausland um ein Stipendium bewerben.“

Eine nicht geringe Anzahl von Promovierenden in Österreich ist den umgekehrten Weg gegangen – Tendenz langsam steigend: Rund 31 Prozent der Doktoratsstudierenden gehören zu den sogenannten Bildungsausländer_innen, die das reguläre Schulsystem nicht in Österreich absolviert haben.

Zerbrochene Träume

Wenn der erste Schritt im Doktoratsstudium gemacht und das eigene Forschungsvorhaben von der Uni akzeptiert wurde, heißt es durchhalten. Ein Einflussfaktor auf die Zufriedenheit von Promovierenden ist die Unterstützung durch Doktormütter und -väter. 40 Prozent sind mit der Betreuung ihrer Dissertation jedoch unzufrieden. Für manche steht und fällt damit die Motivation. So auch bei Anna Wanderer (Name geändert). Dabei hatte alles so gut angefangen: Schon während des Masterstudiums wurde die heute 29-Jährige als Projektmitarbeiterin angestellt. Es folgten Veröffentlichungen und Konferenzteilnahmen. Anna bewegte sich in einem akademischen Umfeld, erhielt finanzielle Unterstützung durch ihre Eltern und fühlte sich inmitten der Erfüllung ihres großen Lebenstraums. Dann kam die Ernüchterung: „Von meiner Betreuerin erhielt ich plötzlich nur mehr unkonstruktiven Gegenwind und keine Wertschätzung. Präsentationen des Arbeitsstandes empfand ich als Demütigung und zuletzt hatte ich deswegen mit massiven Angststörungen zu kämpfen.“ Sie beschloss, die Bühne unauffällig zu verlassen und exmatrikulierte sich. Den Mut, ihrer Betreuerin ihre Beweggründe offen zu kommunizieren, hat sie bisher nicht aufgebracht: „Mir tut wirklich weh, wie das gelaufen ist. Es hat mich zermürbt, verunsichert und verängstigt.“

Über einen Zeitraum von 24 Semestern wurde in der IHS-Studie eine Abbruchsquote von 46 Prozent erfasst. So individuell die Gründe für einen Abbruch sein mögen, so unbestreitbar sind die statistischen Beobachtungen, die zeigen, dass es mit Chancengleichheit und Diversity im universitären Nachwuchsbereich nicht weit her ist. In Bezug auf ihre soziodemografischen Merkmale unterscheiden sich Absolvent_innen jedenfalls kaum von den Promotionsstudierenden.

Cornelia Grobner ist freie Journalistin und Doktorandin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.

Kann Schule soziale Ungleichheit verringern?

  • 20.06.2017, 20:40
Stefan Hopmann ist international anerkannter Professor für Vergleichende Bildungswissenschaften an der Universität Wien. Mit progress spricht er über Schulkultur, Standardisierung und die Flucht des Mittelstandes.

Stefan Hopmann ist international anerkannter Professor für Vergleichende Bildungswissenschaften an der Universität Wien. Mit progress spricht er über Schulkultur, Standardisierung und die Flucht des Mittelstandes.

progress: Unser Schulsystem ist in vielen Dingen gut, aber schlecht darin, soziale Ungerechtigkeit zu verringern, stimmen Sie zu?
Stefan Hopmann: Ja, da stimme ich zu. Allerdings mit einem Nachsatz: Wieso nehmen wir eigentlich an, dass Schule Ungleichheit verringern kann oder soll? Meiner Meinung nach ist diese Ansicht Teil des großen Kompromisses, auf dem unsere Gesellschaft aufgebaut ist: Wir tauschen Steuern gegen Beteiligung am Risiko geboren zu sein, also Alter, Krankheit, Bildung.

In bürgerlichen Institutionen werden deshalb formal alle gleich behandelt. So auch im österreichischen Schulsystem: Alle sollen gleich behandelt werden, obwohl sie eigentlich verschieden sind. Das bedeutet, dass formal Chancengleichheit besteht, weil ja allen die gleichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Leider geht diese Rechnung in der Praxis aber nicht auf, da die SchülerInnen wie gesagt aus unterschiedlichen Kontexten kommen. Schwächere SchülerInnen bräuchten gezielte Förderungen, um die gleichen Chancen zu haben wie ihre KollegInnen. Reformen wie die Ganztagsschule sind diesem Gedanken widersprüchlich, weil sie eben diese Unterschiede nicht ausgleichen. Wir sprechen deshalb von einem kontrafaktischen Gleichheitsverständnis.

Wer kann Ungleichheit vermindern, wenn nicht die Schule?
Aktuell sind alle westlichen Gesellschaften von einem Anstieg an Ungleichheit gekennzeichnet, die Bildung alleine ist überfordert, wenn die Gesellschaft nicht ebenfalls versucht, Gleichheit zu schaffen. Dass Schule alleine überfordert ist, zeigt sich zum Beispiel an Leistungstests, also an Überprüfungen von SchülerInnenleistung wie PISA: Oft ist hier das Problem, dass sozial schwächere SchülerInnen auch schlechter abschneiden. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was die Ursache dafür ist: Liegt das schlechtere Ergebnis vor allem an LehrerInnen, SchülerInnen, didaktischen Methoden oder der Schulstruktur? Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur 10 bis 15 Prozent der Unterschiede lassen sich überhaupt auf Strukturen in der Schule zurückführen. Viel prägender sind Faktoren wie Herkunft, Muttersprache oder finanzielle Situation und Bildungsgrad der Familie. Wenn man also wirklich weniger Ungleichheit in der Gesellschaft schaffen will, muss man beginnen, auch Vermögen radikaler umzuverteilen.

Was ist das Problem am österreichischen Bildungssystem? Braucht es mehr Budget?
Nein, es braucht sicher kein größeres Budget. Wir haben bereits eines der teuersten Schulsysteme der Welt und geben mehr Geld aus als Länder wie Finnland oder Norwegen. Das Problem in Österreich ist also nicht die Größe, sondern die „gießkannenartige“ Verteilung der finanziellen Mittel. Man versucht, ganz im Sinne des oben beschriebenen Prinzips, allen möglichst gleich viele finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Viel effektiver wäre es meiner Meinung nach, statt großflächigen Reformen wie dem Pflichtkindergarten bedürftige Kinder und Einrichtungen gezielt zu unterstützen.

Sie sind Professor für Vergleichende Bildungsforschung – gibt es ein Land, das es richtig macht?
Ja und nein. Einerseits ist natürlich kein Schulsystem perfekt, andererseits gibt es schon Länder, von denen wir einiges lernen können. So werden zum Beispiel in manchen skandinavischen Ländern die Eltern viel stärker in den Schulbetrieb miteinbezogen. Zudem sind die Gestaltungsspielräume für Schulen viel größer. Oft ist die Schule Mittelpunkt einer Gemeinde und wird als sehr wichtig angesehen – da ist es dann selbstverständlich, dass sich der BürgermeisterInnen um den Sportplatz kümmern.

Natürlich leiden aber alle westlichen Gesellschaften unter dem Problem, dass es zu wenig soziale Durchmischung an Schulen gibt. Wir bezeichnen dies auch als „Flucht des Mittelstandes“. In allen westlichen Gesellschaften, also auch in Österreich, ist zu beobachten, dass Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder privat einschulen. Gesellschaftspolitisch ist das problematisch, man kann es aber nur durch mehr Qualität in den öffentlichen Schulen verhindern.

Wie kann man diesem Phänomen entgegenwirken?
Gezielte Förderungen schwächerer Schulen könnten der „Flucht des Mittelstandes“ entgegenwirken. Weil Bildung sehr wichtig ist, wird darin investiert. In vielen Ländern ist es nicht ungewöhnlich, einen Kredit aufs Haus aufzunehmen, um den Privatschulbesuch des Nachwuchses zu finanzieren. Eltern sind bereit, an allen Rädchen zu drehen, die sie nur irgendwie finden können, damit ihre Kinder auf die „richtige“ Schule kommen – und die ist eben oft privat. Die einzige Art, das zu unterbinden, ist an öffentlichen Schulen eine Qualität zu schaffen, die die „Flucht ins Private“ unnötig macht. Denn letztendlich sind es die Eltern, die die Schulentscheidung treffen und auf jeden Fall das Beste für ihr Kind wollen.

Welche Rolle spielen die LehrerInnen in der Umsetzung neuer Konzepte?
Eine Schlüsselrolle. Das Problem dabei ist, dass LehrerInnen nicht so sehr durch die Universität oder Ausbildung geformt werden wie durch den ersten Arbeitsplatz. Dort werden die neu Dazugekommenen nach dem Motto „Hier machen wir das so“ eingewiesen. Dadurch ändert sich sehr wenig an der Unterrichtsart an Schulen.

Dennoch gibt es auch Positivbeispiele und neue Konzepte wurden angenommen – zum Beispiel in Norwegen. Hier wird nun nicht länger in Klassen unterrichtet, sondern viel freier. Für die LehrerInnen hat das natürlich eine große Umstellung bedeutet: Sie wussten am Anfang eines Tages nicht mehr, was sie erwarten würde, mussten plötzlich viel spontaner sein und sich an neue Situationen anpassen. Anfangs hat das großes Misstrauen erweckt, doch nach einiger Zeit lernten sie die Vorteile schätzen. Allerdings brauchen solche Implementierungsprozesse immer Zeit, um die LehrerInnen von der Umstellung zu überzeugen. Dazwischen liegt ein „Jammertal“, eine Phase der Umgewöhnung und Ablehnung, die zu überwinden man den LehrerInnen helfen muss. Man sollte ihnen also vor Augen führen, warum sich die Umstellungen lohnen könnten und Engagement belohnen.

Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: Als beispielsweise die Neue Mittelschule (NMS) eingeführt wurde, gab es viele LehrerInnen, die Initiative ergriffen haben und tolle, neue Konzepte ausgearbeitet haben. Als die NMS dann zur Regelschule erklärt wurde, wurden viele dieser Konzepte verboten. Natürlich ist so etwas sehr frustrierend und hemmt den Willen der LehrerInnen, sich auf Neues einzulassen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Standardisierung und Chancengleichheit?
Ja, aber einen kontrafaktischen: Die Begründung von Standardisierung ist eigentlich, dass die Besten durchkommen, wenn man allen die gleichen Ressourcen gibt. Wenn also alle einen Standard erfüllen müssen und das gleiche Maß an Unterstützung bekommen, sollte Herkunft kein ausschlaggebender Faktor zum Schulerfolg sein. In der Realität ist das aber oft anders herum.

Grund dafür ist einerseits, dass diejenigen mit mehr Ressourcen auch mehr Ressourcen haben, um auf neue Standards zu reagieren. So können sich SchülerInnen aus reicheren Familien beispielsweise Zusatzmaterialien zu neuen Standards wie der Zentralmatura leisten, die für finanziell weniger starke KollegInnen schwerer zugänglich sind. Außerdem profitieren Kinder aus bildungsnäheren Familien von der längeren Schulerfahrung der Eltern.

Hinzu kommt noch, dass im Zuge der zunehmenden Standardisierung SchülerInnenleistungen immer öfter überprüft werden. Das bedeutet auch, dass von dem, was die SchülerInnen leisten, auf die Leistung von Schule und Lehrenden geschlossen wird. Dass so ein linearer Schluss nicht treffend ist, mag logisch erscheinen, in der Praxis wird aber genau auf diese Weise argumentiert. So stehen Lehrende und Schulen unter Druck – plötzlich müssen sie sich rechtfertigen, wieso ihre Klasse oder ihr Jahrgang etwas kann oder nicht kann. LehrerInnen neigen deshalb dazu, sich auf das mittlere Leistungsfeld zu konzentrieren, denn hier ist es am einfachsten, Zugewinne zu generieren. Dabei geht das Augenmerk auf SchülerInnen, die über- oder unterdurchschnittliche Leistungen erbringen, verloren. VerliererInnen der Standardisierung sind also die sozial Schwachen.

Sie stellen dem das Konzept der starken Schule entgegen.
So ist es. In der Schule gibt es zwei wichtige Pole, zwischen denen den SchülerInnen Wissen vermittelt wird: Einerseits ist das Qualifizieren, also das Erlernen bestimmter Fähigkeiten bzw. Kompetenzen, ein wichtiger Aspekt. Andererseits von großer Bedeutung ist das Kultivieren, also das Sozialisieren, das dazu führt, dass Kinder Teil einer Gemeinschaft und letztlich Mitglieder unserer Gesellschaft werden.

Ich reise aktuell mit einer Vortragsreihe zum Thema „starke Schule“ durchs Land, da ich überzeugt bin, dass der Fehler, der gerade gemacht wird, ist, dass zu viel Fokus auf Qualifizierung gelegt wird. Dabei geht die Schulkultur verloren.

Eine Schule ist stark, wenn sie eine starke Schulkultur hat. Das bedeutet, dass klar ist, warum die SchülerInnen da sind, was sie machen sollen und wie. Meiner Ansicht nach ist das einer der Hauptgründe, warum SchülerInnen an Privatschulen meist gute Ergebnisse erzielen. Solche Schulen haben eine klare Identität, mit der man sich identifizieren kann. Allen Kindern ist klar, was die Schule, die sie besuchen, ausmacht.

Wie profitieren sozial schwächere Kinder von dem Konzept der starken Schule?
So eine starke Schulkultur macht es neuen oder sozial schwächeren SchülerInnen einfacher, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Untersuchungen haben ergeben, dass durch starke Schulkultur langfristig alle SchülerInnen bessere Ergebnisse in Leistungstests erzielen. Kinder, die an Schulen wie „die Schotten“ gehen, fühlen sich als Teil eines Ganzen und sind stolz auf ihre Schule. Darum helfen sie sich gegenseitig und sind motivierter, weil man das so macht hier. Solche sozialen Dynamiken sind extrem wirkungsvoll.

Clara Porak studiert Deutsche Philologie und Bildungswissenschaften an der Universität Wien.

In einer Bank arbeiten statt sie zu putzen

  • 11.05.2015, 08:36

Im März eröffnete in Wien das erste muslimische Frauenhaus. Über die Notwendigkeit von Hilfen, öffentliche Missverständnisse und Zukunftsvisionen sprach progress mit Silke Kettmann-Gamea bei einem Lokalaugenschein.

Im März eröffnete in Wien das erste muslimische Frauenhaus. Über die Notwendigkeit von Hilfen, öffentliche Missverständnisse und Zukunftsvisionen sprach progress mit Silke Kettmann-Gamea bei einem Lokalaugenschein.  „Angefangen hat alles in der Frauengruppe im muslimischen Zentrum vor ein paar Jahren“, erzählt Silke Kettmann-Gamea. Ein neu eingerichtetes Büro zwischen Donaukanal und Hannovermarkt, im Herzen von Brigittenau: In den Ecken stapeln sich Decken, Kleidung und Kuscheltiere – Spenden, die für das neu gegründete Projekt „Hatice“ abgegeben wurden. „Damals stieß eine konvertierte Frau zu uns, die nicht wusste wohin. Ich bot ihr meine Hilfe an.“ Das sei ein häufiges Problem, fährt die Mittvierzigerin fort. Viele Familien reagieren mit Ablehnung darauf, wenn ihre Kinder den Islam für sich entdecken. „Das ist ganz normal, dass das anfangs ein Schock ist. Man muss bloß den Fernseher einschalten und schauen, wie über den Islam berichtet wird.“ Doch nicht nur Konvertitinnen brauchen Hilfe. Die Frauengruppe war oft die erste Anlaufstelle für Probleme jeder Art.

WAS HAST DU FÜR EIN PROBLEM? Kettmann-Gamea arbeitete damals als Begleitlehrerin in der islamischen Volksschule des Vereins Jetzt – Zukunft Für Alle. Immer wieder baten dort Frauen um ihre Unterstützung. Da war es für sie der konsequente nächste Schritt, mehr anzubieten als spontane Privatunterkunft oder hier und da ein behördliches Schreiben in Alltagsdeutsch zu übersetzen. Anfang des Jahres wurden durch den Verein günstige Wohnungen angemietet und hergerichtet. Vor Kurzem sind die ersten Frauen eingezogen, sie leben in Wohngemeinschaften verschiedener Größe, je nachdem, wer sich miteinander versteht oder wer wie viel Platz braucht. „Das war uns wichtig, dass die Frauen quer durch die Stadt verteilt wohnen. Nicht nur aus Sicherheitsgründen. Wir hoffen, dass durch die WGs gegenseitige Unterstützung entsteht, aber auch, dass der Kontakt zu den NachbarInnen leichter fällt.“ Je nach Einkommen zahlen die Frauen Miete. Finanziert wird das Projekt aus Spenden und privaten Mitteln. „So lange wir uns das leisten können, soll es so bleiben.“

In der Anlaufstelle stehen eine Sozialarbeiterin und Integrations- und Frauencoaches zur Verfügung. „Viele Frauen kommen und wissen gar nicht genau, was sie wollen oder welche Möglichkeiten sie haben. Anfangs muss man grundlegend klären: Was hast du überhaupt für ein Problem?“ Wie in jedem Hilfeprozess wird sortiert, Prioritäten werden gesetzt und Zuständigkeiten ermittelt. Es wird auch geklärt, was „Hatice“ anbieten kann, wofür die verschiedenen öffentlichen Einrichtungen da sind, und was andere Vereine aus dem bestehenden Netzwerk übernehmen können.

NICHT NUR PUTZFRAUEN. Kettmann-Gamea schildert, dass es für viele Musliminnen schwierig sei Hilfe anzunehmen. Sie fürchten, nicht akzeptiert und unterstützt zu werden, auf Vorurteile zu stoßen oder aufgefordert zu werden, das Kopftuch abzulegen. Viele der Frauen sind nach islamischem Recht verheiratet. Bei Trennungen, Konflikten und auch wenn Kinder im Spiel sind, besteht häufig der Wunsch, Lösungen im Sinne der Scharia zu finden. Hier wird gemeinsam mit einer Rechtsberaterin und einem Juristen nach einem gangbaren Mittelweg gesucht.

Der Diskriminierung am Arbeitsmarkt möchte man durch Kooperationen mit Ausbildungsstellen entgegensteuern. Derzeit werden Frauen vorwiegend im Care-Bereich, in Kinderbetreuung und Altenpflege, vermittelt. Kettmann-Gamea möchte Frauen, die Kopftuch tragen, ermutigen, beruflich Fuß zu fassen und in der Öffentlichkeit präsent zu sein. „Vor ein paar Jahren gab es Berufe, die waren regelrechte Männerdomänen, das bricht langsam auf. Und warum sollte es nicht auch irgendwann möglich sein, dass eine Frau mit Kopftuch in der Bank hinter dem Schalter arbeitet, statt sie zu putzen?“

KRITISCHE STIMMEN. Der Trägerverein Jetzt – Zukunft Für Alle stand nach der Schließung der privaten Volksschule Anfang des Jahres in der Kritik. Auch das Projekt „Hatice“ wurde medial angegriffen. „Zunächst einmal sind wir nicht die Schule, sondern ein eigenes Projekt“, stellt Kettmann-Gamea klar. „Und zweitens: Die polizeilichen Ermittlungen dazu sind abgeschlossen, die Schule wurde von allen Anklagepunkten freigesprochen. Darüber berichtet niemand. Vom Stadtschulrat kam noch keine Reaktion.“ Weder Rechtsabteilung noch PressesprecherInnen des Stadtschulrats wollten progress diesbezüglich Auskunft geben.

Auch der Verein Wiener Frauenhäuser reagierte verschnupft auf das neue Projekt, nachdem es hieß, in seinen Einrichtungen dürften Muslimas ihre Religion nicht frei ausüben. „Das war ein Missverständnis“, räumt Kettmann-Gamea ein. „Ich glaube nicht, dass sie sagen: Du darfst nicht beten. Ich finde es wichtig, dass es solche Einrichtungen gibt, aber ich finde es genauso wichtig, dass es uns gibt. Man sieht ja, es wird gebraucht. Sonst würde es keinen Menschen interessieren.“ Kontakt gab es zwischen den beiden Vereinen bislang nicht, so Irma Lechner, Leiterin des dritten Wiener Frauenhauses: „Eigentlich ist das üblich in Wien, dass neue Projekte sich ankündigen und vernetzen. Aber mit Sicherheit ergeben sich irgendwann Schnittstellen.“ Eigenständig wolle man jedoch nicht auf das neue Projekt zugehen.

ZUKUNFTSMUSIK. Dass „Hatice“ sich als „Frauenhaus“ bezeichnet, folgt einem anderen Gedanken als jenem, der hinter Frauenhäusern steht, die Gewaltschutzeinrichtungen mit hohen Sicherheitsstandards sind: Es soll ein Ort für Frauen sein, für alle Frauen. Auch trans* Frauen. Egal welches Problem und welche Religion sie haben. Wenn sie sich etwas wünschen könnte, dann, dass alle Menschen eine Gemeinschaft sind. „Jeder für jeden, jede mit jedem, egal welcher Herkunft, egal ob Christ, Jude oder Moslem. Vielleicht erleb’ ich das ja noch.“

Zum Abschied überreicht Kettmann-Gamea einen Folder der noch jungen Dokumentationsstelle zur Durchsetzung von Gleichbehandlung für Muslime der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Eigene Folder hat „Hatice“ noch nicht, auch die Homepage ist noch im Aufbau. So wie vieles derzeit: Aktuell verhandelt der Trägerverein mit der Wiener RosaLilaVilla über die Bereitstellung leistbaren Wohnraums für LGBTI-Flüchtlinge: „Eigentlich hat alles ja gerade erst angefangen.“

 

Eva Grigori hat Germanistik in Göttingen und Wien studiert und beendet derzeit den Master Soziale Arbeit in St. Pölten.

 

Hört auf, so lange ihr noch könnt!

  • 25.03.2015, 17:46

Leistungsdruck, Versagensängste und prekäre Anstellungsverhältnisse: Zahlt es sich überhaupt noch aus, zu studieren? progress hat mit Studis gesprochen, die die Entscheidung für die Uni anzweifeln – aus guten Gründen.

Leistungsdruck, Versagensängste und prekäre Anstellungsverhältnisse: Zahlt es sich überhaupt noch aus, zu studieren? progress hat mit Studis gesprochen, die die Entscheidung für die Uni anzweifeln – aus guten Gründen.

Jung, erfolgreich und immer lächelnd. So werden Studierende auf den Webseiten von Universitäten, Fachhochschulen und Absolvent_innenvereinen gemeinhin dargestellt. Doch hinter den Kulissen spielen sich ganz andere Geschichten ab. Verbitterte Mienen und frustrierte Gesichter passen jedoch nicht in die Happy-Pepi-Welt der universitären PR-Abteilungen. „Hätte ich nicht studiert, hätte ich nicht drei Jahre meines Lebens weggeworfen“, resümiert Nina ihre akademische Laufbahn. Damit ist sie nicht alleine. Obwohl ihre Generation wohl die am besten ausgebildete, die internationalste und vielsprachigste ist, die jemals nach Hörsaal und Praktikum an die Pforten der Arbeitswelt geklopft hat, gibt es jene, die es bereuen, ein Studium begonnen oder auch absolviert zu haben. Unsere Gesprächspartner_innen, die von enttäuschten Erwartungen und Zukunftsängsten berichten, wollten anonym bleiben – für die Selbstdarstellung am Arbeitsmarkt sind ihre Geschichten wohl nicht förderlich. Wir haben im Folgenden daher alle Namen geändert.

WEGGEWORFENE ZEIT. Für Nina waren die drei Jahre, die sie studiert hat, schlichtweg weggeworfene Zeit. Ihre pädagogische Ausbildung musste sie kurz vor dem Abschluss aufgrund von Differenzen mit ihrem neuen Praxis-Betreuer abbrechen. „Er war der Meinung, es sei grob fahrlässig, mir einen Abschluss zu geben. Ich hätte die Praxis zwar wiederholen können, doch er versicherte mir, dass er mich nie durchlassen würde. Das Studieren ist für mich endgültig gestorben.“

Evas Lehramtsstudium war noch während der Studieneingangsphase zu Ende. Bereits am ersten Tag hatte sie ihre Entscheidung bereut. In kaum einer Vorlesung bekam sie einen Sitzplatz und wenn sie mal eine Vorlesung verpasste, hieß es von den Kolleg_innen nur: Pech gehabt! „Niemand wollte mir helfen, da jede_r froh war, wenn einmal die Hälfte fliegt und endlich jede_r einen Sitzplatz hat.“ Die Entscheidung, mit dem Studium aufzuhören, wurde ihr dann ohnehin abgenommen: Ein zweimaliges Durchfallen in der Pädagogik-Vorlesung mündete in einer lebenslänglichen Sperre für alle Lehramtsstudien. Auf Umwegen wurde Eva schlussendlich auf einem Kolleg für Sozialpädagogik glücklich.

Lucia bereut es, mit ihrem Studium an der Universität für Bodenkultur überhaupt begonnen zu haben. Der intellektuelle Anspruch gehe gegen Null: „Prüfungen bestehen in meinem Studium zu fünfzig Prozent aus stupidem Auswendiglernen des Skriptums, zu vierzig Prozent aus stupidem Reinsaugen eines Fragenkataloges und nur für die restlichen zehn Prozent muss mensch sich vielleicht wirklich ein paar eigene Gedanken machen. Das ist für mich allerdings keine Art, ein Studium zu absolvieren.“

Multiple-Choice-Tests, Knock-Out-Prüfungen, schlechte Betreuungsverhältnisse und eine unreflektierte Auseinandersetzung mit dem Stoff sind gängige Praxis. Viele Studienanfänger_innen bringen allerdings eine gänzlich andere Erwartungshaltung mit. Auch Eltern, ältere Geschwister, Bekannte und Lehrer_innen haben in vielen Fällen wenig Ahnung von der heutigen Studienarchitektur und den, mit Verlaub, oftmals beschissenen Studienbedingungen.

GEH AUF DIE UNI, HAM’S G’SAGT. Anna meint zurückblickend, sie hätte sehr glücklich werden können, wenn sie mit 16 eine Ausbildung zur Floristin gemacht hätte. Bezüglich ihrer abgebrochenen Ausbildung an einer Kunstuniversität berichtet sie von Zuständen, die einem Bootcamp ähneln, von Professor_innen, die Studis demütigen und Auseinandersetzungen, die oft in Tränen endeten. „Für mich und meine Familie war es jedoch undenkbar, etwas anderes als Matura zu machen und anschließend zu studieren.“

Annas Erzählung erinnert stark an eine Studie von Gabriele Theling aus den 80ern, die sich unter dem Titel „Vielleicht wär’ ich als Verkäuferin glücklicher geworden“ den schwierigen Bedingungen für Studentinnen aus Arbeiter_innenfamilien widmete. Die soziale Selektivität des österreichischen Bildungssystems ist bis heute von ungebrochener Aktualität, denn Bildung wird nach wie vor vererbt. Laut der aktuellen Statistik-Austria-Publikation „Bildung in Zahlen“ erreichen mehr als die Hälfte der 25- bis 44-Jährigen aus Haushalten, in denen ein Elternteil über einen akademischen Abschluss verfügt, ebenso einen solchen Abschluss. Unter Personen aus bildungsfernen Haushalten hingegen (mit Eltern, deren höchster Abschluss die Pflichtschule ist) erreichen nur etwa 6 Prozent einen akademischen Abschluss. Während es bei den einen um die Finanzierung des nächsten Urlaubes geht, geht es bei anderen um die Finanzierung des vollen Kühlschrankes.

Steht auf der einen Seite die Unmöglichkeit oder Unvorstellbarkeit zu studieren und in eine fremde Welt einzutauchen, so sprechen andere Geschichten die Kehrseite der Medaille an. Aus der Chance zu studieren wird die Erwartung zu studieren, beziehungsweise wird das Studium zur vermeintlich einzigen Option für eine erfolgreiche Lebensgestaltung. Die jetzige BOKU-Studentin Lucia erinnert sich an die Worte ihres Gymnasiallehrers zurück: Fachhochschulen seien für Menschen, die nicht selbst denken wollten, die es einfach haben wollten. Natürlich könne man diesen einfachen Weg gehen, wenn man sich einem „echten“ Studium nicht gewachsen fühle. 

Vor allem abseits der Ballungszentren mit vielen Wahlmöglichkeiten erscheinen die Bildungswege für viele Kinder aus Familien mit dem entsprechenden sozialen und finanziellen Hintergrund vorgefertigt. „Volksschule, Gymnasium und Matura. Was nun? Nach einem Abschluss am Gymnasium muss mensch ja studieren, um überhaupt Chancen am Arbeitsmarkt zu haben“, beschreibt Lucia ihre Entscheidung, an der Uni zu inskribieren.

Am vermeintlich vorbestimmten Weg kommt jedoch häufig eine gewisse Orientierungslosigkeit auf. Peter berichtet, nach einigen Jahren Berufstätigkeit eigentlich aus Langeweile sein Kunstgeschichte-Studium begonnen zu haben. Nach dem Bachelor entschied er sich, leider, wie er nun sagt, für den scheinbar einfachsten Weg und hing den Master dran. Auch weil ihm seine Eltern ständig im Ohr lagen und den Abschluss von ihm erwarteten – am besten mit Dissertation hinten nach.  

KRIEGST AN GUTEN JOB, HAM’S G’SAGT. Doch nicht nur schlechte Studienbedingungen oder die vermeintlich fehlende Alternative zum Studium bereiten Kopfzerbrechen. Amir machte sein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft immer sehr gerne. Nebenbei schloss er auch noch in Politikwissenschaft ab. Von Anfang an wusste er genau, welche Inhalte er sich herausnehmen und was er damit machen will. Heute rät Amir jedoch dringend von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern ab: „Wenn ich mir im Nachhinein ansehe, wie viel Aufwand ich für mein Studium betrieben habe und was ich jetzt davon habe – es rechnet sich einfach nicht.“ Während des Studiums lebte Amir unter schwierigen Bedingungen, kam gerade noch so über die Runden. Und nach dem Studium war er erst mal jahrelang auf Arbeitssuche. Mit jeder Absage nahm auch der seelische Druck zu. „Bin ich denn unbrauchbar? Was habe ich im Leben falsch gemacht? Je länger der ersehnte Erfolg ausbleibt, desto tiefer dreht sich die Spirale nach unten, desto belangloser wird das Leben.“ Sein Fazit: Im Nachhinein würde er sich in Jus, Medizin oder einem technischen Studium besser aufgehoben fühlen. Geistes- und Sozialwissenschaftler_innen würden in der Gesellschaft zu wenig honoriert und trotz ihrer Relevanz als „unbrauchbar“ abgestempelt.

Ein Problem, das auch Alina mit ihrem Medienwissenschafts- und Germanistikstudium nur zu gut kennt: „Es fällt mir zunehmend schwer, meinem Studium irgendeinen Wert zuzugestehen, wenn mir selbst von anderen Studierenden immer wieder gesagt wird, wie nutzlos es ist. Natürlich ist ein Studium nie umsonst und es hat mich bestimmt zu einem besseren Menschen gemacht, aber mit einer reflektierten Persönlichkeit kann man halt nicht die Miete zahlen.“ Daher rät sie ihren möglichen Nachfolger_innen: „Brecht euer Studium ab, bevor es zu spät ist! Wenn mensch noch nicht so lange wie ich drin ist, hat man noch die Möglichkeit, auszusteigen und doch noch eine Ausbildung anzufangen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Ausbildung zur Köchin oder Gärtnerin mir sehr viel mehr Freude bereitet hätte.“

NO FUTURE UND WIE WEITER? Aus Angst und Verzweiflung hat Denise bereits Tränen vergossen. Freitagabends sitzt sie mit ihrem Laptop am Bauch an ihrer Masterarbeit für ihr Soziologiestudium. „Das Arbeitsleben betreffend habe ich Angst, dass mich niemand will, dass mich die Arbeit nicht glücklich machen wird, dass ich mir selbst nicht genug sein werde. Aber leider will es sich nicht in mein Hirn einbrennen, das sich mein Wert nicht durch meinen Arbeitswert bestimmt. Leider hab ich Angst davor, dass sich das nicht ändert, so arg dass ich nicht schlafen kann.“ 

Franz Oberlehner, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Studierende in Wien, spricht bei solchen Fällen von der Studienabschlussproblematik: „Für manche kann es sehr schwierig sein abzuschließen, weil oft nicht klar ist, was einen danach erwartet. Dies kommt aber nicht nur bei geistes- und sozialwissenschaftlichen Studierenden vor. Selbst bei Medizin oder technischen Studien gibt es häufig Ängste vor dieser Schwelle. Das hat natürlich damit zu tun, dass der allgemeine Druck ständig größer wird“. Laut aktueller Studierenden-Sozialerhebung leidet fast ein Drittel der Studierenden unter Leistungsdruck und Versagensängsten, ein Fünftel unter Existenzängsten und depressiven Stimmungen. „Der Mythos vom studentischen Lotterleben war schon immer da und schon immer falsch. Aber die Studierenden internalisieren ihn mehr als früher. Sie kommen sich so vor, als würden sie nichts leisten“, so Oberlehner.

Auswege aus den unzähligen individuellen Krisen sind kaum zu formulieren. Sie alle sind Produkt einer Gratwanderung zwischen relativer Selbstbestimmung und dem Zurechtkommen in einer Gesellschaft, die sich zunehmend entlang ökonomischer Verwertbarkeit ausrichtet. Unter diesen Umständen eine Portion Selbstironie und Sarkasmus zu bewahren, fällt schwer. Die studierte Historikerin Stefanie Schmidt scheint jedoch genau darin ein Rezept gefunden zu haben, um mit der vermeintlich ausweglosen Situation klar zu kommen. In der taz schreibt sie in ihrer pointierten Abhandlung zum arbeitslosen Akademiker_innen-Dasein: „Nach 400 Bewerbungen jedenfalls weiß ich nicht mehr, wer oder was ich eigentlich bin oder sein will. Gestern Unternehmensberaterin, heute Sozialarbeiterin, morgen Feuerwehrmann? […] Das Resultat dieser Tortur ist, dass sich neben dem Ego noch zwei weitere entwickeln, von denen eines denkt, warum bist du damals nicht zur Fremdenlegion gegangen?“

 

Klemens Herzog studiert Journalismus und Neue Medien an der FH der Wirtschaftskammer Wien.

Elftes Gebot: Du sollst kein Tschuschisch sprechen!

  • 18.03.2015, 13:25

Die Rektorin einer Mödlinger Privatschule verhängte am Montag ein Deutsch-Gebot. Das kommt auch an öffentlichen Schulen vor, ist aber illegal.

Die Rektorin einer Mödlinger Privatschule verhängte am Montag ein Deutsch-Gebot. Das kommt auch an öffentlichen Schulen vor, ist aber illegal.

Am 16. März verschickte OStR Mag. Marina Röhrenbacher einen Brief an die SchülerInnen der Vienna Business School Mödling (VBS). Er ist fett mit „Amtssprache Deutsch“ übertitelt. Darin steht, fortan dürfe – abgesehen vom Fremdsprachen-Unterricht – nur noch Deutsch in der Schule gesprochen werden. Jugendliche, deren Eltern kaum Deutsch beherrschen, sollen sich demnach für Telefonate mit ihren Verwandten einen Bereich suchen, wo sie niemanden stören. Grund sei ein „interkultureller Konflikt“ zwischen einer makedonischen Putzkraft und einem albanischen Schüler. Der Brief wurde in sozialen Medien publik, was der Schule einen Shitstorm einbrachte. Anstatt das Schriftstück zurückzunehmen, wurde es als Missverständnis verkauft. Man stehe eh für Vielfalt, so eine Aussendung.

MELEK ÖT (Name von der Redaktion geändert) ist Lehrerin an einer Wiener Volksschule. Sie unterrichtet Kinder mit Muttersprache Türkisch. In jeder Volksschule haben Kinder nämlich das Recht auf einen gewissen Umfang Unterrichtsstunden in ihrer Muttersprache. Das findet meist während des Regelunterrichts in Kleingruppen statt. Öt meint, die Intention der VBS zu verstehen: „Diese Regelung, dass Deutsch gesprochen werden sollte, kann ich für den Unterricht oder die Kommunikation mit dem Lehrpersonal schon nachvollziehen.“ Die Unterrichtssprache ist auch grundsätzlich auch rechtlich geregelt. Problematisch wird es bei der Freizeitgestaltung.

Die Antirassismus-Meldestelle ZARA veranstaltet Workshops mit Jugendlichen, und dem Verein seien Schulen bekannt, welche immer wieder durch solch „krude interne Policies“ hinsichtlich sprachlicher Ge- und Verbote auffielen. Öt bestätigt, dass die Diskussion nicht abreißt: „In meiner Schule wollte eine Lehrerin auch verordnen, dass zwei Kinder in der Pause aufhören, Albanisch miteinander zu sprechen. Ich denke, die Intention ist eher, zum Deutsch-Üben anzuregen. Trotzdem sind solche Regeln, die in die Freiheiten der Kinder eingreifen, sehr problematisch.“ Das muttersprachliche Telefonieverbot in Mödling hält sie für absurd: „Sollen die Kinder also Dolmetscher für die Telefonate mit Eltern zwischenschalten? Oder jedes Mal vorher die Genehmigung der LehrerInnen einholen?“

Die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) erlaubt Behörden nach §8 (2) den Eingriff in das Privat- und Familienleben nur, wenn dieser gesetzlich vorgesehen ist und etwa den Schutz der Rechte anderer betrifft. ExpertInnen zufolge fällt die Verwendung der Muttersprache darunter. Artikel 66 des Staatsvertrags von St. Germain (StVvStG) erlaubt österreichischen StaatsbürgerInnen den Gebrauch jeder „Sprache im Privat- und Geschäftsverkehr“. Das Schulrecht in Kärnten und dem Burgenland sieht überdies zumindest in der Pflichtschule bilingualen Unterricht für Angehörige autochtoner Minderheiten vor. Der Landesverband NÖ der Elternvertretungen vertritt die Ansicht, "Verhaltensregeln" in der Schule könnten im Rahmen einer erweiterten Hausordnung von allen Schulpartnern gemeinsam (§64 SchUG) zum Thema gemacht und beschlossen werden (§44 SchUG). Landesschulratspräsident Hermann Helm hält dagegen, dass die Pausensprache rechtlich keinen Platz in einer Schulordnung habe.

DIE VBS IST EINE PRIVATSCHULE, was die Handhabe etwas erschwert. Dennoch hält Hermann Helm fest: „Es gibt keine Rechtsgrundlage. Wie in den Pausen gesprochen wird, wie in den Pausen kommuniziert wird, dafür gibt es keine Vorschrift.“ Der Präsident des Landesschulrats Niederösterreich führt aus, dass ein Deutsch-Gebot an öffentlichen Schulen rechtswidrig wäre: „Das müsste ich sofort untersagen. Das hätte disziplinäre Konsequenzen für den Schulleiter.“

Frau Mag. Röhrenbacher war für eine Stellungnahme gegenüber progress ebenso wenig erreichbar wie die zuständige Sektionschefin im Bildungsministerium. Daher ist unklar, welche disziplinären Konsequenzen an der VBS folgen.

 

Zoran Sergievski studiert Publizistik an der Universität Wien.

Links

Ein älteres, aber immer noch spannendes Interview mit İnci Dirim, Professorin für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, über Deutschgebote an Schulen und die Wechselwirkung von Gesellschaft und Universität: Ein Verbot ist keine pädagogische Maßnahme

 

„Was, das hast du nicht gelesen?“

  • 27.10.2014, 13:48

Was in der Literatur gut und schön ist, wird inoffiziell durch den „Kanon“ bestimmt. „Weil’s immer so war“ ist oft das Argument. So kommt es, dass SchülerInnen bei der Zentralmatura mit NS-Gedankengut konfrontiert werden. Höchste Zeit, den Kanon zu überdenken.

Was in der Literatur gut und schön ist, wird inoffiziell durch den „Kanon“ bestimmt. „Weil’s immer so war“ ist oft das Argument. So kommt es, dass SchülerInnen bei der Zentralmatura mit NS-Gedankengut konfrontiert werden. Höchste Zeit, den Kanon zu überdenken.

„Was, das hast du nicht gelesen?“ – „Das gehört doch zum Allgemeinwissen!“ – „Kulturbanause/in!“ – „Oje, das ist eine Wissenslücke“.

Diese Phrasen zeugen von der Vorstellung, dass es ein bestimmtes Repertoire an Büchern gibt, die jede und jeder gelesen haben muss, um als BildungsbürgerIn zu gelten. Dieses verpflichtende Bücherregal nennt man Kanon. Der Kanon ist eine inoffizielle Vereinbarung darüber, was „besonders wichtige“, „besonders gute“ oder „besonders schöne“ Bücher sind. Der Kanon, tradiert von Generation zu Generation, entscheidet also, welche Werke bekannt und relevant bleiben. In den sogenannten „Deutungskanon“ werden dann auch die allgemein anerkannten Interpretationen eingeschrieben. Im Kanon steht also, was gelesen werden „muss“ – und wie es gelesen werden soll. Der Kanon ist oft die Grundlage für Lehrpläne an Schulen und Hochschulen. Auch wenn in Österreich kein offizieller Schulkanon mehr besteht, greifen LehrerInnen gerne auf altbekannte Werke für den Unterricht zurück. Mitunter mit zweifelhaften Ergebnissen.

Im mittlerweile zweiten Probelauf zur Zentralmatura entwickelte etwa das BIFIE, ein dem Unterrichtsministerium verpflichtetes Bildungsinstitut, eine Deutschmatura, die einen Text des Autors Manfred Hausmann beinhaltete. Auf den ersten Blick soll darin die Schädlingsbekämpfung im deutschen Kleingarten Sinnbild für das Natur-Mensch-Problem sein. Nach dieser Lesart würde eine komplexe Fragestellung direkt an die kleinbürgerliche Lebensrealität, das Kleingartenrefugium des Nachkriegsdeutschen, herangetragen. Auch wenn dieses Motiv für die SchülerInnen vielleicht nicht gerade naheliegend ist, könnte man hier noch ein Auge zudrücken.

Hausmann wäre sicher nicht ihre einzige verstaubte Lektüre am Ende einer langen Schulkarriere. Das Duell „des Mannes“, ein Repräsentant des „zivilisierten“ Menschen, gegen die titelgebende „Schnecke“ eignet sich nur leider sehr bedingt für dieses Vorhaben. Die Biografie des Autors, der konkrete Inhalt des Textes und sein Rezeptionszusammenhang verleiden uns – und mittlerweile auch dem Unterrichtsministerium – die „produktive Textarbeit“ gehörig.

Fascho-Autor als Maturafrage? In Hausmanns Texten finden sich nämlich irrationalistische und antiaufklärerische Motive. Seine Karriere als Schriftsteller erstreckt sich von der Zwischenkriegszeit über die gesamte NS-Zeit und darüber hinaus. Die Schicksalsbestimmtheit des Daseins ist ein Leitgedanke in seinem Schreiben. Und in einem frühen Gedicht mit dem Titel „Die Leuchtkugel“ lässt Hausmann auf den Feind (in diesem Fall die Franzosen) schießen. In einem Bericht vom NS-Dichtertreffen 1940 schreibt er von der Einigkeit von Buch und Schwert und meint damit Dichter und Soldaten. Seine verklärenden Naturbeschreibungen und die religiöse Aufladung des bedrohlichen Außen sind zwar keine NS-Propaganda, sein Schreiben ist deshalb aber noch lange nicht nicht-faschistisch. Hausmann war Mitglied der Reichsschrifttumskammer, Redakteur der Wochenzeitung Das Reich, die regelmäßig mit Leitartikeln von Joseph Goebbels erschien, und gern aufgelegter Erfolgsautor im Dritten Reich. Er wird nach 1945 in den Gesang der „inneren Emigration“ einstimmen, Thomas Mann attackieren und sich als „immun“ gegen die NS-Ideologie darstellen. Auch vertrat Hausmann den Standpunkt, dass „reine Kunst“ nicht politisch sei.

Zweigeteilte Literatur. Die Hausmann’schen Lebensdaten und Schreibmotive sind kein Geheimnis. Innerhalb der Literaturwissenschaft gib es seit mindestens zwei Jahrzehnten einen Diskurs über Hausmanns Rolle in der NS-Zeit. Wie kommt es also dazu, dass solch ein Autor offensichtlich immer noch kanonisiert genug ist, um bei der Zentralmatura zur Bearbeitung vorgelegt zu werden?

Neben einer offenbaren Schlampigkeit bei der Erstellung der Prüfungsaufgaben ist ein Grund der seit 1945 bestehende Konflikt der Literatur des Exils und der „Literatur im Reich“. Letztere behauptet noch immer ihre Bastionen. Sei es nur dadurch, dass die durch Vertreibung entstandenen Leerstellen auch wirklich leer gehalten werden. Mindestens 1.200 österreichische SchriftstellerInnen, in etwa die Hälfte aller professionellen AutorInnen, mussten während des Nationalsozialismus ins Exil flüchten. Aber die Literatur des Exils fand später nur langsam Anerkennung in Literaturwissenschaft, Verlagswesen und Literaturbetrieb. Auch die Literaturgeschichte weiterzuschreiben, ohne die ins Exil Getriebenen zurückzurufen, ist eine Zustimmung zu den Konsequenzen von Faschismus und Nationalsozialismus.

Kanon „in and out“. Der Literaturkanon, in den fragwürdige AutorInnen offensichtlich immer noch eingeschrieben sind, dient der Repräsentation des kulturell Eigenen. Dieser Repräsentationsanspruch des Kanons vermittelt eine Absolutheit und Selbstverständlichkeit der anerkannten AutorInnen und Werke. Ausgewählte AutorInnen wirken dabei als VertreterInnen des Literaturkanons und Maßstab der Auswahl zugleich. Dass bei der Auswahl nicht immer alles mit rechten Dingen zuging, viele AutorInnen übergangen und kaltgestellt wurden, beeinflusst die weiteren Entwicklungen. Die Erweiterung des Kanons passiert reformatorisch, ansonsten müsste er als Ganzes in Frage gestellt werden. Es kann etwas „Neues“ begrüßt werden, solange es nicht den Anspruch stellt, zum Alten zu gehören. So gilt in den aktuellen Schullehrplänen für den Deutschunterricht Exilliteratur als eigene Literaturnische. Die SchülerInnen sollen sich also nicht mit deutscher Literatur von ExilantInnen befassen, sondern mit Exilliteratur, die nicht zum klassischen Kanon gehört.

Gängige Kanons, nicht nur innerhalb der Literatur, kennen viele weitere Ausschlüsse. Sie konstituieren sich gerade durch die Praxis der Grenzziehung. Ausgeschlossen werden zum Beispiel bestimmte MalerInnen in der Bildenden Kunst, der Häresie verdächtige Lehren in religiösen Zusammenhängen oder experimentelle Musik. Oder, und das gilt für alle Disziplinen: Frauen. Ihre Leistungen und Biographien werden unsichtbar gemacht, indem sie von vornherein (auch in der Geschichtsschreibung) ausgeschlossen werden. Später heißt es dann, es gäbe einfach nur wenige gute Frauen in diesem Feld. In Wahrheit wurden Frauen jedoch einfach ignoriert und gerieten im schlimmsten Falle in Vergessenheit. Die Ursache für solche Ausschlüsse ist immer eine gesellschaftliche Praxis, zum Beispiel Sexismus oder Kolonialismus. Das kann auch bedeuten, dass bestimmte Kunstformen von ganzen Bevölkerungsgruppen nicht produziert oder konsumiert werden können. In manche europäische Sprachen werden innerhalb eines Jahres mehr Bücher übersetzt als in der gesamten Verlagsgeschichte in die arabische Sprache. Mechanismen, die den Kanon
konstituieren, konstruieren gleichzeitig eine Gegensammlung der nicht-geschriebenen und vergessenen Literatur.

Aber was ist „Deutsche Literatur”? Der erste und einer der wichtigsten Ausschlüsse des Literaturkanons ist die Festlegung auf einen nationalen, eindeutig deutschsprachigen Kanon. Die vom 2013 verstorbenen, selbst schon zur Institution gewordenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Insel-Verlag herausgegebene Sammlung „Der Kanon. Die deutsche Literatur“ ist nur ein Beispiel dafür.

Der hier erkennbare Ausschluss ist vor allem ein Einschluss, nämlich die Einordnung einer österreichischen Literatur in die deutsche. Natürlich waren der österreichische Buchmarkt und der deutsche Buchmarkt auch schon in der Zwischenkriegszeit eng miteinander verbunden, trotzdem gibt es voneinander unterscheidbare Literaturtraditionen. Innerhalb der österreichischen Literatur ist der starke Einfluss von jüdischen Autorinnen und Autoren (auch wenn diese sich selbst vielmehr als ÖsterreicherInnen, SozialistInnen und Intellektuelle verstanden) ebenso wie das Vorhandensein spezifischer Sprachvarietäten enorm wichtig. Diese schlugen sich vor dem Faschismus nicht nur in verschiedensprachigen Publikationen, sondern auch innerhalb der deutschsprachigen Literatur nieder. Ungarische, slawische oder jiddische Sprachelemente waren auch nach dem Zerfall der Monarchie alltäglich hörund lesbar. Was „deutsche Literatur“ ist, wurde also großteils im Nachhinein konstruiert anstatt analysiert.

Wirkungsweisen. Der Kanon wird unter den Erkenntnissen der Wissenschaft und den Eindrücken von Publizität und des Marktes ständig (neu) konstruiert. Dabei wird versucht, das Schöne und Bedeutsame zusammenzufassen. Der Kanon ist deswegen immer eine Vereinfachung. Eine wichtige Funktion dieser Vereinfachung ist es, einen Maßstab für die Bewertung neuer Literatur zu setzen. Darüber hinaus hat der Kanon eine Erinnerungsfunktion. Die relative Starrheit des Kanons bringt Ordnung in das Chaos der Flut an neuen Publikationen. Er dient der kulturellen und kollektiven Orientierung, auch dann, wenn Buchtitel und AutorInnen vielleicht nur vom Namen her bekannt sind. Der Kanon macht Literatur nicht nur konsumierbar, das bloße Bescheidwissen weist die TrägerInnen dieses Wissens auch als Angehörige einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht aus. Das „Name Dropping“ in einem Alltagsgespräch oder das Posten von Lieblingsbüchern auf Facebook kann ein Zeichen der Zugehörigkeit zum BildungsbürgerInnentum sein.

Für das kollektive Erinnern ist die Kanonisierung des Schrifttums in einer Gesellschaft von außergewöhnlicher Bedeutung. Die Widersprüchlichkeit und Ausschlusskriterien des Kanons zu thematisieren ist ein Kampf um die eigene Erinnerung. Er wird – nicht nur, aber vor allem auch – in den Schulen geführt. Die Kritik am Kanon muss, auch wenn eine generelle Kritik des Kanons selbst nicht aus den Augen verloren werden soll, eine immer wieder unternommene Anstrengung sein.

 

Thomas Wallerberger studiert Philosophie und Politikwissenschaften an der Universität Wien.

 

Inseln der Seligen

  • 17.12.2013, 15:50

Pakistan zählt zu den gefährlichsten Ländern der Welt. An seinen Hochschulen leben Studierende jedoch ein Leben jenseits des Klischees vom Land des Terrors. Sind Pakistans Universitäten Inseln der Seligen?

Pakistan zählt zu den gefährlichsten Ländern der Welt. An seinen Hochschulen leben Studierende jedoch ein Leben jenseits des Klischees vom Land des Terrors. Sind Pakistans Universitäten Inseln der Seligen?

„Leg dich auf den Boden und bleib liegen bis ich sage, dass du wieder aufstehen darfst!“, befiehlt die 20-jährige Ammasa dem zwei Jahre jüngeren Taha. Widerwillig legt der Architekturstudent sein Lineal und seine Mappe auf den heißen, staubigen Beton, bevor er seufzend dem Befehl Folge leistet. „Erstsemestrige müssen hier alles machen, was ihnen von den höheren Semestern befohlen wird. Das ist so etwas wie Tradition“, erklärt die junge Kunststudentin am National College of Arts in der pakistanischen Großstadt Lahore. Es ist ihr anzusehen, dass sie diese Machtposition genießt, kommt es doch im patriarchal geprägten Pakistan selten vor, dass eine Frau über das Schaffen der Männer bestimmt. Ammasa grinst zufrieden, macht eine Kehrtwende und lässt Taha im Schmutz liegen. Als sie außer Sichtweite ist, springt er auf, klopft sich den Hosenboden seiner dreckigen Jeans wieder sauber und quert den Arkadenhof mit schnellen Schritten, um weiteren Schikanen zu entkommen.

Insgesamt zwölf Studenten sind in einem Raum untergebracht. Geschlafen wird am Boden. Foto: Dwin Mardigian

An pakistanischen Universitäten lässt sich eine andere Seite dieses Landes beobachten, das sonst allzu oft mit Terrorismus, radikalem Islamismus und Gewalt gegen Frauen assoziiert wird: eine liberale, offene Gesellschaft, die westlicher Einflüsse zum Trotz versucht, ihren Wurzeln treu zu bleiben. Die Liebe zum eigenen Land ist bei den Jungen stark. Wer wohlhabend ist, studiert dennoch oft im Ausland, vornehmlich in Großbritannien, Australien oder den USA. Und viele kehren nach dem Studium nicht in ihre Heimat zurück, weshalb der sogenannte Brain-Drain ein großes Problem für die islamische Republik darstellt. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als 1,50 Euro pro Tag auskommen. Junge Pakistani, die im Ausland studieren und arbeiten, schicken zwar oft Geld nach Hause, fehlen dort aber als Fachkräfte. Vom Ausbau des akademischen Bildungssystems erhofft sich der pakistanische Staat neuen Auftrieb. Die Weltbank unterstützt das Land dabei seit 2011 mit Krediten, bis 2015 soll so der Anteil der 17- bis 23-Jährigen, die eine inländische Universität besuchen, auf zehn Prozent anwachsen.

Eine andere Welt. „In westlichen Medien wird Pakistan sehr einseitig dargestellt. Es gibt hier nicht nur religiöse FanatikerInnen. Ich fühle mich in meiner Heimatstadt nirgendwo unsicher. Trotzdem ist der Campus eine andere Welt, isoliert vom Rest Pakistans“, sagt Ammasa. Das National College of Arts, wo sie seit zwei Jahren Bildende Kunst studiert, hat den Ruf, die liberalste Universität des Landes zu sein. In der Werkhalle aus Backstein schlägt sie mit einem schweren Hammer einen Spiegel in kleine Stücke, die sie später für eine Skulptur verwenden will. Am Tischbein der hölzernen Werkbank lehnt ein Gemälde eines Pissoirs, das geschmückt mit Bart und Turban verblüffende Ähnlichkeit mit Osama Bin Laden hat. Der Gebetsbereich, der durch ein Fenster in der Werkhalle sichtbar ist, besteht aus einem schlampig hingeworfenen Teppich auf einem Plateau. Studierende erzählen gerne von Feiern am Campus, bei denen Alkohol in rauen Mengen fließt, obwohl das gesetzlich verboten ist. „Ich glaube an Gott, aber ich muss nicht fünf Mal täglich beten, um das jedem zu beweisen“, so Ammasa.

Muhammad, Jahrgangsbester an der Jamia Naeemia-Universität. Foto: Dwin Mardigian

Studiengebühren in Pakistan fallen sehr unterschiedlich aus, viele staatliche Universitäten sind jedoch mit 30.000 bis 80.000 Pakistanischen Rupien (200–500 Euro) im Jahr auch für die Mittelschicht leistbar. Dennoch waren im Jahr 2011 lediglich fünf Prozent der 17- bis 23-Jährigen an Universitäten eingeschrieben. Das liegt auch an der mangelnden Verfügbarkeit von Studienplätzen. An Universitäten mit erschwinglichen Studiengebühren sind die Plätze heiß umkämpft. Zur Vergabe der Studienplätze werden Auswahlverfahren nach Leistung durchgeführt. Dabei werden unterschiedliche Einstufungstests nach dem Schulabschluss herangezogen. Eine der prestigeträchtigsten Hochschulen des Landes ist die Government College University Lahore (GCU), die Alma Mater des bisher einzigen pakistanischen Nobelpreisträgers, Abdus Salam. Dementsprechend umkämpft sind die Studienplätze: Nur die besten 1.500 der 30.000 BewerberInnen werden jährlich aufgenommen.

Der Campus der Government College University erinnert an ein subtropisches Hogwarts. Die Gänge mit ihren Schaukästen, die Gartenanlagen und die Studierenden in Schuluniform verstärken den elitären Eindruck. Hassan ist 17 Jahre alt und studiert englische Literatur. Er trägt eine Brille von Armani, sein weißes Hemd ist ihm ein wenig zu groß. Im Debattierclub diskutiert Hassan weltbewegende Fragen: Er ist derartig eloquent, dass es schon fast gezwungen wirkt. Er will, wie einige andere im Debattierclub, später Politiker werden und sein Land in bessere Zeiten führen. „In Österreich sprecht ihr Französisch, nicht wahr?”, fragt er. Hassan gesteht beschämt, er wisse nicht viel über Österreich, aber über den berühmten Wiener Kongress, darüber habe er einmal referiert.

„Seit einigen Jahren haben auch sehbehinderte Menschen wie Moaz die Chance zu studieren.“ Foto: Dwin Mardigian

Studieren ohne Armani. Viele Studierende der staatlichen Eliteuniversität kommen wie Hassan aus wohlhabenden Familien, aber auch einige wenige junge Menschen aus armen Verhältnissen haben eine Chance, die sozialen Barrieren zu durchbrechen. Quoten stellen sicher, dass auch Studierende aus den ärmsten Regionen Pakistans, wie dem von den Taliban kontrollierten Swat-Tal, zugelassen werden. Vollwaisen sind von Studiengebühren befreit und insgesamt 20 Millionen Pakistanische Rupien (140.000 Euro) stehen jährlich in Form von Stipendien zur Verfügung. Ein Allheilmittel gegen die Probleme im Land ist ein Ausbau des universitären Systems jedoch nicht. Immer noch fehlt es vor allem an grundlegender Bildung bei der breiten Bevölkerung. Fast die Hälfte der Pakistanis kann weder Lesen noch Schreiben.

Nichtsdestotrotz hat die verstärkte Investition in höhere Bildung mehr als lediglich ökonomischen Aufschwung zur Folge, sondern beispielsweise auch positive Effekte auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft: Mehr als die Hälfte der Chemiestudierenden der GCU sind weiblich. „Es stimmt nicht, dass Frauen in Pakistan nicht gebildet sind. Zweifellos gibt es Regionen, in denen es anders ist, aber uns stehen hier alle Wege offen“, sagt die 22-jährige Chemiestudentin Amna, die selbst aus dem ländlichen Grenzgebiet zu Afghanistan stammt, aus dem auch die junge Menschenrechtsaktivistin Malala Yousafzai kommt, die sich für Mädchenschulen engagiert und ein Attentat der Taliban im Oktober 2012 nur knapp überlebte. Eine gesellschaftliche Weiterentwicklung ist auch die Schaffung von Studienplätzen für Studierende mit besonderen Bedürfnissen, einer von ihnen ist Moaz. Der 24-Jährige ist von Geburt an blind. Blinde Menschen erhalten vom Staat sehr wenig Unterstützung. Es ist ihnen nicht einmal erlaubt, ein eigenes Bankkonto zu führen. An der GCU stehen Moaz und seinen drei ebenfalls blinden Brüdern aber spezielle Computer mit Braille- Tastatur zur Verfügung. „Es war ein harter Weg bis hierher, doch das Wichtigste ist, dass man sich nicht mit seiner Situation zufrieden gibt. Man darf nicht aufhören zu kämpfen“, sagt Moaz. Er steht kurz vor dem Abschluss seines Politikwissenschafts- und Englischstudiums. Sein Traum ist es, Lehrer zu werden – „einer der ehrvollsten Berufe, den es auf der Welt gibt“, wie Moaz meint.

Chemiestudentin Amna: Es stimmt nicht, dass Frauen in Pakistan nicht gebildet sind. Foto: Dwin Mardigian

Religion vs. moderne Bildung? Im krassen Gegensatz zu den elitären Universitäten, die zu einem großen Teil noch aus der britischen Kolonialzeit stammen, stehen alternative Formen der akademischen Bildung, wie an der Jamia Naeemia-Universität. Ursprünglich eine Moschee und Koranschule, in der vor allem Kinder die heilige islamische Schrift auswendig lernen, hat die Jamia Naeemia seit einigen Jahren versuchsweise zusätzlich einen akademischen Bildungszweig eingerichtet. In einem Zeitraum von acht Jahren kann dort ein Masterabschluss in Theologie erlangt werden. Neben dem ausgiebigen Studium des Korans beinhaltet das Studienprogramm auch Englisch-, Geschichte- und Computerkurse. Muhammad ist der beste Student seines Jahrgangs. Sein Tag beginnt um 4.30 Uhr und endet selten vor 21.00 Uhr. Er wohnt mit zwölf Mitstudenten in einem 40 Quadratmeter großen Zimmer. Jeder Student hat eine Kiste für seine persönlichen Dinge, geschlafen wird am Boden. „Die Sonntage haben wir frei, da wasche ich meine Wäsche. Manchmal gehe ich auch mit Freunden in den Park“, erzählt Muhammad. Seine Familie wohnt in Peshawar, nahe der afghanischen Grenze. Via Skype hält er Kontakt, alle paar Monate hat er auch Zeit, nach Hause zu fahren. Er sagt, er liebe den Islam, man dürfe seine Traditionen nicht vergessen, aber Bildung sei ebenso wichtig.

„Wir wollen eine Brücke zwischen Religion und moderner Bildung schlagen“, sagt der Leiter der Jamia Naeemia-Moschee und -Universität, Raghib Hussain Naeemi. Den radikalen Taliban ist dieser Zugang zu profan und deshalb ein Dorn im Auge. Naeemis Vater, der die Moschee früher leitete, kritisierte die Taliban öffentlich als unmuslimisch und bezahlte das mit seinem Leben: 2009 stürmte ein Selbstmordattentäter sein Büro und tötete ihn und vier seiner Angestellten. Auch Raghib Naeemi, der das Werk seines Vaters fortführt, bekommt regelmäßig Drohungen. Der Eingang der Moschee wird deshalb von drei bewaffneten Soldaten bewacht.

An vielen Universitäten gibt es ähnliche Vorkehrungen: Wachpersonal mit Maschinengewehren, Bombenkontrollen und Metalldetektoren. Universitätsfremde Personen haben meist gar keinen Zutritt. Das ist die Schattenseite der liberalen Entwicklungen in Pakistan: Sie passieren hinter verschlossenen Türen. Konservative KritikerInnen sehen in den Universitäten ein Einfallstor westlicher Einflüsse. Dabei findet gerade hinter den schützenden Mauern der Hochschulen ein stetiges Verhandeln zwischen moderner Bildung, freiem Denken und der Wahrung von Traditionen statt.

Hassan ist 17 Jahre alt, er will als Politiker seinem Land helfen. Foto: Dwin Mardigian

Der Autor studiert Politikwissenschaften, Lukas Klingan Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Die Recherche zu diesem Artikel wurde durch die Mittel des Egon-Erwin Kisch-Recherchestipendiums des Presseclubs Concordia ermöglicht.

Wir wollen das Publikum nach dem Abspann abholen

  • 04.12.2013, 11:59

Vom 5. bis 12. Dezember findet das Filmfestival „this human world“ in Wien statt. Das Festival bietet eine Fülle an Filmpräsentationen, Diskussionen und Workshops rund um das Thema Menschenrechte. progress online hat mit Ursula Raberger und Julian Berner vom Organisationsteam des Festivals gesprochen.

Vom 5. bis 12. Dezember findet auch heuer wieder das Filmfestival „this human world“ in Wien statt. Das Festival bietet eine Fülle an Filmpräsentationen, Diskussionen und Workshops rund um das Thema Menschenrechte.

progress online hat Ursula Raberger und Julian Berner vom Organisationsteam des Festivals getroffen und mit den beiden über geplante Highlights des diesjährigen Programms, politischen Aktivismus sowie über die Schwierigkeiten, die mit der Organisation eines solchen Festivals verbunden sind gesprochen.

Was war die ursprüngliche Motivation dahinter, ein Filmfestival zum Thema Menschenrechte auch in Wien zu veranstalten?

Julian Berner: Begonnen hat das Festival in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte und dem One World Festival in Prag - dem international größten Menschenrechtsfilmfestival. Von Seiten des Publikums gab es sofort großes Interesse. So hat sich das Festival von Jahr zu Jahr weiterentwickelt.

Ursula Raberger: Die Motivation war auch, dass man in Österreich Filmen, die sich dem gesamten Spektrum Menschenrechte widmet, eine Plattform bietet - das hat es zuvor so nicht gegeben. Das Festival hat sich seit 2008 in viele Richtungen weiterentwickelt, nicht nur was das Publikum betrifft, sondern auch was die Anzahl der Filme angeht. Wir haben vor allem Dokumentarfilme, aber auch Spiel-, Animations- und Kurzfilme im Programm. Mittlerweile werden rund 80 Filme am this human world präsentiert, zum Großteil sind das Österreich-Premieren.

Die Themen, die in den Filmen behandelt werden, sind nicht gerade leicht, es geht etwa um Frauenhandel, Migration, LGBTI-Probleme et cetera. Wir wollen die Leute aber nicht einfach nach dem Film entlassen, sondern wir bieten ein sehr umfassendes Rahmenprogramm an, das aus Lectures, Workshops und Podiumsdiskussionen besteht. Wir wollen das Publikum nach dem Abspann abholen und mit ihnen diskutieren. So bieten wir dem Publikum auch eine Plattform, über die sie vielleicht einen schlummernden Aktivismus erwecken können und mit NGOs in Kontakt treten können.

Berner: Wir verstehen uns nicht als Spezialisten für jedes Thema, sondern eher als Präsentationsplattform von diversen NGOs und Zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Raberger: Es ist uns auch ein Anliegen, Initiativen vor zu stellen, die noch nicht so bekannt sind, wie zum Beispiel Hemayat (Anm: eine Organisation, die Flüchtlinge mit Kriegstraumata betreut. Siehe auch: "Ein Schleier, der sich über die Existenz legt"), die heuer den Menschenrechtspreis der LIGA bekommt.

Was können sich BesucherInnen vom diesjährigen Festival erwarten?

Raberger: Unter dem Motto this human EDUCATION konzentriert sich das Festival dieses Jahr unter anderem auf das Thema Bildung. Dabei wird es vor allem um das Thema Schul- und Hochschulbildung gehen, aber über den Tellerrand Österreichs hinaus. Es werden etwa Filme gezeigt zum Hochschulsystem in China, oder über den Lernwillen von Jugendlichen in Guinea - einem der ärmsten Staaten der Welt. Zu diesem Schwerpunkt wird es begleitend zahlreiche Workshops und Diskussionen geben.

Am 9. Dezember werden wir außerdem eine Diskussion zum Thema „Wege aus der Bildungsmisere“ veranstalten, Viktoria Spielmann von der ÖH wird dort auch mit diskutieren.

Berner: Es wir auch etwas zu den Studentenprotesten geben. Ein Rückblick auf die Proteste sowohl in Österreich als auch den Protesten in London und Sarajevo.

Ursula Raberger (Foto: Sarah Langoth)

Ein weiterer Schwerpunkt wird sich der rechtlichen Situation von LGBTI Personen weltweit annehmen. Was können Festival-BesucherInnen davon erwarten?

Raberger: Zu diesem Themenbereich werden unter anderem Filme zur Situation der Communities in Uganda und Kamerun gezeigt. Aber auch das Thema Intersexualität wird präsent sein. Außerdem wird es eine Führung auf der Uni-Wien zum Thema Homosexualität in der Wissenschaftsgeschichte geben. Die Führung findet in enger Kooperation mit dem Verein QWIEN (Anm: Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte) und dem Historiker Andreas Brunner statt.

Es wird auch zwei große Diskussionen zum LGBTI-Rights-Worldwide geben. Eine Diskussion wird das Thema Intersexualität im Fokus haben, zu diesem Thema werden wir auch einen Film aus Neuseeland zeigen. An diesem Podium wird auch die erste Intersex-Beauftragte Österreichs, Gabriele Rothuber, teilnehmen.

Ihr arbeitet dieses Jahr auch mit der Organisation „Women Make Movies“ aus New York zusammen. Wie wird sich diese Kooperation am Festival zeigen?

Raberger: Das ist eine ganz tolle Organisation, die Frauen dabei unterstützt Filme zu machen, zu produzieren und ihnen auch bei der Vermarktung hilft. Letztes Jahr haben sie ihr 40-jähriges Jubiläum gefeiert. Kristen Fitzpatrick von WMM wird zum Festival kommen und fünf ausgewählte Film-Juwelen aus ihrem Programm präsentieren.

Wird es auch ein Rahmenprogramm für Frauen geben, die Interesse daran haben selber Filme zu machen?

Raberger: Es wird eine große Diskussion zu Frauen in der Filmindustrie geben, bei der wir auch die Frage stellen werden, ob Amerika hierbei ein Vorbild sein kann. Kristen von WMM wird daran teilnehmen, aber auch Vertreterinnen von FC-Gloria, die sich der Thematik in Österreich annehmen. Das ist ein sehr spannendes Thema, vor allem auch mit Blick auf Österreich. Der Männeranteil in der Filmindustrie ist immer noch sehr hoch. Wir wollen dabei auch darüber diskutieren, was man als Frau in Österreich machen kann, um Erfolg in diesem Bereich zu haben.

Ist es euch abseits des Frauenschwerpunkts auch wichtig, dass feministische Themen eine Querschnittsmaterie am gesamten Festival sind?

Raberger: Ja, auf alle Fälle. Es ist uns auch wichtig verschiedene Strömungen in der Frauenbewegung zu zeigen, auch solche die nicht unbedingt Gehör finden. Zum Beispiel werden wir einen Film über den feministischen Protest in Tunesien nach Ben-Ali zeigen.

Einer meiner persönlichen Highlights wird der Film „Untold Stories“ sein. Der Film beschäftigt sich mit der iranischen Frauenbewegung. Dabei stellt sich eine Exiliranerin, die mittlerweile in Schweden lebt, die Frage was eigentlich mit ihren Mitstreiterinnen im Iran geworden ist und macht sich auf die Suche nach ihnen. Sie findet diese Frauen schließlich und lädt sie zu einem Austausch nach Schweden ein. Sie erzählen dann von ihren Erlebnissen in den Folterkellern des Regimes. Das ist eine sehr bewegende Dokumentation, die auch die Kraft dieser Frauen betont.

Berner: Wir achten am Festival generell auf eine sehr ausgewogene Mischung. Uns ist eine ausgeglichene Geschlechterdurchmischung in unserem Ehren-Komitee, in der Jury aber auch bei allen Diskussionen und den Workshops wichtig.

This human world will ja nicht einfach nur ein Filmfestival sein, sondern will BesucherInnen auch dazu anregen selbst aktiv zu werden. Wie wollt ihr diesen Spagat bewältigen?

Berner: Wir wollen nicht einfach nur Betroffenheit auslösen, sondern auch einen positiven Zugang bieten, um zu zeigen, dass politische Arbeit eine Bereicherung für Alle sein kann. Auch wenn es oft schwere Filme sind, es soll kein schweres Festival sein, das traurig macht.

Es soll auch kein Festival sein, von dem man einfach schockiert entlassen wird. Im Gegenteil: Es soll verschiedene politische und aktionistische Strömungen genauso aufzeigen, wie Möglichkeiten selbst aktiv werden zu können.

Julian Berner (Foto: Sarah Langoth)

Seit gut einem Jahr gibt es in Wien die selbstorganisierten Refugeeproteste. Nächstes Jahr wird eine Dokumentation von Igor Hauzenberger über diese Proteste erscheinen. Ihr kooperiert dieses Jahr auch mit ihm. Was könnt ihr uns über diese Kooperation erzählen?

Berner: Er hat den diesjährigen Trailer des Festivals gemacht, der aus seinem Material für die Dokumentation über das Protest-Camp besteht. Das ist eine wirklich tolle Produktion. Uns ist es auch ein Anliegen, darauf aufmerksam zu machen, was gerade auch in Wien passiert. Igor Hauzenberger wird während des Festivals auch eine Präsentation über den derzeitigen Stand der Dokumentation geben.

Wird es am Festival Möglichkeiten für die Refugees geben, ein Sprachrohr zu bekommen?

Berner: Die Präsentation von Igor ist durchaus dafür gedacht. Darum dreht sich der gesamte Dokumentarfilm, dass eben diese Leute eine Bühne bekommen.

Ihr wollt ein sehr gemischtes Publikum ansprechen. Gleichzeitig hat sich das Festival in den letzten Jahren sehr stark auf einen innerstädtischen Bereich beschränkt. Gibt es Überlegungen das Festival künftig mehr über Wien zu verteilen?

Berner: Dazu gibt es bereits Bestrebungen. Dieses Jahr verändern wir das bereits auch ein wenig. So wird die Brunnenpassage heuer auch einer der Veranstaltungsorte sein. Unter anderem wird der Eröffnungsfilm dort präsentiert - und zwar gratis. Das ist unser erster Versuch aus dem innerstädtischen Bereich heraus zu kommen.

Raberger: Wir wollen Menschen einladen, an der Menschenrechtsthematik Teil zu haben, die vorher vielleicht nicht die Möglichkeit gehabt hätten, weil sie unser Filmfestival bisher einfach nicht auf ihrem Radar hatten. 

Wie schwierig ist es jedes Jahr wieder SponsorInnen und UnterstützerInnen für das Festival zu finden?

Berner: Sehr schwierig. Wir hanteln uns von Jahr zu Jahr.

Raberger: Es ist jedes Jahr aufs Neue wieder ein Kampf.
Berner: Es ist aber auch ein zweischneidiges Schwert. Wir haben wahnsinnig viele UnterstützerInnen, die immer mit Inbrunst dabei sind. Das ist sehr befriedigend. So oder so ist es aber ein großer finanzieller Aufwand.

Bekommt ihr keine finanzielle Unterstützung vom Bund oder von der Stadt?

Berner: Doch natürlich, ohne diese Unterstützung wäre es absolut unmöglich.

Wo würdet ihr das Festival in ein paar Jahren gerne sehen?

Raberger: Ich würde mich freuen wenn das Festival vermehrt ein Publikum erreicht, dass nicht bereits per se aktivistisch tätig ist. Und, dass wir auch weiterhin für eine breitere Öffentlichkeit sorgen, für Themen die sonst wenig Gehör finden.

Berner: Ich wünsche mir, dass das Festival es weiterhin schafft darauf aufmerksam zu machen, dass man sich täglich entscheidet, was rund um einen passiert und was bei einem selbst passiert. Plus, dass wir einmal die Mittel haben wirklich alle FilmemacherInnen, die wir einladen wollen, auch wirklich einladen zu können.

this human world

Programmheft

Ursula Raberger promovierte zum Thema queerer israelischer Film an der Universität Wien und arbeitet seit 4 Jahren für das internationale LGBT-Filmfestival TLVFest in Tel Aviv. Heuer ist sie als Vertretung der Künstlerischen Leitung bei this human world tätig und übernimmt die Leitung der PR des Filmfestivals

Julian Berner schloss 2009 sein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF "Konrad Wolf") in Berlin/Potsdam-Babelsberg ab. Nach der mehrjährigen Organisation des größten internationalen Studentenfilmfestivals „Sehsüchte“ in Berlin, leitet er seit 2010 gemeinsam mit Zora Bachmann das this human world Filmfestival.

Sprung ins kalte Wasser

  • 31.10.2013, 18:20

Seit 2010 wird für das Psychologiestudium in Wien ein Aufnahmeverfahren durchgeführt. Rund 2.000 BewerberInnen kämpften heuer um 500 Studienplätze. Verena Ehrnberger hat sich vor Ort umgesehen und die TeilnehmerInnen nach ihrer Meinung und ihren Erfahrungen mit der Prüfung befragt.

Seit 2010 wird für das Psychologiestudium in Wien ein Aufnahmeverfahren  durchgeführt. Rund 2.000 BewerberInnen kämpften heuer um 500 Studienplätze. Verena Ehrnberger hat sich vor Ort umgesehen und die TeilnehmerInnen nach ihrer  Meinung und ihren Erfahrungen mit der Prüfung befragt.

Anspannung. Stille. Nur manchmal hört man das Knarren eines Stuhls, das leise Rascheln eines der  vielen durchsichtigen Plastiksäckchen, in denen  die zukünftigen Studierenden ihre Habseligkeiten verstauen mussten. In der großen grauen Halle A der Messe Wien ist es kalt. Beim Hereinkommen wird man einem von 30 Sektoren zugewiesen und sucht im jeweiligen Sektor nach jenem Platz, der mit dem eigenen Namen beschriftet ist. Es ist der 3. September 2013 – der Tag der Psychologie-Aufnahmeprüfung.  Mit rund 4.000 anderen TeilnehmerInnen soll man nun um einen der begehrten 500 Studienplätze kämpfen.

Am Prüfungstag erscheint dann aber nur knapp die Hälfte der angemeldeten Personen. Der Saal ist bei weitem nicht voll. Ganze Tischreihen bleiben leer.  Der Dekan der psychologischen Fakultät, Germain  Weber, informiert die Anwesenden per Mikrophondurchsage,  dass nur knapp 2.000 TeilnehmerInnen erschienen sind. Großes Aufatmen im Saal – die eigene Chance, einen Studienplatz zu ergattern, hat sich damit plötzlich verdoppelt. „Bekommt man einen  Bachelor-Platz in Wien”, sagt der Dekan weiter, „dann hat man in Wien auch einen gesicherten Master-Platz.“ Die nächste gute Nachricht für die zukünftigen Psychologie-Studierenden.

Gemischte Reaktionen. Dann werden die Prüfungsmodalitäten erklärt. Die Aufnahmeprüfung besteht aus drei Teilen: Wissen, Methodik und Englisch. Für den Wissens-Teil waren bestimmte Kapitel eines Psychologie-Lehrbuchs zu lernen – dieser Teil ist 70 Punkte wert. Bei Methodik und Englisch kann man jeweils auf 40 Punkte kommen. Für 150 mögliche Punkte hat man 150 Minuten Zeit. Die Prüfungsbögen werden gleichzeitig umgedreht – ein lautes  Rascheln geht durch den Saal. Zur Beantwortung der jeweiligen Wissensfragen brauchen die Anwesenden nur wenige Sekunden. Die dadurch gewonnene Zeit wird für den Englisch- und den Methodik-Teil genützt,  auf die man sich nur schwer vorbereiten kann.

Als die 150 Minuten schließlich vorbei sind, fallen die Reaktionen der TeilnehmerInnen gemischt aus. Einige scheitern am Englisch, andere an den Fragen  zur Methodik. „Auf den Wissens-Teil konnte man sich sehr gut vorbereiten“, meint Hannah, 18, aus Niederösterreich:  „Der Methodik-Teil war nicht berechenbar. Aber wenn man solide Mathematikkenntnisse hat, ist er zu bewältigen. Englisch war auf Maturaniveau und relativ leicht.“ Auch Jonas, 25, aus Tübingen fand den Methodik-Teil anspruchsvoll: „Es war tückisch. Es  gab viel Text, der überflüssig war und zur Ablenkung diente“, sagt er.

Sinnhaftigkeit der Aufnahmeprüfung. Doch wie sinnvoll ist so eine Aufnahmeprüfung  überhaupt? Jonas findet das Aufnahmeverfahren eine gute Idee. „Da muss man zumindest etwas lernen.  Die Leute, die das wirklich wollen, haben einen gerechtfertigten Vorteil gegenüber Leuten, die sich  vielleicht nur so zum Spaß anmelden“, so Jonas. Elke, 35, sieht das genauso. Die Salzburgerin lebt gerade in Bayern. „In Deutschland haben sie den Numerus Clausus und glauben, dass ein Mensch, der an wenigen bestimmten Tagen seines Lebens nicht ganz so  gut abgeschnitten hat, nicht auch ein guter Psychologe oder Mediziner werden kann“, meint sie: „Ich finde das unsinnig und das österreichische System viel besser.“  Die Aufnahmeprüfung soll, laut Homepage des StudienServiceCenters der Psychologie, „studienrelevante Fähigkeiten“ überprüfen: Neben Textverständnis und  Prüfungswissen wird auch die „Fähigkeit zum formalanalytischen Denken“ der zukünftigen Studierenden  geprüft. Dies wird vor allem durch den Methodik-Teil erreicht. Der ist bei den TeilnehmerInnen aber nicht unumstritten. „Englisch und Methodik waren für  mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hab mich nicht gezielt vorbereiten können“, sagt Hannah und fügt hinzu: „Mein Schulwissen hat mir aber geholfen.“ Die Schwierigkeit des Methodik-Teils variiert von Jahr zu Jahr. „Ich dachte mir, dass sie die Fragen schon so stellen, dass man sich kaum darauf vorbereiten kann – ähnlich wie bei einem IQ-Test“, sagt Jonas.

Letztlich scheint der Methodik-Teil aber nicht nur die  „Fähigkeit zum analytischen Denken“ abzuprüfen,  sondern vor allem Mathematikkenntnisse. Ein erlerntes Wissen also, das man sich je nach Schulbildung entweder aneignen konnte – oder eben nicht. Elke hat die Aufnahmeprüfung dieses Jahr nicht geschafft.  „Ich bin etwas älter als der Schnitt. Meine Matura ist demnach ewig her“, sagt sie: „Ich hab mich seit Jahrzehnten nicht mehr mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Co beschäftigt. Das waren also nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, um diese  Prüfung zu bestehen.“ Enttäuscht ist sie trotzdem, vor  allem weil ihr das Lernen des Psychologiestoffs viel  Spaß gemacht hat. „Ich konnte den Zimbardo (Autor  des Psychologie-Lehrbuches, Anm. der Red.) wirklich gut und ich fand die Materie auch super interessant.“

Teure Vorbereitung. Intensives Lernen ist  offenbar nicht immer ein Garant dafür, die Prüfung  auch zu bestehen. Eine Umfrage in der Facebook-  Gruppe zum diesjährigen Aufnahmeverfahren ergab,  dass fast ein Viertel der TeilnehmerInnen einen Vorbereitungskurs besucht hat. Um sich gegen die große Konkurrenz durchzusetzen, sind manche bereit viel Geld zu zahlen. Für etwa 300 Euro kann man sich eine Woche lang von verschiedensten Instituten  gründlich auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten  lassen.

Jonas hat die Prüfung auch ohne Kurs bestanden.  „Ich hab keinen wirklichen Nutzen darin gesehen“, sagt Jonas. „Auf den Methodik- und den Englisch-Teil kann man sich nicht vorbereiten und beim Lernen des Zimbardo hilft halt auch kein Kurs“, meint er. Auch Hannah hat es ohne Kurs geschafft. „Es spricht gegen meine Prinzipien, dass man Geld in Kurse investiert, während andere Menschen nicht die erforderlichen Mittel haben“, sagt sie: „Jeder Mensch sollte die gleichen Chancen haben.“

Fehlende Transparenz. An der Aufnahmeprüfung wird stark kritisiert, dass weder das erreichte Testergebnis noch der Rang, den man in der Reihung der TeilnehmerInnen erzielt hat, nach der Prüfung für die zukünftigen Studierenden einsehbar sind. „Für diejenigen, die überlegen, es erneut zu versuchen, wäre das sicherlich eine gute  Entscheidungsbasis“, meint Jonas: „Allerdings ist es auf der anderen Seite ärgerlich für alle, die herausfinden müssen, dass sie ganz knapp gescheitert sind.“ Hannah sieht in der mangelnden Transparenz des Aufnahmeverfahrens das größte Problem. „Dieses Vorgehen lässt möglicherweise bei einigen der TeilnehmerInnen Zweifel an der Korrektheit  des Testergebnisses aufkommen“, sagt sie, und fügt  hinzu: „So kann man die persönliche Leistung nur schwer einschätzen. Hat man die Prüfung nicht geschafft, kann man nicht beurteilen, welche Teile des Tests bei einem Neuantritt intensiver zu lernen wären.“

Seitens der Universität Wien beruft man sich hinsichtlich der fehlenden Transparenz der Aufnahmeprüfung auf die Universität Salzburg. „Das Verfahren in der Psychologie wird gemeinsam mit der Universität Salzburg durchgeführt. Die Federführung in Bezug auf die Gestaltung der Abläufe hat die Salzburger Universität“, erklärt Cornelia Blum, Pressesprecherin des Rektorats der Universität Wien: „Die  Universität Wien hat sich als Kooperationspartner der  Vorgangsweise angeschlossen.“ Obwohl der Wiener Universität ein transparentes Verfahren ein Anliegen sei, widerspräche eine allgemeine Veröffentlichung der Ergebnisse „datenschutzrechtlichen Bestimmungen“, heißt es weiter.

Flucht vor dem Numerus Clausus. Auffallend ist beim Aufnahmeverfahren für Psychologie auch die große Anzahl deutscher TeilnehmerInnen. Das gibt einigen österreichischen Studierenden zu denken: „Ich finde wirklich, dass eine Quotenregelung hergehört. Es ist schon etwas komisch, dass so viele Deutsche an der österreichischen Psychologie  sitzen“, sagt Elke, die zwar gerade in Bayern wohnt,  aber ursprünglich aus Salzburg kommt: „Klar kann ich es bei deren Numerus Clausus nachvollziehen, aber Österreich kann doch nicht wirklich unzählige Millionen für Studierende ausgeben, die dann wieder in ihre Heimat zurückgehen“, meint sie weiter: „Es ist eine Regelung notwendig. Und das ganz dringend.“ Das sieht Hannah genauso: „Grundsätzlich sollte man die Möglichkeit haben, sich im Ausland fortzubilden. Aber unterschiedliche Regelungen in Europa führen zu unausgewogenen Verhältnissen. Hier kann nur  eine europaweite Regelung der Studienzulassung  helfen“, sagt sie. Jonas ist nun einer der deutschen  Psychologie-Studierenden in Wien. Er ist gegen eine Quotenregelung: „Es gibt auch viele ÖsterreicherInnen auf deutschen Unis. Da gibt es auch keine Quote“, sagt er: „Ich fände das auch irgendwie diskriminierend.“

Aus Sicht der Universität Wien hat eine mögliche Quotenregelung zugunsten österreichischer Studierender momentan keine hohe Dringlichkeit. Außerdem fühlt sich die Universität dafür auch nicht zuständig. „Diese Frage zu entscheiden liegt nicht in der Autonomie der Universität“, sagt Cornelia Blum.  „Es gibt derzeit eine Regelung in der Medizin, die in Abstimmung zwischen österreichischem und europäischem Gesetzgeber festgelegt ist. Eine Initiative  müsste daher vom österreichischen Gesetzgeber ausgehen und wäre in Abstimmung mit der EU festzulegen“,  erklärt sie weiter.  Beim Psychologie-Aufnahmeverfahren besteht sicher ein Bedarf an Verbesserungen. Sowohl der von Jahr  zu Jahr stark variierende Methodik-Teil als auch die fehlende Transparenz der Prüfung werfen kein gutes Licht auf das Aufnahmeverfahren. Auch im Hinblick auf eine mögliche ÖsterreicherInnen-Quote könnte  sich in den nächsten Jahren wohl noch einiges ändern. Derzeit scheinen allerdings keine entsprechenden  Maßnahmen geplant zu sein. Wer es dieses Jahr geschafft hat, muss sich damit jedenfalls nicht mehr auseinandersetzen. Während Jonas und Hannah sich schon auf ihr Studium an der Universität Wien  freuen, wird Elke es wieder versuchen. „Ich werde vermutlich nächstes Jahr noch einmal in der Prüfung sitzen – hoffentlich mit größerem Erfolg“, sagt sie  zuversichtlich.

Verena Ehrnberger ist Juristin und studiert Vergleichende Literatur an der Universität Wien.

 

 

 

        

 

Amsterdam: Studis kämpfen gegen radikale Kürzungen

  • 10.03.2015, 20:11

„Maßnahmen zur Effizienzsteigerung“ nennt die Universität von Amsterdam ihre Einsparungen haupsächlich geisteswissenschaftlicher Fächer. Die Studierenden besetzten nun im Protest gegen Bildungsökonomisierung ein Uni-Gebäude.

Anfang Februar verkündete die Universität von Amsterdam (UvA) ihre vorläufigen Pläne für die Effizienzsteigerung. Alle geisteswissenschaftlichen Programme wie Philosophie, Geschichte, Niederländische und Englische Literatur sollen in ein fächerübergreifendes Programm namens „Liberal Arts“ zusammengeführt werden. Sprachstudien mit schwächerer Nachfrage werden, genauso wie Masterkurse mit weniger als 20 Studierenden, gänzlich abgeschafft.

Der Unmut der Studierenden, die mit der seit Monaten diskutierten radikalen Kürzungspolitik nicht einverstanden sind, resultierte in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar in der Besetzung des sogenannten Bungehuis, einem Universitätsgebäude. Zuvor waren von der Universitätsleitung „College van Bestuur“ im Zuge der Konfliktprävention Debatten und Panelgespräche eingeleitet worden, die zu keiner Einigung führten. Innerhalb von zwei Wochen konnte sich die Studierendenbewegung „Die Neue Universität“ auf das ganze Land ausweiten.

BACHELOR IM SCHNELLDURCHLAUF. Studierende wie Lehrende kritisieren den neoliberalen Kurs der Universitätsleitung. Um sich international mit den besten Bildungseinrichtungen messen zu können, wurde der Druck auf alle Involvierten erhöht. So viele Absolvent_innen wie möglich in einem kurzen Zeitraum auf den Arbeitsmarkt zu spülen bringe der Universität Vorteile: Einerseits sorge man damit für eine scheinbar positive Jahresbilanz und somit auch für bessere Rankingergebnisse im internationalen Vergleich. Andererseits werden der Universität bei einem zeitgerechten Abschluss die Ausbildungskosten für Studierende zurückerstattet, erklärt Noeri van den Berg, Vorsitzender des studentischen Gewerkschaftsbundes Amsterdam: „In dem Moment, wo dir dein Diplom verliehen wird, bekommt die Universität die Restbeträge deiner Studiengebühren ausbezahlt.“ Solange man den Bachelor in acht Semestern abschließt, verdienen die Universitäten also an den Studierenden. Alles darüber wird nicht zurückerstattet und ist somit ein „Verlustgeschäft“.

FORDERUNGEN DES BILDUNGSPROTESTS. Unterstützer_innen der Proteste fordern eine Demokratisierung des Unterrichts, Transparenz in der Verwaltung sowie eine bewusste Abwendung kostenorientierten Effizienzdenkens hin zu einer adäquaten Bezahlung nach tatsächlich geleisteter Arbeit. Für Dozent_innen und wissenschaftliche Mitarbeiter_innen sollen fixe statt zeitlich auf ein Jahr begrenzte Arbeitsverträge ausgehandelt werden.

Forscher_innen an der UvA müssen die Zahl ihrer jährlichen Publikationen nämlich unter unglaublichem Druck von oben erhöhen. Die neoliberale Logik führte zu drastischen Budgetkürzungen, kombiniert mit einer Kultur des top-down Managements sowie schleichender Bürokratisierung. Die Folgen sind bekannt: Die Zahl der psychischen Erkrankungen unter Studierenden und Lehrenden steigt stetig.

Auch die bereits eingeleitete Fusion der UvA mit der Freien Universität Amsterdam wird von Studierenden und Lehrenden abgelehnt. Das Präsidium aber ignoriert die Beschlüsse des Personal- und Studierendenrates. Generell wünschen sich alle Beteiligten, dass die Universität mehr Autonomie erhält und die Vernetzung innerhalb der akademischen Gemeinschaft gefördert wird.

SOLIDARITÄT IM MAAGDENHUIS. Nach der elftägigen Besetzung des Bungehuis wurde das Gebäude am 24. Februar zwangsgeräumt, 46 Personen wurden dabei verhaftet. Zuvor urteilte ein Gericht am 19. Februar, dass die Aktivist_innen das Gebäude verlassen müssten, ansonsten würde ein Zwangsgeld von 1.000 Euro für jeden weiteren Tag anfallen. Statt das Gebäude zu räumen, begannen die Besetzer_innen Geld zu sammeln. Vergebens.

Einen Tag nach der Räumung, am 25. Februar, organisierten Studierende, Dozent_innen und Sympathisanten eine Demonstration, die letztendlich zur Besetzung des Hauptgebäudes der universitären Verwaltung – dem Maagdenhuis – führte. 300 Menschen waren an der Besetzung beteiligt und sind immer noch vor Ort. Das geräumte Bungehuis soll jetzt wie geplant an eine private Firma verkauft werden, die daraus einen privaten „British Society Club“ machen möchte.

UNIVERSITÄT ALS UNTERNEHMEN. „Die UvA verkommt immer mehr zu einem Betrieb”, schreibt die Studierendenpartei UVASociaal auf ihrer Homepage. Entscheidungen werden von universitätsfremden Manager_innen getroffen, die im Zuge einer Umstrukturierung von ihren Konzernen entfernt wurden und nur wenig Verständnis für die Anliegen und Fragen der Studierenden aufbringen. Demonstrant_innen fordern nun die Dezentralisierung der Vorstandsführung, um der Universität die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu verwalten.

Man müsse sich zudem von quantitativen Leistungsbeurteilungen wie Drop-Out-Quoten oder der Zahl der Absolvent_innen entfernen, sowie die auf Wirtschaftsmodellen beruhenden Formeln der Evaluation gegen selbstreflexive Praxen wie jene der Peer-Group-Reviews ersetzen. Statt sich der Verbesserung der Lehrqualität zu widmen oder internes Bürokratieprozedere zu vereinfachen, bekommt das Management sechsstellige Beträge ausbezahlt um sinnlosen Papierkram, destruktive Arbeitsmethoden und unrealistische Erwartungen an die fortschreitend prekär arbeitenden Angestellten auszulagern.

Obwohl die Aktivist_innen mit einer Ausweitung der Proteste auf Petitionen sowie die Besetzung weiterer Gebäude gedroht hatten, wurde der offene Brief an das UvA-Präsidium bis zum 9. März nicht beantwortet. „Die Administration hat bis jetzt keine konkreten Schritte eingeleitet, um die Forderungen umzusetzen“, erzählt Noeri van den Berg. Das Präsidium brauche noch Zeit, um die richtigen Antworten zu finden.

Eine Abkehr vom bestehenden System der Bildungsmonetarisierung auf den Universitäten scheint nur durch eine Loslösung vom Bologna-Prozess realisierbar. Ein Hauptantrieb in der umfassenden Neugestaltung des europäischen Hochschulraumes ab 1999 bestand darin, einen europaweiten Vergleich universitärer Leistungen zu ermöglichen. Weitere Ziele waren die Förderung der Studierendenmobilität sowie des Studierendenmitspracherechts und der europäischen Zusammenarbeit in der Forschung. Tatsächlich wurden 15 Jahre nach dem Beschluss fast keine dieser Ziele erreicht: Schon von ECTS-Vergleichkarkeit zwischen einzelnen Unis kann keine Rede sein, geschweige denn von leichteren Anrechnungsverfahren von Auslandssemestern. Die Verschulung des Systems führte zu einem stärkeren Konkurrenzdruck und zu einem weiteren Abbau der Lehrqualität zu Gunsten des Publikationsoutputs, wie zahlreiche nationale und transnationale Studien zeigen. Der Fokus an den Universitäten liegt nicht mehr bei einer Anregung zu selbstbestimmtem und kritischem Denken; die straffen Bachelor-Lehrpläne lassen dafür keinen Platz.

Die Entscheidung über die weiteren Verhandlungen zwischen Universitätsführung und Studierenden liegt jetzt jedenfalls bei Präsidentin Louise Gunning. Will sie den Forderungen der akademischen Community zugunsten einer Demokratisierung zustimmen – oder im Sinne der internationalen Vergleichbarkeit und Betriebsstraffung vorgehen wie bisher? Das Management-Personal der Uni ist während der Proteste jedenfalls nirgends zu sehen; ein Banner mit den Worten „DIRECT DEMOCRACY“ wurde währenddessen von Protestierenden vors RektorInnenbüro gehängt. Am 4. März verkündete der Bildungsprotest „Die Neue Universität“ Pläne zur Ausweitung des Widerstands. Die Aktivist_innen haben zu einem Tag des Protests an den Universitäten von Leiden, Groningen, Utrecht, Nijmegen und Rotterdam aufgerufen.

Weitere Informationen zu den Protesten findet ihr auf der Homepage der Initiative “Die neue Universität” sowie der Bewegung der Lehrenden, RethinkUvA. Unter dem hashtag #denieuweuniversiteit gibt es aktuelle Fotos und Statements von Demonstrierenden.

progress wird die Entwicklungen an der Universität von Amsterdam verfolgen und euch bezüglich Neuigkeiten auf dem Laufenden halten.

 

Bianca Xenia Mayer studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien.

Petition: https://www.change.org/p/university-of-amsterdam-executive-board-support-the-new-university

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