Sprung ins kalte Wasser

Kopfbereich
Inhalt

Seit 2010 wird für das Psychologiestudium in Wien ein Aufnahmeverfahren  durchgeführt. Rund 2.000 BewerberInnen kämpften heuer um 500 Studienplätze. Verena Ehrnberger hat sich vor Ort umgesehen und die TeilnehmerInnen nach ihrer  Meinung und ihren Erfahrungen mit der Prüfung befragt.

Anspannung. Stille. Nur manchmal hört man das Knarren eines Stuhls, das leise Rascheln eines der  vielen durchsichtigen Plastiksäckchen, in denen  die zukünftigen Studierenden ihre Habseligkeiten verstauen mussten. In der großen grauen Halle A der Messe Wien ist es kalt. Beim Hereinkommen wird man einem von 30 Sektoren zugewiesen und sucht im jeweiligen Sektor nach jenem Platz, der mit dem eigenen Namen beschriftet ist. Es ist der 3. September 2013 – der Tag der Psychologie-Aufnahmeprüfung.  Mit rund 4.000 anderen TeilnehmerInnen soll man nun um einen der begehrten 500 Studienplätze kämpfen.

Am Prüfungstag erscheint dann aber nur knapp die Hälfte der angemeldeten Personen. Der Saal ist bei weitem nicht voll. Ganze Tischreihen bleiben leer.  Der Dekan der psychologischen Fakultät, Germain  Weber, informiert die Anwesenden per Mikrophondurchsage,  dass nur knapp 2.000 TeilnehmerInnen erschienen sind. Großes Aufatmen im Saal – die eigene Chance, einen Studienplatz zu ergattern, hat sich damit plötzlich verdoppelt. „Bekommt man einen  Bachelor-Platz in Wien”, sagt der Dekan weiter, „dann hat man in Wien auch einen gesicherten Master-Platz.“ Die nächste gute Nachricht für die zukünftigen Psychologie-Studierenden.

Gemischte Reaktionen. Dann werden die Prüfungsmodalitäten erklärt. Die Aufnahmeprüfung besteht aus drei Teilen: Wissen, Methodik und Englisch. Für den Wissens-Teil waren bestimmte Kapitel eines Psychologie-Lehrbuchs zu lernen – dieser Teil ist 70 Punkte wert. Bei Methodik und Englisch kann man jeweils auf 40 Punkte kommen. Für 150 mögliche Punkte hat man 150 Minuten Zeit. Die Prüfungsbögen werden gleichzeitig umgedreht – ein lautes  Rascheln geht durch den Saal. Zur Beantwortung der jeweiligen Wissensfragen brauchen die Anwesenden nur wenige Sekunden. Die dadurch gewonnene Zeit wird für den Englisch- und den Methodik-Teil genützt,  auf die man sich nur schwer vorbereiten kann.

Als die 150 Minuten schließlich vorbei sind, fallen die Reaktionen der TeilnehmerInnen gemischt aus. Einige scheitern am Englisch, andere an den Fragen  zur Methodik. „Auf den Wissens-Teil konnte man sich sehr gut vorbereiten“, meint Hannah, 18, aus Niederösterreich:  „Der Methodik-Teil war nicht berechenbar. Aber wenn man solide Mathematikkenntnisse hat, ist er zu bewältigen. Englisch war auf Maturaniveau und relativ leicht.“ Auch Jonas, 25, aus Tübingen fand den Methodik-Teil anspruchsvoll: „Es war tückisch. Es  gab viel Text, der überflüssig war und zur Ablenkung diente“, sagt er.

Sinnhaftigkeit der Aufnahmeprüfung. Doch wie sinnvoll ist so eine Aufnahmeprüfung  überhaupt? Jonas findet das Aufnahmeverfahren eine gute Idee. „Da muss man zumindest etwas lernen.  Die Leute, die das wirklich wollen, haben einen gerechtfertigten Vorteil gegenüber Leuten, die sich  vielleicht nur so zum Spaß anmelden“, so Jonas. Elke, 35, sieht das genauso. Die Salzburgerin lebt gerade in Bayern. „In Deutschland haben sie den Numerus Clausus und glauben, dass ein Mensch, der an wenigen bestimmten Tagen seines Lebens nicht ganz so  gut abgeschnitten hat, nicht auch ein guter Psychologe oder Mediziner werden kann“, meint sie: „Ich finde das unsinnig und das österreichische System viel besser.“  Die Aufnahmeprüfung soll, laut Homepage des StudienServiceCenters der Psychologie, „studienrelevante Fähigkeiten“ überprüfen: Neben Textverständnis und  Prüfungswissen wird auch die „Fähigkeit zum formalanalytischen Denken“ der zukünftigen Studierenden  geprüft. Dies wird vor allem durch den Methodik-Teil erreicht. Der ist bei den TeilnehmerInnen aber nicht unumstritten. „Englisch und Methodik waren für  mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hab mich nicht gezielt vorbereiten können“, sagt Hannah und fügt hinzu: „Mein Schulwissen hat mir aber geholfen.“ Die Schwierigkeit des Methodik-Teils variiert von Jahr zu Jahr. „Ich dachte mir, dass sie die Fragen schon so stellen, dass man sich kaum darauf vorbereiten kann – ähnlich wie bei einem IQ-Test“, sagt Jonas.

Letztlich scheint der Methodik-Teil aber nicht nur die  „Fähigkeit zum analytischen Denken“ abzuprüfen,  sondern vor allem Mathematikkenntnisse. Ein erlerntes Wissen also, das man sich je nach Schulbildung entweder aneignen konnte – oder eben nicht. Elke hat die Aufnahmeprüfung dieses Jahr nicht geschafft.  „Ich bin etwas älter als der Schnitt. Meine Matura ist demnach ewig her“, sagt sie: „Ich hab mich seit Jahrzehnten nicht mehr mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Co beschäftigt. Das waren also nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, um diese  Prüfung zu bestehen.“ Enttäuscht ist sie trotzdem, vor  allem weil ihr das Lernen des Psychologiestoffs viel  Spaß gemacht hat. „Ich konnte den Zimbardo (Autor  des Psychologie-Lehrbuches, Anm. der Red.) wirklich gut und ich fand die Materie auch super interessant.“

Teure Vorbereitung. Intensives Lernen ist  offenbar nicht immer ein Garant dafür, die Prüfung  auch zu bestehen. Eine Umfrage in der Facebook-  Gruppe zum diesjährigen Aufnahmeverfahren ergab,  dass fast ein Viertel der TeilnehmerInnen einen Vorbereitungskurs besucht hat. Um sich gegen die große Konkurrenz durchzusetzen, sind manche bereit viel Geld zu zahlen. Für etwa 300 Euro kann man sich eine Woche lang von verschiedensten Instituten  gründlich auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten  lassen.

Jonas hat die Prüfung auch ohne Kurs bestanden.  „Ich hab keinen wirklichen Nutzen darin gesehen“, sagt Jonas. „Auf den Methodik- und den Englisch-Teil kann man sich nicht vorbereiten und beim Lernen des Zimbardo hilft halt auch kein Kurs“, meint er. Auch Hannah hat es ohne Kurs geschafft. „Es spricht gegen meine Prinzipien, dass man Geld in Kurse investiert, während andere Menschen nicht die erforderlichen Mittel haben“, sagt sie: „Jeder Mensch sollte die gleichen Chancen haben.“

Fehlende Transparenz. An der Aufnahmeprüfung wird stark kritisiert, dass weder das erreichte Testergebnis noch der Rang, den man in der Reihung der TeilnehmerInnen erzielt hat, nach der Prüfung für die zukünftigen Studierenden einsehbar sind. „Für diejenigen, die überlegen, es erneut zu versuchen, wäre das sicherlich eine gute  Entscheidungsbasis“, meint Jonas: „Allerdings ist es auf der anderen Seite ärgerlich für alle, die herausfinden müssen, dass sie ganz knapp gescheitert sind.“ Hannah sieht in der mangelnden Transparenz des Aufnahmeverfahrens das größte Problem. „Dieses Vorgehen lässt möglicherweise bei einigen der TeilnehmerInnen Zweifel an der Korrektheit  des Testergebnisses aufkommen“, sagt sie, und fügt  hinzu: „So kann man die persönliche Leistung nur schwer einschätzen. Hat man die Prüfung nicht geschafft, kann man nicht beurteilen, welche Teile des Tests bei einem Neuantritt intensiver zu lernen wären.“

Seitens der Universität Wien beruft man sich hinsichtlich der fehlenden Transparenz der Aufnahmeprüfung auf die Universität Salzburg. „Das Verfahren in der Psychologie wird gemeinsam mit der Universität Salzburg durchgeführt. Die Federführung in Bezug auf die Gestaltung der Abläufe hat die Salzburger Universität“, erklärt Cornelia Blum, Pressesprecherin des Rektorats der Universität Wien: „Die  Universität Wien hat sich als Kooperationspartner der  Vorgangsweise angeschlossen.“ Obwohl der Wiener Universität ein transparentes Verfahren ein Anliegen sei, widerspräche eine allgemeine Veröffentlichung der Ergebnisse „datenschutzrechtlichen Bestimmungen“, heißt es weiter.

Flucht vor dem Numerus Clausus. Auffallend ist beim Aufnahmeverfahren für Psychologie auch die große Anzahl deutscher TeilnehmerInnen. Das gibt einigen österreichischen Studierenden zu denken: „Ich finde wirklich, dass eine Quotenregelung hergehört. Es ist schon etwas komisch, dass so viele Deutsche an der österreichischen Psychologie  sitzen“, sagt Elke, die zwar gerade in Bayern wohnt,  aber ursprünglich aus Salzburg kommt: „Klar kann ich es bei deren Numerus Clausus nachvollziehen, aber Österreich kann doch nicht wirklich unzählige Millionen für Studierende ausgeben, die dann wieder in ihre Heimat zurückgehen“, meint sie weiter: „Es ist eine Regelung notwendig. Und das ganz dringend.“ Das sieht Hannah genauso: „Grundsätzlich sollte man die Möglichkeit haben, sich im Ausland fortzubilden. Aber unterschiedliche Regelungen in Europa führen zu unausgewogenen Verhältnissen. Hier kann nur  eine europaweite Regelung der Studienzulassung  helfen“, sagt sie. Jonas ist nun einer der deutschen  Psychologie-Studierenden in Wien. Er ist gegen eine Quotenregelung: „Es gibt auch viele ÖsterreicherInnen auf deutschen Unis. Da gibt es auch keine Quote“, sagt er: „Ich fände das auch irgendwie diskriminierend.“

Aus Sicht der Universität Wien hat eine mögliche Quotenregelung zugunsten österreichischer Studierender momentan keine hohe Dringlichkeit. Außerdem fühlt sich die Universität dafür auch nicht zuständig. „Diese Frage zu entscheiden liegt nicht in der Autonomie der Universität“, sagt Cornelia Blum.  „Es gibt derzeit eine Regelung in der Medizin, die in Abstimmung zwischen österreichischem und europäischem Gesetzgeber festgelegt ist. Eine Initiative  müsste daher vom österreichischen Gesetzgeber ausgehen und wäre in Abstimmung mit der EU festzulegen“,  erklärt sie weiter.  Beim Psychologie-Aufnahmeverfahren besteht sicher ein Bedarf an Verbesserungen. Sowohl der von Jahr  zu Jahr stark variierende Methodik-Teil als auch die fehlende Transparenz der Prüfung werfen kein gutes Licht auf das Aufnahmeverfahren. Auch im Hinblick auf eine mögliche ÖsterreicherInnen-Quote könnte  sich in den nächsten Jahren wohl noch einiges ändern. Derzeit scheinen allerdings keine entsprechenden  Maßnahmen geplant zu sein. Wer es dieses Jahr geschafft hat, muss sich damit jedenfalls nicht mehr auseinandersetzen. Während Jonas und Hannah sich schon auf ihr Studium an der Universität Wien  freuen, wird Elke es wieder versuchen. „Ich werde vermutlich nächstes Jahr noch einmal in der Prüfung sitzen – hoffentlich mit größerem Erfolg“, sagt sie  zuversichtlich.

Verena Ehrnberger ist Juristin und studiert Vergleichende Literatur an der Universität Wien.

 

 

 

        

 

Meta

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage ist dazu da, um Spam-Bots davon abzuhalten dieses Formular auszufüllen.
Bild Captcha
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.