Bildung

Der geheime Lehrplan

  • 11.08.2014, 15:23

Diskriminierende Darstellungen, einseitige Definitionen, stereotype Repräsentationen – Schulbücher reproduzieren oft Klischees. Anleitungen zum kritischen Umgang mit Begriffen und Konzepten werden selten geboten. Engagierte ForscherInnen und LehrerInnen wollen das ändern.

Diskriminierende Darstellungen, einseitige Definitionen, stereotype Repräsentationen – Schulbücher reproduzieren oft Klischees. Anleitungen zum kritischen Umgang mit Begriffen und Konzepten werden selten geboten. Engagierte ForscherInnen und LehrerInnen wollen das ändern.

Wenn es um Schule ging, war die Zentralmatura in den letzten Monaten das meistdiskutierte Thema. Unfaire Bewertungssysteme, mangelnde Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse individueller SchülerInnen und der jüngste Skandal um einen Text bei der Deutschmatura, der den Holocaust verharmlost – die Zentralmatura sorgt für heftige Diskussionen. Aber nicht nur sie gibt Anlass zur Kritik. Als elementarer Bestandteil des Unterrichts haben Schulbücher einen großen Einfluss auf SchülerInnen. Die meisten Schulbücher regen aber keineswegs zum kritischen Denken an, wie eine Studie des Historikers Christoph Kühberger zeigt. Im Gegenteil: Sie stellen ihre Inhalte meist so dar, als wären sie objektiv und allgemein gültig. Dass dahinter die subjektiven Perspektiven einer/s oder mehrerer AutorInnen stehen und Begriffsdefinitionen häufig einseitig sind, wird selten deutlich. „Die wenigsten Schulbücher beinhalten eine Anleitung, wie man kritisch mit ihnen umgehen kann“, sagt auch Christa Markom, Ethnologin und Sozialpädagogin. Wenn sich die vermittelten Ansichten mit jenen des/r Lehrers/in decken, akzeptieren die SchülerInnen sie als Wahrheit. „Was LehrerIn und Schulbuch sagen, stimmt für die SchülerInnen und wird meist nicht hinterfragt“, so Markom.

In dem Projekt „Migration(en) im Schulbuch“ hat Christa Markom zusammen mit Heidemarie Weinhäupl und Christiane Hintermann analysiert, wie Migration in Schulbüchern verschiedener Fächer repräsentiert wird. Ziel war auch, SchülerInnen Wissenschaft näherzubringen. Im Rahmen von Workshops wurde deshalb gemeinsam mit Schulklassen erarbeitet, wie man im Unterricht kritischer mit Themen und Begriffen umgehen kann. „Das war ein völlig neuer Zugang für die SchülerInnen“, berichtet Herbert Pichler, Lehrer und selbst Schulbuchautor, der mit einer seiner Klassen am Projekt teilnahm. „Die Schulbücher zerpflücken und kritisieren zu dürfen, das kannten sie vorher nicht“, erzählt er. Dabei sei das von enormer Bedeutung.

Undurchsichtig. Bevor ein Schulbuch tatsächlich in die Hände eines Schülers oder einer Schülerin gelangt, durchläuft es einen Prozess, der zwei bis drei Jahre dauert – weshalb jedes Schulbuch zwangsläufig veraltet ist. Zunächst erhalten AutorInnen (meistens in Teams) den Auftrag, ein Schulbuch zu schreiben. Ist das getan, wird es von GutachterInnen des Ministeriums auf Basis bestimmter Richtlinien überprüft. „Dabei spielen durchaus auch Anti-Diskriminierungsrichtlinien oder zum Beispiel Gender-Richtlinien eine Rolle“, erklärt Christa Markom. Trotz dieser Approbation gelangen aber viele Bücher auf die Schulbuchliste, die diskriminierende Inhalte haben. Zwar sind viele GutachterInnen sehr bemüht, dies zu vermeiden, allerdings fehlt teilweise auch Hintergrundwissen zu verschiedenen Diskriminierungsformen. Laut Herbert Pichler sind die MitarbeiterInnen des Ministeriums auch manchmal selbst Teil jener Teams, die Schulbücher verfassen. Außerdem haben einige der Verlage großes Interesse daran, dass ihre Bücher approbiert werden. „Sie üben einen enormen Druck auf das Ministerium aus“, erklärt Herbert Pichler.

LehrerInnen können sich zwar theoretisch aussuchen, welches Schulbuch sie verwenden wollen. In der Realität sieht das aber oft anders aus. „Der Griff zu einem altbekannten Buch ist häufig naheliegend“, sagt Christa Markom. Es kommt also durchaus vor, dass Schulbücher, die einseitige Darstellungen oder diskriminierende Repräsentationen und Stereotype beinhalten, als Unterrichtsmaterial fungieren. Laut einer Umfrage des Projekts „Migration(en) im Schulbuch“ verwenden 80 Prozent der LehrerInnen Schulbücher, um ihren Unterricht zu strukturieren. Dieser wird durch die oft einseitige Aufbereitung von Themen in den Schulbüchern entsprechend beeinflusst.

Repräsentation von Migration. Am Beispiel der Darstellung von Migration beziehungsweise von MigrantInnen in Schulbüchern zeigt sich, wie Stereotype und Vorurteile reproduziert werden. „Eines unserer wichtigsten Ergebnisse war, dass Migrationsthemen in Schulbüchern noch immer hauptsächlich in einem Problemdiskurs abgehandelt werden“, sagt Christa Markom. Einerseits betrifft das die Positionierung des Themas, das in einem Schulbuch zum Beispiel in der Nähe des Themenkomplexes „Terrorismus“ angesiedelt war. Andererseits spielen Überschriften wie „Migration – eines der zentralen Probleme Europas“ hier eine Rolle. Auch darüber hinaus wird Migration meist in einem negativen Kontext dargestellt. „Dadurch entstehen keine positiven Identifikationsmöglichkeiten für SchülerInnen mit Migrationsbiographien“, erklärt Markom. Wird Migration ausnahmsweise nicht als Problem dargestellt, dann wird sie meist in einem Nützlichkeitsdiskurs behandelt, in dem wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Fragen im Mittelpunkt stehen. Dass Migrationsgeschichten aus der Perspektive von MigrantInnen erzählt werden, kommt hingegen kaum vor.

Auch Begriffe werden im Kontext von Migration in Schulbüchern kaum umfassend erklärt. So fehlt beispielsweise eine Auseinandersetzung damit, welche Bedeutungen hinter dem Begriff „Integration“ stecken können, oder damit, warum eine Bezeichnung wie „ZigeunerIn“ beleidigend und abwertend ist. Und das, obwohl SchülerInnen großes Interesse daran haben, wie Begriffe verwendet werden und wie sie Diskriminierungen in ihrer Sprache vermeiden können: „Natürlich interessiert mich das, ich brauch’ das ja täglich“, meint ein Schüler einer BHS: „Wenn ich die Erklärungen dazu nicht in Schulbüchern finde, wo dann?“ Laut Christa Markom würden sich die SchülerInnen auch historische Ableitungen der Begriffe erwarten. Sie wollen wissen, aus welchem historischen Kontext ein Begriff kommt, um seine Verwendung in der Gegenwart zu verstehen. Als Teil der österreichischen Geschichte wird Migration aber ohnehin kaum dargestellt. Im Gegenteil: Schulbücher behandeln Migration meist als neueres Phänomen, das von der österreichischen Geschichte abzugrenzen ist. „Das führt dazu, dass SchülerInnen Migration nicht in die österreichische Wir-Konstruktion miteinbeziehen“, erklärt Christa Markom.

Die Macht der Bilder. Diese Tendenzen spiegeln sich nicht nur in Texten wider. Auch in Bildern wird stark mit Klischees gearbeitet. Ein Aspekt, dem laut Herbert Pichler besondere Beachtung geschenkt werden sollte. Wenn es um Migration geht, sind in Schulbüchern häufig Bilder von Frauen mit Kopftüchern, mit denen meist die Türkei assoziiert wird, abgedruckt. „Warum ist es eigentlich so, dass wir mit ‚Ausländer’ nur die Türken meinen?“, fragte deshalb eine Schülerin im Projekt „Migration(en) im Schulbuch“. Dass Deutsche die größte Migrationsgruppe in Österreich sind, wird durch diesen Fokus verschleiert.

Wenn es um Flucht und Asyl geht, werden wiederum meist AfrikanerInnen dargestellt, die in die „Festung Europa“ wollen. Sowohl auf Bildern, die AfrikanerInnen in überfüllten Booten zeigen, als auch in Texten. In einem Geographiebuch der Sekundarstufe 2 ist dazu Folgendes zu lesen: „Täglich stehen z.B. in Nordafrika tausende Menschen vor den Toren Europas, um in eine bessere Welt zu gelangen. Bilder von Flüchtlingstragödien, z.B. von überfüllten Flüchtlingsschiffen, gelangen in unsere Medien. Auch wenn das überalterte Europa langfristig Einwanderer benötigt, kann es den globalen Migrationsdruck nicht entschärfen. Wird das Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt nicht eingeschränkt und werden Arbeitslosigkeit und Hunger und Umweltprobleme nicht nachhaltig bekämpft, wird der Migrationsdruck weiter steigen.“ Problematisch ist das einerseits, weil Afrika durch derartige Darstellungen pauschal mit negativen Bildern verbunden wird. Andererseits wird innerafrikanische Migration nicht thematisiert. „Es wird so dargestellt, als würden alle Flüchtenden und Migrierenden nach Europa kommen, was ja überhaupt nicht der Fall ist“, erklärt Markom: „Wie Migrationsströme tatsächlich verlaufen, wird verschleiert.“

Handlungsoptionen. Selbst das schlechteste Schulbuch kann aber im Unterricht das beste Schulbuch werden, wenn die LehrerInnen gut damit umgehen, ergänzt Markom. Ob entsprechende Kompetenzen in der pädagogischen Ausbildung vermittelt werden, ist jedoch fraglich. Das kritische Hinterfragen der Schulbücher werde in der LehrerInnenausbildung kaum thematisiert. Es sei aber wichtig, einen machtkritischen Blick zu entwickeln, Begriffe zu kritisieren und Lehrmedien nicht als objektiv zu betrachten. Auch die Schulbücher selbst sollten laut Markom stärker dazu anregen, sich kritisch mit Begrifflichkeiten und Inhalten auseinanderzusetzen.

Für den Unterricht wäre es wichtig, mehr Diskussionsräume zu schaffen. Sinnvoll sei deshalb auch, verstärkt Vorträge, Ausstellungen oder Workshops und damit auch Leute von außerhalb der Schule in den Unterricht zu integrieren. Dadurch bringe man neue Dynamiken in eine Klasse und schaffe ein Bewusstsein für verschiedene Themen wie Diskriminierung und Rassismus. Dabei können SchülerInnen abseits von Notendruck und Prüfungsangst lernen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. „Durch das Projekt‚ Migration(en) im Schulbuch‘ sind die SchülerInnen jetzt viel kritischer als zuvor“, berichtet auch Herbert Pichler.

Was die Schulbücher betrifft, sieht Christa Markom in der Multiperspektivität großes Potential. „Man sollte möglichst viele Sichtweisen auf ein Thema zeigen. Auch mit lebensgeschichtlichen Zugängen kann man da sehr gut arbeiten.“ Wenn es um Migration geht, hätten sie das Potential, die negativen Konnotationen in Frage zu stellen. Interviews wären zum Beispiel eine Möglichkeit, auch Raum für positive Migrationsgeschichten zu schaffen. Für Herbert Pichler ist vor allem die Positionierung des Schulbuchs im Unterricht wichtig: „Ich selbst verwende Schulbücher als Steinbruch, als eine Sammlung von Materialien, die man in bestimmten Unterrichtssequenzen gezielt verwenden kann.“

Zum Schluss betont Christa Markom auch, dass durchaus eine positive Entwicklung der Schulbücher zu beobachten ist. „Da hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren sehr viel getan. Es gibt noch immer Probleme, das ist keine Frage. Aber das ist keineswegs
eine statische Sache.“

Patricia Urban studiert Kultur- und Sozialanthropologie und Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.
 

Teach for Austria: Mehr als ein Job!

  • 13.05.2014, 11:59

Die 2011 ins Leben gerufene Bildungsinitiative „Teach for Austria“ soll bessere Zukunftschancen für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche schaffen. Sogenannte „Fellows“ arbeiten zwei Jahre lang als volle Lehrkräfte in Schulen an sozialen Brennpunkten. Margot Landl hat für progress online mit dem Gründer Walter Emberger gesprochen und einen der Fellows in seinen Unterricht begleitet.

Die 2011 ins Leben gerufene Bildungsinitiative „Teach for Austria“ soll bessere Zukunftschancen für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche schaffen. Sogenannte „Fellows“ arbeiten zwei Jahre lang als volle Lehrkräfte in Schulen an sozialen Brennpunkten. Margot Landl hat für progress online mit dem Gründer Walter Emberger gesprochen und einen der Fellows in seinen Unterricht begleitet.

Wien-Brigittenau: In der Neuen Mittelschule Pöchlarnstraße läutet es zur fünften Stunde. Der Fellow Johannes Steiner (29) betritt die vierte Klasse, in der er nun das zweite Jahr unterrichtet. Die Schule mit Montessori-Schwerpunkt besuchen hauptsächlich SchülerInnen aus bildungsfernen Schichten. Viele von ihnen haben Migrationshintergrund und daher oft Schwierigkeiten, dem deutschsprachigen Unterricht folgen zu können. Zehn Jungen und dreizehn Mädchen sitzen in der Abschlussklasse, die Johannes jetzt unterrichten wird, alle um die vierzehn Jahre alt. Sie begrüßen ihren Geschichtelehrer herzlich. „Fellow“ ist das englische Wort für „Kumpel“.

Johannes scheint für seine SchülerInnen eine Mischung zwischen diesem und einem Lehrer zu sein. „Sie wissen nicht, dass ich kein normaler Lehrer bin“, erklärt er. Und man kann beobachten, dass die Jugendlichen – unter anderem auch aufgrund seines jugendlichen Auftretens – einen besonderen Zugang zu ihm zu haben. „Er schimpft nicht so viel“, meint die 13-jährige Asmira. „Ja, und er macht es mit Action“, pflichtet ihr ihre Klassenkameradin Alyssa bei. Burak aus der hintersten Reihe lässt sich schließlich zum größten Kompliment hinreißen, das man von einem 15-Jährigen als Lehrer wohl bekommen kann: „Er ist cool!“ Dennoch bemüht sich Johannes, bei allem, oft über den normalen Unterricht hinausgehenden Engagement für seine Schützlinge, die Balance zur Professionalität bei der Lehre zu wahren: „Meine SchülerInnen fassen schnell Vertrauen zu mir und erzählen mir dann auch von persönlichen Problemen. Trotzdem muss die Grenze zwischen Freund und Lehrer klar definiert bleiben.“

Johannes Steiner hat einen besonderen Zugang zu seinen SchülerInnen. Foto: Christopher Glanzl

Win-Win-Situation

Die Bildungsinitiative „Teach for Austria“ wurde 2011 als unabhängige und gemeinnützige Organisation von dem Wirtschaftsfachmann Walter Emberger nach internationalem Vorbild gegründet. Mit dem Schuljahr 2012/13 ist das Programm in Wien und Salzburg, der Heimat Embergers, gestartet. 2015 soll es auf ein weiteres Bundesland in Österreich ausgedehnt werden. Größere Städte sind vorerst das Ziel des Projekts, da es dort vermehrt soziale Brennpunkte gibt. „Es wäre beispielsweise eine unternehmerische Herausforderung für Ex-Fellows, neue Standorte zu eröffnen“, meint Emberger.

Um zu den Fellows von „Teach for Austria“ zu gehören, müssen die BewerberInnen hohe Qualifikationsstandards erfüllen. So müssen sie mindestens ein abgeschlossenes Bachelorstudium mit besonders guten Noten vorweisen können. Auch Berufs- und Auslandserfahrung sind bei der Bewerbung von Vorteil. Fellows sind also keine LehramtsabsolventInnen, sondern „Young Professionals“. Ein Trend, aus welchen Fachrichtungen die BewerberInnen kommen, lässt sich dabei nicht feststellen. Von Soziologie über BWL bis zu Informatik ist alles dabei. Psychische Voraussetzungen wie Belastbarkeit, Kommunikations- und Motivationsfähigkeit, Reflexion, Kritikfähigkeit und Durchhaltevermögen werden in einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren getestet.

Nur etwa zehn Prozent der BewerberInnen werden schließlich ausgewählt und einer Hauptschule oder Neuen Mittelschule zugeteilt, die als sozialer Brennpunkt gilt. In dieser bekommen sie zwei bis maximal drei Jahre eine volle Lehrverpflichtung. Bezüglich der Fächer können Präferenzen angegeben werden, üblicherweise werden aber mehrere Fächer gleichzeitig unterrichtet. In einer sechswöchigen Sommerakademie werden die Fellows durch PädagogInnen auf ihre Tätigkeit als LehrerIn vorbereitet. Während ihrer Arbeit bekommen sie Unterstützung durch TrainerInnen, die davor verschiedene Berufe ausgeübt haben. Ständige Weiterbildung ist Pflicht, ebenso sollen sich die Fellows gegenseitig helfen.

Nur zu einem geringen Teil wird die Initiative „Teach for Austria“ staatlich finanziert. Die Fellows erhalten zwar gewöhnliche LehrerInnengehälter, die Organisation finanziert sich jedoch hauptsächlich durch Firmen und Stiftungen. „Wir betrachten Bildung aus einer ökonomischen Perspektive“, so Walter Emberger. „Innovationsbewusste Firmen, die die SchülerInnen als zukünftige MitarbeiterInnen betrachten, haben ein Interesse daran, deren Ausbildung zu fördern.“  Im wirtschaftlichen Sinne sollen SchülerInnen, Fellows und Firmen gleichermaßen von dem Programm profitieren. Daher können auch nur die besten zehn Prozent des Landes unterrichten. Als Vorbild dient Finnland, das Land mit der besten Pisa-Studie. Da es dort jährlich etwa zehn Mal so viele BewerberInnen wie Studienplätze gibt, existiert für das Lehramtsstudium eine Eignungsprüfung. Auch bei „Teach for Austria“ existiert so eine strenge Selektion, wodurch der Beruf eine starke Aufwertung erfährt – allerdings ohne Lehramtsstudium.

Frische Impulse für das Schulsystem

Die Idee ist nicht neu und orientiert sich stark an der Vorbildorganisation „Teach for America“. International betrachtet ist die Initiative „Teach for Austria“ einer von 32 Mitgliedern der weltweiten Initiative „Teach for all“. „Die Fellows haben einen anderen Zugang zu ihrer Tätigkeit als LehrerIn und können frische Impulse ins System bringen“, erklärt der Gründer der Initiative Walter Emberger. „Außerdem sind sie eine gute Ergänzung für das Lehrerkollegium. Von Eltern, DirektorInnen wie auch LehrerInnen bekommen wir laufend positive Rückmeldungen.“ Auch die Fellows sollen von dem Exkurs profitieren, auf den Prospekten der Organisation ist der Slogan „Win Win“ abgedruckt: „Die Fellows lernen viel für sich selbst und gehen auch manchmal an ihre Grenzen. Sie stellen sich neuen Herausforderungen und lernen davon“, meint Emberger. Viele Firmen betrachtet die Tätigkeit bei „Teach for Austria“ positiv und als Leadership-Training. Die Arbeit bei der Organisation bietet die Möglichkeit, Kontakte zu PartnerInnen aus Politik, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft zu knüpfen. Ein Alumni-Netzwerk soll dafür sorgen, dass ehemalige Fellows der Organisation erhalten bleiben und weiter auf verschiedenste Weise im Bildungsbereich tätig werden. Der Mehrwert zeigt sich also nicht nur in der Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch im Lebenslauf der Fellows.

Der angehende Fellow Anna Grüssinger hat „Teach for Austria“ online entdeckt. „Ich habe mich näher informiert und einen Fellow kontaktiert, um konkrete Nachfragen stellen zu können“, berichtet die Absolventin einer Journalismus-FH, die zusätzlich eine Ausbildung zur Tanzpädagogin gemacht hat. Nachdem sie den mehrstufigen Bewerbungsprozess durchlaufen hat, ist sie nun eine von 35 zukünftigen Fellows, die aus 650 BewerberInnen ausgewählt wurden. Anna sieht den Job als neue Herausforderung: „Ich bin mir sicher, dadurch spannende Impulse erhalten zu können. Aber ich denke, man muss es wirklich wollen.“ Sie kann sich vorstellen, alles zu unterrichten - „außer vielleicht Naturwissenschaften.“

Fit für die Leistungsgesellschaft

„Wir wollen Schülerinnen und Schüler für das spätere Leben in einer Leistungsgesellschaft fit machen“, erklärt Walter Emberger. „Die Erwartungen der Eltern von SchülerInnen, die Hauptschulen und Neuen Mittelschulen besuchen, sind oft sehr niedrig. Doch man darf durchaus hohe Erwartungen an Kinder setzen. Denn sie wollen sich miteinander messen.“ Eine frühe Selektion der SchülerInnen sei nicht von Vorteil, da so die Chancen der Kinder eingeschränkt werden. Emberger selbst bekam als Jugendlicher nur durch die Fürsprache eines engagierten Lehrers die Chance, ein Gymnasium zu besuchen und eine höhere Bildung zu genießen.

Teach for Austria Gründer Walter Emberger kommt aus einer ArbeiterInnenfamilie und hat als Einziger maturiert. Foto: Christopher Glanzl

Er stammt aus einer Schneiderfamilie und ist, wie er selbst sagt, immer noch der Einzige mit Matura in seiner Familie. Nach der Matura studierte er an der WU Wien Handelswissenschaften und promovierte anschließend in Volkswirtschaft. Danach arbeitete er in Frankreich und der Schweiz. Zuletzt war er Studienlehrgangsleiter für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Salzburg. „Die soziale Herkunft darf nicht ausschlaggebend für eine spätere Karriere sein“, meint er. Nachdem er bereits vor vielen Jahren auf die Initiative „Teach for America“ gestoßen war, etablierte Emberger das Programm auch in Österreich. Auf die Frage, woher er die Motivation dafür gewann, antwortet er schlicht: „Das ist es, man weiß es!“

Motivation für berufliche Ziele

Auch Johannes Steiner will seine SchülerInnen zu mehr Selbstvertrauen und Engagement bewegen. „Eine meiner Schülerinnen wollte vor kurzem eine Lehre beginnen. Ich habe zu ihr gesagt: ‚Das ist natürlich okay, aber du kannst mehr!' Jetzt hat sie sich dafür entschieden, einen höheren Bildungsweg einzuschlagen“, berichtet Johannes und man merkt ihm die Freude über diesen Erfolg an. Und er ergänzt: „Aber das ist natürlich eine Ausnahme. Es reicht schon, wenn die Kinder gern in die Schule gehen.“ Die anderen SchülerInnen von Johannes haben bereits eine fixe Vorstellung davon, was sie nach der Schule machen möchten. Asmira will eine Ausbildung zur Kindergartenpädagogin machen und Alyssa will die Fachschule für Tourismus absolvieren. Burak möchte eine Lehre als Installateur beginnen und danach, wie viele seiner Schulkollegen, Polizist werden. Durch „Teach for Austria“ sollen die SchülerInnen motiviert werden, sich eigenständig Ziele zu setzen und dafür zu arbeiten – eine Qualität, die auch ihre späteren ArbeitgeberInnen sehr schätzen werden.

Besonders während der Stunde merkt man den Willen des Fellows, die SchülerInnen zu motivieren. Johannes lässt sich durch falsche Aussagen nicht beirren, sondern besteht mit einem hartnäckigen „Das könnt ihr, das weiß ich!“ auf die richtigen Antworten. Die SchülerInnen ihrerseits reagieren auf den jungen engagierten Lehrer sehr positiv und arbeiten die ganze Stunde lang mit.  „Es ist in diesem Bereich ein großer Vorteil, ein Mann zu sein“, meint Johannes, „es gibt schließlich so wenige Hauptschullehrer. Für die Jungs ist es oft gut, auch männliche Lehrer zu haben.“ Auch für Walter Emberger ist es ein Ziel, den Männeranteil unter den Fellows zu erhöhen. Im ersten Jahrgang war das Verhältnis Eins zu Vier, mittlerweile ist der Prozentsatz der männlichen Followers auf dreißig Prozent angestiegen.

Nur etwa zehn Prozent der BewerberInnen werden schließlich ausgewählt und einer Hauptschule oder Neuen Mittelschule zugeteilt, die als sozialer Brennpunkt gilt. Foto: Christopher Glanzl

Nur eine kurze Episode?

Um sich bei „Teach for Austria“ zu bewerben, ist Johannes extra aus Äthiopien nach Österreich zurückgekehrt. Dort hatte er an einem Bildungsprojekt der NGO Project-E mitgearbeitet. Doch als ihm seine Schwester von einem von ihr über die Organisation gelesenen Artikel erzählte, konnte er sich in dem angeforderten Profil zu hundert Prozent wiedererkennen. Seine Wunschfächer waren Geographie, Geschichte und Englisch. Englisch ist sein Hauptfach, die Sprache, die er durch seine Auslandsaufenthalte gut beherrscht und in der er auch seine beiden universitären Abschlussarbeiten verfasst hat. Zusätzlich unterrichtet er noch Musikerziehung und Werken.

Sich immer wieder neu erfinden

Johannes ist ein Fellow des ersten Jahrgangs und kann zwei Universitätsabschlüsse vorweisen. Der gebürtige Oberösterreicher hat in Salzburg Politikwissenschaft und in Amsterdam International Development studiert. Ebenso hat er in Uganda und Äthiopien an Bildungsprojekten mitgearbeitet. „Bildung bedingt für mich Entwicklung und Bildung sollte es für jede und jeden geben. Sie sollte unabhängig vom Einkommen der Eltern sein.“, erklärt Johannes. „Für mich ist die Initiative mehr als ein Job. Es ist das, woran ich glaube.“ Was er nach seiner Zeit bei „Teach for Austria“ machen möchte, weiß er noch nicht. Er kann sich vorstellen, wieder nach Afrika zu gehen, eine andere Aufgabe bei „Teach for Austria“ zu übernehmen oder vielleicht auch weiterhin als Lehrer zu arbeiten. Dafür müsste er jedoch das Lehramtsstudium nachholen.

„Ein Viertel bis ein Drittel der Fellows werden nach dem Ablauf ihrer Zeit LehrerInnen“, erzählt Walter Emberger. Doch sie betreten den Beruf seiner Ansicht nach mit einem durch ihre vorherigen Tätigkeiten erweiterten Horizont. „Auch LehrerInnen sollten immer wieder neue, außerschulische Erfahrungen sammeln“, meint Emberger. „Personen, die im Finanz-, Bank- oder Beratungsbereich arbeiten, müssen sich alle paar Jahre neu erfinden. Die Gesellschaft ändert sich stetig und schnell und mit ihr auch das Bildungssystem.“ Permanente Anpassung an aktuelle Herausforderungen zählt für ihn dabei mehr als Kontinuität.

Emberger: "Unserer Gesellschaft ist das Bewusstsein abhandengekommen, dass Leistung gut ist und sich lohnt. Aber stetiges Lernen ist wichtig und notwendig. Und oft zahlt es sich aus, den schwierigeren Weg zu gehen.“ Foto: Christopher Glanzl

Auf die Frage, welche Werte er den SchülerInnen neben dem Fachwissen vermitteln möchte, antwortet er: „Sie sollen an sich glauben. Beispielsweise sollen Kinder mit Migrationshintergrund und nichtdeutscher Muttersprache erkennen, dass ihre Zweisprachigkeit etwas Wertvolles ist. Sie dürfen sich ruhig etwas zutrauen.“ Abschließend  konstatiert Emberger: „Unserer Gesellschaft ist das Bewusstsein abhandengekommen, dass Leistung gut ist und sich lohnt. Aber stetiges Lernen ist wichtig und notwendig. Und oft zahlt es sich aus, den schwierigeren Weg zu gehen.“

Link: http://www.teachforaustria.at/

Die Autorin Margot Landl studiert Lehramt Deutsch und Geschichte sowie Politikwissenschaften an der Universität Wien.

Privatunis ohne Demokratie

  • 12.03.2014, 12:24

Aufgrund einer Gesetzesnovelle sind Studierende an Privatunis seit 2005 nicht mehr Teil der ÖH. Es folgte ein Kampf für eine gesetzliche Vertretung.

Aufgrund einer Gesetzesnovelle sind Studierende an Privatunis seit 2005 nicht mehr Teil der ÖH. Es folgte ein Kampf für eine gesetzliche Vertretung.

Studierende an einer Privatuniversität haben laut dem Privatuniversitätengesetz (PUG) die gleichen Rechte wie jene an öffentlich-rechtlichen Universitäten. Im Gegensatz zu öffentlichen Unis, FHs oder PHs ist die Vertretung Privatuni-Studierender jedoch nicht gesetzlich verankert, da sie als einzige nicht vom HochschülerInnenschaftsgesetz (HSG) erfasst werden. Durch die im Jahr 2005 erfolgte Novellierung des HSG durch die schwarz-blaue Regierung wurden Privatuni-StudentInnen aus der ÖH ausgeschlossen. Sie hätten „kein Interesse an der Mitgliedschaft in der Österreichischen HochschülerInnenschaftsgesetz“, so die offizielle Begründung für die Gesetzesänderung. Seitdem fehlt Studierenden an Privatunis nicht nur die studienrechtliche Absicherung, sondern auch eine bundesweite Vertretung. Viktoria Spielmann vom Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung kann das nicht nachvollziehen: „Für uns ist nicht verständlich, warum Studierende der Privatunis weniger demokratische Rechte haben sollen. Wir kämpfen schon seit einiger Zeit dafür, dass an allen Privatunis Studierendenvertretungsstrukturen entstehen. Diese sind in den meisten Fällen bisher nicht vorhanden und daher sind Studierende permanent vom guten Willen der Studienleitung oder des Rektorats abhängig. Studentische Mitbestimmung im Alltag der Hochschule zu gewährleisten ist unter diesen Umständen äußerst schwierig.“

Privatunis können in Österreich seit 1999 gegründet werden, für deren Zulassung ist die Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria (AQ Austria) zuständig. Diese sieht die studentische Mitbestimmung zwar als wichtig an, gibt für die Umsetzung aber nur eine Richtlinie vor: Jede Privatuniversität soll gemeinsam mit den Studierenden eine gewählte Studierendenvertretung einrichten. Wie diese genau aussieht, ist den Privatunis selbst überlassen. Die Rechte und Pflichten der StudentInnen sind in der jeweiligen Satzung oder den Aufnahmeverträgen festgehalten. So variiert etwa die Anzahl der StudierendenvertreterInnen in den Gremien von Universität zu Universität. Spielmann erläutert: „Die Rechtsverhältnisse zwischen Studierenden und der Privatuni sind privatrechtlicher Natur. Das bedeutet, dass Studierende der Privatunis sehr viel weniger Rechte haben als Studierende an öffentlichen Universitäten. Konkret heißt das auch, dass es Studierenden an Privatunis sehr viel schwerer gemacht wird, gegen ihre Universität rechtlich vorzugehen, etwa im Falle einer studienrechtlichen Überschreitung.“ Studierende an Privatuniversitäten können aber Beschwerden über Missstände und nicht rechtskonforme Vorgangsweisen schriftlich bei der AQ Austria einbringen.

Ombudsstelle. Einen Überblick über die Probleme der Privatuni-Studierenden liefert die Ombudsstelle für Studierende. Diese nimmt sowohl bei individuellen Problemfällen als auch bei systemischen Missständen eine vermittelnde Rolle ein, wenn die lokalen Studierendenvertretungen nicht weiterhelfen können. Trotz des Ausschlusses aus der ÖH wenden sich Studierende an Privatuniversitäten nicht öfter an die Ombudsstelle als andere Studierende: Zwei Prozent der bearbeiteten Anliegen wurden laut dem Tätigkeitsbericht der Ombudsstelle von Privatuni-Studierenden eingebracht. Nach ihrer Beratungstätigkeit im vergangenen Berichtsjahr schlägt die Ombudsstelle den RektorInnen der Privatunis vor, dass Privatuniversitäten nach erfolgter Aufnahme tatsächlich einen Ausbildungsvertrag mit den Studierenden abschließen sollten. Dieser soll unter anderem die Kosten der Ausbildung, Hinweise auf die Akkreditierung, das gültige Curriculum sowie Gründe für die Auflösung des Vertrages umfassen.

Kampf gegen Rechtlosigkeit. Für die rechtliche Absicherung und die bundesweite Vertretung der Privatuni-Studierenden machen sich verschiedene Personen und Institutionen stark: So forderte beispielsweise Michael Rosenberger, Rektor der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz (KTU Linz), in einer Stellungnahme zum Entwurf einer Novelle des HSG die Einführung einer Öffnungsklausel, die einen freiwilligen Beitritt von Studierendenschaften an Privatuniversitäten zur ÖH ermöglicht. Ein Großteil der Studierenden der KTU Linz – so Rosenberger – befände sich in einer ähnlichen Lebenssituation wie jene an den staatlichen Unis, und würde daher Angebote wie etwa die Unfall- und Haftpflichtversicherung sehr dankbar annehmen. Weiters möchte die Studierendenvertretung der KTU Linz auch auf Bundesebene politisch vertreten werden und wünscht sich daher, wieder in die ÖH eingegliedert zu werden. Die ÖH-Bundesvertretung würde eine erneute Eingliederung der Studierenden der Privatunis begrüßen, denn niemand sollte ohne gesetzliche Vertretung ein Studium bestreiten müssen. Spielmann formuliert das so: „Die ÖH-Bundesvertretung setzt sich für den einheitlichen Hochschulsektor ein, das bedeutet die rechtliche Gleichstellung aller vier Hochschulsektoren: öffentliche Universitäten, Fachhochschulen, Pädagogische Hochschulen und Privatuniversitäten. Unser langfristiges Ziel ist ein öffentlich finanzierter, gemeinsamer und moderner Hochschulsektor.“

Einen anderen Weg geht der 2011 gegründete Verein zum Aufbau und zur Förderung einer bundesweiten Studierendenvertretung der Privatuniversitäten. Dieser hat das Ziel, die Vertretungen zu verbessern, zu unterstützen und Kontinuität in der Arbeit der StudierendenvertreterInnen zu fördern. Die Funktionsperiode von Studierendenvertretungen an Privatuniversitäten beträgt nämlich nur ein Jahr, halb so lange wie jene der ÖH. Darauf wird der Mangel an Kontinuität zurückgeführt. Zudem sollen sich die Studierendenvertretungen der Privatuniversitäten untereinander vernetzen und geschlossen nach außen auftreten. Bis eine bundesweit gewählte und gesetzlich geregelte Studierendenvertretung in der Lage ist diese Arbeit zu übernehmen, will der Verein diese Aufgabe erfüllen. Da die 2012 erfolgte Neuregelung des Hochschul-Qualitätssicherungsgesetzes vorsieht, dass ein Vertreter des Vereins in der Generalversammlung der AQ Austria Mitglied ist, scheint der Status der Studierendenvertretung der Privatuniversitäten als Verein „einzementiert“ zu sein, sollte es nicht demnächst zu einer mutigen HSG-Reform kommen.

Andreas Freund studiert Romanistik sowie Publizistik - und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

„Der Gewöhnungseffekt ist ein Hund“

  • 10.03.2014, 21:51

Die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums war zwar ein zufälliges Produkt der Koalitionsverhandlungen, fügt sich aber dennoch in einen Wandlungsprozess der österreichischen Hochschullandschaft ein, der bereits vor mehr als zehn Jahren seinen Anfang genommen hat. Eine Chronologie der Bildungsökonomisierung.

Die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums war zwar ein zufälliges Produkt der Koalitionsverhandlungen, fügt sich aber dennoch in einen Wandlungsprozess der österreichischen Hochschullandschaft ein, der bereits vor mehr als zehn Jahren seinen Anfang genommen hat. Eine Chronologie der Bildungsökonomisierung.

Die Bestürzung war groß, als am Abend des 12. Dezember 2013 bekannt wurde, dass das Wissenschaftsministerium die Koalitionsverhandlungen nicht überlebt hat und die Agenden des bisherigen Ministers Karlheinz Töchterle (ÖVP) in das Wirtschaftsministerium unter der Führung von Reinhold Mitterlehner (ÖVP) wandern. Als „schäbig, armselig und dumm“ bezeichnete etwa Spitzen-Forscherin Renée Schroeder dieses Ergebnis gegenüber dem Nachrichtenmagazin profil. RektorInnen, Uni-Personal, ForscherInnen, Studierende und selbst große Teile der ÖVP waren entsetzt über die Entscheidung von Parteiobmann Michael Spindelegger, das Wissenschaftsministerium zugunsten eines neu geschaffenen Familienministeriums aufzulösen. Eine Unterordnung der Wissenschaft unter das „Diktat der Wirtschaft“ war und ist eine der zentralen Befürchtungen der KritikerInnen dieser Entscheidung. Vor einem „Aushungern der Grundlagenforschung“ warnen zahlreiche namhafte WissenschaftlerInnen, RektorInnen-Chef Heinrich Schmidinger forderte Bundespräsident Heinz Fischer auf, die Regierung nicht anzugeloben, die Universitäten wurden kurzzeitig schwarz beflaggt und StudierendenvertreterInnen aller Fraktionen riefen zu Protest- und Trauerkundgebungen auf. Sie warnten auf Transparenten und in Aussendungen vor einer weiteren „Ökonomisierung der Bildung“.

Und dennoch: Nach ein paar Tagen der Empörung war die Aufregung auch schon wieder vorbei. Für Sigi Maurer, ehemalige ÖH-Vorsitzende, inzwischen Wissenschaftssprecherin der Grünen, zeigt das, „wie weit wir schon sind. Das Wissenschaftsministerium arbeitet seit vielen Jahren auf eine stärkere Integration in die Wirtschaft hin. Jetzt sind die Wissenschaftsagenden dort angesiedelt – das macht für viele keinen Unterschied mehr. Ein Stück weit ist so etwas wie informierte Resignation eingetreten“, analysiert Maurer.

Mangelnde Wertschätzung. Offensichtlich war die Eingliederung der Wissenschaftsagenden in das Wirtschaftsministerium aber kein von langer Hand geplanter Schritt, sondern ein zufälliges Produkt der Koalitionsverhandlungen. „Dennoch zeigt diese Entscheidung klar, welches Bild die ÖVP von Wissenschaft hat und welche Wertigkeit sie ihr beimisst“, sagt Maurer. Damit ist sie ausnahmsweise einer Meinung mit Karlheinz Töchterle. „Die Einführung eines neuen Familienministeriums soll ein Zeichen sein, dass der ÖVP dieser Bereich besonders wichtig ist. Im Umkehrschluss sind ihr demnach Wissenschaft und Forschung nicht so wichtig. Das ist für mich angesichts der Bedeutung dieses Bereichs nicht plausibel“, so Karlheinz Töchterle gegenüber progress. Der Ex-Minister teilt die Sorgen der KritikerInnen: „Neben der symbolischen Wirkung sind auch faktische zu befürchten. Wissenschaft und Forschung bekommen schlicht weniger Zuwendung.“ Das vielzitierte „Diktat der Wirtschaft“ befürchtet der ehemalige Minister zwar weniger, ganz auszuschließen sei es aber dennoch nicht, so Töchterle.

Pacman frisst die Bildung. Die Jagd nach ECTS-Punkten erinnert Studierende an das Computerspiel Foto: Martin Juen

Nicht erst seit der Übersiedelung der Wissenschaft ins Wirtschaftsministerium ist eine immer stärkere Verstrickung von Wirtschaft und Bildung in Österreich Thema, denn die Universitäten befinden sich seit Langem in einem Wandlungsprozess, der nicht zuletzt unter europapolitischen Vorzeichen begann. Einerseits durch den Bologna-Prozess, der europäische Mobilität und einheitliche Abschlüsse bringen sollte, andererseits durch die Lissabon-Strategie, mit der Europa bis zum Jahr 2010 zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt“ werden sollte, begann spätestens ab dem Jahr 2000 auch in Österreich ein drastischer, struktureller Umbau der Universitäten. Zentral war dabei das Universitätsgesetz 2002 (UG 02, inzwischen wird es nur mehr UG genannt), mit dem die Universitäten in die seither vielbeschworene „Autonomie“ entlassen wurden. Luise Gubitzer, Ökonomin und Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und seit den 80er- Jahren im Wissenschaftsbetrieb tätig, konstatiert, dass rund um das Jahr 2000 ein Prozess in Gang gesetzt wurde, der bis heute andauert und vor allem durch eine „Übernahme des Vokabulars, der Denkweise und der Organisationsform“ aus der gewinnorientierten Wirtschaft geprägt sei. Unter dem Dogma des „New Public Managements“ wurden unternehmensähnliche Strukturen geschaffen und marktwirtschaftliche Bewertungskriterien eingeführt: Evaluierung, Kennzahlen, quantifizierbare Leistungs- und Zielvereinbarungen, Wissensbilanzen und Rankings – all das sollte „outputorientierte“ Arbeit ermöglichen. RektorInnen wurden als UniversitätsmanagerInnen mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet.

Dahinter stecke eine „industrielle Vorstellung“ der Institution Universität, so Gubitzer: Sie werde als Betrieb gesehen, der Waren produziert und stets seinen Output zu steigern hat – mehr Publikationen, mehr AbsolventInnen, etc. „Dabei handelt es sich aber nicht um einen fruchtbaren Forschungswettbewerb, sondern im Grunde um einen Statuswettbewerb. Es ist nicht die Konkurrenz darum, wer den besseren Master anbietet, sondern wer besser dafür wirbt“, kritisiert sie.

Entdemokratisierung. Darüber hinaus brachte das UG 02 große Einschnitte in die demokratischen Strukturen der Universitäten: Die Möglichkeiten der Mitbestimmung von Studierenden und des wissenschaftlichen Personals wurden massiv eingeschränkt. Ihre Stimmen im Senat, dem einzig verbliebenen Uni-Gremium, das gewählt wird, wurden zugunsten des Stimmanteils der ProfessorInnen verringert. Das und die hierarchischen Organisationsstrukturen, die auf allen Ebenen sichtbar wurden, führten damals zu Protesten. Nicht nur Studierende gingen auf die Straße, auch viele progressive Lehrende solidarisierten sich mit den Studierenden, erinnert sich Barbara Blaha, die ein paar Jahre später als ÖH-Vorsitzende eine neue Protestwelle anführen sollte. „Aber es ist auch erstaunlich, wie schnell das wieder vorbei war. Zehn Jahre später kann sich keiner mehr vorstellen, dass Unis anders funktionieren können als heute. Das Gedächtnis der Institutionen ist offenbar sehr kurz“, sagt Blaha.

Aber auch die Proteste gegen das Universitätsgesetz waren nicht die ersten, die sich gegen den Einzug von Verwertungslogiken in den Hochschulbereich richteten. Nach den Sparpaketen der 90er-Jahre und der in diesem Kontext beschlossenen Senkung der Familienbeihilfe gingen auch im Jahr 2000 Studierende auf die Straße, um gegen die erstmalige Einführung von Studiengebühren unter der damaligen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) zu protestieren. In den folgenden Jahren sollten die Studiengebühren wieder abgeschafft, eingeführt, doch nicht abgeschafft, autonom eingehoben und wieder rückerstattet werden. Luise Gubitzer sieht Studiengebühren als einen Schritt der Verankerung einer marktwirtschaftlichen Logik im Bildungssystem: Mit ihnen kommt das Element „Preis“ ins Spiel. „Als öffentliches Gut muss Bildung aber allen zugänglich sein und darf keinen Preis haben“, so Gubitzer.  

Liberalisierung und Protest. Zu den Protesten gegen Studiengebühren und gegen das umstrittene UG kam außerdem bald ein weiteres Thema hinzu, das weit über die Grenzen der Universität hinaus ein breites Bündnis von zivilgesellschaftlichen AkteurInnen auf den Plan rief: das GATS-Abkommen – das „General Agreement on Trade in Services“ der Welthandelsorganisation (WTO), das den weltweiten Handel mit Dienstleistungen und dessen Liberalisierung zum Ziel hatte.

Bildung, Gesundheit, Energie- und Wasserversorgung sollten dem freien Markt zugänglich gemacht und staatliche Regulierung in diesen Bereichen eingeschränkt werden. „Bildung ist dann nicht mehr Aufgabe des Wissenschaftsministeriums, sondern des Wirtschaftsministeriums“, warnte im Studienjahr 2002/03 die Fakultätsvertretung für Geistes- und Kulturwissenschaften der Uni Wien – ironischerweise auf einer Informationsseite, die heute noch online ist. Unter dem Motto „Education not Profit“ startete die ÖH eine groß angelegte Kampagne gegen das Handelsabkommen und war damit Teil eines breiten Bündnisses, das unter dem Slogan „Stopp GATS“ zahlreiche Organisationen unter einem Dach vereinte: von den Gewerkschaften bis zu ATTAC, von SchülerInnenorganisationen über die Armutskonferenz bis hin zu Umweltorganisationen. Die WTO wollte die Verhandlungen zum GATS bis zur Doha-Runde 2005 abschließen. Aufgrund von Uneinigkeiten zwischen den Mitgliedsstaaten ist das aber bis heute nicht gelungen.

Nach sechs Jahren schwarz-blauer Regierungspolitik, die unter anderem das UG02 und die Einführung von Studiengebühren gebracht hatten, keimte bei vielen Studierenden ein kleiner Hoffnungsschimmer, als die SPÖ 2006 als Wahlsiegerin aus den Nationalratswahlen hervorging und Alfred Gusenbauer Bundeskanzler wurde. Denkbar groß waren die Wut und die Enttäuschung, als klar wurde, dass auch diese Regierung, entgegen aller Ankündigungen, die Studiengebühren nicht abschaffen würde. Dieser Umstand und die Unzufriedenheit mit dem Gesamtergebnis der Koalitionsverhandlungen veranlassten die damalige ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha aus der SPÖ auszutreten. Blaha sieht die damaligen Protesten, durchaus als Erfolg: „Wenn die Studierenden dieses Thema 2007 nicht so skandalisiert hätten und mein Partei-Austritt nicht so ein großes Thema gewesen wäre, wäre Werner Faymann nicht gezwungen, das Thema Studiengebühren als Symbolfrage zu behandeln. Mit dem Ergebnis, dass die Studiengebühren heute für einen Großteil der Studierenden Geschichte sind. Und solange Faymann Kanzler ist, werden sie das auch bleiben.“ Die Studierenden, die 2007 auf der Straße waren, sehen das aber nicht als ihren Erfolg, weil es zur geforderten Abschaffung der Studiengebühren erst Jahre später kam, so Blaha.

Schon im Jahr 2009 sollte es zu neuen Protesten kommen, die unter dem Titel #unibrennt – jedenfalls der medialen Rezeption nach – als die größten Bildungsproteste der vergangenen Jahre in die Geschichte eingehen sollten. „Die Proteste waren, abgesehen von der Besetzung als Protestform, weit nicht so radikal, wie sie nach außen vielleicht gewirkt haben“, erinnert sich Sigi Maurer, die damals ÖH-Vorsitzende war. „Der Fokus vieler Arbeitskreise war die Verbesserung der individuellen Situation an der Universität, mit der Zusatzforderung nach ECTS-Punkten für den Aktivismus im Audimax. Auch daran zeigt sich, wie weit die Durchdringung der Gesellschaft, auch der Studierenden, mit ökonomischen Prinzipien vorangeschritten ist“, stellt Maurer fest und ergänzt: „Das wäre eine Möglichkeit gewesen, darüber nachzudenken, was das Ziel von Lehre und Studium sein sollte – das haben die meisten Universitäten aber verabsäumt.“

Von Österreichs Universitäten bleibt nur noch ein Skelett. So sahen es Demonstrierende im Dezember 2013  Foto: Martin Juen

Neben der individuellen Unzufriedenheit mit dem Studium sei aber auch ein kollektives Unbehagen mit dem Wandel der Hochschullandschaft durch diese Proteste ersichtlich geworden, sagt Barbara Blaha: „Der Funke in der #unibrennt-Bewegung war dieses dumpfe Gefühl, dass die Unis derzeit in die falsche Richtung laufen.“ Das habe sich für die Studierenden an vielen Kleinigkeiten des Studienalltags bemerkbar gemacht: Voraussetzungsketten, verschulte Lehrpläne, eine möglichst effiziente Verwertbarkeit der Lehrinhalte und „Employability“. Nicht umsonst wird mit der Protestbewegung rund um das Audimax der Spruch „Bildung statt Ausbildung“ verbunden. Gefordert wurden unter anderem eine Demokratisierung der Universitäten, der freie Hochschulzugang, die Abschaffung bzw. Nicht-Einführung von Studiengebühren und nicht zuletzt die Ausfinanzierung der österreichischen Universitäten. Ob #unibrennt ein paar Jahre später auch noch funktionieren würde, ist sich Blaha nicht sicher. „Der Gewöhnungseffekt ist ein Hund. Und inzwischen ist der ökonomische Druck – etwa durch die weitere Verringerung der Familienbeihilfe und die Nicht-Anpassung der Studienbeihilfe – so hoch, dass ich von niemandem verlangen kann, links oder rechts zu schauen. Die Menschen rennen durch ihr Studium – weil sie müssen.“

In wessen Auftrag? Längst hat also eine ganze Reihe von Mechanismen dazu geführt, dass marktwirtschaftliche Logiken Einzug in das Hochschulwesen gehalten haben. Laut Luise Gubitzer wird eine Ökonomisierung von Bildung und Bildungsinstitutionen auf mehreren Ebenen sichtbar. Nicht zuletzt hat auch die chronische Unterfinanzierung der Universitäten durch den Staat zunehmend private AkteurInnen auf den Plan gerufen. Dass die erste Ankündigung Mitterlehners war, die Finanzierung von Forschung durch Drittmittel noch stärker ausbauen zu wollen, sieht Gubitzer als Problem: „Das bedeutet, dass der Staat sich zunehmend aus seiner Aufgabe, universitäre Bildung zu finanzieren, zurückzieht und sie immer mehr auf eine Basisfinanzierung reduziert. Den Rest müssen sich die Unis dann anderswo holen. Das halte ich für eine riesige Gefahr.“ Die komplette Ausfinanzierung der öffentlichen Universitäten ist aus Gubitzers Sicht nämlich Aufgabe des österreichischen Staates. Warum? „Weil öffentliche Bildung vielfach positive, multiplikative Effekte hat“, so Gubitzer – etwa das Reflektieren von gesellschaftlichen Prozessen, aus denen sich wiederum Forschungsaufgaben und Lehrgegenstände für die Universität ergeben. „Die öffentliche Uni muss sich immer wieder mit den Aufgaben, die sie gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen muss, in Beziehung setzen“, so Gubitzer.

Auch die Rolle von Sponsoring gelte es kritisch zu beobachten. Nirgendwo wird die wachsende Bedeutung von privaten Geldern so gut sichtbar wie bei einem Spaziergang durch den neuen WU-Campus mit seinem OMV Library Center und seinem Red Bull-Hörsaal. Die ständige Präsenz der Firmennamen mache ein kritisches Hinterfragen dieser Unternehmen schwieriger, so Gubitzer. Außerdem sei problematisch, dass es zunehmend zur Selbstverständlichkeit werde, dass sich Universitäten auf diese Weise finanzieren. „Die WU wurde ja mit öffentlichen Mitteln gebaut. Die Frage ist, wofür das Hörsaalsponsoring eigentlich verwendet wird.“ Wenn damit etwa ein Kongress finanziert wird, werde dorthin wohl niemand eingeladen, der dem sponsernden Unternehmen kritisch gegenübersteht, befürchtet Gubitzer.

Keine Studierendendemo ohne Popkultur – gegen die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums 2013 demonstierten die Space Invaders mit. Foto: Luiza Puiu

Über die Konsequenzen dieser Entwicklungen gelte es nicht nur innerhalb der Universitäten, sondern auch als Gesellschaft nachzudenken. „Die Unternehmen wissen ganz genau, was sie von der Uni verlangen, während die gesellschaftlichen Gruppen viel zu wenig fordern“, sagt Gubitzer. Statt die Unis zunehmend darauf zu reduzieren, dass sie Studierende ausbilden, müsse sich die Gesellschaft bewusst machen, was sie von einer Universität, die aus Steuermitteln finanziert wird, erwartet. Eine öffentliche Universität habe nämlich komplett andere Aufgaben als ein gewinnorientiertes Unternehmen, so Gubitzer. Statt die Universitäten also dem Wettbewerb um gutes Abschneiden bei Rankings zu überlassen, müsse die Öffentlichkeit fragen, was sie eigentlich von der Forschung hat. „Menschen, die in den Universitäten sind und noch etwas anderes wollen, als Studierende für den Arbeitsmarkt auszubilden, müssen gestärkt werden, um Lehre und Forschung voranzubringen.“ Das und eine Wiederaufwertung der internen Mitbestimmung an den Universitäten wären laut Gubitzer erste dringende Voraussetzungen, um die Unis wieder auf einen anderen Kurs zu bringen.

Theresa Aigner ist freie Journalistin in Wien. Ein ausführliches Interview mit der Ökonomin Luise Gubitzer findest du hier: „Die öffentliche Uni hat der Gesellschaft etwas zurückzugeben“.

„Die öffentliche Uni hat der Gesellschaft etwas zurückzugeben“

  • 07.03.2014, 11:13

Die österreichischen Hochschulen befinden sich seit 15 Jahren in einem massiven Wandlungsprozess, der nicht zuletzt unter dem Schlagwort „Bildungsökonomisierung“ diskutiert wird. Luise Gubitzer, Ökonomin und Professorin an der Wiener Wirtschaftsuniversität, erklärt im Gespräch mit progress, warum diese Tendenzen die Forschung verengen und die Gesellschaft viel mehr von der öffentlichen Universität fordern müsste.

Die österreichischen Hochschulen befinden sich seit 15 Jahren in einem massiven Wandlungsprozess, der nicht zuletzt unter dem Schlagwort „Bildungsökonomisierung“ diskutiert wird. Luise Gubitzer, Ökonomin und Professorin an der Wiener Wirtschaftsuniversität, erklärt im Gespräch mit progress, warum diese Tendenzen die Forschung verengen und die Gesellschaft viel mehr von der öffentlichen Universität fordern müsste.

progress: Welche Aufgabe haben die Universitäten heute aus ihrer Sicht?

Luise Gubitzer: Es ist immer noch die „alte“ Aufgabe: junge Menschen zum Denken anzuregen. Diese Rolle des Denkens diskutiert auch Horkheimer in seiner Antrittsrede 1952 an der Universität Frankfurt. Er sagt, die jungen Menschen müssen darin bestärkt werden und wir müssen ihnen Möglichkeiten und Werkzeuge geben, um zu einem eigenständigen Denken zu finden. Philosophen dieser Zeit sind durch die Nazi-Herrschaft darin geschult, dass eine Massengesellschaft Mitläufertum heißen kann. Ich halte es für unsere unmittelbarste Aufgabe, zum Reflektieren anzuregen und eine gewisse Distanz zu realen Prozessen aufzubauen. Aus entsprechenden Beobachtungen ergeben sich wiederum Forschungsaufgaben und Lehrgegenstände für die Universität. Die öffentliche Uni muss sich immer wieder mit den Aufgaben, die sie gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen hat, in Beziehung setzen.

Gerade im Fall der Wirtschaftsuniversität (WU) halte ich es für zentral, nicht nur Ausbildung zu bieten, sondern darüber zu reflektieren, welche Aufgabe bzw. Rolle ein Unternehmen in der Gesellschaft hat. Auch wir sind eine öffentliche Uni, die der Gesellschaft etwas zurückzugeben hat. Und das heißt nicht, sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, der gewinnorientierten Wirtschaft qualifizierte ManagerInnen zu liefern. Es braucht ein breiteres Verständnis.

Was erwarten sich aber die Studierenden, wenn sie an die Uni kommen: im Reflektieren geschult zu werden oder eine Berufsausbildung?

Es gibt die Erwartung, die Persönlichkeit weiter zu entwickeln und sich mit der eigenen Aufgabe, dem eigenen Standing in der Gesellschaft zu befassen. Das ist vorhanden und daraus können wir etwas machen. Aber wir müssen das bewusster wahrnehmen. Denn mit der Studieneingangsphase machen wir an der WU das Gegenteil: Massenprüfungen, bei denen die Studierenden nicht mehr als eine Matrikelnummer sind. Und darüber melden die Studierenden tiefe Betroffenheit, sie wollen mehr sein als eine Nummer.

Die jungen Menschen brauchen eine „Ich-Stärkung“. Aber die richtet sich dann eben danach, was ihnen die Universität bietet. Wenn es ein Jahr lang Massenveranstaltungen gibt, dann sozialisieren sie sich im Kontext von Konkurrenz und Egoismus und letztlich entsteht bei denen, die durchkommen, ein elitäres Bild davon, wer man jetzt ist. Es gibt auch andere Fähigkeiten, die bei den Studierenden angelegt sind, etwa Reflexions- oder Kritikfähigkeit – aber die können sie nicht weiterentwickeln, wenn die Rahmenbedingungen es nicht zulassen.

Diese Rahmenbedingungen sind nicht zuletzt durch Tendenzen entstanden, die immer wieder als „Bildungsökonomisierung“ bezeichnet werden. Was verbinden Sie mit diesem Begriff?

Ich sehe verschiedene Ebenen der Bildungsökonomisierung. Es gab an den Universitäten eine Übernahme des Vokabulars, der Denkweise und der Organisationsform aus der gewinnorientierten Wirtschaft. Das drückt sich in quantitativen Auswertungen und im Statuswettbewerb aus – Wissensbilanzen und Rankings spielen hier eine Rolle. Obwohl die öffentliche Universität komplett andere Aufgaben hätte als ein gewinnorientiertes Unternehmen. Aber es herrscht eine industrielle Sichtweise von der Uni vor. Sie wird als Betrieb gesehen, der Waren produziert und seinen Output stets zu steigern hat: mehr Publikationen, mehr AbsolventInnen, etc.

Diese Übernahme der marktwirtschaftlichen Kategorien geht bis zur „Filetierung“, die ja auch ein Element neoliberaler Entwicklungen im Unternehmensbereich ist: also Unternehmen zu teilen und die einzelnen Teile bestmöglich zu vermarkten. An den Unis bedeutet das, dass Monografien als Habilitation nicht mehr gerne gesehen werden. Bereits Dissertationen sollen in drei Artikel filetiert werden und das setzt sich im Forschungsprozess fort. Da stellt sich dann die Frage, wo Grundlagenforschung und ein längerfristiger Denkprozess noch Platz haben.

Sie haben Rankings erwähnt – inwiefern führt dieser Wettbewerb unter den Universitäten zu einer Veränderung dessen, was innerhalb der einzelnen Unis passiert?

An der WU ist Vieles in diese Richtung umgestellt worden. Das äußert sich vor allem darin, dass ProfessorInnen berufen werden, die bereits in Ranking-Journals publiziert haben. Aber dadurch entstehen keine neuen Forschungsrichtungen, weil es für solche eben keine gerankten Journals gibt. Rankings begrenzen die Forschung und auch die Gehirne. Eine Möglichkeit dem entgegen zu wirken wäre, dass man im Rahmen des Hochschulbudgets einen Topf zur Verfügung stellt, der nur dazu da ist, völlig unorthodox zu forschen. Es muss Platz für freie Forschung geben.

Eine andere Entwicklung, die in Zusammenhang mit „Bildungsökonomisierung“ immer wieder genannt wird, sind Privatisierungen. Wie sehen Sie das?

Das kann man an der WU deutlich beobachten: Es gibt einen privaten Sicherheitsdienst, einen privaten Putzdienst – neuerdings werden sogar Prüfungserstellung und Prüfungsvorbereitung outgesourct. Gleichzeitig gibt es starke Bestrebungen die Drittmittelforschung auszubauen. Das halte ich für ein großes Problem. Es gibt Stiftungsprofessuren, die von Unternehmen gesponsert werden. Das heißt nicht nur, dass die Person die Inhalte beeinflusst, sondern sie kann auch ihre Sichtweise von der Institution Universität und deren Aufgaben in die Gremien hineintragen. Denn im Rahmen der Ökonomisierung sind die Universitäten ja auch stark hierarchisiert worden – Stichwort: Universitätsgesetz.

Ein aktuelles Thema ist in dem Zusammenhang auch das Sponsoring. Wenn Sie durch den WU-Campus gehen, sehen Sie die OMV Library, den Redbull Hörsaal und so weiter. Durch die ständige Präsenz der Unternehmen wird es schwieriger, diese kritisch zu hinterfragen. Aus Sicht der Unternehmen ist das eine sehr gute Werbemaßnahme. Es wäre interessant zu wissen, was in diesen Sponsoringverträgen steht.

Zynisch formuliert könnte man ja sagen, dass die Unis in Anbetracht der chronischen Unterfinanzierung froh sein können, wenn sie Geld von Privaten erhalten.

Das Problem daran ist, dass es zunehmend zu einer Selbstverständlichkeit wird, dass sich Universitäten so finanzieren. Auch die Ankündigung von Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner, die Drittmittelforschung noch weiter ausbauen zu wollen, zeigt, dass sich der Staat zunehmend auf eine Art Basisfinanzierung zurückzieht. Den Rest müssen sich die Unis dann anderswo herholen. Für mich ist die Aufgabe des Staates aber nach wie vor die volle Ausfinanzierung der öffentlichen Bildung – für alle, die studieren wollen und zwar ohne Studiengebühren. Öffentliche Bildung hat nämlich vielfache positive, multiplikative Effekte.

Aber entspricht das noch dem Selbstbild der Politik? Ist nicht der Sachzwang, dass es zu wenig Geld gibt und alle sparen müssen, hegemonial geworden, weshalb der Rückzug der Politik aus der Finanzierung legitim erscheint?

Mit der Ökonomisierung der Bildung ist auch eine Ökonomisierung der PoltikerInnen und der RektorInnen einhergegangen. Sie verstehen sich als ManagerInnen und zu managen bedeutet auch, weitere Drittmittel zu lukrieren. Grundsatzentscheidungen über die Ausrichtung der Universitäten  dürfen ihnen aber nicht alleine überlassen werden. Auch die Regierung soll nicht alleine bestimmen können. Für mich müsste diesbezüglich die Rolle des Parlaments, als zentrale Institution einer Demokratie, gestärkt werden. Auch die Studierenden und die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen an den Unis müssten stärker eingebunden werden. Und nicht zuletzt muss sich auch die Öffentlichkeit für ihre Interessen stark machen.

Inwiefern?

Das öffentliche Bild der Universitäten hat sich in den letzten zehn Jahren massiv verschlechtert. Wir werden darauf reduziert, Studierende für den Arbeitsmarkt auszubilden. Dabei müsste sich die Gesellschaft viel stärker fragen, was sie von einer öffentlichen Universität erwartet und was sie von einer Forschung haben will, die aus Steuermitteln finanziert wird. Die Unternehmen wissen ganz genau, was sie von den Unis erwarten. Aber andere  gesellschaftliche Gruppen verlangen viel zu wenig von den Unis. Menschen, die in den Universitäten sind und noch etwas anderes wollen, als Studierende für den Arbeitsmarkt auszubilden, müssen gestärkt werden, um Lehre und Forschung voranzubringen. Das und eine Wiederaufwertung der internen Mitbestimmung sind erste, dringende Voraussetzungen, um die Unis wieder auf einen anderen Kurs zu bringen.

 

Interview: Theresa Aigner

 

 

 

Reservate für Eliten

  • 24.10.2013, 22:43

Der Sparstift, der an Spaniens Universitäten angesetzt wird, zwingt Hunderttausende zum Studienabbruch. Während Stipendien von der konservativen Regierung massiv beschnitten werden, stecken die Hochschulen selbst in der Krise.

Der Sparstift, der an Spaniens Universitäten angesetzt wird, zwingt Hunderttausende zum Studienabbruch. Während Stipendien von der konservativen Regierung massiv beschnitten werden, stecken die Hochschulen selbst in der Krise.

Mit Semesterbeginn flammt der Protest der Studierenden gegen die aktuelle Bildungspolitik der konservativen spanischen Regierung wieder auf. Spätestens Anfang November soll das Gesetzespaket zur „Verbesserung der Qualität der Ausbildung“ in Spanien in Kraft treten. Mit einem landesweiten Streik werden Schulen und Universitäten am 24. Oktober dagegen Widerstand leisten. „Meine KommilitonInnen haben es sehr schwer. Kein Wunder, dass sie wie auch beim Generalstreik im Herbst 2012 die Möglichkeit zum Protest nutzen. Dabei geht es ihnen nicht ums Blaumachen, wie es rechte PolitikerInnen gerne sehen“, weiß Julia Portnova (23), ukrainischdeutsche Politikwissenschaftsstudentin, die über Erasmus ein Jahr in Granada verbracht hat.

Knapp 360.000 Anspruchsberechtigte werden zukünftig wegen ihres Notenschnitts keine oder deutlich weniger finanzielle Unterstützung erhalten. Denn das Bildungsministerium unter José Ignacio Wert von der rechtskonservativen Volkspartei hat die Voraussetzungen für den Bezug von Stipendien drastisch verschärft. Hunderttausende sind folglich zum Abbruch ihres Studiums gezwungen. Hinzu kommt, dass auch Förderungen für die Mobilität von Studierenden wegfallen. Wer einen Studienort fern des Elternhauses hat, hat nicht mehr unbedingt Anspruch auf Förderungen, weil nicht länger der Wohnsitz der Eltern, sondern jener des nächsten Verwandten zur Berechnung herangezogen wird. Mittlerweile wurde vor dem Verfassungsgerichtshof eine Klage gegen die Stipendienkürzungen eingebracht.

MASSIVE KÜRZUNGEN. „Ich konnte mit 3.000 Euro jährlich an Unterstützung rechnen“, sagt Juan Castillo Argudo (35). Castillo hat in Madrid und Granada bereits erfolgreich zwei Studien – Lehramt Pädagogik und Psychopädagogik – absolviert und macht derzeit einen Master in Sevilla . Jedoch erfuhr er kürzlich, dass er von nun an weniger als 1.500 Euro bekommen wird: „Nicht einmal mit 3.000 Euro jährlich kann man überleben. Mit der Hälfte ist das unmöglich.“ Er werde mehr arbeiten müssen und sich kaum dem Studium widmen können, sofern sich ein Job findet. „Die Universität wird wieder ein Reservat der Eliten, die Geld haben“, prophezeit Castillo.

Auch um die Förderung der internationalen Mobilität steht es nicht gut in Spanien: Castillo hat im Zuge seiner bisherigen Studien über Erasmus auch ein Jahr in Lissabon verbracht. Dabei hat man ihn und viele andere um einen Teil ihrer Erasmusförderungen geprellt. Staat und EU zahlen einen Teil, außerdem stockt die andalusische Regionalregierung mit maximal 350 Euro monatlich auf 900 Euro auf. Eine Summe, die Castillo niemals gänzlich erhalten hat, wenngleich schriftlich vereinbart worden war, dass das Geld spätestens bei der Rückkehr ausbezahlt werde. KollegInnen nahmen Bankkredite oder Darlehen bei Verwandten auf, die sie nicht retournieren können. „Über 2.100 Euro sind sie mir schuldig geblieben“, sagt Castillo. Einige StudentInnen haben gegen die Einsparungen geklagt, doch bis es zu einem Urteil kommt, werden mindestens fünf Jahre vergehen.

Mit all dem nicht genug: Studiengebühren rangieren in Spanien zwischen 2.000 Euro und 18.000 Euro pro Jahr – Summen, die durch hinzukommende Prüfungstaxen noch um 15 bis 25 Prozent, in einzelnen Fällen sogar um 50 Prozent, erhöht werden. Zusätzlich zu den Studiengebühren kostet das Absolvieren von 60 ECTS-Credits, laut Bildungsministerium, im Schnitt 1.070 Euro. Außerdem krempelt Spanien derzeit auch die Regelungen des Hochschulzugangs radikal um. Einzelne Studiengänge können nun selbst ihre Studierenden auswählen, während vormals das Abschneiden bei der „Selectividad“ – der spanischen Version der Matura – ausschlaggebend war.

NACHHALTIGE KRISE. Mit Spaniens aktuellem Kurs in Sachen Bildungspolitik legt die konservative Regierung von Premier Mariano Rajoy den Grundstein für die Permanenz der Krise. Derzeit sind weit mehr als zwei Millionen junge SpanierInnen weder in Ausbildung, noch haben sie eine Arbeit. Ein Wert, der laut OECD in den Krisenjahren um 69 Prozent angestiegen ist. Die Jugendarbeitslosigkeit (bei 18–25 Jährigen) rangiert bei rund 60 Prozent. Wer kann, sucht sein Glück im Ausland.

Aber auch Prostitution scheint für Studierende vermehrt ein Mittel zum Zweck der Studienfinanzierung zu sein, wie der in Barcelona beheimatete Verein der SexarbeiterInnen Aprosex betont. Seit Krisenbeginn würden rund 300.000 Menschen mehr als zuvor mittels sexueller Dienste ihr Leben finanzieren, betont Concha Borrell, Sprecherin der NGO. Ärzte ohne Grenzen sprach für 2012 von lediglich 2.100 neuen SexarbeiterInnen in Spanien. Davon wären 18 Prozent Studierende. Bei Aprosex geht man von mehr als 100.000 Studierenden seit Krisenbeginn aus.

Was abseits der Kürzungen von Stipendien an Spaniens kaputt gesparten Universitäten in Sachen Forschung und Lehre geschieht, sorgt derzeit auch für Spott und Häme aus dem Ausland. So sprach die Süddeutsche Zeitung zu Recht von „akademischem Inzest, Filz, Nepotismus und Vetternwirtschaft“ und „Plagiieren mit Auszeichnung“. Weite Wellen schlug die Causa um den Plagiatsvorwurf gegen den Präsidenten des spanischen Olympischen Komitees Alejandro Blancos betreffend seiner Doktorarbeit. Eine in weiten Teilen identische Arbeit wurde an der Universität von Alicante eingereicht – ebenfalls betreut von Blancos Doktormutter, die mittlerweile für ihn arbeitet. Die Uni reagierte auf Kritik mit dem Kommentar, es „sei keine Arbeit eingereicht worden“, es handle sich lediglich um „Vorstudien“.

KÜNDIGUNG NACH PROTEST. Der Pädagoge José Penalva hat in seinem Buch „Korruption an Spaniens Universitäten“ die Kritik an abgekarteten Auswahlverfahren, Postenschachern und der damit unmittelbar verknüpften Vergabe von Stipendien und Fördermitteln gebündelt. Weil er Missstände aufzeigt, wird er nun von KollegInnen massiv gemobbt. In einem anderen Fall wurden fünf WissenschaftlerInnen, die zum ForscherInnenstab der Universität von La Rioja gehörten und dort über Alzheimer forschten, nach ihrer Teilnahme an Protesten gegen Einsparungen gekündigt. So wird ein Klima geschaffen, in dem viele lieber schweigen, um nicht den Kündigungswellen an öffentlichen Universitäten zum Opfer zu fallen.

 

Jan Marot ist freischaffender Journalist in Granada.

„Die gesetzliche Grundlage muss für alle Hochschultypen einheitlich sein“

  • 08.05.2013, 12:14

In drei Teilen stellt progress euch die Positionen der bundesweiten SpitzenkandidatInnen aller Fraktionen mit Klubstatus in der ÖH-Bundesvertretung vor. Florian Lerchbammer (AG), Anna Lena Bankel (FEST), Florian Kraushofer (FLÖ), Marie Fleischhacker (GRAS), Claudia Gamon (JuLis) und Julia Freidl (VSStÖ) diskutierten im ersten Teil Fragen zur Bedeutung von Hochschulen, deren Finanzierung und Qualität im Studium. Oona Kroisleitner und Georg Sattelberger moderierten die Runde.

In drei Teilen stellt progress euch die Positionen der bundesweiten SpitzenkandidatInnen aller Fraktionen mit Klubstatus in der ÖH-Bundesvertretung vor. Florian Lerchbammer (AG), Anna Lena Bankel (FEST), Florian Kraushofer (FLÖ), Marie Fleischhacker (GRAS), Claudia Gamon (JuLis) und Julia Freidl (VSStÖ) diskutierten im ersten Teil Fragen zur Bedeutung von Hochschulen, deren Finanzierung und Qualität im Studium. Oona Kroisleitner und Georg Sattelberger moderierten die Runde.

progress: Wir haben euch gebeten einen Gegenstand mitzubringen, den ihr mit Hochschule verbindet. Welche Bedeutung haben Hochschulen für euch? 

Marie Fleischhacker: Ich habe einen Kompass mitgebracht. Der passt für mich perfekt, da Orientierung an den Hochschulen oft fehlt. Die STEOP soll durch ein „Studium-Generale“ ersetzt werden, bei dem man sich während der ersten beiden Semester orientieren kann und Lehrveranstaltungen aus verschiedensten Bereichen absolvieren kann, um so verschiedene Studienrichtungen kennenzulernen. So sollen StudienanfängerInnen tatsächliche Orientierung bekommen.

Julia Freidl: Für mich und für uns als VSStÖ bedeutet Hochschule Bildung und vor allem kritische Bildung. An der Wirtschaftsuniversität habe ich erlebt, dass die Neoklassik am Serviertablett angeboten wird, es aber keinen Platz für andere Strömungen und Sichtweisen gibt. In der Wirtschaftskrise hat man gesehen, dass die Neoklassik nicht die Lösung für alles ist. Genau deswegen ist kritische Bildung wichtig. Ich habe Bücher von verschiedenen heterodoxen ÖkonomInnen mitgebracht. Besonders aus Sicht der Wirtschaftsuni soll heterodoxe Ökonomie kein Nischenangebot bleiben.

Florian Kraushofer: Ich habe ein Universitätsgesetz (UG) mitgebracht. Das ist meine deutlichste Assoziation mit Hochschulen. Am UG wird gerne sofort herumgedoktort, wenn man auch nur denkt einen Bruchteil einer Lösung zu haben. Das UG ist natürlich auch das Gesetz, das festlegt, wie Hochschulen funktionieren, was sie formt und dort muss man auch ansetzen. Hochschule bedeutet natürlich kritisches Denken, selbstständiges Lernen und sich Gedanken über das zu machen, was einem vorher nicht serviert worden ist – wo man etwas ausprobieren kann.

Florian Lerchbammer: Universität ist ein Ort von Bildung und nicht von Ausbildung. Wir sind aufgefordert die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass wir sorgenfrei studieren können. Für die AG habe ich eine überdimensional große Taschenlampe mitgebracht, weil wir einen Schwerpunkt auf Transparenz legen möchten. Wir wollen die Einbindung der Universitäten in das Transparenzgesetz, um eine effizientere Mittelverwendung zu erreichen, damit am Ende des Tages mehr Geld überbleibt und wir somit mehr ausfinanzierte Studienplätze haben. In Zukunft soll bei einer Mittelerhöhung nicht das Prinzip der Gießkanne zum Tragen kommen, sondern das Geld in den Hörsaal fließen, wo es hin sollte.

Anna Lena Bankel: Derzeit symbolisiert Hochschule für mich und für uns als FEST ein mit Ketten verschlossenes Buch. Hochschulen definieren sich darüber, wer nicht hinein soll, wer dementsprechend von den Hochschulen ausgeschlossen sein soll. Dabei wird dauernd die Kapazitätenfrage vorgeschoben, anstatt kreative Lösungen zu suchen. Hochschulen müssen das kritische Denken fördern. Das kann aber bereits im Kindergarten beginnen. Auf jeder Ebene von Bildung kann kritisches Denken gefördert werden, nicht erst bei Master und PHD.

Claudia Gamon: Ich habe von John S. Mill „Über die Freiheit“ mitgenommen. Die Uni ist für mich eine Bildungsstätte. Für mich als Landpomeranze war es eine tolle Erfahrung, andere Menschen kennenzulernen, mit denen man leidenschaftlich über Ökonomie diskutieren kann. Wissen bedingt die Freiheit und umgekehrt. Das Buch hat auch eine besondere Bedeutung: Ein Kurs über Ethik und Ökonomie war die einzige Wahlfreiheit, die ich in meinem Bachelor hatte. Dort habe ich das Buch das erste Mal gelesen. Im Nachhinein hätte ich mir mehr Freiheit im Studium gewünscht.

progress: . Zumindest zwei von Euch fordern verstärkte Hochschulfinanzierung aus dem privaten Sektor. Was sind die Für und Wider zusätzlicher Drittmittelfinanzierung?

Lerchbammer: Neben der Forderung, dass es mehr Geld von der Regierung braucht, gehen wir einen Schritt weiter: Wir sollten wirklich darüber nachdenken mehr private – also Drittmittel – in das Hochschulbudget zu integrieren. Es macht keinen Unterschied, ob der Hörsaal den Namen eines Unternehmens trägt, es macht aber sehr wohl einen Unterschied, wie viel Platz in einem Hörsaal ist und welche Infrastruktur wir vorfinden. Natürlich muss sichergestellt werden, dass sogenannte Orchideenfächer von der Regierung finanziert werden und nicht unter die Räder von wirtschaftlichen Interessen kommen.

Gamon: Solange die Regeln klar sind und Lehre und Forschung unabhängig sind, habe ich kein Problem damit. Ich glaube, dass Angst davor besteht, in eine Abhängigkeit zu fallen. Viele Studien können von einer größeren Involvierung der Wirtschaft und einem größeren Praxisbezug profitieren. Gerade in technischen Studien gibt es viele Möglichkeiten, bereits während dem Studium mit Unternehmen zusammenzuarbeiten. Auf der TU gibt es ja Beispiele für tolle Kooperationen und ich glaube, das könnte man weiter unterstützen.

Kraushofer: Prinzipiell ist für uns Drittmittelfinanzierung nicht das Feindbild schlechthin. Wenn die Unabhängigkeit der Universitäten garantiert ist, dann darf das ruhig auch passieren. Garantiert ist das aber natürlich nur, wenn die Universitäten bereits vom Staat ausfinanziert sind, was wir auch fordern. Dass man einen Hörsaal nach jemandem benennt und dafür Geld über Jahre hinweg Geld bekommt, ist illusorisch.

Lerchbammer: Das war ja nur ein plakatives Beispiel.

Kraushofer: Ja, eines wo offensichtlich ist, dass es harmlos ist. Wenn man aber an Forschung gebundene Drittmittel lukriert, dann sind die Ergebnisse oft nicht öffentlich und dürfen nur von dem Unternehmen, das die Forschung gesponsert hat, verwendet werden. Forschungsergebnisse, die auf einer Universität gewonnen werden, sollen aber der Gesellschaft zugutekommen.

Gamon: Das stimmt. Aber der Grund dafür ist die fehlende Grundfinanzierung. Deswegen fühlen sich Universitäten bis zu einem gewissen Grad gezwungen, solche Verträge einzugehen. Das ist eher das Problem und nicht die Drittmittelfinanzierung an sich.

Freidl: Es ist aber auch eine berechtigte Angst, dass durch Auftragsforschung die Grundlagenforschung zur Seite gedrängt wird und nur mehr jene Forschung, bei der Gewinn für Unternehmen rausschaut, im Vordergrund steht. Deshalb sollten wir uns in erster Linie um eine Ausfinanzierung der Hochschulen bemühen, dann können wir über Drittmittel sprechen.

Fleischhacker: Das Problem bei Drittmitteln ist, dass die Studierenden ausgebeutet werden. Zum Beispiel auf Fachhochschulen erbringen Studierende über Ausbildungsverträge Leistungen, die an Konzerne gehen und nur von diesen verwendet werden dürfen. Die Studierenden haben dann bis zu zehn Jahre überhaupt kein Recht mehr etwas von dem, was sie in ein Projekt hineingesteckt haben, zu verwenden. So dürfen Hochschulen nicht finanziert werden.

Bankel: Das Problem liegt besonders dort, wo Unternehmen in Infrastruktur investieren wollen. Das sind eben keine Spenden sondern Investitionen, für die eine Gegenleistung erwartet wird. Studiengänge, die Unternehmen mehr interessieren als andere, werden so immer besser ausgestattet. Warum kann es nicht möglich sein, in einen Fond einzuzahlen, aus dem dann über alle Hochschultypen und Studiengänge verteilt wird? Dann wird plötzlich klar, dass Unternehmen ihren eignen Interessen nachgehen und dass das Hauptinteresse eben nicht Bildung ist, sondern gewisse Ausbildungsarten zu fördern.

progress: Wenn die Differenz auf die zwei Prozent des BIPs nicht aus Drittmittel kommen soll, woher dann?

Freidl (lacht): Vom Staat braucht es zunächst ein Einsehen, dass in Bildung investiert werden muss – 1,3 Prozent des BIPs für die Hochschulen sind zu wenig. Vermögensbezogene Steuern könnten etwa 3 Milliarden Euro zum Budget beitragen. Es gibt eine Berechnung der AK, die zeigt, dass durch die Wiedereinführung der Erbschafts- und Schenkungssteuer zusätzliche 500 bis 700 Millionen Euro in das Budget fließen könnten. Die Anpassung der Grundwerte bei der Grundsteuer, die seit den 1970er Jahren nicht mehr verändert wurden, könnte weitere 500 Millionen Euro bringen. Und dann die allgemeinen Vermögenssteuern.

Lerchbammer: Anstatt zu überlegen, wie wir irgendwelchen Leuten Geld wegnehmen, wäre es ein besserer Ansatz darüber nachzudenken, wie wir das Budget verteilen. Wir als ÖH könnten uns ja auch dafür einsetzen, dass Geld weg von den Pensionisten und Pensionistinnen hin zu den Studierenden kommt. Aber dass wir uns Gedanken über Vermögenssteuern machen, geht zu weit.

Freidl: Es geht nicht ums Geldwegnehmen sondern um Umverteilung, also um Verteilungsgerechtigkeit.

Kraushofer: Es sollte nicht Aufgabe der ÖH sein, sich ein Opfer zu suchen – seien es die Reichen oder die PensionistInnen. Bildung ist eine Investition, auch für den Staat Österreich. Es ist total bescheuert zu sagen, wir investieren in diesen Bereich nicht. Das wird auch Österreich teuer zu stehen kommen – in 30 oder 40 Jahren. Es muss für den Staat möglich sein dieses Geld aufzutreiben.

Gamon: Es muss um ein Bekenntnis für Wissenschaft und Bildung gehen, weil das die einzige nachhaltige Ressource ist, die der österreichische Wohlstand hat. Ich würde es aber ablehnen, dass die ÖH dazu Stellung bezieht, wo man das Geld abziehen soll. Vermögenssteuern würde ich aber ablehnen.

Fleischhacker: Es braucht den politischen Willen, mehr Geld in Bildung zu investieren. Bei den Vermögenssteuern gibt es mehrere Modelle. Es ist wichtig, dass umverteilt wird und dass das Geld in die Bildung fließt. Man kann das ja auch schön sehen an Ländern, in denen es progressivere Steuersysteme gibt, wo dann tatsächlich auch mehr in Bildung investiert wird.

progress: In der Hochschulfinanzierungsdebatte werden immer wieder Studiengebühren ins Feld geführt. Die JuLis fordern Studiengebühren, während die Koalitionsfraktionen die ersatzlose Abschaffung der noch bestehenden fordern. Von der AG gab es heuer keine deutliche Position.

Lerchbammer: Die AG lehnt Studiengebühren ab, weil nicht sichergestellt ist, dass ich in Mindestzeit studieren kann. Außerdem ist nicht sichergestellt, dass die Studiengebühren Studienplatz, -ort und –zweckgebunden verteilt werden. Verkürzt gesagt: keine Vignette ohne Autobahn. Dementsprechend lehnen wir Studiengebühren ab.

Gamon: Ich will das nicht so verkürzt sehen. Die Unis müssen natürlich ausfinanziert werden. Deswegen würde ich das, was wir fordern, als Selbstbehalt beschreiben, weil es ja auch nicht die gesamten Studienkosten decken soll, sondern ein gewisser Beitrag von 10 bis 30 Prozent der Studienkosten. Es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, ob z.B. jemand, der eine Lehre gemacht hat, unser Studium zur Gänze finanzieren muss – das ist auch der Grund für unser Plakat [„Deine Mutter finanziert mein Studium“ Anmk.]. Ich erachte Selbstbehalte als fair, weil ich auch überdurchschnittlich davon profitiere.

Freidl: Fair ist es nicht, wenn Kinder, deren Eltern nicht viel Geld haben, von den Hochschulen gedrängt werden. Oder ausländische Studierende, die über 700 Euro zahlen müssen. Das ist nicht fair. Was man auch sagen muss, ist das Studiengebühren keinen Beitrag zur Finanzierung der Hochschulen leisten können. Sie sind höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein. Außerdem zahlen AkademikerInnen später bis zum dreifachen wieder in den Steuertopf und damit an den Staat zurück.

progress: Stellen Studiengebühren eurer Meinung nach eine zusätzliche Barriere zum Hochschulzugang dar?

Gamon: Die Debatte darüber, dass Studiengebühren eine Hürde seien, ist ein wenig verkürzt, weil sie ignoriert, dass es genügend Studiengebühren- und Beihilfenkonzepte gibt. Diese stellen sicher, dass es trotzdem noch eine gute soziale Durchmischung an den Unis gibt. Ich kann grundsätzlich aber auch akzeptieren, dass die andere Seite sagt, dass Bildung gratis sein soll. Dann muss das aber auch konsequent gefordert werden und für alle Bildungswege gelten. Was ich aber nicht akzeptieren kann, ist, dass es verschiedene Hürden gibt, weil es doch genügend Evidenz dafür gibt, dass das eben nicht so ist, in den Ländern die das anwenden.

Kraushofer: Es ist unfair zu sagen, es gibt Länder, in denen funktioniert das, deswegen führen wir das auch bei uns ein. Wenn wir uns die Studierendensozialerhebung anschauen, dann sehen wir, anhand der Jahre, in denen die Studiengebühren eingeführt und abgeschafft wurden, dass es eben nicht funktioniert hat.

Gamon: In unserem Modell soll das Geld autonom eingehoben und direkt an die Unis ausgezahlt werden. Man kann sich Ideen von anderen Ländern hernehmen. Dass man diese dann aber für Österreich anpassen muss, steht außer Frage.

Fleischhacker: Skandinavische Länder zum Beispiel: Da gibt es ein progressives Steuersystem, keine Studiengebühren und fast keine Zugangsbeschränkungen. Also das funktioniert schon. Es ist kontraproduktiv zu sagen, man will Studiengebühren und trotzdem mehr Studierende. Es gibt Zahlen, die zeigen, dass Studiengebühren als Hürde gesehen werden. Und selbst wenn man von Studiengebühren befreit ist, muss man immer noch das Geld aufbringen, um sie zuerst einzubezahlen.

progress: Die FEST bekommt ihre Mandate vor allem von den FHs. Diese heben mehrheitlich Studiengebühren ein und haben alle Zugangsbeschränkungen. Wie steht ihr dazu?

Bankel:  Fachhochschulen fallen ins Privatrecht und sind keine öffentlichen Universitäten. Aber: Der Staat finanziert Fachhochschulen fast zur Gänze, die Beteiligung von Unternehmen liegt bei etwa 2 Prozent. Die Struktur einer Fachhochschule ist aber wie in einer Ausbildungsfirma. Die Rechtsform von Fachhochschulen ist extrem problematisch, wir fordern schon seit Jahren, dass es ein einheitliches Hochschulgesetz geben soll – darin kann es aber natürlich verschiedene Hochschultypen geben. Die Grundlage für alle Hochschultypen muss ein Gesetz sein und nicht drei.Aber grundsätzlich lehnen wir Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren ab. Bildung ist ein Menschenrecht und muss für jede und jeden frei zugänglich sein.

progress: Derzeit müssen, unter anderem, Drittstaatenangehörige doppelt so hohe Studiengebühren bezahlen. Wie steht ihr dazu?

Freidl: Das ist eine Katastrophe. Zu uns sind Studierende in die Sozialberatung gekommen und haben uns erzählt, dass sie nicht mehr wissen, wie sie ihr Studium finanzieren sollen. Wenn man schon von einem Hochschulraum und einer europäischen Hochschulpolitik redet, braucht es auch europäische Lösungen und da ist der Wissenschaftsminister ganz klar gefordert, sich für Ausgleichszahlungen zwischen jenen Ländern, zwischen denen es Studierendenströme gibt, einzusetzen. Es gibt ja beispielsweise bereits den nordischen Rat, wo das mit Ausgleichszahlungen ganz gut funktioniert. Da sollten wir ansetzen, anstatt Studierende, die sich ohnehin in einer sehr prekären Situation befinden, dann auch noch mit doppelten Studiengebühren zu belasten.

Kraushofer: Prinzipiell kann ich mich da anschließen. Was man vielleicht aber noch dazu sagen sollte ist, dass die doppelten Studiengebühren nicht das einzige Problem sind. Drittstaatsangehörige haben andere Aufnahmebedingungen. Sie dürfen zum größten Teil nur sehr wenig arbeiten. Oder etwa das passive Wahlrecht, das wäre nochmal ein eigenes Thema. Sie werden auf vielen Ebenen der österreichischen Hochschulen diskriminiert und das ist eine Frechheit.

Lerchbammer: Wir lehnen Studiengebühren unter diesen Studienbedingungen ab, auch die doppelten. Wir sollten uns nicht davor fürchten, dass jemand zu uns zum Studieren kommt, sondern die Rahmenbedingungen schaffen, dass er dann auch hier bleibt.

Bankel: Ergänzend muss man noch sagen, dass es nicht nur die rechtlichen Hürden, die doppelten Studiengebühren oder etwa Probleme bei Zulassungsprüfungen gibt. Drittstaatenangehörige müssen auch jedes Mal, wenn es darum geht, ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern, zittern, wem sie da jetzt am Amt gegenüber sitzen. Da wird oft mit reiner Willkür entschieden. Es braucht das Bekenntnis der ÖH sich gegen Rassismus zu engagieren, und zwar nicht nur auf legistischer Basis, sondern auf allen Gebieten – eben als gesellschaftspolitisches Programm.

Gamon: Die doppelten Studiengebühren gehen auf keinen Fall, das ist einfach diskriminierend. Es ist volkswirtschaftlich und menschlich ein Blödsinn jemanden hier studieren, aber später nicht in Österreich leben und arbeiten zu lassen.

Fleischhacker: Ich glaube, wir stimmen alle überein, dass die doppelten Studiengebühren eine große Diskriminierung darstellen. Wie auch schon gesagt, sind sie aber auch nur ein Faktor in einer Reihe von Diskriminierungen.

 

 

Zeit oder Geld

  • 31.03.2013, 23:08

Substandardwohnungen, Aushilfsjobs und trotzdem kein Geld. Vor allem für Studierende aus sozial schwachen Familien tun sich Lücken in Österreichs Sozialnetz auf.

Substandardwohnungen, Aushilfsjobs und trotzdem kein Geld. Vor allem für Studierende aus sozial schwachen Familien tun sich Lücken in Österreichs Sozialnetz auf.

Eine 30-Quadratmeter-Substandardwohnung in Wien Margareten, nur wenn man ein Brett über die Dusche legt, kann man gemütlich aufs Klo gehen. Geheizt wird mit einem Gaskonvektor, im Winter klettert die Temperatur oft nicht über 18 Grad. So wohnt Sina derzeit, sie lebt von 600 Euro im Monat. 290 Euro kostet die Miete für ihr Zimmer mit kleiner Küche im Vorzimmergang, 100 Euro Energiekosten kommen dazu. Die 26jährige Studentin zündet sich eine Zigarette an – auf dieses Laster möchte sie nicht verzichten.   Etwa 100 Euro im Monat hat sie für Zigaretten veranschlagt, mehr als für Essen. In manchen Monaten kommt sie mit 80 Euro für Lebensmittel aus. „Jede neue Jeans ist eine Investition, auf die ich sparen muss. Shoppen gehe ich gar nicht“, erzählt die Romanistikstudentin. Sie arbeitet vier Abende die Woche in einem großen österreichischen Möbelhaus, für achtzehn Stunden  verdient sie etwa 450 Euro. Von ihren Eltern kommen weitere 150 dazu, sie übernehmen auch die Studiengebühren.

Anspruch auf Studienbeihilfe hatte sie nie, die Eltern verdienen zu viel. Und das, obwohl Sinas Mutter schon seit Jahren nicht mehr arbeitet, der Vater ist Alleinverdiener. Er kann die Studentin nur mit kleinen Beiträgen unterstützen. „Einfach mal nur studieren wäre schon toll“, meint die gebürtige Deutsche.

Stipendium, nicht für alle. Damit sich Studierende aus sozial schwächeren Familien, in denen die Eltern keinen oder nur einen sehr kleinen Beitrag leisten können, auf ihr Studium konzentrieren können, hat der Staat Österreich die Studienbeihilfe vorgesehen. Bis zu 679 Euro werden pro Monat überwiesen. Laut Studierenden-Sozialerhebung im Jahr 2011 erhalten 22 Prozent der  österreichischen Studierenden Unterstützung vom Staat – in Form von konventioneller Studienbeihilfe, Selbsterhalterstipendium oder Studienabschluss-Stipendium. Doch die Kriterien sind streng, arbeiten beide Eltern Vollzeit, ist eine Zuerkennung  unwahrscheinlich. Berücksichtigt wird dabei nicht, ob die Eltern ihr Kind tatsächlich unterstützen, sondern nur das Einkommen.  BezieherInnen dürfen nicht mehr als 8000 Euro im Jahr dazuverdienen, das Studium darf nicht öfter als zweimal gewechselt werden  und muss in der vorgesehenen Zeit absolviert werden, ein Toleranzsemester inbegriffen. Wer erschwerende Umstände, wie eine  besonders aufwändige Diplomarbeit oder ein Auslandssemester, vorweisen kann, bekommt ein weiteres Semester Aufschub.

Doch was passiert, wenn sich das Studium länger hinzieht? Ab dem 25. Lebensjahr fällt die Familienbeihilfe weg, die Studienbeihilfe  ebenso, sobald die reguläre Studienzeit um ein Jahr überschritten wurde. „Da begann für mich der ewige Behördenweg“, erinnert sich  Maja. Plötzlich wollte niemand für die 25Jährige zuständig sein, die ein sieben Quadratmeter großes Zimmer im  Studierendenwohnheim Gasometer hatte. „Luxus war sowieso nie“, sagt Maja. Sie kommt aus einer finanziell schlechtergestellten  Familie, die Eltern in der Steiermark konnten sie nicht unterstützen. Studienbeihilfe und Familienbeihilfe garantierten der Studentin der Kultur- und Sozialanthropologie ein halbwegs sicheres Auskommen, jetzt blieb das Konto plötzlich leer. Die bedarfsorientierte  Mindestsicherung schien ein Ausweg, aber das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hält fest: „Ein Studium, selbst wenn es vor Vollendung des 18. Lebensjahres begonnen wurde, ist nicht als Erwerbs- oder Schulausbildung zu werten. Es stellt daher keine  Ausnahme für den Einsatz der Arbeitskraft dar. BezieherInnen der bedarfsorientierten Mindestsicherung müssen bereit sein, ihre  Arbeitskraft einzusetzen und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Dies kann im Falle eines Studiums in der Regel nicht angenommen werden.“

Ein Verweis auf Studienbeihilfe und Selbsterhalterstipendium folgen. Eine Lücke im sozialen Netz  Österreichs? Für Maja begann ein wochenlanger Amtsweg – vom Arbeitsmarktservice (AMS), wo man für sie als Studentin nicht zuständig sein wollte, zum Sozialamt  Magistratsabteilung 40 und wieder zurück. „Niemand wusste genau, wie mein Fall zu beurteilen ist“, erzählt sie. Schließlich doch  eine Auskunft: Kann die Antragstellerin versichern, dass das Studium innerhalb eines Jahres abgeschlossen wird und meldet sich gleichzeitig  beim AMS als arbeitssuchend, kann der Bezug der Mindestsicherung für ein Jahr gestattet werden. Maja war glücklich –  somit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war der bürokratische Aufwand. Neben den regelmäßigen Terminen beim AMS musste sie  auch Bewerbungen nachweisen und Schulungen – etwa für richtiges Bewerben oder Computerbasiskenntnisse – besuchen.

Zwischendurch arbeitete sie immer wieder, denn Jobangebote durfte sie nicht ablehnen, auch wenn es eigentlich mehr Stunden  waren als vereinbart. Für die Diplomarbeit blieb dabei wenig Zeit, ein Jahr verging schneller als gedacht. Und plötzlich stand sie wieder da: ohne Job, ohne Versicherung und ohne Geld.

Sicherheitsnetz Eltern. Inzwischen hat Maja ihre Diplomarbeit abgeschlossen und steht kurz vor der Diplomprüfung. Um über die  Runden zu kommen, arbeitet sie derzeit 20 Stunden bei der Post, das AMS hat ihr diese Stelle vermittelt. Auch bei der Studierenden- Sozialerhebung erklärten viele der Befragten, finanzielle Schwierigkeiten zu haben. „Die Hauptgründe dafür sind, dass die Eltern  nicht mehr zahlen können und unerwartete Ausgaben“, schildert Angelika Grabher vom Institut für höhere Studien (IHS), das die  Studierenden-Sozialerhebung erstellt. Finanzielle Schwierigkeiten sind neben sozialer Herkunft und Migrationshintergrund auch  stark vom Alter abhängig: 42 Prozent der 29Jährigen klagen über Probleme. Inwiefern sich die Kürzung der Familienbeihilfe auf die finanziellen Schwierigkeiten auswirkt, ist statistisch noch nicht erfasst. „Allerdings führen ein Viertel der Studierenden mit Schwierigkeiten diesen Wegfall als Mitgrund für ihre Probleme an“, führt Grabher aus. Mariela hingegen kann sich auf ihre Eltern  verlassen, die 23Jährige Jusstudentin arbeitet nur in den Ferien.

Im vergangenen Sommer hat sie ein Praktikum bei einer Anwaltskanzlei absolviert. Ihr Zimmer in einer Wohngemeinschaft plus  monatliches Taschengeld für Essen, Shoppen und Freizeit übernehmen die Eltern, die beide selbst AkademikerInnen sind. „Da bin ich echt dankbar“, sagt sie. Der größte Vorteil: Sie kann sich völlig ungestört auf ihr Studium konzentrieren. Das zeigt auch der  Studienfortschritt, Mariela liegt gut in der Zeit, macht neben den großen Jusprüfungen auch ab und zu Kurse auf der Hauptuni.  „Meine Eltern wollen das aber auch sehen, ich dürfte sicher keine zehn Jahre brauchen“, erzählt die Wienerin. Wer keine oder zu wenig Unterstützung vom Staat und von der Familie erhält, muss sich selbst versorgen. Die meisten suchen sich wie Sina einen Job,  oft ist dieser nicht einmal studienrelevant. Auch für Praktika, die den Lebenslauf aufbessern und erste Berufserfahrung bringen,  hatte Sina nie Zeit. „Das ist sicher ein Nachteil bei der Arbeitssuche später“, sagt sie. Die Studierenden- Sozialerhebung 2011 zeigt,  dass 63 Prozent aller Studierenden im Sommersemester 2011 erwerbstätig waren. 47 Prozent sogar das ganze Semester durchgehend. „Eine Zunahme gibt es vor allem bei der durchgehenden Erwerbstätigkeit“, erklärt Grabher.

Dabei bleibt häufig das Studium auf der Strecke. Denn zehn Prozent der Befragten gaben an, 20 bis 35 Stunden in der Woche zu  arbeiten, bei elf Prozent waren es sogar über 35 Stunden. „Die Hälfte der erwerbstätigen Studierenden hat Probleme mit der  Vereinbarkeit von Studium und Erwerbstätigkeit“, so Grabher. Ein Drittel wolle die Arbeitsstunden reduzieren, um mehr Zeit fürs  Studium zu haben.

Studium vs. Arbeit. Acht Prozent der Befragten der Studierenden-Sozialerhebung können nur wenig (unter zehn Stunden pro Woche)  oder gar keine Zeit für ihr Studium aufwenden. Das liegt vor allem an ihrer umfassenden Erwerbstätigkeit. Viel Arbeit hat natürlich  auch Auswirkungen auf die Studiendauer: Für drei Viertel der Studierenden mit geringer Studienintensität  wird sich die Studiendauer über die Regelstudiendauer ausdehnen, rund ein Drittel wird wahrscheinlich doppelt so lang studieren wie in der Regelvorgesehen. Fallen aufgrund dieser Überschreitungen Beihilfen weg, muss noch mehr gearbeitet werden. Ein Teufelskreis zu Lasten des Studiums beginnt. Christoph hat den Vergleich: Sein Bachelorstudium in Volkswirtschaftslehre hat er noch ohne  Nebenjob absolviert, Studienbeihilfe und eine Substandardwohnung, die er zusammen mit seinem Freund bewohnte, haben ihm durch die ersten Semester geholfen. Seine Eltern konnten ihn nie unterstützen. Der Erfolg der reinen Studienzeit ist klar zu sehen:   Der 23Jährige ist inzwischen im Master und immer noch in Mindeststudienzeit.

„Eigentlich wollte ich nie arbeiten, das Studium war mir immer viel wichtiger“, erzählt er. Alser sich allerdings eine eigene Wohnung  suchen musste und die Mutter wieder zu arbeiten begann, sank die Studienbeihilfe, während die Fixkosten stiegen. „Bei der  Berechnung der Beihilfe wird nur das nominale Einkommen berechnet, Kredite der Eltern oder ob sie mir den Betrag tatsächlich  überweisen, spielt keine Rolle“, schildert er. Auf diese spezielle Situation könne keine Rücksicht genommen werden, lautete die  Antwort der zuständigen Stelle. Ohne Job ging es nicht mehr. 18 Stunden die Woche arbeitet Christoph bei einem  Wirtschaftsforschungsinstitut – zusammen mit der Studien- und Familienbeihilfe ergibt das ein solides Einkommen. „Aber natürlich  hat man viel weniger Zeit fürs Studium. Zuerst habe ich versucht, mein übliches Pensum an Lehrveranstaltungen zu  machen. Das war kein angenehmes Semester“, erzählt Christoph.

Die Entscheidung zwischen Arbeit und Studium hat auch weitere Nachteile: Ein Auslandssemester konnte Christoph nicht  absolvieren, obwohl er seine Zukunft nicht in Österreich sieht. Zuerst hatte er kein Geld, nun keine Zeit.

Kein Geld, kein Job. Ist das Wissenschaft?

  • 26.03.2013, 23:12

Neugier und Passion, Begabung und Mut – diese Eigenschaften werden als ideale Voraussetzung für eine wissenschaftliche Laufbahn gehandelt. Entmutigt werden junge WissenschafterInnen trotzdem an allen Ecken und Enden.

Neugier und Passion, Begabung und Mut – diese Eigenschaften werden als ideale Voraussetzung für eine wissenschaftliche Laufbahn gehandelt. Entmutigt werden junge WissenschafterInnen trotzdem an allen Ecken und Enden.

Klara* kocht Kaffee. Sie ist müde: „Ich habe bis spät in die Nacht gearbeitet.“ Neben ihrem Schreibtisch in ihrem WG-Zimmer in einer geräumigen Wiener Altbauwohnung liegt eine dicke Mappe, auf der in glänzenden Lettern groß PHD steht. Letztes Jahr hat Klara, wie unzählige andere Studierende, unter dem Druck auslaufender Diplomstudienpläne, ein sozialwissenschaftliches Studium an der Universität Wien abgeschlossen und stand damit vor der Frage: „Was nun?“ PhD lautete in Klaras Fall vorerst die Antwort, die ihr  selbst noch nicht so ganz geheuer ist.

„Insgesamt sind die Aussichten alles andere als gut“, konstatierte der Präsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Christoph Kratky, letztes Jahr bei den konservativen Alpbacher Technologiegesprächen in Bezug auf  wissenschaftliche Karrieren. Ein Jahr zuvor hatte der Chemiker seinem Sohn öffentlich davon abgeraten, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Unsicherheit ist der wissenschaftlichen Praxis grundsätzlich inhärent, weil Fragen gestellt werden, ohne zu wissen, wohin die Suche nach Antworten führt. In den letzten Jahren hat jedoch eine andere, sehr konkrete Form der Unsicherheit Einzug in das Leben vieler Forschender und Lehrender, und jener, die es noch werden wollen, genommen. Im Allgemeinen sei die Wissenschaftslandschaft in Österreich heute davon geprägt, dass die Universitäten im Zuge ihrer Autonomisierung zu selbstständigen Einheiten wurden, „die miteinander in Wettbewerb stehen, die sich rechtfertigen müssen, was sie mit ihrem Geld machen, Erfolge messbar machen und Pläne vorlegen müssen“, erklärt die Wissenschaftsforscherin Ruth Müller im progress- Gespräch: „Und das hat maßgebliche Konsequenzen auf allen Ebenen der Wissensproduktion.“ Die unternehmerische Universität braucht Maßstäbe für Erfolg und Exzellenz und soll gleichzeitig angesichts ihrer Unterfinanzierung sparen: Das Lukrieren von Drittmitteln, quantifizierbare Forschungsergebnisse wie Publikationszahlen, Projektarbeit und befristete Arbeitsverträge wurden zu  euen  Paradigmen des akademischen Feldes.

Konkurrenz. Wer heute in die Wissenschaft geht, setzt sich einer verschärften Konkurrenz um Publikationen, Förderungen sowie eine  schwindende Anzahl guter und sicherer Posten aus – ein System, das unweigerlich eine beträchtliche Anzahl an  NachwuchswissenschafterInnen früher oder später über den Rand fallen lässt. Nichtsdestotrotz versuchen junge Menschen mit  vielfältigen Motiven und Interessen in der Wissenschaft Fuß zu fassen und wagen damit einen Schritt auf unsicheres Terrain. „Ich  wollte eigentlich nicht Dissertation schreiben“, sagt Klara: „Nochmal vier Jahre allein im Kammerl zu sitzen und vor mich hin zu  schreiben, darauf hatte ich zumindest unmittelbar jetzt keine Lust. Außerdem war ich mir total unsicher, ob ich überhaupt in diesen Wissenschaftsapparat einsteigen möchte.“
Pauline zog für eine PhD-Stelle von Paris nach Wien und sieht ihre Dissertation als gute Überleitung zwischen Studium und Arbeit. Foto: Johanna Rauch
Denn das Leben als Jungwissenschafterin sei kein rosiges. Es werde im Allgemeinen  „komplette Hingabe“ erwartet, so Klara: „Also Wissenschaft – das ist kein Job, das ist ein Leben. Und das macht mir eben auch so Angst. Es wird erwartet, dass du außerhalb der Arbeitszeiten arbeitest, dass du ständig publizierst, und zwar bei schlechter Bezahlung. Es wird erwartet, dass man sich selbst ausbeutet.“ Die andere Seite der Medaille ist  für Klara jedoch die Freude an der wissenschaftlichen Tätigkeit: „In verschiedene Lebenswelten einzutauchen und zu versuchen, sie zu verstehen, macht mir Spaß. Und Forschung ist für mich ein bisschen wie ein  Puzzle – aus vielen kleinen Teilen entsteht ein größeres Ganzes und den Bildern und Geschichten wird damit Sinn gegeben.“

Damit verbindet sie auch einen politischen Anspruch: „Ich möchte Fragen stellen, die eine politische Relevanz haben.“ Und Klaras Diplomarbeitsbetreuerin hat ihr schließlich ein Angebot gemacht, zu dem sie sagt: „Ich hatte das Gefühl: Ich kann das jetzt nicht ablehnen.“

Unsichere Verhältnisse. Deshalb arbeitet Klara nun gemeinsam mit Kolleginnen an einem Antrag für ein Forschungsprojekt, in dessen Rahmen sie ihre  Dissertation schreiben möchte. Das bedeutet mehrere Monate intensiver Arbeit an der Entwicklung einer innovativen Fragestellung, was sich immer wieder anfühle, als müsse man „das Rad neu erfinden“. Das bedeutet auch ein Jahr finanzieller und persönlicher Unsicherheit und neben dem Gefühl, eine große Chance bekommen zu haben, stehen immer wieder auch Zweifel und Ängste: „Einerseits hängt über allem dieses Projekt ‚Dissertation’ und andererseits kein Geld, kein Job, unsichere Zukunft, kein geregelter Tagesablauf – das macht es schwierig, sich immer wieder selbst zu motivieren.“ Bis zu einer Entscheidung, ob das Projekt finanziert wird, kann noch ein halbes Jahr vergehen, das Klara mit unbezahlten Praktika und kleineren Jobs zu überbrücken versucht.

Um ähnlichen Herausforderungen aus dem Weg zu gehen und keine Zeit zu verlieren, hat sich Pauline im Unterschied zu Klara bewusst gegen eine Mitarbeit an der Entwicklung und Beantragung eines Forschungsprojekts entschieden, bevor daraus –  „eventuell“ – die Möglichkeit einer Finanzierung für eine Dissertation erwächst. Pauline hatte allerdings auch die Wahl und nach anfänglichen Zweifeln den Eindruck, dass „alle Türen offen stehen“: Als Abgängerin einer angesehenen und höchst selektiven  französischen IngenieurInnenschule und Absolventin einer Disziplin, die nicht als Massenfach charakterisiert werden kann, hat die damals 22jährige Diplom-Ingenieurin und Expertin für Holz gerade einmal eineinhalb Monate lang nach einer PhD-Stelle gesucht.

Dann hatte sie zwei Stellenangebote  im deutschsprachigen Raum. Sie zog von Paris nach Wien um, trat eine durch Drittmittel  finanzierte PhD-Stelle in einem Projekt an der BOKU an und war zunächst verwundert, dass hier alle große Augen machten, wenn sie  ihr Alter und ihre Arbeit in einem Atemzug erwähnte: „In meinem Umfeld in Frankreich ist das nicht außergewöhnlich.“ Wie das geht?  Nach dem Baccalauréat – der französischen Matura – mit 17 oder 18, zwei harte Jahre „classe préparatoire“, dann drei Jahre in der IngenieurInnenschule, die Pauline im Vergleich dazu dann weitgehend wie ein Spaziergang erschienen sind. „Die Dissertation ist für mich jetzt schließlich eine gute Überleitung zwischen dem Studium und der Arbeit. Schließlich lernt man weiterhin und fängt  gleichzeitig an zu arbeiten.“ Aus einem massiv verschulten System kommend, ist es Pauline primär wichtig, im Rahmen ihrer  Dissertation zu lernen, selbstständig zu arbeiten.

So beschäftigt sich Pauline nun seit einem halben Jahr mit der Entwicklung nachhaltiger Alternativen zu Plastik, lernt immer besser  Deutsch und hatte bisher das Gefühl unter guten Bedingungen zu arbeiten: keine unentgeltliche Arbeit in der Freizeit, gute  Bezahlung und eine kollegiale Atmosphäre. Das klingt zunächst nach der Realisierung des Traumes von Effizienz und Zielstrebigkeit im Rahmen innovativer und anwendungsorientierter Forschung – dabei scheint es allen Beteiligten zunächst gut zu gehen. Man  könnte meinen, von Klaras Erfahrungen und Einschätzungen sei Paulines Situation weit entfernt. Und dennoch ist die Prekarität vor  kurzem auch Teil von Paulines persönlichem und professionellem Horizont geworden. Denn das Unternehmen, mit dem Pauline im   Rahmen ihres PhD-Projekts zusammengearbeitet hat, ist in Konkurs gegangen. Ende September hätte ihr Vertrag für ein weiteres Jahr verlängert werden sollen – nun ist unklar, wie das finanzierbar sein soll. Somit wird Pauline letztlich wohl doch nicht umhinkommen, entweder Projektanträge zu schreiben und Fördermittel zu lukrieren oder von neuem umzuziehen und sich in ein neues Thema einzuarbeiten.
„Universitäten stehen miteinander im Wettbewerb, müssen Pläne vorlegen und Erfolge messbar machen“, kritisiert die Wissenschaftsforscherin Ruth Müller. Credit: Johanna Rauch
Destruktive Dynamik. Dass solch unsichere Verhältnisse einerseits die Betroffenen massivem Druck und Stress aussetzen, und andererseits auch mit epistemischen und sozialen Konsequenzen einhergehen, die durchaus auch guter, innovativer und kritischer  Wissenschaft im Wege stehen, betont Müller. Im Zuge ihrer Dissertation im Rahmen des Projekts Living Changes in the Life Sciences  am Institut für Wissenschaftsforschung der Universität Wien hat sie unter anderem festgestellt, dass  LebenswissenschafterInnen vor allem im Post-Doc- Stadium, das als besonders heikle Phase einer wissenschaftlichen Karriere betrachtet wird, angesichts des massiven Drucks, laufend Forschungserfolge vorzulegen und zu publizieren, dazu tendieren, sich  mit „relativ sicheren“ Themen zu beschäftigen. So reizvoll riskantere und innovativere Fragestellungen wären – junge  WissenschafterInnen können sich diesen zusätzlichen Risikofaktor nicht leisten. „In seiner ganzen Radikalität manifestiert sich das  darin, dass ProfessorInnen feststellen, ihre Karriere sei unter heutigen Bedingungen nicht mehr möglich, weil sie sich als Post-Doc  zwei Jahre mit einem ungewöhnlichen Thema beschäftigt haben, das sich im Endeffekt als sehr fruchtbar erwiesen hat, zunächst aber keine verwert- und  publizierbaren Ergebnisse hervorgebracht hat“, stellt Müller fest. Und während im Allgemeinen immer  wieder betont wird, wie wichtig Innovation, Kreativität und Kollaboration für die Wissenschaft seien, zeigt Müller auch auf, dass die  derzeitigen Bedingungen tatsächlich Tendenzen der Individualisierung befördern. Angesichts der verschärften Konkurrenz im Post-Doc-Stadium wird Teamarbeit beispielsweise aus Angst vor dem Verlust der ErstautorInnenschaft häufig vermieden. 

Potenzielle Synergien bleiben folglich oftmals ungenutzt. Keine Karriere mit Lehre. Die universitäre Lehre wird weitgehend in den  Hintergrund gedrängt. Dass der Kultur- und Sozialanthropologe Igor Eberhard, der gerade dabei ist, seine Dissertation abzuschließen, von sich sagt, dass es vor allem seine Leidenschaft für die Lehre gewesen sein, die ihn trotz allem dazu veranlasst  habe, im akademischen Feld weiterzuarbeiten, steht im Kontrast zur aktuellen systemischen Logik der österreichischen Wissenschaftslandschaft. Eberhard lehrt nicht nur seit 2009 Vollzeit an der Universität Wien, sondern publiziert auch in Projekten mit Studierenden Sammelbände. Vom Schreiben der Texte bis zu Layout und Werbung wird alles gemeinsam gemacht – ein  aufwändiger Prozess, im Zuge dessen alle gemeinsam viel lernen, erzählt er. Honoriert wird das allerdings nicht. Zusätzlich habe er immer auch geforscht sowie eigene Text publiziert, „aber im Grunde hätte ich karrieretechnisch betrachtet nie so viel Energie in die  Lehre investieren dürfen“, stellt Eberhard heute fest: „Für den wissenschaftlichen Lebenslauf bringt das gar nichts. Es ist zwar  wichtig, dass man Lehrerfahrung hat. Das steht in jeder Ausschreibung drin. Welcher Umfang, wie gut oder wie intensiv, das ist  eigentlich nebensächlich. Im  Vordergrund stehen Publikationen.“ Dennoch waren vor allem in sozialwissenschaftlichen Fächern jeweils auf ein Semester befristete Lehraufträge – meist in Kombination mit Stipendien, Projektarbeit und anderen Jobs – bisher  vielfach eine Möglichkeit für JungwissenschafterInnen, sich ein Doktoratsstudium zu finanzieren.

Das Engagement der sogenannten „ExistenzlektorInnen“ und ihr Beitrag zum Funktionieren der Universitäten mögen jedoch noch so groß sein – Wertschätzung oder längerfristige Perspektiven erhalten sie von Seiten der Universitäten dafür bisher nicht. "In den Lebenswissenschaften lehren deshalb die wenigsten Leute auf der Junior-Ebene, weil das als etwas gesehen wird, was dich nur behindert. Und wenn du dann drei Papers schreiben und einen Kurs vorbereiten solltest, ist klar, wo die Prioritäten liegen“, stellt  uth  Müller fest. Dass diese Verhältnisse für die Qualität der Lehre letztlich nicht förderlich sind, erleben Studierende verschiedenster Fächer am laufenden Band.
Den Kultur- und Sozialanthropologen Igor Eberhard hat vor allem seine Begeisterung für die Lehre auf der Uni gehalten. Für diese gibt es jedoch wenig Prestige und Anerkennung. Credit: Johanna Rauch
Schwere Entscheidungen. Angesichts der prekären Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses sei es umso wichtiger, sich der Tendenz zu Individualisierung zu entziehen, betont Eberhard: Der Austausch mit anderen Betroffenen stärke individuell und  potenziell auch politisch. Als Mitglied der IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen setzt sich Eberhard deshalb auch seit heuer im Betriebsrat der Universität Wien für die Interessen der LektorInnen und für eine Aufwertung der Lehre ein. Er will auch nach Abschluss seiner Dissertation weiter lehren und forschen: „Ich habe schon zu viel investiert, um jetzt aufzugeben.“ Dafür müsse er aber mit großer Wahrscheinlichkeit ins Ausland gehen, denn in Österreich fehlen einfach die entsprechenden Perspektiven und Möglichkeiten. Müller bringt die Problematik einer Entscheidung für die Wissenschaft auf den Punkt: „Man kann sich heute nicht mehr für eine wissenschaftliche Karriere entscheiden. Man kann sich dafür entscheiden, es zu versuchen.“

Für Klara und Pauline ist eine akademische Zukunft dementsprechend keineswegs in Stein gemeißelt: „Ich probiere das jetzt einfach und wenn ich merke, dass das nichts für mich ist und mich das nicht glücklich macht, dann muss ich eben wieder etwas anderes machen“, meint Klara, die sich auch vorstellen kann, im journalistischen Bereich zu arbeiten. Auch Pauline sieht ihre Zukunft nicht unbedingt in der Wissenschaft, sondern eher in einem Unternehmen: „Im Endeffekt sehe ich längerfristig wenige attraktive  Möglichkeiten, in der akademischen Forschung zu bleiben.“

Institutionalisiertes Scheitern. So schwer es ist, in den Wissenschaften Fuß zu fassen, so schwer kann es aber auch sein, sich wieder  daraus zu verabschieden, weiß Müller: „Viele DissertantInnen sagen am Anfang, eigentlich weiß ich nicht so genau, wo ich in zehn Jahren sein möchte. Bereits im Zuge der  Auswahl von PhD-Studierenden gilt es jedoch unbedingt zu performieren, dass du  genau diese Berufung hast, in den akademischen Wissenschaften zu sein. Sonst gilt man nicht als förderungswürdig. Und was am  Anfang vielleicht bei manchen eine Performanz ist, verselbstständigt sich häufig.“ Dann tatsächlich auszusteigen, ist ein Schritt, der oft als Scheitern betrachtet wird. Um sich davor zu schützen, ist es aus Müllers Sicht wichtig, sich selbst auch mit Alternativen zur Arbeit im akademischen Feld auseinanderzusetzen und sich bewusst zu machen, dass „dieses individualisierte Schaffen oder Versagen eine unglaublich mächtige Konstruktion ist“. Der aktuellen strukturellen Schieflage in den Wissenschaften ist mit persönlichem Engagement nur bedingt beizukommen, so Müller: „Es geht nicht darum, dass du nur gut genug sein musst und dann  schaffst du es.“ Letztlich brauche es dringend eine Perspektivenänderung in den Institutionen, betont sie: „Hin zu einem ganzheitlicheren Begriff davon, was es heißt, WissenschafterIn zu sein, und einem Bewusstsein dafür, dass es ein komplexeres Set   von Indikatoren braucht, die auch qualitativ sein müssen. Und es muss klar werden, dass Langfristigkeit auch wichtig ist.“

Linktipp:
IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen

Projekt: Living Changes in the Life Sciences (gefördert durch GENAU/bmwf: Projektleitung: Univ. Prof. Ulrike Felt)

*Name geändert. Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

Universität in Zeiten von Bologna

  • 16.03.2013, 12:14

Ein vor Kurzem erschienener Sammelband behandelt wichtige Debatten zum Bologna-System. Katharina Walbert hat ihn für progress rezensiert.

Ein vor Kurzem erschienener Sammelband behandelt wichtige Debatten zum Bologna-System. Katharina Walbert hat ihn für progress rezensiert.

Seit dem Beschluss in der italienischen Stadt Bologna Ende der 1990er Jahre wird an einem einheitlichen Hochschulraum gebastelt. Das zweistufige System von Bachelor und Master sowie die Einführung eines Leitpunktesystems (ECTS) sind dabei die wichtigsten Neuerungen. Als Ziele werden unter anderem leicht vergleichbare Abschlüsse, europäische Zusammenarbeit und lebenslanges Lernen genannt. Universität soll internationaler werden, wettbewerbsfähig, sie soll Verständnis und Akzeptanz zwischen den Kulturen schaffen und allen Lernenden die gleichen Chancen bieten. Bis heute wird der Bologna Prozess jedoch auch immer wieder kritisiert.

2012 erschien nun der Sammelband „Universität in Zeiten von Bologna. Zur Theorie und Praxis von Lehr- und Lernkulturen“. Verschiedenste ExpertInnen, WissenschaftlerInnen und auch Lehrende und Lernende kommen zu Wort, erläutern ihre Sicht zu den Entwicklungen seit und durch Bologna sowie zur derzeitigen Situation unseres Hochschulsystems. Auch wird die Geschichte der Universität von der Antike bis heute ausführlich beleuchtet.

Bologna wird durchaus auch kritisch beurteilt, zwischendurch taucht sogar die Frage: „Wozu überhaupt noch Universitäten?“ auf. Schnell wird aber klar, dass Lernen ausschließlich über Internet und Fernstudium wohl nicht immer die beste Lösung ist und Universitäten auch in Zukunft noch wichtig für uns sein werden.

Weiters werden verschiedene Modelle zu einer idealen Universität präsentiert, wie zum Beispiel in einem Artikel über die „Drei Phasen eines idealen Bachelor Studiengangs“. Alles dreht sich um die Frage, wie Universität bestmöglich gestaltet werden kann und eventuelle Probleme gelöst werden.

Ein Schwerpunkt liegt auf Gender- und diversitätsgerechtem Lehren und Lernen, dem ein eigenes von insgesamt fünf Kapiteln gewidmet ist. Wie kann man es schaffen, Vorurteile abzubauen, nicht mehr in vorgefertigten Mustern und Schubladen zu denken und Mobilitätshemmnisse – körperliche wie auch interkulturelle abzuschaffen. Was kann man dafür tun, dass auch Studierende und Lehrende, die beispielsweise sehbehindert oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, die gleichen Möglichkeiten haben und sich in der Universität genauso gut zurechtfinden? Was muss getan werden, damit Verständnis und gegenseitiger Respekt zwischen Kulturen wächst? Diesen Fragen widmet sich der Sammelband. Sehr wichtige Themen, die wie der Sammelband zeigt in der Debatte um den Bologna-Prozess  nicht zu kurz kommen dürfen.

„Universität in Zeiten von Bologna“ verschafft einen guten Überblick zu einem komplexen Thema, zeigt verschiedene Standpunkte und Meinungen und ist durch die Mischung aus Lehrenden und Studierenden, die zu Wort kommen, durchaus praxisnah. Insgesamt ein wichtiges Buch für alle, die mehr über unser Bildungssystem erfahren wollen.

Universität in Zeiten von Bologna. Zur Theorie und Praxis von Lehr- und Lernkulturen, Herausgeber: Brigitte Kossek/ Charlotte Zwiauer , V & R unipress GmbH, 2012

Seiten