• 22.02.2020, 17:33
Geschlechterklischees sind überwindbar, findet Thea. Sie ist Studentin, Schauspielerin und sozusagen Genderaktivistin. Und das ist eine Bestandsaufnahme des Weges, den sie gerade geht.

Es ist die Nacht von Freitag auf Samstag und Thea tanzt. Im Takt des harten Technos stampft sie, ihre großen Ohrringe schillern kurz, wenn ein Lichtstrahl sie trifft. Hier auf der Tanzfläche ist es eng, heiß, laut und wirklich dunkel. Wenn wieder frischer Nebel aus den Maschinen emporsteigt, sind nur noch die bunt blinkenden Lichterröhren an der Decke des Clubs erkennbar. Die Gäste tanzen, als ob hier niemand an ein Gestern oder Morgen denkt. In diesen Momenten scheint es, als seien alle Menschen gleich. Theas Gesicht zeigt, sie fühlt sich wohl unter der tanzenden, schwitzenden Menschenmenge. Und ihr Lidschatten glitzert.

Die 20-jährige Studentin* liebt es mit ihrer Geschlechtsidentität zu spielen, Menschen zu verwirren und Normen aufzubrechen. Heute ist sie damit nicht alleine. Die Party in der Grellen Forelle steht heute ganz im Sinne der Vielfalt. Für „Homophobie, Transphobie, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus oder toxisch maskulines Verhalten“ ist hier kein Platz, steht schon am Eingang beschildert. Die feiernde Masse im Club macht schnell deutlich, dass sie sich nicht in vielen Dingen ähnelt, aber in einer Sache einig zu sein scheint: Gesellschaftliche Konstrukte, wie etwa Gender, dürfen gerne draußen bleiben.

Gender meint in erster Linie das soziale Geschlecht und ist auch das, worauf schon Simone de Beauvoir in ihrem berühmten Zitat „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ angedeutet hat. Also das, was nach außen getragen wird, an bestimmte angelernte Rollen und verinnerlichte Muster gebunden ist. Sex im Gegensatz versteht sich im Sinne der englischen Bedeutung, also dem was man gemeinhin als biologisches Geschlecht bezeichnet. In der Regel ist Gender vom Sex abhängig. Denn das Geschlechtsteil, mit dem ein Mensch geboren wird, bestimmt meist jede weitere Sozialisation. Rosa ist für Mädchen, Blau für Burschen, und so weiter. Für Thea ist Gender eine Farbe abseits dieses Spektrums: „Es ist genau wie Make- Up oder Gewand eine politische Entscheidung, die ich treffe, wenn ich zum Kasten gehe.“ Lässt man alle gesellschaftlichen Konventionen außer Acht, wäre Gender durchaus eine bewusst wählbare Sache. So scheint es zumindest an diesem Abend in der Forelle.

Am Anfang waren die Hemden Weiter weg vom DJ-Pult ist es etwas heller, die Menge lockert sich auf. Aus der gedimmten Beleuchtung der Bar und dem grünen Licht des Notausgangsschildes entsteht eine schwache Helligkeit. Thea steht in einem weiten grünen Kleid an der Bar und bestellt noch einen Spritzer. Unter ihrem langen Kleid trägt sie ein bunt gemustertes Hemd und eine grobmaschige Netzstrumpfhose. Eigentlich hat hier alles angefangen: Im Nachtleben. Thea erzählt aus der Zeit, als sie sich ihre Identität selbst noch nicht ganz zusprechen konnte: „Früher habe ich das immer aufs Fortgehen beschränkt, da konnte ich meine crazy Hemden anziehen. Dann habe ich begonnen meine crazy Hemden in der Frauenabteilung zu kaufen.“ Die Binarität von Geschlecht fällt in Kleidungsgeschäften besonders auf. Erdgeschoss Frauen, Obergeschoss Männer. Sogar hier im Club kann die Geschlechter-Zweiteilung nicht ganz ausgeblendet werden: Die Toiletten sind hier, wie fast überall auch, getrennt. Thea hält nicht unbedingt viel von solchen Grenzziehungen. „Obwohl Gender für mich ein Kommunikationswerkzeug ist, mit dem ich vermitteln kann, wer ich bin, finde ich die Kategorisierung schlecht“ erklärt sie. Nur zwei Geschlechteroptionen lassen eben wenig Spielraum für Vielfalt und Identität. Vor dem Thema Identität ist Thea eine lange Zeit weggelaufen. Schritt für Schritt näherte sie sich ihm an. Zuerst beim Fortgehen, dann im Theater, auf Reisen. Bis sich zum Rückflug aus Kopenhagen im Sommer 2019 bei Thea vieles angestaut hat: „Es war mein erster Flug allein und ich habe extreme Flugangst. Als es heftige Turbulenzen gab, habe ich zu mir gesagt: Wenn ich heil ankomme, dann werde ich mein Leben so leben – und es war wirklich so dramatisch – dass ich nichts mehr bereuen werde.“ Und das bedeutete den Schritt zu wagen und anzuerkennen, ihre bisherige Geschlechtsidentität zu hinterfragen. Sie bezeichnet sich heute als Genderfluid, das heißt ihre Geschlechtsidentität ist fließend und kann sich mit der Zeit oder je nach Situation ändern. Am Ende des Tages fühlt sich die Studentin* aber doch wohler als Frau*. „Das gibt mir mehr Energie und ich fühle mich einfach besser“ sagt sie. Ein Widerspruch als Trans*Frau gegen jene Geschlechterkategorisierungen einzutreten sei es keiner. Für Thea bedeutet Weiblichkeit nämlich ganz einfach frei zu sein: „Das umfasst für mich Make-Up, Nagellack und Schmuck zu tragen. Ohne es kategorisieren zu wollen.“

Inmitten der Gesellschaft Mit dieser Einsicht ist die 20-Jährige recht früh dran. Die meisten Trans*Frauen beginnen zwischen 28 und 35, Trans*Männer zwischen 18 und 26 Jahren mit diesem Transformationsprozess, wie eine Beraterin von TransX, einem Wiener Verein für Transgender Personen, erklärt. Das ist soweit nicht verwunderlich, immerhin braucht es hierfür eine Menge Mut. Queer zu sein, also von der Norm abzuweichen, bedeutet auch Ablehnung. Die Angst im sozialen Umfeld nicht mehr akzeptiert zu werden, sei laut TransX das Hauptproblem. Die Akzeptanz von Personen abseits des binären Geschlechterverständnisses ist immer noch nicht in alle Ecken der Gesellschaft vorgedrungen, wie etwa Ergebnisse der Studie „Queer in Wien“ zeigen. Fast ein Drittel aller Befragten haben demnach in den letzten Monaten Gewalt oder Diskriminierung erlebt. Transphobe Hassnachrichten auf sozialen Medien oder Stänkereien beim Fortgehen kennt Thea leider allzu gut. Trotzdem betont die 20-Jährige, dass sie noch keine schwerwiegende körperliche Gewalt erlebt hätte. Am prägendsten seien für sie die frühen Erfahrungen in der Schulzeit gewesen: „Bis dahin konnte ich immer sein wer ich bin, aber dann kam der Turnunterricht und ich musste bei den Burschen turnen.“ Hätten sie Mitschüler_innen damals gefragt, ob sie ein Mädchen sei, hätte sie nein gesagt. Ein Ja wäre nicht angebracht gewesen, zumindest hat sie dieses Gefühl übermittelt bekommen. Das ist jetzt anders. Weil sich Thea lange als homosexueller Cis-Mann definiert hat, zogen sich Mobbing und das „Anders-Sein“ auch schon durch ihre Zeit als Jugendliche*. „Die Zeit war sicher auch ausschlaggebend, dass ich eine gewisse Haut aufgebaut habe und jetzt gewappnet bin“ fügt sie hinzu. Mittlerweile fühlt sie sich in ihrem Umfeld größtenteils akzeptiert und wohl. „Meine Theatergruppe, mein Freundeskreis, Familie oder die Uni sind für mich Safe Spaces.“ Ihren Nebenjob als Kellnerin* würde sie noch nicht als solchen sicheren Raum bezeichnen, weiterarbeiten werde sie dort trotzdem. Dort sichtbar sein, wo es vielleicht nicht immer angenehm ist - sie sagt: „Das ist gut und wichtig.“

Schützendes Recht, sexistisches Recht. Ein Stück weit schafft es Thea mittlerweile transphobes Verhalten mit ihrem selbstbewussten Auftreten abzuwehren. Soll nicht heißen, dass starke Persönlichkeiten vor Diskriminierung bewahrt sind. Dafür gibt es in Österreich entsprechende Gesetze: Trans*Personen sind rechtlich durch das Diskriminierungsverbot geschützt. Gleichzeitig erzeugt das Recht auch strukturelle Benachteiligung, wie etwa im Namensgebungsgesetz. Da man seinen Vornamen nur entsprechend des eingetragenen Geschlechts wählen kann, benötigt es dazu im Vorhinein eine Personenstandsänderung. Diese ist seit 1983 möglich und seit 2009 nicht mehr mit einer zwingenden geschlechtsanpassenden Operation verbunden. Thea hat besagte Schritte noch nicht unternommen. Sie sei sich noch nicht sicher, ob es bei ihrem aktuellen Namen bleiben wird. „Denkbar ist es aber schon“, sagt sie lächelnd. Ein großes Problem dieser Regelungen ist die Pathologisierung. Transsexualität wird laut Klassifikation der WHO erst mit 2022 nicht mehr als psychische Störung gelten. Im Vergleich: Homosexualität wurde „schon“ Anfang der 90er aus besagtem ICD-Report, kurz für International Classification of Diseases, gestrichen. Da mit den rechtlichen Regelungen eben immer noch entmündigende Verfahren einhergehen, fordern etwa Österreichs Transgender-Gruppen in einem offenen Brief 2016, dass jegliche Änderungen nicht durch ärztliche Gutachten genehmigt, sondern durch Selbstbestimmung vollzogen werden sollten. Außerdem gibt es eine Forderung der Österreichischen Hochschüler_innenschaft den Namens- und Geschlechtseintrag an der Uni unbürokratisch ändern zu können. So könnte Thea sich mit dem Namen, über den sie sich nun primär identifiziert, zu Seminaren anmelden, ohne sich dann vor Ort gezwungenermaßen outen zu müssen. Es könnte vielen Trans*Personen ersparen, mit ihrer bisherigen Wahrnehmung von Geschlecht in Verbindung gebracht zu werden, sie könnten unerwünschter Zurschaustellung entgehen.

Die Sache mit der Sichtbarkeit Zum Thema Sichtbarkeit herrscht in der Trans*Community ein ambivalentes Verhältnis, wie der Wiener Verein TransX erklärt: Einerseits sind die meisten Trans*Personen „eher unfreiwillig als freiwillig sichtbar“. Andererseits hilft die Sichtbarkeit von Trans*Personen Anerkennung in der Gesellschaft zu stiften und auch Impulse zu geben, wie bei Thea. Leute zu sehen, die sind wer sie sind, habe sie inspiriert, sich nicht weiter in einer Opferrolle zu suchen: „Ich bin kein Opfer der Gesellschaft, sondern eine Vorreiterin*.“ Thea nutzt ihre Sichtbarkeit jetzt, um genau das zu sein. Alltag ist bei Thea Aktivismus. Sie findet sich mittlerweile in einer stabilen Situation wieder, in der sie versucht, immer ein Zeichen zu setzten, wenn sie Kraft dazu hat. „Ich gehe durch den 15. Bezirk mit meinem Kleid und wenn die Leute mich blöd anschauen, dann schau ich halt zurück. Das ist eine liebevolle Provokation“ schmunzelt sie. Am Tag vor der Clubnacht bummelt Thea über eine Einkaufsstraße. Sie möchte sich ein Outfit für die anstehende Party besorgen. Es leuchten Schilder in den verschiedensten Farben aus den Schaufenstern: Rot, ein grelles Gelb, Pink oder einfach nur Schwarz. Auf allen steht bedeutungsgemäß das gleiche. Abverkauf. Die Studentin* schlendert durch die Gänge eines Schuhgeschäfts. Schwarze Stiefeletten fallen ihr ins Auge. Ob es diese auch in ihrer Schuhgröße gäbe? Sie fragt nach. Die Sondergrößen wären im Untergeschoß, meint die Verkäuferin. Dort wo sich im stationären Einzelhandel wohl selten ein modischer Schuh hinverirrt hat. Deshalb sollten sie laut Thea dort auch besser bleiben. Im Internet würde sie bestimmt schöne Schuhe finden, die ihr passen. Und bei nächster Gelegenheit würde sie schon darin tanzen.

Anmerkung: Das Gendersternchen (*) wird in diesem Text verwendet, um die Realität geschlechtlicher Vielfalt auch in der Sprache sichtbar zu machen.

AutorInnen: Johanna Brodträger