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Aufhören um neu anzufangen

  • 18.03.2021, 16:45

Aufhören um neu anzufangen 

Als wäre es gestern gewesen: Die Hörnchen-Nudeln kochen auf dem Gasherd, Adrian bereitet sich wieder Mal seine Lieblingsspeise zu. Ich komme erledigt von meinem Werkstudenten-Job zurück in die WG und weiß, was mir bevorsteht – die ewige Suche nach Informationen und Prüfungserfahrungen zu meiner nächsten Prüfung „Nichtmetallische Werkstoffe“. Warum muss ich dafür aber einen ganzen Nachmittag einplanen? Wieso sind keine aktuellen Informationen einfach und schnell abrufbar? *Gedankenblitz* 

Ich stürme in die WG-Küche, Adrians Nudeln sind fast fertig. „Adrian, hör zu – wieso gibt es eigentlich keine Plattform, auf der ich einfach nach meiner nächsten Prüfung suchen kann und dort auf einen Blick alle Daten zur Prüfungsvorbereitung finde, die ich gerade benötige?“ Als ich den Satz ausgesprochen habe, kommt Christoph in die Küche, hört unserem Gespräch zu und wir merken alle drei, dass wir gerade eine echt interessante Idee haben, die in Zukunft vielen Studierenden eine Menge kostbarer Zeit ersparen würde. Da 2016 bereits digitale Medien der Renner waren, haben wir Paul, einen Freund aus Innsbruck, mit ins Boot geholt. Als technischer Kopf hatte er alles was es braucht, um eine digitale Lösung umzusetzen. 

Zwölf Monate später startete unsere Plattform an der TU Wien, weitere sechs Monate später war sie bereits auf insgesamt fünf Hochschulen in Österreich vertreten. Heute ist sie auf über 30 Hochschulen in Deutschland und Österreich vertreten, unser Team besteht aus acht jungen und lustigen Menschen und in unserem Unternehmen setzen wir uns tagtäglich für Gerechtigkeit und Studierbarkeit an Hochschulen ein. 

Doch was hat es gebraucht, um diesen Weg zu gehen? 

Um ehrlich zu sein, war es sehr beängstigend. Als 22-jährige junge Männer war uns nicht ganz bewusst, welche Verantwortung und welches Risiko wir mit der Gründung eines Unternehmens eingingen. Uns war auch nicht klar, dass sich ein Vollzeit-Studium an der TU Wien und TU München, ein Werkstudenten-Job und das parallele Aufbauen eines Unternehmens nicht unter einen Hut bringen lassen. Schnell durften wir aber lernen, was es bedeutete eine Idee umzusetzen. 

Unmenschliche Zeitbeanspruchung, nächtelanges Arbeiten, Schlaflosigkeit. Und trotzdem reichte die Zeit nicht aus. Wir schmissen unser Studium, um unseren Traum wahr werden zu lassen. Wir kündigten unsere Jobs, um unserem Traum näher zu kommen. Eins mussten wir akzeptieren, und wir lernten es auf die harte Art – in der Unternehmensgründung gibt es einfach deutlich mehr Downs als Ups. Und daran mussten wir uns erstmal gewöhnen. 

Als unsere Plattform timebite das erste Mal im Oktober 2017 online ging, war das extrem aufregend. Wir freuten uns über jede*n neue*n Nutzer*in auf der Plattform, über jedes Feedback. Es schien zu funktionieren! 

Wir entwickelten die Plattform stetig weiter, versuchten alles, um Studierenden den besten Dienst zu bieten. Aber dann wurde uns schnell klar – ohne Werkstudenten-Job wird es schwer, die WG-Miete zu bezahlen, geschweige denn Server- und Betriebskosten zu erhalten. Es musste eine Finanzierung her, sonst war’s das mit unserem Traum. Eines war uns aber von Beginn an klar: Studierende werden nie auch nur einen Cent für timebite bezahlen müssen, das passt uns einfach nicht. Daher redeten wir mit Unternehmen, präsentierten ihnen unsere Lösung und fragten, was wir entwickeln könnten, damit sie auch einen Nutzen davon ziehen würden. 

Daraus entwickelte sich unser erstes Geschäftsmodell und unsere kleine Firma warf das erste Mal Geld ab. Wow, we did it!
Wir hatten tatsächlich das erste Mal Geld mit unserer Idee gemacht. Wir konnten also weiterarbeiten, weiterüberlegen, weiterhin unsere Mission verfolgen und unserer Vision näherkommen – Studierenden jederzeit Zugriff zu relevanten Prüfungsinformationen zu gewähren. Neben den ganzen Tiefs, die man so hat, kamen auch ab und zu ganz erfreuliche Hochs. Und es wurden einfach immer mehr Hochs, ehrlich. Wir hatten schon fast Angst, es könnte tatsächlich mehr Ups als Downs geben! 

Im Laufe des Jahres 2019 entwickelten wir dann gemeinsam mit der TU Wien unser zweites Produkt – die App Quinn. Diese soll ECTS-Gerechtigkeit und Studierbarkeit fördern und Studierenden gleichzeitig ein Lerntagebuch bieten, um die eigenen Learning Analytics zu verfolgen. Die App hat nach einem Jahr über 180.000 getrackte Stunden von Studierenden gesammelt – ein großer Erfolg. Wir entwickelten weiters auch HILFMA, um eine digitale Nachbarschaftshilfe per App in der Coronakrise zu ermöglichen. Auch diese wurde innerhalb kürzester Zeit von tausenden Menschen und Betrieben genutzt, sogar zur App des Jahres 2020 nominiert. 

Außerdem halfen wir vielen Organisationen bei der Digitalisierung, bei der Entwicklung von Produkten, berieten unglaublich kluge und tolle Menschen. Kaum zu glauben, dass wir heute als Experten in unserem Gebiet gelten. Unser Team leistet tagtäglich Unglaubliches, um weiterhin Fairness im Studium zu etablieren, zentrale Anlaufstellen für Prüfungsinformationen zu betreiben und Studierende zu verbinden. Durch die Motivation, durch enormen inneren Antrieb und Verfolgung unserer Mission haben wir tatsächlich nach den Sternen gegriffen. 

Es war zwar nicht immer leicht, aber wir sind von einem zutiefst überzeugt: Wenn man macht, was man gerne macht, dann macht man es gut. Und wenn man gleichzeitig ein starkes Durchhaltevermögen zeigt, wird man es schaffen. Heute sitzen wir in unserem Büro, in den letzten drei Jahren der Selbstständigkeit gefühlt um zehn Jahre gealtert – aber was soll‘s, wir kommen unserem Traum immer näher, wir erfüllen unsere Mission, wir haben eine Vision. 

Emir Selimovic, Mitbegründer timbite Solutions GmbH

Nachhaltig Studieren

  • 18.03.2021, 16:51

Nachhaltig studieren

Universitäten weisen bei ihren wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen ein fundamentales Manko auf: Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein werden praktisch ignoriert. Das muss sich ändern. 

Nach meinem Schulabschluss entschied ich mich für ein Studium der Ökonomie, um meinen Wissensdurst über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge zu stillen. Mich interessierten vor allem Volkswirtschaften insgesamt und die einzelnen Komponenten, die sie ausmachten. Wie funktioniert denn so ein Staat? 

Mit dieser und ähnlichen Fragen bewarb ich mich voller Elan an der Universität Wien, um Internationale Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Meine anfängliche Euphorie verebbte recht schnell aufgrund einer ernüchternden Kenntnis. Die Lehre legte ihren Fokus hauptsächlich auf die Vermittlung von profitmaximierenden Theorien, die andere bedeutsame Aspekte, wie beispielsweise Nachhaltigkeit, ignorierten.

Dabei war auch zu meiner Studienzeit bekannt, dass der fortschreitende CO2-Ausstoß zu erheblichen Krisensituationen führen würde. Die stetig steigende Erderwärmung hat schon jetzt Hitzewellen, Waldbrände und den Meeresspiegelanstieg zur Folge. Für eine zukunftsfähige Welt müssen wir unseren CO2-Ausstoß drastisch reduzieren. 

Verfechter*innen der Klimawende hatten diese Reduzierung jahrzehntelang gefordert und tatsächlich reagierte die Politik nach andauerndem Klimaaktivismus allmählich auf die Forderungen. Insbesondere die massive FridaysForFuture-Bewegung schlug hohe Wellen in der politischen Landschaft und selbst Politiker*innen, die nicht zu naturnahen Parteien gehörten, befassten sich allmählich mit der Klimakrise. 

Bei der UN-Klimakonferenz in Paris im Jahre 2015 beschlossen Staatenlenker*innen die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C, möglichst bei 1,5 °C zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Treibhausgasemissionen wohl auf globaler Ebene zwischen den Jahren 2045 und 2060 auf null gesenkt werden. 

Im Hinblick auf das Klimaabkommen von Paris hat sich die Europäische Kommission ambitionierte Ziele gesetzt. Sie möchte ihre CO2-Emissionen drastisch senken und dafür sorgen, dass Europa im Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent avanciert.

Faktisch ist eine entschiedene Reduzierung der CO2-Emissionen nicht mit unserem herkömmlichen Wirtschaftssystem vereinbar, da dieses die Umwelt nicht priorisiert. Grundsätzlich hat es das Ziel, kontinuierlich für Wirtschaftswachstum zu sorgen, wofür in der jetzigen Form fossile Ressourcen verbraucht werden müssen und die Umwelt zerstört wird. 

An dieser Stelle muss klar betont werden, dass Wachstum per se keinen negativen Sachstand darstellt. Im Gegenteil, Wachstum kann Innovationen fördern, die Lebensqualität steigern und somit viele positive Merkmale aufweisen. Allerdings darf Wachstum nicht auf Kosten der Umwelt oder marginalisierter Bevölkerungsgruppen entstehen. Tatsächlich hat unser Wirtschaftssystem Ökologie, Gesellschaft und Ökonomie rigoros getrennt, wodurch soziale sowie ökologische Dilemmata entstanden sind. Ressourcen, Naturflächen, Arten und Ökosysteme sind konfrontiert mit Übernutzung und Ausbeutung. Darüber hinaus werden die Kosten, die durch Abfallproduktion und die Zerstörung der Umwelt verursacht werden, in unserem Wirtschaftsmodell nicht bedacht.

Fakt ist: Unternehmen sind einem gewissen Einfluss der Umwelt ausgesetzt. Beispielsweise leiden Agrarunternehmen unter Dürresommern und verlieren beim Klimawandel. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU), der als NGO die Umwelt und die Natur schützen möchte, schreibt auf seiner Website: „Wir zahlen schon heute hohe Reparaturleistungen für die Dürreschäden in der Land- und Forstwirtschaft, für Überschwemmungen, den Zubau der Deiche oder die Aufbereitung unseres mit Nitrat belasteten Grundwassers. Dieses Modell, das alle Kosten auf die Gesellschaft, andere Länder oder zukünftige Generationen abwälzt, hat keine Zukunft. Gebraucht werden deshalb neue, ganzheitliche und gemeinwohlorientierte Ansätze des Wirtschaftens“. 

Die Klimawende gelingt nur mit Vertreter*innen der Wirtschaft

Eine Abhilfe für diese elementare Misere könnte das Nachhaltige Wirtschaften schaffen, das die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs bei steigendem Wachstum anstrebt. Im Fachjargon ist oft von „Entkopplung“ der Faktoren Ressourcenverbrauch und Wachstum voneinander die Rede. Eine solche Entkopplung ist für das Erreichen des Klimaziels 1,5 Grad Erderwärmung nötig. Doch einer Studie mit Beteiligung von Forscher*innen der Universität für Bodenkultur zufolge haben sich Materialverbrauch und Energiekonsum vom Wirtschaftswachstum so gut wie gar nicht gelöst.

Es muss ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft entstehen, bei dem Nachhaltigkeit und Umweltschutz zum Dogma erhoben werden. Nur mit kollektiven Kraftanstrengungen kann die Klimawende gelingen. Die*der einzelne Konsument*in kann sich z.B. an Siegeln orientieren, die umweltfreundliche Produkte und Dienstleitungen kennzeichnen. In Deutschland gibt es zum Beispiel den Blauen Engel, den nur nachhaltige sowie umweltschonende Produkte und Dienstleistungen erhalten. Der Blaue Engel kooperiert auch mit Österreich und kann für Verbraucher*innen als Indikator für einen nachhaltigen Konsum dienen. Noch bedeutsamer kann es jedoch sein, den sogenannten „materiellen Fußabdruck“ zu betrachten, der auch den Ressourcenverbrauch bei der Produktion berücksichtigt. So werden beispielsweise bei der Benutzung von Elektroautos keine fossilen Brennstoffe verbraucht, bei der Herstellung schon. Treibhausgasemissionen werden überwiegend von Betrieben verursacht, die der Wirtschaft zugeordnet werden können, nicht von Individuen. Demnach braucht es für die Klimawende die Kooperation von Vertreter*innen der Wirtschaftswelt.

Vor diesem Hintergrund fällt auf universitäre Einrichtungen, die zukünftige Unternehmer*innen ausbilden, eine besondere Verantwortung. Ein Studium stellt eine sehr prägende Zeit dar, die sich auch auf die Zukunft des*r jeweiligen Studierenden auswirkt. Umso wichtiger erscheint es, in der wirtschaftswissenschaftlichen Universitätsausbildung verpflichtende Kurse einzubauen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Die Schaffung einer Sensibilisierung im ökonomischen Universitätsumfeld ist wesentlich für das Erreichen eines nachhaltigen Wirtschaftssystems. In diesem Sinne müssten Fächer in den Stundenplan von Wirtschaftsstudiengängen eingebaut werden, bei denen die Dringlichkeit der Klimawende aufgezeigt werden. Curricula müssen den Aspekt der Nachhaltigkeit aufgreifen und dürfen sich nicht nur auf die Lehre der Neoklassik, also der herkömmlichen Wirtschaftslehre, beschränken. 

In Wirklichkeit gibt es schon eine Bewegung, die sich gegen eben diese neoklassische Unterrichtslehre stellt. Verfechter*innen der sogenannten „Pluralen Ökonomik“ kritisieren die traditionelle Wirtschaftslehre, da diese soziale sowie ökologische Aspekte nicht abdeckt und somit als realitätsfern gilt. Die Plurale Ökonomik hat ihren Ursprung um die Jahrtausendwende in Paris, wo Student*innen gegen den neoklassischen Monotheismus protestierten. Sie verurteilten die neoklassische Mainstreamlehre, die als absolutistische Unterrichtsform deklariert wurde. Befürworter der Pluralen Ökonomik sprechen sich für pluralistische Ansätze und Methoden aus, die sich nicht auf profitmaximierende Strukturen beschränken. Unter anderem fordern sie die Etablierung des nachhaltigen Wirtschaftens in der Universitätslehre.

Was genau ist denn die Neoklassik und wie wirkt sie sich auf die Universitätslehre aus?

„Die neoklassische Theorie stellt die Wirtschaft vor allem als System von Märkten dar, auf denen Angebot und Nachfrage durch die Güterpreise ins Gleichgewicht gebracht werden.“ Diese Beschreibung ist im Duden aufzufinden und im Grunde drückt sie aus, dass Unternehmen in ihrem Tun Gewinnmaximierung anstreben. Verbraucher*innen haben das Ziel, mit dem Konsum ihre Bedürfnisse zu befriedigen und die Wirtschaftsschaffenden antworten auf diese Nachfrage mit einem Angebot, durch das sie den größtmöglichen Profit generieren möchten. Je nachdem wie hoch die Nachfrage und das Angebot sind, pendelt sich der Preis für das jeweilige Produkt oder die Dienstleitung bei einem bestimmten Niveau ein. 

Eben diese Theorie wird im Studium als Maxime gelehrt, wodurch andere Ansätze unbeachtet bleiben. In meinem Studium wurde nicht nur der Aspekt der Nachhaltigkeit völlig ignoriert, sondern auch überwiegend der soziale Faktor. Erst später jedoch wurde mir bewusst, dass ich gewissermaßen eine Wissenslücke in Bezug auf das gesamtwirtschaftliche Konstrukt hatte. Nicht nur mir ging es so.

„Nach dem Studium habe ich gemerkt, dass ich überhaupt nicht vorbereitet war auf das wahre Leben und meinen Beruf in der Wirtschaftswelt. Eigentlich habe ich nur gelernt, dass die Anhäufung von Gewinn das Wichtigste ist. Heute weiß ich aber, wie bedeutsam Themen wie Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsability sind“, sagte eine ehemalige Kommilitonin von mir, die anonym bleiben möchte und auch Internationale Betriebswirtschaftslehre an der Universität Wien studiert hat. Als Mitarbeiterin in einer Marketingabteilung weiß sie, dass die Erzielung von Gewinn überaus wichtig ist, doch nicht das ausschließliche Ziel eines Unternehmens darstellen sollte. 

Insbesondere durch die eindrucksvolle FridaysForFuture-Bewegung hat sie sich mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit beschäftigt und eine gewisse Sensibilisierung zu diesem Thema erlangt. 

Nachhaltigkeit muss verpflichtend in die Studienpläne

Der Mangel an Nachhaltigkeitsthemen in Wirtschaftsstudiengängen ist kein Phänomen, das ausschließlich an der Universität Wien existiert. Auch an allen anderen staatlichen österreichischen Universitäten werden ökologische Themen nicht in den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen behandelt. Lediglich die Johannes-Kepler-Universität in Linz und die Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck bieten ökologische Wirtschaft als Wahlfach an. 

Meiner Meinung nach muss Nachhaltigkeit verpflichtend in die Curricula eingeführt werden, damit wir für uns und Folgegenerationen eine lebbare Welt schaffen können. Die klimatische Notlage ist akut und das muss auch in ökonomischen Studiengängen verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang habe ich eine Petition gestartet, bei der ich genau das verlange:

(http://chng.it/Zv9hCVzt). 

In unserem System muss sich vieles ändern, damit wir in Europa im Jahre 2050 Klimaneutralität behaupten können. Die Einführung von Nachhaltigkeit in den Wirtschaftsstudiengängen ist ein Anfang.

Atahan Demirel studiert internationale Betriebswirtschaftslehre an der Uni Wien

Hass im Netz

  • 18.03.2021, 16:08

Dickpicks nach der Yogastunde und Instagramkunde in der Volksschule

Unangemessene grafische Inhalte und beleidigende Privatnachrichten gehen Hand in Hand mit dem rasanten Wachstum der neuen Technologien und des Internets sowie der verstärkten Nutzung von Netzwerken wie Facebook, Telegram oder Tinder. Als Folge der anhaltenden Pandemie, die die Menschen in ihre Wohnungen - und vor allem hinter ihre Bildschirme - zwingt, schießen Cybergewalt und Hassattacken im Netz in die Höhe. Und damit auch die fatalen Folgen jener Übergriffe auf die Gesundheit junger Menschen. 

Vor ein paar Wochen spazierte ich um 7:30 Uhr nach meiner morgendlichen Yogastunde zu meinem Studijob in einer Kanzlei, als ich plötzlich einen Anruf von einer meiner engsten Freundinnen erhielt: „Babsi, ich war gerade bei der Polizei und bin noch sehr nervös, können wir kurz reden?“. Sie erklärte mir, dass sie trotz mehrmaligem „Nein“ von einem Mann unangebrachte Fotos erhalten hatte und dass es in Österreich (noch) keine Möglichkeit gäbe, ein solches Verhalten mit strafrechtlichen Konsequenzen zu ahnden. Komplett erschrocken verwandelte sich mein Spaziergang in eine unglückliche Recherche: 

Der aktuelle United Nations Women-Bericht besagt, dass im Jahr 2018 fast 73% der Frauen Online-Missbrauch erlebt haben. Erst kürzlich hat Hass im Netz einen neuen Höhepunkt erreicht: Zwischen Juli 2019 und 2020 wurden insgesamt 104.852 gefälschte Nacktbilder von Frauen veröffentlicht. Der Bösewicht in dieser Causa war ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter, großteils kostenloser Bot des Nachrichtenkanals Telegram. Benutzer*innen können dem Bot Fotos von Frauen –aktuellen Meldungen zufolge auch von Kindern - schicken, der diese daraufhin innerhalb kürzester Zeit digital auszieht.

Schmerzbereitend sind auch die Zahlen im Bereich Cyber-Stalking: 70 % der Frauen, die Cyber-Stalking erlebt haben, haben auch mindestens eine Form körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt durch einen Intimpartner erlebt, und 5 % der Frauen in Europa haben seit dem Alter von bereits 15 Jahren eine oder mehrere Formen von Cyber-Stalking erlebt.

Es ist kein Geheimnis, dass Frauen den (bisher gemeldeten) Zahlen zufolge weitaus am meisten von solchen Angriffen betroffen sind. Viel weniger wird über sexualisierten Kindesmissbrauch im Netz gesprochen. Dieser setzt sich zu 90% aus Darstellungen von Mädchen und zu 10% aus Darstellungen von Jungen zusammen. Entsetzlicherweise zeigen 79% davon Kinder im Alter zwischen 3 und 13 Jahren. 

Die Folgen solcher Angriffe sind fatal. Nach Angaben von Amnesty International erlebt jede zweite Frau, die Opfer von Online-Missbrauch wurde, ein geringeres Selbstwertgefühl oder einen Verlust des Selbstvertrauens sowie Stress, Angst oder Panikattacken. Im Jahr 2014 bestätigte UNICEF, dass das Risiko eines Selbstmordversuchs für Opfer von Cybercrimes 2,3-mal höher ist als für Nicht-Opfer.

In ganz Europa gibt es unzählige Initiativen, die Schutz vor Hass im Netz bieten. Um einige der zahlreichen Beispiele zu nennen: SafetyNed194, eine niederländische Plattform, die von vier Frauenhäusern geleitet wird, mit dem Ziel, sowohl Opfer häuslicher Gewalt als auch diejenigen, die sich um sie kümmern, mit Schutzinstrumenten auf digitalen Plattformen und neuen Technologien auszustatten; Fix the Glitch, eine im Vereinigten Königreich ansässige Organisation, die von Seyi Akiwowo, einer jungen britisch-nigerianischen Politikerin, gegründet wurde, bietet Workshops und Empfehlungen zur Bekämpfung des Online-Missbrauchs von politisch aktiven Frauen an; Antiflirting (mittlerweile @antiflirting2), ein Instagram-Account mit über 80.000 Followern, der Sexismus im Netz sichtbar macht; Dickstinction in Deutschland, eine Website mit der in unter einer Minute eine Strafanzeige erstellt wird; das No Hate Speech Movement des Europarates, Stop Cybersexisme in Frankreich, PantallasAmigas in Spanien oder ZARA, die österreichische Organisation für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit. 

ZARA ruft vor allem zur Zivilcourage auf. Es brauche entsprechende Präventionsmaßnahmen, weshalb der Verein ein Gegenrede-Tool entwickelt hat, damit man schnell und wirksam auf Hasspostings reagieren kann. Die Meldungen nehmen erschreckenderweise jährlich um ein Drittel zu. Allein im Zeitraum vom August 2019 bis September 2020 gingen bei der ZARA-Beratungsstelle #GegenHassimNetz 2.521 Hass-Meldungen ein. Durch die intensive Thematisierung und mediale Aufmerksamkeit wurde vielen Opfern erst bewusst, dass man sich gegen derartige Angriffe wehren kann: Es ist nicht verwunderlich, warum Joko und Klaas vor ein paar Wochen mit ihrer Ausstellung „Männerwelten“ über Gewalt gegen Frauen im Netz nicht mehr zu übersehen waren. Solche Aufschreie aus der Gesellschaft und Bewegungen, die Hass direkt thematisieren, wie beispielsweise #BlackLivesMatter, vervielfachen Meldungen. Einer auf ZARA veröffentlichten Statistik zufolge sind 35% der gemeldeten Fälle (straf)rechtlich verfolgbar – vorwiegend handelt es sich hier um Verhetzung, Beleidigung und Verstöße gegen das Verbotsgesetz – bei 65% der Meldungen konnten keine rechtlichen Schritte gesetzt werden.

Aktuell gibt es neben den bereits bestehenden Straftatbeständen eine eigene Strafbestimmung für "Cyber-Mobbing". Verstöße gegen diese sind mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen zu ahnden. Etwas mulmig wird mir bei der Strafbemessung, wenn die Tat den Selbstmord oder einen Selbstmordversuch der verletzten Person zur Folge hat. In diesen unvorstellbar schrecklichen Fällen sind Täter*innen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren zu bestrafen. Auf Gesetzgeberseite ist das Gesetzespaket „Hass im Netz“, das am 01.01.2021 in Kraft getreten ist, ein wichtiger Schritt für die Implementierung eines effektiveren Schutzes vor Hasspostings im Internet. Allerdings spießt sich das Gesetz mit mehreren EU-Richtlinien und könnte weniger wirksam ausfallen als erhofft. Es fällt mir schwer, bei dieser formalen Symptombekämpfung einen Erfolg zu verzeichnen, wenn man sich die Zahlen ansieht. Ist die Aufnahme neuer gesetzlicher Tatbestände wirklich der aktuell effektivste Schutz für Generation Google?

Nach wie vor wird genau diese Generation mit verstaubten Lehrplänen, wie sie unsere Eltern noch kennen, für das Leben ausgerüstet. Während unsere Jüngsten nach wie vor lernen, wie die alten Römer im Liegen aßen, wird kaum auch nur erwähnt, wer dafür verantwortlich ist, dass all die Antworten auf diese Fragen binnen Sekunden im Netz abrufbar sind oder wie man kritisch an die etlichen Antworten herangeht. Es wird in der Schule wochenlang darüber gesprochen, wie Nikotin die Lunge schwärzt, aber nicht darüber, wie das Internet unsere Denkweise und Laune, ja sogar unsere Hirnmasse in ihrer Form verändert. Das Zetterlschreiben ist binnen weniger Jahre zum WhatsApp-Chat geworden, der Unterricht hat sich bis auf das gelegentliche Aufpeppen durch Power Point kaum verändert. Wäre Corona nie gewesen, wäre wohl auch nie ein Onlineraum fürs Lernen denkbar gewesen. 

Jetzt ist es wichtiger als je zuvor genau diese Chance zu nutzen, um diesen virtuellen Raum in einen sozialen Lernraum zu verwandeln. Nur weil der Hass im Internet steht, bedeutet das nicht, dass er dort entsteht. Berichten des Europarates zufolge haben 54% der Opfer, die online schikaniert oder sexuell belästigt wurden, ihren Missbraucher im wirklichen Leben schon einmal getroffen. Es ist also zu Recht anzunehmen, dass potentielle Täter*innen im selben Klassenzimmer sitzen wie ihre Opfer. Jungen Erwachsenen muss nicht nur beigebracht werden, Gedichte zu analysieren, sondern auch kritisch mit sozialen Medien und den Inhalten, die man teilt und sieht, umzugehen. Der gravierende Einfluss dieser Medien und die damit einhergehenden Konsequenzen und Gefahren müssen jungen Menschen nähergebracht werden. Es wird Zeit, die Bühne für Lehrer*innen frei zu machen, die statt dem Handyverbot die Handys gemeinsam mit den Schüler*innen in die Hand nehmen. Und jetzt, wo man endlich in einem Raum angekommen ist, der uns dazu zwingt, uns mit Hass im Netz auseinanderzusetzen, muss ein Umdenken stattfinden. Kommunikation hat sich verändert und mit ihr auch die Köpfe der Schüler*innen. Im Schulalltag macht sich diese Veränderung aber kaum bemerkbar, sie wird oft ignoriert, anstatt sie mit in das Klassenzimmer zu nehmen. Natürlich kann man immer wieder mit dem Finger auf das Internet zeigen. Sinn macht es aber mehr, das Fingerzeigen in ein gemeinsames Tappen am Bildschirm umzuwandeln. 

Wie sieht es an Österreichs Hochschulen mit der Problematik aus? Langsam aber sicher – und um einiges schneller als im Pflichtschulbereich - kommt Hass im Netz auch in der Lehre an. Unter dem Begriff „Cyberpsychologie“ wird mittlerweile sogar ein Masterstudium an der FH WKW angeboten, das sich ausschließlich den Auswirkungen des Internets und der Sozialen Medien auf die Psyche des Menschen widmet. Verschiedenste Curricula erlauben immer wieder die Einbeziehung der Thematik im Pflichtbereich, immer öfter konfrontieren Dozent*innen und Professor*innen in ihren LVs Studierende direkt, wie beispielsweise in der letztes Semester auf der Uni Wien angebotenen Lehrveranstaltung „Hass im Netz: Geschlechterperspektiven auf Gewalt in digitalen Medien“. Von einzelnen Organisationen wurden während der Pandemie und während der Lockdowns vermehrt Helplines als Erstanlaufstelle eingerichtet und beworben. Die ÖH startete vor wenigen Wochen die „Mental-Health“-Kampagne „#reddrüber“, um die massive psychische Belastung von Studierenden nach außen zu tragen und aufzuzeigen, wo Hilfe bereitsteht. 

Je sichtbarer es wird, dass gemeinsam gegen solche Angriffe und daraus folgende Schwierigkeiten vorgegangen werden kann, und je transparenter und lauter Initiativen dagegen vorgehen, umso höher ist auch die Schwelle für potentielle Täter*innen. Zahlreiche Initiativen bewegen Gesetzgeber zu Reformen - ob diese solche Angriffe tatsächlich zurückdrängen werden, bleibt allerdings fraglich. Instagramkunde scheint vielleicht für so manch eine*n Leser*in etwas überspitzt. Solange die Problematik aber nicht intensiv(er) junge Menschen erreicht, wächst die potentielle Angriffsgefahr und mit dem Unwissen über (gesetzliche) Verfolgungsmöglichkeiten auch die Zahl der potentiellen Angreifer*innen. 

Barbara Abdalla

Dolores Bakos (Neos) im Interview.

  • 18.03.2021, 16:56

Dolores Bakos im Interview: Es braucht mehr Verlässlichkeit in der Politik im Zusammenhang mit langfristigeren Möglichkeiten!

Dolores Bakos, Abgeordnete im Wiener Landtag, hat sich Zeit genommen, das Vorhaben der NEOS betreffend die Zukunft der Student_innen im Rahmen eines Interviews zu erläutern. Wie geht es mit den Student_innen weiter? Ein kleiner Einblick in die Konzepte, den Wirtschaftsstandort Wien zu stärken, Generation Praktikum abzuschaffen und auch in der Krise zu unterstützen. 

Die Coronakrise hat zur Folge, dass das AMS im November 390.858 Menschen österreichweit als arbeitslos gemeldet verzeichnen musste. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 30,5 %. Wien muss für den Monat November sogar einen Anstieg von 31,6 % im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen, was für 142.638 Menschen in Wien die Erwerbslosigkeit bedeutet. 

Besonders Menschen mit ohnehin geringem Einkommen wie Studenten, die neben dem Studium oft auf geringfügige Dienstverhältnisse angewiesen sind, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern, trifft die Krise besonders hart. Laut Schätzungen der Österreichischen Hochschüler_innenschaft sind 60% der 380.000 Student_innen in Österreich neben dem Studium berufstätig, der überwiegende Teil davon in geringfügigen Dienstverhältnissen wovon mindestens ein Drittel bereits im März ihr Dienstverhältnis verloren haben. Zusätzlich scheint es, dass diese Berufsgruppe bei sämtlichen längerfristigen staatlichen Auffangnetzen durch die Maschen fällt. 

Die Österreichische Hochschüler_innenschaft fordern für geringfügig beschäftigte Student_innen ein System, das ähnlich dem der Kurzarbeit ist oder andere Unterstützungsmodelle. Ebenso Arbeiterkammerpräsidentin Renate Anderl: Sie betont, dass nicht nur Student_innen von der Krise betroffen sind, sondern auch Pensionist_innen, die sich ihre Pension verbessern und Eltern mit Betreuungspflichten, die auf diesen Zuverdienst angewiesen sind. 

Dolores Bakos ist Abgeordnete zum Wiener Landtag und somit Teil der führenden Kräfte der neuen Wiener Stadtregierung. Sie hat sich Zeit genommen, Fragen zur momentan eher trist wirkenden Situation der Student_innen zu beantworten.

Progress: Die Corona Krise trifft Studierende besonders hart, viele Student_innen haben ihren Job verloren, wie ist der Plan für Studenten hier neue Chancen und Möglichkeiten zu schaffen?

Dolores Bakos: Die Branchen, in denen Student_innen hauptsächlich tätig sind, sind überwiegend der Handel und die Gastronomie. Ziel der NEOS ist es vor allem in Hinblick auf diese Krise Möglichkeiten zu schaffen, die Klein- und Mittelbetriebe wirtschaftlich stärken. Den Betrieben sollen Werkzeuge in die Hand gegeben werden, die es erlauben, neue Arbeitskräfte einzustellen und auch zu halten. Eine vernünftige Abgabenregulierung der Wiener Betriebe kann hier ein erster Schritt sein. Gebrauchsabgaben beispielsweise sollten verhältnismäßig und treffsicher sein. Die Luftsteuer wäre etwa so ein Beispiel, das man sich ansehen müsste. 

Progress: Wäre eine Strategie im Zusammenhang mit der Kurzarbeit denkbar? Geringfügig Beschäftigte haben leider keine Möglichkeit auf ein Model dieser Art zurück zu greifen. 

Bakos: Ich sehe die Kurzarbeit als arbeitsmarktpolitische Intervention und nicht als sozialpolitische Maßnahme. Die Problematik mit der Kurzarbeit ist jene, dass dieses Model als Überbrückungshilfe gedacht ist. Die Überbrückung soll, metaphorisch dargestellt, von einem Steg zum anderen führen und eine Überbrückung des Flusses, also der Krise, darstellen. Sie darf nicht Steg ins offene Meer sein, bei niemandem. Kurzarbeit darf keine Endstation sein. Es braucht mehr Verlässlichkeit in der Politik im Zusammenhang mit langfristigeren Möglichkeiten. Gibt es keine Optionen nach der Corona-Krise für die Beschäftigten, macht dieses Modell keinen Sinn. 

Für Studierende in finanziellen Schwierigkeiten braucht es trotzdem dringend ein Auffangnetz. Wir sprechen uns klar für die Nachbesserung des Kurzarbeitsmodelles im Sinne der 350.000 geringfügigen Arbeitnehmer aus.

Zusätzlich ist der ÖH Corona Härtefonds ein gutes Instrument. Es gibt aber noch Lücken, die gefüllt werden müssen – zum Beispiel können Alleinerziehende in geringfügiger Beschäftigung nicht auf den Corona Familienhärtefonds zugreifen, was wir gefordert haben.

Progress: Es gab für Studierende die Lösung eines „neutralen Semesters“. Dieses galt jedoch nur in Bezug auf die Familien- und Studienbeihilfen. Die Studiengebühren für berufstätige Studierende oder jene, die aus anderen Gründen außerhalb der Regelstudienzeit sind, wurden nicht ausgesetzt. Welche Haltung haben die NEOS zu diesem Vorgehen?

Bakos: Hier sehe ich ganz klar Bildungsminister Heinz Faßmann in der Verantwortung. Das Hauptargument, warum die Studienbeiträge nicht rückerstattet werden, war, dass das Studium ja in digitaler Form weitergegangen ist. An den Fachhochschulen ist das überwiegend auch gut gelungen, an manchen anderen Hochschulen jedoch wurde die Digitalisierung verschlafen, weshalb nicht schnell genug auf Distance Learning umgestellt werden konnte. Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass eine echte Digitalisierung in den Hochschulen notwendig ist – nicht nur für und in Zeiten einer globalen Pandemie.

JUNOS Studierende haben sich im Übrigen stark für die Einführung von treffsicheren Gründen für den Erlass bzw. die Rückerstattung eingesetzt, etwa für Studierende in finanziellen Notlagen; Studierende, die besondere Dienste während COVID gleistet haben oder solche, die einfach nicht studieren konnten, da die Lehre nicht funktioniert hat.

Progress: Die Stadt Wien stellt im Rahmen des Contact Tracing Arbeitnehmer ein, wieso gibt es hier keine Möglichkeiten der Teilzeitanstellung, um auch von der Krise betroffene Studenten abzufedern?

Bakos: Das klare Ziel des Contact Tracings war es, die Pandemie zu bekämpfen und nicht die Arbeitslosigkeit. Je schneller die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle ist, desto schneller ist eine Wiederöffnung möglich, was wiederum zu besseren Chancen für Studierende am Arbeitsmarkt führt. Es muss klar sein, dass die Priorität auf einer effizienten und effektiven Eindämmung des Virus liegen muss.

Progress: Dass Langzeitarbeitslose zwischenzeitlich als Contact Tracer eingesetzt werden sollten ist jedoch ein klares Zeichen dafür, dass im Zuge der Pandemiebekämpfung auch gegen die Arbeitslosigkeit vorgegangen werden soll. Wieso hat man die Studenten nicht berücksichtigt, die sich eventuell auch gerne engagiert hätten und einige Arbeitsplätze für diese Zielgruppe geschaffen?

Bakos: Ich verstehe die Anliegen der Studenten und auch, dass das eine Möglichkeit gewesen wäre, die man hätte in Betracht ziehen können. Die NEOS sind jedoch erst seit einigen Wochen in der Stadtregierung, ich bin hier selbst nicht zuständig und kann mich hierzu daher nur bedingt äußern. 

Progress: Was können von der Krise betroffene Studenten akut tun, um Hilfe zu bekommen?

Bakos: Hier fällt mir, wie oben bereits erwähnt, der ÖH Corona Härtefonds ein. Das zum Beispiel wäre eine Möglichkeit, wie Studenten geholfen werden kann.

Progress: Der ÖH Corona Härtefonds ist mit seinen Kriterien selektiv bzw. handelt es sich dabei um eine einmalige finanzielle Unterstützung. Ist diese Möglichkeit ausreichend zur Abfederung?

Dolores: Der ÖH Corona Härtefonds ist ein wichtiges Mittel. Er ist zwar strikt, die engmaschigen Kriterien sorgen jedoch dafür, dass das Geld treffsicher verteilt wird. Unsere Lösung ist ein längerfristiger Prozess, der eine Wiederbelebung der Wirtschaft im Fokus hat, damit alle davon profitieren können. Zusätzlich kommt wie bereits angesprochen eine Nachbesserung des Kurzarbeitsmodells zugunsten der geringfügig Beschäftigten in Frage.  Die JUNOS haben sich auch um eine Rückerstattung der Studiengebühren bemüht, alle anderen Möglichkeiten sehe ich als längerfristigen Prozess, der vor allem nach der Krise stattfinden soll. 

Progress: Viele Studenten haben Angst, mit abgeschlossener Universität und einem Titel in der Tasche trotzdem vor der Arbeitslosigkeit zu stehen, vor allem die Krise und die damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen bestärken dieses Gefühl. Was kann hier eine Lösung sein? 

Bakos: Die Probleme mit Uni-Absolvent_innen zeichnen sich schon länger ab und es wird viel zu wenig darüber gesprochen. Meiner Meinung nach sind wir gerade dabei, eine „Generation Praktikum“ zu schaffen. Absolvent_innen müssen viel zu oft und lange zwischen befristeten und schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika hin und her hetzen, bevor sie zu einer Festanstellung kommen. Ziel der NEOS ist es den Wirtschaftsstandort Wien zu stärken und somit die Wettbewerbsfähigkeit der Stadt zu sichern. Durch eine aktive und innovative Standortpolitik sollen hier mehr qualitative Arbeitsplätze für AbsolventInnen geschaffen werden.  

Progress: Wie stehen die NEOS dazu, dass das Studiengesetz verändert werden soll? Von einer automatischen Exmatrikulation und einem mehrjährigen Verbot, diese Studienrichtung zu studieren, wird gesprochen. Auch eine Schwächung des Senats soll im Zuge dessen vorgenommen werden. 

Bakos: Zurzeit ist noch völlig unklar, wie viele Studierende von dieser Regelung überhaupt betroffen wären. Wir haben dazu eine Anfrage an Bildungsminister Heinz Faßmann gestellt, da ohne genaue Fallzahlen solche Entscheidungen nicht getroffen werden sollen. Uns ist es ein Anliegen, dass Studierenden die Situation nicht noch zusätzlich erschwert wird und eine solche Regelung nur um Karteileichen auszusortieren, geht viel zu weit.  

Um vor allem berufstätige Studierende zu unterstützen, fordern die JUNOS Studierenden ein Modell mit nachgelagerten Studiengebühren und gleichzeitig einem Ausbau der Teilzeitstudien. Hier fordern die JUNOS, welche sich sehr stark in diesem Bereich engagieren, mehr Flexibilität, im Konkreten, um nur einige Verbesserungsmöglichkeiten zu nennen, weniger Voraussetzungsketten, weniger verpflichtende Anwesenheit und mehr Wahlfächer. 

Die einseitige Schwächung des Senats begrüßen wir nicht. Die demokratische Mitbestimmung der Studierenden ist uns ein Anliegen und darf nicht geschwächt werden. 

Progress: Was machen berufstätige Studierende und solche mit Betreuungspflichten, ist der Ausbau der Beurlaubungsmöglichkeiten ausreichend, um diesen Studierenden einen fairen Zugang zu ermöglichen?

Bakos: Berufstätige Studierende sowie diejenigen mit Betreuungspflichten bräuchten vor allem die Einführung eines flexiblen Teilzeitstudiums. Der Ausbau der Beurlaubungsmöglichkeiten reicht hier eindeutig nicht. Es muss möglich sein, das Studium so zu gestalten, wie es einem passt, damit man eben nebenbei arbeiten kann, um das Leben zu finanzieren, oder, damit man seine Betreuungspflichten wahrnehmen kann.

Progress: Vielen Dank für das Interview!

 

Die Sache mit der Psyche

  • 18.03.2021, 16:16

Die Sache mit der Psyche

Die Corona-Krise drückt auf die Seele. Junge Menschen sind besonders gefährdet. Es ist höchste Zeit zu handeln.

Florenz im 14. Jahrhundert: In Italien wütet die Pest und rafft die Bevölkerung dahin, Leichengestank hängt in den Straßen, Institutionen funktionieren nicht mehr, die Gesellschaft bricht auseinander. Sieben junge Frauen und drei Männer entfliehen dem Tumult und ziehen sich auf einen Landsitz zurück. Dort erzählen sie einander ihre Geschichten, genießen köstliche Speisen und Wein, tanzen, um ihre Sorgen zu vergessen. Was der italienische Schriftsteller Giovanni Boccaccio in seinem Meisterwerk, dem Decamerone, beschreibt, erfahren wir rund 700 Jahre später am eigenen Leib: Anstatt der Pest ist es nun das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, das Menschenleben auf der ganzen Welt fordert und alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens beherrscht. Von Tanz und Genuss ist wenig übrig. Wir befinden uns inmitten einer Krise, deren Auswirkungen weder vor dem Gesundheits- und Bildungswesen, noch vor dem Arbeitsmarkt und dem wirtschaftlichen System Halt machen. Noch etwas ist längst nicht mehr zu übersehen: Corona macht Angst. Und einsam. Expert*innen warnen, dass jetzt eine dritte Welle anrollt – und zwar die der psychischen Erkrankungen.

Quälende Unsicherheit. 

Der international bekannte Psychiater der Harvard Medical School, Viktor Patel, ist alarmiert. Auf der Online-Konferenz der Europäischen Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten warnt er vor einem „weltweiten Tsunami schwerer psychischer Leiden“ infolge der Isolation und Angst. Eine Studie der Donau-Universität Krems bestätigt, dass auch die österreichische Bevölkerung psychisch stärker belastet ist als vor der Pandemie. Besonders besorgniserregend: Die depressiven Symptome haben auch nach Ende des ersten Lockdowns weiterbestanden. Insbesondere jene Menschen, die im Lockdown verstärkt Stress und Einsamkeit durchlebt hatten, waren danach prädestiniert für Depressionen und Co. Doch während zu Beginn der Krise befürchtet wurde, dass hauptsächlich ältere Menschen aufgrund ihres hohen Infektionsrisikos und des damit einhergehenden höheren Isolationsfaktors unter der seelischen Belastung leiden würden, zeigte sich rasch ein anderes Bild: Es sind auch junge Erwachsene zwischen 20 und 30, denen die Ausnahmesituation auf die Psyche schlägt. Die Fakultät für Psychologie der Universität Wien startete während des ersten Herunterfahrens des Alltages im April eine siebentägige Tagebuchstudie. 800 Teilnehmer*innen in Österreich und Italien machten dabei fünfmal am Tag via Smartphone-App Angaben zu ihrem Wohlbefinden und Stressniveau. Mit dem Ergebnis, dass Ängste und Unsicherheiten den Jungen besonders zu schaffen machen. Aber warum?

Abnabelung auf dem Prüfstand.

Unser soziales Leben liegt seit Monaten auf Eis. Bitter ist das für jede und jeden, aber gerade unsere Generation wird in einer heiklen Phase erwischt – nämlich jener der Identitätsbildung. Das Entwickeln eigener Interessen und Routinen, das Gestalten von Eigenzeit, spannende Übergangsphasen in neue Lebensabschnitte – vieles ist gerade nicht möglich und nicht alles kann in „besseren Zeiten“ nachgeholt werden. „Es gehört im jungen Erwachsenenalter dazu, sich gegen das Establishment aufzulehnen, andere Meinungen infrage zu stellen, um sich die eigene zu bilden. Da wiegen alternativlose Regeln und Maßnahmen umso schwerer“, betont Dr. Mag. Birgit Hladschik-Kermer, MME, Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie an der MedUni Wien. Auch die notwendige Distanz zu Mitmenschen ist ein hartes Pflaster für die Psyche: „Gerade für junge Menschen ist der Kontakt mit Gleichaltrigen ein wichtiger Baustein der emotionalen und kognitiven Entwicklung“, sagt Hladschik-Kermer. Das Wegfallen dieses Bausteins sei vor allem dann problematisch, wenn man wenig Kontakt zur Familie hat oder wenn ein stabiles soziales Netz fehlt – zum Beispiel, weil man erst kürzlich von zuhause ausgezogen, Jobeinsteiger_in oder single ist. Funktionierende soziale Ressourcen aufzubauen wäre jetzt wichtiger denn je, meint die Expertin. Einfach sei das aber nicht, denn: „Zurzeit haben viele junge Menschen mit massiven Schuldgefühlen zu kämpfen. Medial wird ihnen oft der schwarze Peter zugeschoben, sie werden für die starke Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht. Diese Stigmatisierung ist falsch – was natürlich nicht bedeutet, dass man in Zeiten wie diesen Partys veranstalten soll. Es bräuchte aber spezifische Unterstützungsangebote für alle Altersgruppen und das Aufzeigen von Perspektiven.“ 

Die Bedeutung von Zukunftsperspektiven ist nicht zu unterschätzen: Sie geben dem Leben eine Richtung und helfen dabei, auch Durststrecken durchzustehen. Wichtig dabei ist jedoch, dass der zeitliche Rahmen abgesteckt ist und man weiß, wie lange ein Zustand noch andauert.  Wir denken zum Beispiel an die Abreißkalender, die wir früher vor den Ferien oder vor der Matura gebastelt haben – eine optische Hilfe für die Seele. Dass aktuell aber das zeitliche Ziel fehlt, ab dem wir unsere sozialen Bedürfnisse wieder befriedigen und unseren Hobbys nachgehen können, ist einer von vielen Stressfaktoren. „Über uns schwebt eine Wolke aus Unsicherheit“, sagt Hladschik-Kermer. „Dieser Zustand ist nicht nur unangenehm, er führt auch zu einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems. Dadurch kommen möglicherweise auch Ängste an die Oberfläche, die bereits vor der Pandemie bestanden haben, die man aber im normalen Alltag und mit einem strukturierten Tagesablauf gut bewältigen konnte.“ Hinzu komme in vielen Fällen die fehlende Erfahrung im Umgang mit Krisen. „Ältere Menschen haben in ihrem Leben meist schon einige Krisen durchgemacht und sich dadurch Bewältigungsstrategien angeeignet, die sie jetzt anwenden können. Junge Erwachsene verfügen meist noch nicht über diese Krisenresistenz“, so die Psychologin. 

Zukunftsängste?

Social Distancing zieht sich nicht nur durch das Privatleben sondern bleibt uns vorerst auch im Studium nicht erspart. Wenngleich sich durch den Fernunterricht auch bestimmte Vorteile ergeben, haben Studierende dennoch viele Herausforderungen zu bewältigen. „Distance Learning erfordert sehr viel Selbstdisziplin und Organisation. Gleichzeitig bekommen Studierende ein unterschiedlich hohes Maß an Qualität geboten. Lehrkräfte wiederum sind gefordert, digitale Mittel kreativ zu nutzen, Feedback zu geben und den Studierenden Unterstützung anzubieten. Die Situation ist für beide Seiten nicht einfach und oftmals überfordernd“, gibt Hladschik-Kermer zu denken. Die Novelle des Studienrechts, mit der künftig Mindestleistungen für Studienanfänger_innen festgeschrieben werden (wer nicht in den ersten zwei Jahren seines Bachelorstudiums 24 ECTS-Punkte sammelt, verliert die Studienzulassung) ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Auch der Ausblick auf eine baldige Impfung offenbart nicht unbedingt rosige Aussichten. Es wird eine ganze Weile dauern, das Wirtschaftssystem wieder anzukurbeln. Vielfach wird die Befürchtung geäußert, dass es die Jungen sein werden, die in den kommenden Jahren finanzielle Wogen glätten müssen. Das sorgt für Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und wirft Fragen auf: „Werde ich nach dem Studium einen Job finden? Bekomme ich einen Praktikumsplatz? Kann ich es mir überhaupt leisten, eine Familie zu gründen?“ 

Belastung ist keine Schwäche.

Wie geht man mit all diesen Unsicherheiten am besten um? „Indem man auf jeden Fall das Gespräch mit jemandem sucht, dem man vertraut“, sagt Hladschik-Kermer. Sind persönliche Gespräche aufgrund der Maßnahmen nicht möglich, empfiehlt die Expertin Videocalls, da man sich dem*der Gesprächspartner*in dabei verbundener fühlt als beim Telefongespräch. Darüber hinaus gibt es auch verschiedene kostenlose anonyme Angebote, an die man sich jederzeit wenden kann. „Was uns im Augenblick besonders fehlt sind die schönen Dinge, die man gerne macht und mit denen man sich belohnen kann – zum Beispiel sich zum Essengehen verabreden oder einmal über das Wochenende wegzufahren. Nichtsdestotrotz sollte man auch jetzt versuchen, sich ab und an etwas Gutes zu tun, auf das man sich freuen kann“, rät die Psychologin. Das können ganz banale Dinge wie ein Spaziergang, ein virtuelles Mittagessen mit Freund*innen oder Sport sein. „Routinen vermitteln Sicherheit in einer unsicheren Zeit. Wer sich einen Tagesplan erstellt, bringt Struktur in den Alltag. Auch körperliche Aktivität tut jetzt gut – sie hält gesund und hebt die Laune“, sagt Hladschik-Kermer. Zusätzlich rät sie zum regelmäßigen Nachrichten-Fasten, denn uns wurde zwar die Kontrolle über einige grundlegende Bereiche genommen, aber wir können uns die Kontrolle darüber zurückholen, wann wir uns über die Geschehnisse informieren. Denn auch wenn wir tausendmal am Tag einen Liveticker verfolgen, können wir die aktuelle Situation nicht ändern und werden in den meisten Fällen nur zusätzlich in Panik versetzt. Eine Sache, betont Hladschik-Kermer, sei jetzt besonders entscheidend: „In Zeiten wie diesen psychisch belastet zu sein, ist keine Schwäche – im Gegenteil! Es ist ganz normal, während einer Pandemie nicht immer gut gelaunt, positiv und produktiv zu sein.“ Deshalb: Seid nicht zu streng mit euch selbst. Bessere Zeiten werden kommen!

Michaela Neubauer hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und arbeitet hauptberuflich als Redakteurin.

 

Privilegiendiskurs

  • 18.03.2021, 17:01

Privilegiendiskurs

Im öffentlichen Diskurs über Diskriminierung hat sich in letzter Zeit der Schwerpunkt von Diskriminierung auf deren Gegenstück, nämlich sogenannte „Privilegien“ verlagert, zum Beispiel in Form von Listen „männlicher Privilegien“, „weißer Privilegien“ oder vergleichbarer „Privilegien“ anderer Identitätskategorien. Auch wenn derartige Konzepte eine längere Vorgeschichte haben, geht der jetzige Diskurs vor allem auf den 1988 verfassten Text „White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack“ von Peggy McIntosh zurück, in dem eine Liste von „Privilegien“ angegeben ist, die von Weißen üblicherweise als selbstverständlich erachtet werden.

Es besteht die Frage, wie sinnvoll hierfür der Begriff „Privilegien“ ist, welcher üblicherweise verwendet wird, um eine Ausnahme vom Normalfall zu beschreiben, was auch von der Definition im Duden als „einem Einzelnen, einer Gruppe vorbehaltenes Recht, Sonderrecht; Sonderregelung“ angedeutet wird. Wenn eine Personengruppe ungefähr die Hälfte oder sogar eine Mehrheit der Gesellschaft ausmacht, ist es deswegen fraglich, inwiefern das dann nicht eher den Normalfall als eine Ausnahme vom Normalfall darstellt.

Unabhängig davon, ob der Begriff jetzt gut gewählt ist oder nicht, soll im Folgenden der Inhalt genauer betrachtet werden. Neben Fragen der Repräsentation bestehen diese „Privilegien“ nämlich vor allem einfach darin, nicht auf Grund einer bestimmten Identitätskategorie diskriminiert zu werden. Dies stellt auch Peggy McIntosh fest, wenn sie schreibt, dass manche dieser „Privilegien“ nicht unbedingt schädlich sind, sondern die Norm in einer gerechten Gesellschaft darstellen sollten. Wenn man will, dass Menschen nicht auf Grund irgendwelcher Identitätskategorien benachteiligt werden, scheint es aber widersinnig, sich auf die Abwesenheit derartiger Benachteiligung zu konzentrieren. Das Problem liegt ja dann vor, wenn gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen wurde und nicht, wenn das Diskriminierungsverbot eingehalten wurde.

Auch wenn Diskriminierung in den einschlägigen Texten als ein strukturelles statt nur individuelles Problem angesehen wird, wird aber gleichzeitig die Lösung dieses Problems individualisiert. Die Reflexion eigener Privilegien mag vielleicht nützlich sein, um ein Problembewusstsein zu schaffen, aber dies wird wenig helfen, wenn man das Problem vor allem darin sieht, dass andere Menschen nicht ebenso ihre Privilegien reflektieren. Während bei Peggy McIntosh hier noch ein Bewusstsein für die mangelnde Effektivität eines individualistischen Lösungsansatzes vorhanden ist, wird ein derartiger Ansatz in neueren Texten teilweise offen propagiert, wie das folgende Zitat von Robin DiAngelo zeigt: „Since all individuals who live within a racist system are enmeshed in its relations, this means that all are responsible for either perpetuating or transforming that system.“

Im Gegensatz zu strukturellen Lösungsansätzen lassen sich solche individualistischen Ansätze auch gut vermarkten, wie die mittlerweile nur mehr schwer überschaubare Industrie sogenannter Diversitätstrainings zeigt. Inwiefern die dort angeleitete Reflexion tatsächlich dazu beiträgt, diskriminierendes Verhalten zu beseitigen, ist dabei unerheblich. Der tatsächliche Abbau von Diskriminierung würde vielleicht sogar einen wirtschaftlichen Schaden bedeuten, wenn ausbleibende gesellschaftliche Veränderungen darauf zurückgeführt werden, dass anscheinend noch nicht genügend Selbstreflexion betrieben wurde – wofür man dann die Lösung in Form von noch mehr Diversitätstrainings im Angebot hat.

Unabhängig von derartigen Entwicklungen konzentriert sich aber auch schon der ursprüngliche Text vor allem auf das Verhalten von Individuen. Es stimmt zwar, dass gewisse Identitätskategorien einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz am Wohnungs- oder Arbeitsmarkt darstellen, aber andererseits ist es irritierend, welche Art von Konkurrenz hier aufgebaut wird. Statt zu fragen, warum diese Konkurrenz überhaupt besteht, wird das Problem auf gewisse Personengruppen innerhalb dieser Konkurrenz verlagert. In der Praxis ist dies vor allem dazu geeignet, eine Entsolidarisierung der Gesellschaft zu fördern, wenn sich zum Beispiel die „privilegierten“ und diskriminierten Wohnungssuchenden als entgegengesetzte Interessensgruppen betrachten statt als gemeinsame Interessensgruppe gegenüber dem Wohnungsmarkt. Auch für die Situation von diskriminierten Minderheiten wird es wenig förderlich dabei sein, gesellschaftliche Mehrheiten auf die eigene Seite zu bringen, wenn diese vor allem als Teil des Problems angesehen werden. Minderheiten mögen zwar überproportional von gewissen Problemen betroffen sein, aber immun sind gesellschaftliche Mehrheiten deswegen nicht: So mag eine „weiße“ Hautfarbe in den USA vor rassistisch motivierten Polizeiübergriffen schützen, aber vor Polizeiübergriffen im Allgemeinen schützt sie nur bedingt, wie das Extrembeispiel von Hannah Fizer zeigt, die im Juni 2020 von der Polizei erschossen wurde, obwohl sie selbst unbewaffnet war.

Wohin der Diskurs über „Privilegien“ in der Praxis führen kann, zeigt auch die kürzliche Debatte um die Rücknahme der „Hacklerregelung“, von der ÖVP-Vizeklubchefin Gaby Schwarz als „Männerpension“ und „ungerechtes System“ bezeichnet, da in der Praxis ausschließlich männliche Schwerarbeiter von dieser Regelung profitieren: Nicht nur eignet sich der Fokus auf „Privilegien“ bestens dazu, den Abbau von Sozialleistungen zu begründen – er ermöglicht es darüber hinaus sogar, den Abbau von Sozialleistungen als emanzipatorischen Akt darzustellen.

 

Corona-Härtefallfonds

  • 18.03.2021, 16:23

Corona-Härtefonds

Seit 13. März 2020 steht unser aller Leben Kopf. An diesem Freitag wurde der erste Lockdown aufgrund des neuartigen, hoch ansteckenden Virus SARS-CoV-2 verkündet. Spätestens an diesem Tag stand fest, dass das Virus und die zur Eindämmung angeordneten Maßnahmen gravierende Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen würden. 

Die Corona-Krise und ihre psychischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen treffen die gesamte Bevölkerung. Doch knapp ein Jahr nach der Verkündung des ersten Lockdowns steht fest, dass Menschen unter 30 Jahren besonders hart von den Auswirkungen der Krise betroffen sind. Unter ihnen spüren vor allem Studierende die Folgen nahezu tagtäglich: Distance Learning, Ausgangsbeschränkungen und daraus resultierende Einsamkeit, weil man weder Studienkolleginnen und -kollegen, Freund_innen oder Familie treffen kann, sind nur ein Teil der vielen Einschränkungen, mit denen Studierende zurechtkommen müssen.

Auch wenn seit Beginn der Pandemie in nahezu allen Altersgruppen ein Anstieg der Betroffenen von Ängstlichkeit und Suizidgedanken beobachtet werden kann, treten diese bei jungen Menschen seit April in größerem Maße auf als bei älteren Menschen. Frauen sind hiervon sogar noch stärker betroffen als Männer.

Die wirtschaftlichen Folgen der Krise spürt vor allem die junge Generation. 

Besonders belastend ist nicht nur die Einschränkung sozialer Kontakte, sondern auch Zukunftsängste, denen sich junge Menschen auch ohne globale Pandemie stellen müssen. Jobsuche, Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt und niedrige Einstiegsgehälter haben jungen Menschen schon vor der Corona-Krise das Berufsleben erschwert. Jüngere arbeiten oft in prekären Arbeitsverhältnissen, die leicht gekündigt werden können oder einfach nicht verlängert werden. Die Krise verschärft diese Schlechterstellung. Corona-spezifisch kommt hinzu, dass jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den am stärksten von der Krise getroffenen Branchen überproportional vertreten sind. Vor allem Beschäftigte im Tourismus oder in der Gastronomie, im Handel sowie in der Arbeitskräfteüberlassung haben ihren Job verloren. Auch hier ist es so, dass der Jobverlust mehr Frauen als Männer betrifft.

Es gibt für Österreich bereits Statistiken, die diese neuen Schwankungen am Arbeitsmarkt belegen. Die Arbeitsmarktdaten vom April zeigen, dass die Beschäftigung vor allem bei Jüngeren stark gesunken ist, während sie für die Bevölkerung im Alter von 50+ fast gleich geblieben ist. Zu befürchten ist, dass unsere Generation diese Auswirkungen ihr gesamtes Berufsleben lang spüren wird.

Obwohl bereits viele, auch staatliche, Unterstützungsangebote bestehen, erfüllen oft geringfügig Beschäftigte nicht die Kriterien für deren Gewährung. Hinzu kommt, dass nicht nur Studierende selbst, sondern auch ihr Umfeld von den wirtschaftlichen Folgen betroffen sein können. Sind Lebenspartnerinnen oder -partner, Eltern, Kinder oder andere Nahestehende von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen, wirkt sich dies auch auf die Studierenden aus.

Besonders Studierende mit Kindern, Studierende mit Erkrankungen oder Behinderungen oder eben auch solche, die in der aktuellen Situation den Job verloren haben, mit dem sie ihr Studium finanziert hatten, werden vor große Herausforderungen gestellt.

Soforthilfe durch ÖH-Fonds

Um jenen Studierenden, die durch die Auswirkungen der Corona-Krise in eine finanzielle Notlage geraten sind, finanziell unter die Arme zu greifen, haben bereits im Frühjahr 2020 diverse lokale Hochschulvertretungen Hilfsfonds eingerichtet. Für viele Studierende war diese Hilfe eine dringend notwendige finanzielle Unterstützung. 

Um darüber hinaus ein weiteres Unterstützungsangebot zu schaffen, hat die ÖH Bundesvertretung einen weiteren Corona-Fonds eingerichtet und diesen mit insgesamt 700.000 Euro dotiert. 

Hinter den bisher 1.300 bewilligten Anträgen stehen Schicksale von Studierenden, die durch die Corona-Krise in eine Notlage geraten sind. Die zahlreichen Anträge und unterschiedlichen Lebensumstände zeigen, wie notwendig diese zusätzliche Hilfe in vielen Fällen war. 

Mit den Sommermonaten und der warmen Jahreszeit nahmen auch die Ausgangsbeschränkungen ab, Schanigärten waren geöffnet, Treffen waren wieder erlaubt: Zumindest was die Sozialkontakte betraf, war ein Aufatmen möglich. Eine Verbesserung der finanziellen Situation war jedoch weiterhin nicht absehbar. 

Seit 01.01.2021: Corona-Härtefonds II

Wissenschaftsminister Heinz Faßmann und ÖH-Vorsitzende Sabine Hanger waren sich daher schnell einig: Es muss weitere Hilfen geben! 

Aus diesem Grund wurde im Dezember 2020 gemeinsam der Corona-Härtefonds II ins Leben gerufen. Dieser Fonds ist mit insgesamt 450.000 Euro dotiert und wird zur Hälfte vom Wissenschaftsministerium, zur anderen Hälfte von der ÖH Bundesvertretung finanziert. Eine Förderung kann seit 01.01.2021 beantragt werden.

 

Antragsberechtigt sind Studierende, die unverschuldet in eine Notlage geraten sind. Das ist der Fall, wenn ihre monatlichen Ausgaben die monatlichen Einnahmen übersteigen und das nicht in ihrer Verantwortung liegt. 

Antragstellerinnen und Antragsteller können maximal 800 Euro erhalten, wenn sie die Voraussetzungen für die Förderung, unter anderem den Nachweis eines adäquaten Studienerfolges, erfüllen und noch keine Unterstützung durch den Sozialfonds der ÖH Bundesvertretung oder durch ihre lokale Hochschulvertretung erhalten haben.

Wie kannst du einen Antrag stellen?

Die genauen Details zu den Antragskriterien, Formulare und alle weiteren Infos findest du auf der ÖH-Webseite (www.oeh.ac.at).

 

Kunstkrise Corona

  • 18.03.2021, 16:31

Die Kunst und Corona. Ein Kommentar zu einer toxischen Mischung.

Grenzen fördern die Kreativität. Wer alle Mittel hat, muss nicht um die Ecke denken. Doch was ist, wenn man so begrenzt ist, dass einem nicht nur die Mittel fehlen, sondern auch noch die gewohnten Möglichkeiten, das Publikum zu erreichen. Dies ist die traurige Realität, in der die meisten Kunstschaffenden zurzeit leben. Die Corona-Krise brachte Verödung im ersten Lockdown und bring nun auch noch Verarmung. Klar ist, wer ums Überleben kämpfen muss, hat kaum Zeit, sich auf das kreative Schaffen zu konzentrieren. 

Was macht also das Publikum in der Zwischenzeit? Es belustigt sich an der Konserve. Es gilt, sich vom öden Alltag der Isolation abzulenken. Lieblingsbücher, alte Filme, Konzertaufnahmen und vergangene Kabarettabende. Die Theater stehen leer, die Ausstellungen sind dicht und wer länger in der Menschenmenge rund um eine*n Straßenkünstler*in stehenbleibt, macht sich strafbar. 

Wohin das führt? Herbert Grönemeyer hat keine rosigen Aussichten, wie der Tagesspiegel berichtet: „Ein Land ohne die so unmittelbare Live-Kultur gibt und öffnet den Raum für Verblödung, krude und verrohende Theorien und läuft Gefahr, nach und nach zu entseelen.“ Leider ist es genau diese fehlende Live-Kultur, die viele in den finanziellen Ruin treibt. Große Teile des Umsatzes, die eine Künstlerin oder ein Künstler machen, werden bei Veranstaltungen verdient. Dies trifft leider die kleineren Künstlerinnen und Künstler am schlimmsten, da die erfolgreiche Vermarktung im Internet eine gewisse Bekanntheit voraussetzt. Selbst wenn aber die Vermarktung des Materials doch funktioniert, kann man damit trotzdem keine Hallen mehr füllen, egal ob Nummer 1 in den Charts oder ein Mixtape auf SoundCloud. 

Nun mag es gewisse Künstlerinnen und Künstler geben, die die Mittel finden, sich durch das Internet zu vermarkten. Doch Kunst ist keine Einbahnstraße. Die Improvisationen der Jazzmusiker*innen stehen in direkter Verbindung mit den Reaktionen des Publikums. Diese Resonanz darf sowohl bei einer Kabarettistin nicht fehlen, die so erst sieht, welche Teile ihres Programms funktionieren und welche nicht, als auch beim Schauspieler, der beim Vortragen seines Monologs durch die Spannung im Publikumsraum sein Potenzial ausschöpfen kann. Die Problematik liegt also nicht nur bei der Verarmung der Künstler*innen, sondern auch bei der Schädigung der Kunst selbst, weil sich die Kunstschaffenden nicht im gewohnten Arbeitsraum mit den gewohnten Rahmenbedingungen befinden. 

Hinzu kommt noch, dass vor allem Menschen, die durch die Pandemie psychisch angeschlagen sind, sich kaum in ihrer gewohnten Arbeitsroutine bewegen können. David Lynch sagte einmal in einem Interview, dass es nicht möglich ist, unter solchen Bedingungen kreativ zu sein. Desto mehr man leidet, desto weniger ist man gewillt, etwas Kreatives zu schaffen. Ist man depressiv, kann man sich ja kaum aufraffen, aus dem Bett aufzustehen. Das Gehirn ist so eingenommen, dass es die Künstlerin oder den Künstler vergiftet. Wie viel Arbeit kann man dann noch fertigbringen und wie sehr kann man einen solchen Prozess noch genießen? Mit genug psychischem Stress und genug negativen Gedanken hat man keinen freien Kopf und das steht dem kreativen Prozess beträchtlich im Weg.

Isolation allein ist aber glücklicherweise noch nicht der Tod der Kreativität. Kommt nun also nach der Corona-Krise eine Welle an Corona-Kunst auf uns zu? Laut einem Artikel des Deutschlandfunks nicht wirklich. Darin heißt es, vielen Künstlerinnen und Künstlern falle zu dieser Pandemie nicht wirklich was ein. Es gibt zwar vereinzelt Beispiele, wie der Film Coronation von Ai Weiwei, der sich dem Ausbruch der Pandemie in China durch eine Collage von Handyfilmen aus Krankenhäusern und Städten widmet, oder auch die Rolling Stones, die mit ihrer Single Living in a Ghost Town im April die iTunes Charts anführten, aber irgendwann ist die Nachfrage an Fotos von leeren Straßen und bekannten Figuren aus Gemälden mit Masken auch erschöpft. 

Allerdings gibt es auch Kunstschaffende wie die Band Annenmaykantereit, in deren neuem Album nicht die Pandemie selbst im Vordergrund steht, sondern mehr die Stimmung unserer gegenwärtigen Realität porträtiert wird. In der Produktbeschreibung ihrer neuen Platte merkt die Band an: „Es ist fertig. Unser drittes Album. Es heißt »Zwölf«. Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist. Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss. Wir wünschen uns, dass dieses Album am Stück gehört wird. Die Reihenfolge der Lieder hat für uns Bedeutung, und wer so großzügig ist, sich das Album auch in dieser Reihenfolge anzuhören, hat einen gepolsterten Sitzplatz in der Mehrzweckhalle unserer Herzen. Hoffentlich bis bald. Hoffentlich. […]“

Spannend wird, was auf uns zukommt, wenn die Krise vorbei ist. Nicht nur Kunstschaffende werden wie wild den Markt mit neuem Material überfluten, sondern auch das Publikum wird hungrig auf Neues die Veranstaltungsräume stürmen. Ob hier diejenigen erfolgreicher sind, die mit neuem Material still und heimlich auf das Ende der Krise gewartet haben oder diejenigen, die die neuen Konditionen nutzen, die sich möglicherweise nach der Pandemie auftun, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist nur, dass Veränderung bevorsteht. 

Die Branche ist von der Krise stark gezeichnet und viele stehen am Rande ihrer Existenz. Doch die Kunst selbst wird auch diese schwierige Zeit überstehen. Wie sagte schon Konstantin Wecker? „Kultur ist vielleicht nicht systemrelevant, aber sie ist lebensrelevant.“ Womöglich wird nachher nichts so sein, wie es vorher einmal war, doch das menschliche Bedürfnis nach Kunst bleibt bestehen. Eines schönen Tages wird Corona überstanden sein. Die Raupe der Gegenwart mag hässlich sein, doch der Schmetterling der Zukunft wird schöner werden als wir es zu träumen wagen. 

 

Und die Menschen blieben zu Hause.

  • 18.03.2021, 16:34

Mein Weg von der planlosen Studentin zur Verlegerin mit großer Vision

Mir war während meines Studiums nie so wirklich klar, was ich danach arbeiten wollte. Ich machte mir darüber eigentlich auch ziemlich wenige Gedanken und ließ es stattdessen auf mich zukommen. Die meisten meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen der Geisteswissenschaften hatten, genau wie ich, ein riesiges Fragezeichen über ihren Köpfen, wenn sie an ihre Zukunft dachten. Wir wussten nicht so wirklich, wo in der Gesellschaft später unser Platz sein würde. Das ist die Herausforderung vieler Studiengänge, die einfach aus Interesse studiert werden. Zwar lernt man, komplex zu denken, zu argumentieren, wissenschaftlich zu arbeiten und Texte zu schreiben, aber zumindest gefühlt wartet danach nichts und niemand so wirklich auf eine*n.

Viele junge Menschen nehmen nach dem Studium einen Job an, der irgendwie im Entferntesten etwas mit ihrem Studium zu tun hat, ohne wirklich dafür zu brennen. Nach meinem Abschluss entschied mich, stattdessen der “brotlosen Kunst” nachzugehen, richtete mir mein Leben so sparsam wie möglich ein, schrieb Gedichte und jobbte nebenher. Ich war zufrieden mit einem Leben in finanzieller Unsicherheit, dafür aber in vermeintlicher ultimativer Freiheit und Flexibilität. Dass Geldsorgen wenig mit Freiheit und Flexibilität zu tun haben, musste ich in der darauffolgenden Zeit immer wieder schmerzlich erfahren.

Dann wurde ich schwanger, mein Partner und ich waren überglücklich und ich widmete die nächsten zwei Jahre unserer kleinen Tochter. Als sie ins Kleinkindalter kam und immer selbstständiger wurde, wusste ich plötzlich, was ich beruflich als Nächstes machen wollte. Es war kein zermürbender Prozess, ich schrieb keine Pro- und Contra-Listen, ich dachte nicht über verschiedene Möglichkeiten nach. Ich kann mich auch nicht an den Moment erinnern, an dem mir die Idee kam. Sie war plötzlich einfach da: Ich wollte einen Buchverlag gründen, als erstes einen Lyrikband von mir veröffentlichen und dann nach und nach mein Sortiment erweitern. Es sollte eine „Ideenfabrik“ werden, in der meine eigenen Ideen und die anderer Autor*innen Realität werden konnten. Als ich einer guten Freundin freudig von meinem Vorhaben erzählte, schüttelte sie – zu meinem Erstaunen – missbilligend den Kopf: “Marie, willst du nicht mal was RICHTIGES machen?”. Aber nein, das wollte ich nicht. Zumindest nicht das, was sie darunter verstand.

Als ich dann noch in einer Bücherkiste, die jemand zum Verschenken auf die Straße gestellt hatte, ein Buch über Verlagsgründung fand, schien mein Schicksal besiegelt.

Ich arbeitete also den Ratgeber durch und setzte die Schritte nach und nach um. Wenige Wochen und einen Besuch auf dem Gewerbeamt später, war der Goldblatt Verlag geboren.

Damit begann mein Leben als Verlegerin. Und erst nach und nach merkte ich, was das eigentlich genau bedeutete. Denn mein Ziel war es nicht, einfach aus reiner Freude ein paar Bücher zu veröffentlichen. Ich wollte aus reiner Freude, ein funktionierendes Unternehmen aufbauen.

Mein Weg seit meiner Selbstständigkeit ist pures “learning by doing”. Als die erste Bestellung einer Privatperson aus meinem Onlineshop eintraf, googelte ich erstmal, was eigentlich auf einer Rechnung stehen muss. Als zum ersten Mal eine Buchhandlung bestellte, musste ich zuerst herausfinden, wie viel Rabatt eine Buchhandlung normalerweise vom Verlag bekommt. Ich war nicht panisch, weil ich so vieles nicht wusste, sondern freudig erregt, weil ich so viel in so kurzer Zeit lernte. Auch heute noch, vier Jahre nach meiner Unternehmensgründung, lerne ich wirklich täglich Neues dazu. Die unbegrenzten Möglichkeiten des Internets sind unbezahlbar. Es ist so unglaublich praktisch, dass fast alles online erklärt wird, es gibt Foren und Tutorials. Eine fast grenzenlose Bandbreite an Wissen ist oft nur ein paar Klicks von uns entfernt. Was es braucht, ist unsere Bereitschaft, uns dieses Wissen anzueignen, uns “reinzufuchsen” und es dann anzuwenden. Und wie das so ist, wenn man für ein Thema brennt und sich viel damit beschäftigt: Im Laufe der Zeit lernte ich mehr und mehr Menschen in der Branche kennen, angefangen von Buchhändler*innen bis hin zu anderen Verleger*innen von Independent-Verlagen. Wie bei einem riesigen, wunderschönen Mosaik kam so nach und nach eins zum anderen und die vielen kleinen Teilchen, die anfangs noch recht wirr und zusammenhanglos wirkten, fügten sich immer mehr zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Ich schaute mir verschiedene Online-Kongresse an, trat Mastermind-Gruppen bei, war in Facebook-Gruppen aktiv und begann, meine sozialen Medien aktiver zu gestalten. Und mehr und mehr setzt der sogenannte „Schneeballeffekt“ ein, es erreichten mich immer mehr Bestellungen über meinen Online-Shop und oft bestellten Leute später noch mehr Bücher, um sie zu verschenken. Immer mehr Buchhandlungen kamen auf mich zu, um meine Bücher in ihr Sortiment aufzunehmen. Zeitschriften und Blogs schrieben über meine Neuerscheinungen. Aber der Weg ist steinig, mittlerweile habe ich noch ein zweites Kind, schlafe seit viel zu langer Zeit viel zu wenig und begegne immer wieder neuen Herausforderungen. Glücklicherweise weiß ich, dass diese dazugehören und wichtig sind. Meine Bereitschaft, sie zu meistern, ist immer größer, als die Herausforderungen selber.

Gearbeitet habe ich in den letzten Jahren vor allem abends und nachts, wenn die Kinder schliefen und ich die Weite der Nacht vor mir hatte und mit ihr den Deal einging, mich meinen Träumen ein Stückchen näher zu bringen. Was ich immer wieder festgestellt habe: Wenn die Vision stimmig ist und das gesetzte Ziel groß und aufregend, dann wird plötzlich ein innerer Kompass aktiviert und man muss nur noch durchatmen und sich in Bewegung setzen. Was man dabei braucht, ist Vertrauen. Vor allem in sich selbst. Vieles macht erst rückblickend Sinn. Ob man ein glückliches Leben lebt, hängt nicht von den äußeren Umständen ab, sondern von der inneren Einstellung.

Im März diesen verrückten Jahres 2020 habe ich das Gedicht „And the people stayed home“ auf Facebook entdeckt und war so begeistert davon, dass ich es dort gleich geteilt habe. Es handelt davon, dass wir unsere Erfahrungen im Lockdown dazu nutzen können, uns selbst besser kennenzulernen und uns über unsere Prioritäten klar zu werden. Das hat meine tiefste Überzeugung bestätigt: In jeder Krise steckt auch eine Chance. Dieser Glaube gibt mir die Kraft, auch in schwierigen Zeiten die Ärmel hochzukrempeln und weiterhin Bücher zu veröffentlichen, die eine positive Botschaft für die Menschen bereithalten und ihnen Mut machen. Als ich gesehen habe, dass dieses Gedicht bald als Bilderbuch in einem amerikanischen Verlag erscheint, war ich Feuer und Flamme. Ich hatte sofort die Vision, diese optimistische Botschaft auch im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Glücklicherweise ist es mir gelungen, die Rechte für die deutsche Übersetzung zu bekommen. Im Zuge dessen habe ich auch einen sehr persönlichen und herzlichen Kontakt mit der Autorin, einer pensionierten Lehrerin und Seelsorgerin. Ihr Gedicht ist Anfang des Jahres viral geworden, sie wurde sozusagen über Nacht weltberühmt und hat Millionen Menschen Hoffnung geschenkt. Wirklich eine bewegende Geschichte. Für mich hat dieses Gedicht etwas greifbar gemacht, für das ich bis dahin noch keine Worte hatte. Nämlich, dass wir uns durch die Pandemie an das erinnern können, was uns wirklich wichtig ist. Dass wir alle zusammen mit diesen Erkenntnissen eine bessere Welt gestalten können. Meine Lieblingszeilen des Gedichtes sind diese hier: „Und in Abwesenheit der rücksichtslosen, gefährlichen und herzlosen Lebensweisen der Menschen begann die Erde zu heilen.“  In diesem Satz steckt, dass es noch nicht zu spät ist, unsere Erde zu retten. Der Klimawandel beschäftigt mich sehr und ich hoffe, dass es uns Menschen gelingt, noch rechtzeitig die Notbremse zu ziehen.  Durch die Pandemie werden wir aus unserem Alltagstrott geworfen und zum Innehalten gezwungen. In vielerlei Hinsicht bemerken wir erst jetzt, wie schön unser Leben „vorher“ eigentlich war. Ähnlich wird es uns gehen, je mehr die Natur durch die Umweltzerstörung aus dem Gleichgewicht gerät. Ich wünsche mir, dass der Zusammenhalt der Menschheit durch Corona größer wird und dass wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie fragil, schützenswert und gar nicht selbstverständlich das Leben auf der Erde eigentlich ist.

Im August haben mein Partner und ich uns mit Corona infiziert. Wir waren wochenlang sehr geschwächt und mit unseren beiden kleinen Kindern in Quarantäne. Hinzu kam ein großer Arbeitsdruck für mich, denn ausgerechnet in dieser Zeit gab es besonders viel zu tun, weil wir an der deutschen Ausgabe von „Und die Menschen blieben zu Hause“ gearbeitet haben. Sich auszuruhen ist so ziemlich das Einzige, was man bei Corona machen kann. Das wird sogar dringend empfohlen. Das war ein wirkliches Dilemma für mich. Aber mein Körper hat mich sozusagen dazu gezwungen, mir Auszeiten zu nehmen. Zum Beispiel habe ich seit meiner Erkrankung alle meine Abendtermine auf tagsüber gelegt, um genug Schlaf zu bekommen. Vorher hatte ich an drei Tagen der Woche meinen letzten Termin um 22.00Uhr. Damals dachte ich, dass das nicht anders geht. Aber siehe da: Irgendwie habe ich trotzdem alles unter einen Hut bekommen und das Buch ist rechtzeitig in den Druck gegangen. Das Gedicht stand in dieser Zeit für mich auf dem Prüfstand, aber letzten Endes war es ein großer Hit. Denn schließlich geht es darum, schwierige Situationen anzunehmen und dann das Beste daraus zu machen. Das habe ich mit Hilfe des Buches nochmal verinnerlicht. Ist das naiv oder weltfremd? Ich glaube nicht. Denn was sind die Alternativen dazu? Resignation und Trostlosigkeit. Beides bringt uns keinen Schritt weiter. Ich glaube, was die Welt gerade am dringendsten braucht, sind genügend sture Optimist*innen, die beherzt handeln und andere dadurch inspirieren, das Gleiche zu tun. Meine Neuerscheinung „Und die Menschen blieben zu Hause“ steht ihnen dabei zur Seite. Das Gedicht, in Kombination mit den kraftvollen Illustrationen, gibt Erwachsenen und Kindern Halt in dieser herausfordernden Zeit. Denn es gibt nichts, was mehr beruhigt und bestärkt, als hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Ich habe noch so viel vor und freue mich unglaublich auf alles, was da noch kommen wird. Ich finde es extrem wichtig, groß zu denken und alles für möglich zu halten. Sich nicht selbst mit den eigenen Gedanken zu limitieren. Eine Vision zu haben, die sich so verdammt gut anfühlt, dass man alles daransetzt, sie zu realisieren - auch, wenn man währenddessen keine Ahnung hat, wie das klappen kann. Meine Mission umfasst auch, mich persönlich weiterzuentwickeln und mehr und mehr zur besten Version meiner Selbst zu werden. Ich will mit dem Goldblatt Verlag viele Menschen erreichen und ihnen wertvolle Impulse mit auf ihren Weg geben. Erfolg ist für mich nicht das Ende vom Weg, sondern ein bestimmtes Mindset, während man den Weg geht. Ich glaube generell ist es sehr wichtig zu wissen, wo man hin will. Man kann sich konkrete Ziele setzen und trotzdem total im Moment leben. Das schließt sich nicht aus – im Gegenteil. Um das eigene grenzenlose Potenzial zu entfalten, braucht man einen klaren Fokus. Wenn man die eigene Passion konsequent verfolgt, mit Misserfolgen rechnet und aus ihnen lernt, unerschütterlich an sich selbst glaubt und dabei auch mal über sich selber lachen kann – dann fühlt sich plötzlich sehr vieles sehr richtig an.

Marie Franz

Land der Äcker?

  • 18.03.2021, 16:41

„Land der Äcker?“

Bodenversiegelung und Flächenfraß sind nicht nur baukulturelle Sünden. Warum die Folgekosten uns alle etwas angehen. 

Eine Ortseinfahrt in Österreich: Zuerst Lidl, dann ein Obi, Bellaflora, Fressnapf, McDonalds und Shoe4You. Vor den Geschäften unzählige Stellplätze, die auf PKWs der Kund*innen warten. Das ganze selbstverständlich weit außerhalb der Ortskerne, es könnte ja sonst jemand die Sinnhaftigkeit des Autos in Frage stellen. Dies ist hierzulande leider ein allzu gängiges Ortsbild. Österreich gehört bei der Einkaufsfläche pro Kopf zu den Spitzenreitern in Europa. 51% der Handelsflächen werden auf die „grüne Wiese“ gebaut, was dazu führt, dass Bodenversiegelung und Zersiedelung in einem besorgniserregenden Ausmaß voranschreiten. In punkto Versiegelung, also die luft- und wasserdichte Verbauung, Betonierung oder Asphaltierung von natürlich gewachsenem Boden, sind wir Europameister. Laut Umweltbundesamt werden rund 13 Hektar Boden pro Tag in Österreich verbaut. Zudem haben wir eines der dichtesten Schnellstraßennetze des ganzen Kontinents. 

Doch nicht nur Mobilität und unsere Einkaufspräferenzen, auch unsere Wohnbedürfnisse tragen zu diesem massiven Flächenfraß bei: Der Traum vom Haus im Grünen oder vom Nebenwohnsitz am Waldrand. Die Frage ist nur, geht sich das in der Zukunft noch aus? Können wir uns dieses Tempo beim Verbauen der Landschaft weiter leisten? Boden ist eine nicht-erneuerbare Ressource. Es benötigt rund 200 Jahre, bis 1 cm Boden nachwächst. Was wir also heute verbauen, geht für eine längere Zeit verloren. 

Sind Zersiedelung und Flächenfraß also ein österreichischer Fetisch? Schon Thomas Bernhard charakterisierte die Veränderung der Landschaft in seinem Roman „Holzfällen“: „Da wo noch vor 20 Jahren die schönsten Wiesen und Weiden gewesen sind, stehen jetzt dutzende sogenannte Einfamilienhäuser. Eines hässlicher, wie das andere […] Da wo ein Wäldchen war, da wo ein Garten aufblühte im Frühjahr […] wuchern jetzt die Betongeschwüre unserer Zeit, die auf Landschaft, überhaupt auf Natur, keinerlei Rücksicht mehr nimmt und die nur von der politisch motivierten Geldgier beeinflusst ist.“

Ursachen der Zersiedelung in Österreich

Die Anfänge dieser Entwicklung in Österreich liegen im Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum der 1950er und 1960er Jahre. Der Wirtschaftsaufschwung brachte eine erhöhte Nachfrage nach Fläche mit sich. Gleichzeitig verlor die Landwirtschaft immer mehr an Bedeutung. Der Druck auf Grundbesitzer und Gemeinden, mehr Bauland bereitzustellen, wurde größer. Es wurde umgewidmet, was das Zeug hält. Grünland, allen voran landwirtschaftliche Fläche, wurde als Bauland ausgewiesen. Das Wachstumsversprechen war damals so groß, dass mehr Bauland zur Verfügung gestellt wurde, als tatsächlich Nachfrage bestand. 

Doch von Rückwidmung heute keine Rede, aus einem einfachen Grund: Boden erfährt bei einer Umwidmung eine Wertsteigerung. Wird beispielsweise eine landwirtschaftliche Fläche als Bauland gewidmet, so bringt das in der Regel mehr Geld für den*die Eigentümer*in. Diese*r hat auf Wertverlust durch Rückwidmung in Grünland natürlich wenig Lust. Ist der Boden also einmal Bauland, wird er zu einer attraktiven Wertanlage. 

Bildvorschlag: Baugrund zu verkaufen (im Anhang); Copyright: Johann Jaritz, Wikimedia Commons, lizensiert unter CC BY-SA 4.0; Collage: Christina Kirchmair

Betongold

Die Aussicht auf hohe Renditen locken auch Investor*innen an, die oftmals die Flächen nicht bebauen, sondern nur darauf spekulieren, dass der Boden mit der Zeit an Wert gewinnt. Das führt unter anderem zu dem Umstand, dass Flächen in besten Lagen nicht genutzt werden und verfallen, während die Siedlungsentwicklung an den Ortsrändern und in der „grünen Wiese“ weiter voranschreiten muss. Das treibt Bodenpreise in die Höhe und beschleunigt die Zersiedelung. Expert*innen fordern hier gegen Spekulation durch Baulandhortung gesetzlich vorzugehen, beispielsweise mittels Fristsetzung, innerhalb derer das Grundstück bebaut werden muss, andernfalls drohen Sanktionen.

Vor allem seit der Finanzkrise 2008 ist der Lockruf des „Betongolds“ besonders laut. Seit damals wird Grund und Boden verstärkt finanzialisiert und ist als Anlagegut begehrt. Und das zahlt sich aus. In den Jahren 2010-2020 ist der Bodenpreis in Österreich im Durchschnitt um 71,64% gestiegen. Erfreulich zwar für Anleger*innen und Besitzer*innen, doch der Profit einiger weniger kommt der Allgemeinheit teuer zu stehen. Die Mieten steigen hierzulande stärker als die Löhne. In Ballungszentren ist Wohnraum unerschwinglich, ein Viertel der Bevölkerung gibt mehr als 50% des Einkommens für Wohnen aus. Längst sind es nicht mehr die Baupreise, sondern die Baulandpreise, die die Mieten in die Höhe treiben. Unter diesen Gesichtspunkten mutet es paradox an, dass Boden auf dem freien Markt gehandelt wird, obwohl er sich nicht vermehren kann. 

Verbaute Zukunft

Doch steigende Mieten sind nicht der einzige Effekt, den unser verantwortungsloser Umgang mit Boden mit sich bringt. Durch die zunehmende Zersiedelung und das Bauen auf der „grünen Wiese“ steigen die Ausgaben für Infrastruktur. Auch Gebiete am Stadtrand wollen mit Straßen und Kanal erschlossen werden, während gleichzeitig Ortskerne und ganze Dörfer aussterben. Nicht nur volkswirtschaftlich entsteht hier ein Schaden durch die Verbauung, auch die Natur leidet. Boden erfüllt zahlreiche Ökosystemdienstleistungen. Er ist Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten, er ist eine wichtige CO2-Senke, er reinigt Wasser und saugt es auf, was gerade bei Starkregen und Unwettern von Bedeutung ist, wenn man Überschwemmungen entgegenwirken will. Außerdem hat er eine temperaturabsenkende Wirkung und verhindert die Entstehung von Hitzeinseln. Versiegelter und verbauter Boden kann all diese Ökosystemdienstleistungen nicht mehr erfüllen. Gerade unter dem Aspekt der Klimakrise muss Bodenschutz ein zentrales Anliegen der Debatte darstellen. 

Durch den zunehmenden Flächenfraß und -verbrauch, vor allem von landwirtschaftlichen Ackerflächen, sinkt die Ernährungssicherheit. Das in der Corona-Krise oft beschworene Eigenversorgungspotenzial mit Lebensmitteln wird uns in naher Zukunft nur mehr im Rückblick ein Begriff sein. Zersiedelung und überbordende Bodenversiegelung sind also nicht nur baukulturelle Sünden. 

Kontrolle wäre besser

Grundsätzlich wären Raumordnung und Raumplanung dafür zuständig, Flächenfraß und Zersiedelung einzudämmen. Diese sind aber in Österreich Querschnittsmaterien, Kompetenzen und Instrumente sind zwischen Bund, Land und Gemeinden aufgeteilt. So obliegen beispielsweise Entscheidungen über die Flächenwidmung dem Gemeinderat, der oft fachlich nicht genug mit der Materie vertraut ist oder von monetären oder politischen Zwängen abhängig ist, sprich wiedergewählt werden will und so unbequeme Entscheidungen oft umgeht. Die Landesregierung kommt ihrer Pflicht als Aufsichtsorgan oft zu wenig nach. 

Das führt dann zu Entscheidungen, die zwar für Einzelne von Vorteil, für die Allgemeinheit aber von Nachteil sind. So kommt es, dass beispielsweise der Zugang zu Österreichs Seen nahezu vollständig verbaut und privatisiert ist, unberührte Natur oft Seilbahnen weichen muss und leerstehende Luxusimmobilien in Tourismusorten mittlerweile das Ortsbild prägen. 

Boden für alle

„Eine gute Bodenpolitik ist die Voraussetzung für eine gerechte, ökologische und schöne Welt“, so Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien (AzW) im Rahmen der (virtuellen) Eröffnung der Ausstellung „Boden für alle“. Die Ausstellung, die bis 03.05.2021 im AzW zu sehen ist, macht deutlich, wie der sorglose und kapitalgetriebene Umgang mit der Ressource Boden unsere Dörfer und Städte verändert, möchte Zusammenhänge greifbar machen und aufrütteln. Genau recherchierte Zahlen und Daten zu dem Thema werden in der Ausstellung comichaft illustriert und aufbereitet, sodass die trockene Statistik doch etwas greifbarer wird. So wird beispielsweise dargestellt, wie unser Steuersystem Flächenverbrauch begünstigt. Immobilien-relevante Steuern wie die Grundsteuer oder die Bodenwertabgabe sind vergleichsweise niedrig, während Faktoren wie Arbeit hierzulande hoch besteuert werden. Steckt hier Potenzial für ein Umdenken?

Lösungsansätze

Die Ausstellung möchte gleichzeitig Lösungsansätze und Alternativen präsentieren sowie skizzieren, wie eine mutige Bodenpolitik aussehen könnte. So wird das Fallbeispiel des Kantons Basel in der Schweiz als Best-Practice gezeigt. In der Schweiz sieht das Bundesgesetz für Raumordnung vor, dass 50% der Wertsteigerung, die ein Grundstück erfährt, wenn es als Bauland „hochgewidmet“ wird, in einen Fonds fließen. Dieser Fonds ist zweckgewidmet und wird für das Anlegen von Grünflächen, Parks und die Renaturierung von Stadtteilen verwendet, was zur Verbesserung der Lebensqualität der Bewohner*innen beiträgt. In Österreich steht die Wertsteigerung eines Grundstücks allein dem*der Eigentümer*in zu. Die Folgekosten der Verbauung trägt die Allgemeinheit. 

Doch Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll der Allgemeinheit dienen. So steht es zumindest im deutschen Grundgesetz, was den dortigen Gerichten in Bezug auf raumsparende und bodensparende Grundsatzentscheidungen mehr Handlungsspielraum eröffnet. In Österreich ist Bodenschutz in der Raumordnung aufgrund der verfassungsrechtlichen Unverletzbarkeit von Eigentum schon schwieriger durchzusetzen. 

Eine weitere Möglichkeit, bodensparendes Bauen zu fördern, wäre Bodenschutz als Kriterium für Wohnbauförderungen durchzusetzen. Die Gemeinde Zwischenwasser in Vorarlberg wiederrum stoppt die Außenentwicklung auf der grünen Wiese, indem sie Siedlungsgrenzen definiert, über die die Gemeinde nicht hinausbauen bzw. hinauswachsen soll. Bestehende Flächenreserven innerhalb der Gemeinde und Leerstand sollen vorrangig genutzt werden. 

Der Boden im Fokus

Nicht nur die aktuelle Ausstellung im Architekturzentrum zeigt, dass das Bewusstsein über Bodenverbrauch und Flächenversiegelung langsam wächst. Auch der Baukulturgemeindepreis 2021 stellt mit dem Motto „Boden g´scheit nutzen“ die Ressource Boden in den Mittelpunkt. Auch der „Verein Bodenfreiheit“ wird tätig. Der Verein kauft aktiv Grün- und Freiflächen auf, um sie vor der Bebauung zu schützen. 

Der Unmut der Bevölkerung über den Ausverkauf der Heimat zugunsten von Skiliften, Luxusimmobilien oder Einkaufsparks drückt sich auch in Wähler*innenstimmen aus. In Schladming und Haus im Ennstal wurden unabhängige Bürger*innenlisten bei den Gemeinderatswahlen gestärkt und alte Bürgermeister*innen abgewählt. Die Neuen haben nun eine zweijährige Bausperre für ihre Gemeinden verhängt. Das Thema wird heiß diskutiert. Wir alle müssen unsere eigenen Bedürfnisse hinterfragen und sind aufgerufen uns zu beteiligen, um für eine neue Politik zu sorgen. Es tut sich also was, im Land der Äcker. 

Sebastian Hafner studiert Raumforschung und Umwelt-Bioressourcenmanagement in Wien

Menschenunwürdig ist es, wie internierte Migrant_innen die Pandemie durchleben müssen

  • 25.06.2020, 17:14

Auf der Straße ist die Ansteckungsgefahr zehn Prozent, zu Hause ist die Gefahr zu verhungern hundert Prozent“, sagt Helena Maleno Garzón, spanische Migrationsforscherin und Flüchtlingshelferin von Caminando Fronteras/Walking Borders mit Sitz in Tanger (Marokko).

Maleno Garzón berichtet im Gespräch über die Situation der Migrant_innen in Marokko, Algerien und den spanischen Auffang- und Abschiebelagern in den Nordafrika-Enklaven Ceuta und Melilla, „wo die Zustände, unter denen sie leben, schlichtweg ungesund und menschenunwürdig sind.“ Wie mehrere hundert NGOs und migrantische Kollektive fordert auch sie eine Legalisierung aller ohne regulären Aufenthaltsstatus in Spanien lebenden Menschen.

progress: Die Flüchtlingslager in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla sind restlos überbelegt, in Melilla leben über 1600 Menschen im für 800 ausgelegten Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes, kurz CETI. Amnesty International und auch der spanische Volksanwalt übten bereits vor der COVID-19-Pandemie massive Kritik an den Zuständen ...

Maleno Garzón: Was sich in den CETI von Ceuta und Melilla zeigt ist, dass in einer Pandemie die vulnerabelsten sozialen Gruppen schier Unglaubliches ertragen müssen. Die Lager sind überbelegt, wenn es regnet, füllen sich Zimmer mit dem Abwasser voller Fäkalien. Es zeigt weiter, dass nicht alle Gruppen der Gesellschaft die Krise unter denselben Konditionen durchleben. Die Menschen, die in den CETI leben, werden ohnehin ihrer sozialen und universellen Rechte beraubt, mit der Ausgangssperre und dem Alarmzustand werden ihre Menschenrechte weiter verletzt. Dabei geht es nicht nur um die Bewegungsfreiheit, die wir alle in gewissem Maße einbüßen. Die Migrant_innen in den CETI verlieren ihr Recht auf Gesundheit, denn die Zustände, in denen sie leben, sind schlichtweg ungesund. Menschenunwürdig ist es, wie internierte Migrant_innen die Pandemie durchleben müssen.

progress: Seit August 2019 sitzen im CETI Melilla auch knapp 700 Tunesier_innen fest, darunter über 50 Frauen und 20 Kinder. Ihnen droht nach wie vor die Abschiebung, über die Spanien mit Tunesien aktuell verhandelt.

Maleno Garzón: Zusätzlich zu all dem, was die Virus-Pandemie für die Psyche bedeutet, und der Situation im Lager, drängt sich eine permanente Angst auf, abgeschoben zu werden. Der Innenminister Fernando Grande-Marlaska (Anm. vom sozialdemokratischen PSOE) verkündete inmitten der Pandemie, rund 600 bis 700 Tunesier_innen abschieben zu wollen, obwohl keine Flüge (Anm. einige wenige FRONTEX-Deportationsflüge finden aus EU-Staaten statt) stattfinden und keine Fährverbindungen existieren und die Grenzen allesamt geschlossen sind. Zugleich ermutigt Grande-Marlaska die spanische Gesellschaft zu Solidarität und Durchhaltevermögen. Das ist eine enorme Verantwortungslosigkeit, die einen immensen Schaden anrichtet und Leid verursacht. 

progress: Wiederholt begaben sich Internierte in den Hungerstreik, so auch vor kurzem wieder.

Maleno Garzón: In Melilla haben Internierte Ende April einen Hungerstreik begonnen, sieben von ihnen haben sich bisher auch die eigenen Lippen zugenäht. Wenn sie nun mit ihrem durch die Nahrungsverweigerung geschwächten Immunsystem mit dem Coronavirus angesteckt werden, kann man sich die Auswirkungen der Infektion nur zu gut vorstellen. Es ist eine schreckliche Situation. In Europa und in den spanischen Nordafrikaenklaven werden Menschen entrechtet, nur weil sie eben in so genannter ‚irregulärer Situation‘ leben. Dazu zählen auch die Migrant_innen, die unser Gemüse bei Almería in Südspanien ernten und in notdürftigen Behausungen leben, damit wir auch in der Quarantäne frische Ware bekommen. Wir Europäer_innen sind Privilegierte in der Pandemie-Krise, das sollte uns klar sein.

progress: Spaniens Innenministerium hat mittlerweile die am Festland in den CIE-Lagern (Centro de Internamiento de Extranjeros) untergebrachten Migrant_innen entlassen. Für die CETI zeichnet sich jedoch noch keine Lösung ab ...

Maleno Garzón: Was die Situation in den restlos überfüllten CETI-Abschiebelagern in Ceuta und Melilla betrifft, muss Grande-Marlaska eine Lösung finden. Und die muss eine menschenwürdige, weitaus bessere Unterbringung beinhalten. Sprich, er muss die Internierten in ganz Spanien, und damit meine ich das Festland, verteilen. Dabei darf man nicht vergessen, dass der Fährverkehr nach Ceuta noch eingestellt ist, was die Bewegungsfreiheit in der Enklave zusätzlich limitiert. Die Unterbringung kann in Wohnungen sein oder in den ohnehin leerstehenden Hotels, wie es etwa in Almería gelöst wurde. Hier haben Hoteliers dem Roten Kreuz ihre Zimmer zur Verfügung gestellt, sodass Migrant_innen, die in Lagern und Heimen untergebracht waren, wo es COVID-19-Fälle gab, nach negativen Tests dort Unterkunft fanden. Solidarität ist gefragt. Wenn Grande-Marlaska die CETI schließen lässt, braucht es auch Einsatz und eine Anstrengung im Sinne der Menschlichkeit. 

progress: Migrantische Kollektive, NGOs im Flüchtlings- und Menschenrechts-Aktivismus fordern eine Legalisierung aller, die ohne regulären Aufenthaltsstatus in Spanien leben. Doch die Politik sträubt sich bisher, dies umzusetzen.

Maleno Garzón: Eine Regulierung des Aufenthaltsstatus von Migrant_innen in Spanien, wie es etwa Italien nun umsetzt, oder auch Portugal (Anm. für all jene in laufenden Regulierungsverfahren), und wie es alle NGOs und Organisationen in der Geflüchteten- und Migrant_innenhilfe mit der Kampagne „Regularización ya!“ (Anm. span. „Legalisierung sofort!“) fordern, ist hier noch fern. Das Angebot der Regierung lehnen wir geschlossen ab, da es rein utilitaristisch ist: Es geht einzig und alleine um Arbeitskraft und betrifft primär Erntehelfer_innen, Kranken- und Altenpfleger_innen. Die Regierung wollte nur eine bestimmte Zahl an Migrant_innen legalisieren, und nur für die Dauer des Alarmzustands. Mit Regularización ya! wird eine generelle Legalisierung aller gefordert, dazu gehören auch Opfer des Menschenhandels, all jene, die für unfreiwillige Prostitution in Spanien missbraucht werden. Für diese Personen ist eine Legalisierung ihres Aufenthalts essentiell, um aus den kriminellen Netzwerken herauszukommen und ihrer Ausbeutung ein Ende zu setzen. Viele migrantische Prostituierte wurden von Bordellbesitzer_innen und Zuhälter_innen mit der Ausgangssperre einfach auf die Straße gesetzt, und stehen ohne sozialen Rückhalt vor dem Nichts. Sie sind unsichtbare Gefangene. Der Staat sieht sie nicht und der Kapitalismus, der sie ausbeutet, auch nicht.

progress: Wie ist die Lage für all jene Migrant_innen und Geflüchteten, die von der Pandemie auf dem Weg nach Europa überrascht wurden und nun festsitzen, etwa in Marokko?

Maleno Garzón: Migrant_innen und Geflüchtete, die auf dem Weg nach Europa waren, als die Pandemie ausbrach, sind weitere Opfer der aktuellen Krise. Es gab in Algerien und in Marokko Razzien der Polizei und des Militärs und es wurden Massendeportationen durchgeführt. Bei Nador an der algerisch-marokkanischen Grenze gab es Abschiebungen in beide Richtungen, obwohl die Grenze seit 1994 geschlossen ist. Weiter im Süden, bei El Aioún (Anm. Hauptstadt der von Marokko völkerrechtswidrig besetzten Westsahara) wurden hunderte Migrant_innen aus Subsahara-Afrika in ein gefängnisgleiches Lager gebracht. Es gab Meutereien und Zusammenstöße mit der Polizei. In Marokko, wo die Migrant_innen ohnehin auf engstem Raum zusammenleben, sei es in Camps oder Wohnungen, braucht man ein Dokument des Innenministeriums, um das Haus verlassen zu dürfen, sei es nur, um einkaufen zu gehen. Wer offiziell gar nicht existiert, keine Identität hat, die der Staat bestätigt, kann nicht auf die Straße. Migrant_innen leben dabei meist von Tag zu Tag und Gelegenheitsjobs, die nun mit der Ausgangssperre wegfallen. Sogar das Betteln um Almosen in der Öffentlichkeit ist aktuell unmöglich. Sie leben am Limit, sie können ihre Familien und Kinder nicht ernähren. Die tagtägliche Entscheidung fällt zwischen Hungern oder einer Verhaftung und eine COVID-19-Infektion riskieren. Wo dazu kommt, dass undokumentierte Personen kein Recht auf Gesundheitsversorgung haben. Auf der Straße ist die Ansteckungsgefahr zehn Prozent, die Gefahr, zu Hause zu verhungern, ist hundert Prozent. Der Mensch muss nun mal essen. Hier helfen NGOs, es wird auch seitens des Staates und der Departements Essen verteilt, aber um das zu bekommen, braucht man offiziell auch einen Pass und einen Wohnsitz. Wo es viel Solidarität gibt, das ist mehr unter dem Kollektiv der Migrant_innen an sich. Die Menschen, die in Slums leben, die Straßenhändler_innen, haben sich schon lange organisiert, um einander in schweren Zeiten beizustehen. Das ist der einzige Rückhalt in Zeiten politisch-polizeilicher Verfolgung oder eben der Pandemie. 

progress: Stechen nach wie vor Flüchtlingsboote in See, um nach Europa zu gelangen?

Maleno Garzón: Auch aktuell setzen Flüchtlingsboote aus Marokko und vor allem aus Algerien nach Spanien über. 116 Menschen kamen am ersten Maiwochenende an der spanischen Küste, der Küste Andalusiens, an. Sie starten von Oran aus. Im Atlantik starten Flüchtlingsboote von der Westsahara und Mauretanien in Richtung der Kanarischen Inseln, diese Route ist nun nach fast eine Dekade wieder stark frequentiert und eine der gefährlichsten überhaupt. Grund dafür ist das Abschotten der Mittelmeerrouten zwischen der Türkei und Griechenland, aber auch der Routen von Libyen und Tunesien nach Italien.

(Interview: Jan Marot, Granada)

Zur Person:
Helena Maleno Garzón (* 1970, in El Ejido, Almería, Spaien) ist Menschenrechts- und Flüchtlingsaktivistin, Migrationsforscherin und Frauenrechtlerin bei Caminando Fronteras/Walking Borders im marokkanischen Tanger. Maleno Garzón wurde 2005 mit Migrant_innen in der südmarokkanisch-algerischen Sahara ihrem Schicksal überlassen, und überlebte nur knapp die Deportation. 2015 entging sie in Tanger nur knapp einem Mordversuch, weil sie Migrantinnen vor einem rassistischen Mob schützte. 2017-19 wurde ihr u.a. wegen Menschenhandels in Marokko der Prozess gemacht, weil sie auf Flüchtlingsboote in Not die Küstenwache des Maghreb-Königreichs und Spaniens verständigte. Malenos Einsatz für Migrant_innen wurde mit zahlreichen Menschenrechtspreisen gewürdigt. Am 19. Mai 2020 erscheint ihr autobiografisches Buch „Mujer de Frontera“ (Ediciones Peninsula, vorerst nur auf Spanisch).

Webtipps:
Helena Maleno Garzón auf Twitter: @HelenaMaleno
https://caminandofronteras.wordpress.com/

Auf engem Raum: Geflüchtete und Corona

  • 25.06.2020, 17:19

Abstandsregeln und Massenunterkünfte, wie soll das gehen? Ein Geflüchteter erzählt von seinen Erfahrungen zu Corona und Quarantäne.

In zwei Wochen hat Karim (Name auf Wunsch geändert) Deutschprüfung. Im Mai hat er ein neues Wort gelernt: Quarantäne. Es ist einprägsam, weil er die Bedeutung am eigenen Leib erfahren hat. Karim gehört zu jenen rund 300 Geflüchteten, die im Mai in der Messe Wien in Quarantäne untergebracht wurden. Zuvor waren in der Flüchtlingsunterkunft „Haus Erdberg“, wo Karim lebt, 15 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Spätere Screenings kamen auf 39 Infizierte, darunter auch Betreuer_innen der Einrichtung.

Karim erinnert sich an die Polizeisirenen, unter denen ihm sein negatives Testergebnis mitgeteilt wurde. „Uns wurde gesagt, dass niemand mehr das Asylheim verlassen darf und wir unsere Sachen packen müssen, um in die Messe Wien evakuiert zu werden“, erzählt er. Unter den Bewohner_innen habe sich Nervosität breit gemacht, viele unter ihnen hätten nicht verstanden, was mit ihnen passiere. Erst Dolmetscher_innen hätten aushelfen können: Wegen der Ansteckungsgefahr und dem Infektionsrisiko wurde allen Bewohner_innen des Asylheims Erdberg eine zweiwöchige Quarantäne verordnet. Wie isoliert man sich jedoch, wenn man mit 400 Menschen zusammenwohnt? Weil im Asylheim nicht die notwendigen Hygienestandards und Abstandsmaßnahmen eingehalten werden konnten, wurde eine Evakuierung der Bewohner_innen beschlossen. Karim schüttelt nachdenklich den Kopf: „Im Asylheim hätte ich mich besser isolieren können. Dort habe ich ein eigenes Zimmer“, erklärt er. Küche und Bad teilt er sich jedoch mit anderen.

In der Messe Wien habe man stattdessen auf engstem Raum zusammengelebt, bei der Essensausgabe sei Gedrängel unvermeidlich gewesen. Karim erzählt von seinem kleinen Zimmer, das er sich dort mit einem anderen Asylwerber geteilt hat: Weil der Raum nach vorne hin offen und für jede_n betretbar gewesen sei, hätten Karim und sein Zimmergenosse eigenhändig Bettlaken aufgehängt, um somit ein Minimum an Privatsphäre zu schaffen.

Besonders anfangs habe es viele Probleme in der Messe Wien gegeben, so Karim. Die wenigen Einblicke, die während der Quarantäne an die Öffentlichkeit gekommen sind, bestätigen das: So war in den Medien die Rede von verschimmeltem Brot, Fluchtversuchen und Schweinefleisch, das den muslimischen Betroffenen aufgetischt wurde. „Einen ganzen Tag lang haben wir überhaupt nichts gegessen. Neben dem Schweinefleisch gab es auch Huhn oder Rind, aber das Fleisch war nicht halal“, erklärt Karim. Daraufhin habe man gestreikt, auf Plakaten hätten die Geflüchteten ihre Rechte eingefordert. „Danach ist es besser geworden“, erzählt Karim, „aber die ersten fünf Tage waren sehr chaotisch.“

Seit Beginn der Pandemie häufen sich die Flüchtlingsunterkünfte, in denen Corona ausgebrochen ist. Karims Geschichte ist damit eine unter vielen: Allein in Bayern standen nach Auskunft des deutschen Innenministeriums Ende Mai 26 Unterkünfte unter Quarantäne [1]. In Österreich instrumentalisierte die FPÖ den Corona-Ausbruch im „Haus Erdberg“ für ihren rassistischen Diskurs und sprach von einem „Asylantenvirus in der Bundeshauptstadt“. In den Medien werden Asylheime bereits vielerorts als „neue Corona-Hotspots“ bezeichnet.

In Anbetracht von Gemeinschaftsbädern und Mehrbettzimmern ist es jedoch wenig verwunderlich, dass besonders Asylheime so stark betroffen sind. Das Einhalten von Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen fällt dort besonders schwer: Das ist kein schlechter Wille, das ist schlichtweg durch die Infrastruktur und Überfüllung bedingt. Deswegen werden nun Stimmen lauter, die kleinere Unterkünfte oder neue Lösungen zur Unterbringung von Asylwerber_innen fordern, wie beispielsweise leerstehende Hotels. Auch Karim möchte in Zukunft in einer WG leben. Dazu kommen für viele Asylwerber_innen noch sprachliche Barrieren, die den Zugang zu Informationen erschweren. Das zeigt sich auch in Karims Geschichte, in der einige Hausbewohner_innen aus Angst vor einer Abschiebung weglaufen wollten.

Für Karim war die zweiwöchige Quarantäne ein Ausnahmezustand im Ausnahmezustand. Als er nach vierzehn Tagen zurück in sein Zimmer im „Haus Erdberg“ darf, bleibt ein mulmiges Gefühl: Karim hat Angst vor einem zweiten Ausbruch in der Unterkunft – dann würde alles wieder von vorne beginnen, er müsste ein zweites Mal in die Messe Wien übersiedeln. Dort steht das Leben still, die Abschottung verleiht den Menschen ein Gefühl der Ohnmacht. Der Stillstand des öffentlichen Lebens macht Karim jedoch auch anderswo zu schaffen:  Er und viele andere wissen nicht, wie es mit ihrem Asylverfahren weitergeht. Die Deutschkurse, die Karim wöchentlich besucht, finden mittlerweile online statt – allerdings nur mit Unterlagen. Ohne Lehrpersonal fällt Karim das Lernen schwerer als sonst. 

Die Coronakrise verdeutlicht damit auch die soziale Ungleichheit – und verschärft diese gleichzeitig. Wer schon in normalen Zeiten unter prekären Umständen gelebt hat, erlebt in der Pandemie eine Zuspitzung der Verhältnisse. Für Karim hat die Coronakrise verdeutlicht, wie schutzlos seine Wohnsituation ist: Da wäre zum einen das erhöhte Ansteckungsrisiko, wenn 300 Menschen auf gemeinsamer Fläche wohnen und sich dort Bad und Küche teilen. Karim denkt jedoch auch an seine Betreuer_innen zurück, die die zweiwöchige Quarantäne in ihren eigenen vier Wänden ausharren durften, während er unter Polizeisirenen in die Messe Wien evakuiert wurde. Dort wiederum wurden die Ein- und Ausgänge zwei Wochen lang von Securities bewacht.  

Das sind zwei unterschiedliche Lebensrealitäten, die zeigen, wie fremdbestimmt das Wohnen von Asylsuchenden ist. Für die Zukunft wünscht Karim sich deswegen, in einer WG zu leben – wo er sich nach eigenem Willen einbringen und zurückziehen kann, wie er möchte. 

 

Elisa Leclerc studiert Vergleichende Literaturwissenschaft und Internationale Entwicklung an der Universität Wien.  

 

[1] Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-fluechtlinge-massenunterkuenfte-1.4912742

Who Cares - Fürsorgearbeit in der Coronakrise

  • 01.06.2020, 11:41
Um 18 Uhr ertönt ein Klatschen in Österreichs Straßen. Es gilt der Arbeit systemrelevanter Berufsgruppen, in denen Frauen* den größten Anteil stellen.

Rund 88 Prozent sind es in Betreuungsberufen und 81 Prozent im Gesundheitswesen. Diese Arbeit der Sorge-um-Andere hält die Gesellschaft am Laufen, und wird unter dem Begriff „Fürsorge-Arbeit“ – care work – zusammengefasst. Der Applaus unterbricht die systematische Unsichtbarkeit von Fürsorgearbeit in öffentlichen Diskursen. Bedeutet diese neue Sichtbarmachung von Fürsorgearbeit auch, dass an den gesellschaftlichen Verhältnissen gerüttelt wird? Aktivist*innen betonen, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht genug ist und fordern Gehaltserhöhungen für die Arbeiter*innen in systemrelevanten Berufen.

Care-Notstand ist nichts Neues

Der Pflegenotstand der aktuellen Gesundheitskrise ist kein neues Phänomen. Seit Jahrzenten führen Unterfinanzierung und Kostenrationalisierung im Gesundheitssystem zu Qualitätsverlusten und Missständen in der Krankenpflege. Wohlfahrtsstaatlicher Sozialabbau, die zunehmende Lebenserwartung der Bevölkerungen westlicher Industrienationen führt zu gesteigertem Bedarf an Fürsorgearbeit. In Österreich sind rund 33.000 Pflegebedürftige auf Ganztags-Betreuung angewiesen. Das Pflegesystem ist privatisiert und staatliche Zuschüsse sind unzureichend. Betroffene Familien werde für die Pflege Angehöriger selbst verantwortlich gemacht, sofern stellen betreuende Angehörige den „größten Pflegedienst“ Österreichs. In der gelebten Realität bedeutet das, dass 73 Prozent der häuslichen Pflege von Frauen* übernommen wird. Über die Hälfte der pflegenden Frauen* gehen nebenher keiner Erwerbsarbeit nach und haben trotz der körperlich und psychisch belastenden Pflegearbeit ein Durchschnittsalter von 62 Jahren. Das Prinzip der unregulierten Marktwirtschaft setzt auf Kostenreduktion, weshalb gesellschaftlich notwendige Fürsorge- und Reproduktionsarbeiten in die Sphäre des Privaten abgeschoben oder an migrantische Hilfskräfte delegiert werden. Während aus der Hilfsbedürftigkeit der Menschen Profit geschlagen wird, sind Frauen überproportional von der Sparpolitik im Gesundheitssystem betroffen. In Krisenzeiten verschärfen sich derartige soziale Schieflagen. So hat die Schließung der österreichischen Außengrenzen einen Pflegenotstand hervorgerufen und die Unersetzlichkeit des Pflegepersonals aus den osteuropäischen Nachbarstaaten vor Augen geführt.

Schweigen über die Arbeitsbedingungen der 24-Stunden-Personenbetreuer*innen

Mit einer Luftbrücke wurden im April 2020 die ersten Personenbetreuer*innen aus Rumänien nach Österreich eingeflogen. Bevor sie anfingen zu arbeiten, mussten sie zwei Wochen in unbezahlte Quarantäne. Mittels weiterer Sonderregelungen sollen ab Mai wöchentlich Sonderzüge, 24-Stunden-Betreuerinnen von Rumänien nach Österreich bringen. Für die Kosten der Fahrt müssen sie allerdings selbst aufkommen. Aus Rumänien kommen mehr als die Hälfte der etwa 70.000 24-Stunden-Betreuerinnen, die in Österreich arbeiten. In den medialen Berichterstattungen um Österreichs Pflegenotstand wurde die Situation der 24-Stunden Pfleger*innen selbst nicht thematisiert. Keine Erwähnung fand auch der Streik für gerechtere Arbeitsbedingungen in dem sich rumänische 24-Stunden Betreuer*innen seit mehreren Jahren befinden. Zuletzt haben sie auf einer Kundgebung am Weltfrauentag auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht. Die Interessenvertretung „DREPT pentru îngrijire“ - übersetzt „Gerechtigkeit für Pflege- und Personenbetreuung“ – gegründete sich, als der österreichische Staat vor drei Jahren das Kindergeld für die Kinder migrantischer Arbeiter*innen gestrichen hat. Diese Maßnahme traf die zu 89 Prozent weiblichen Personenbetreuer*innen besonders hart.

Auf Radio Orange berichtet die Aktivistin Flavia Matei „Die Arbeiterinnen kommen für 2 bis 4 Wochen am Stück aus Rumänien und sind dann täglich 24h für die Patient*innen da. Sie machen eine Arbeit, die kaum jemand machen will und sie werden dafür auch extrem schlecht bezahlt. Zwischen 40 und 80 Euro netto am Tag. Das heißt viele von den Personenbetreuerinnen verdienen Netto kaum mehr als 2€ pro Stunde.“ Vermittlungsagenturen werben mit 55 Euro pro Tag für die Rund-um-die-Uhr-Pflege für zwei pflegebedürfte Personen, Geld, für das in Österreich niemand den Knochenjob machen würde. Auch wenn die Betreuer*innen zu den gleichen Patient*innen gehen, ziehen Agenturen ihnen monatlich 400 Euro Provision ab, bei jeder neuen Einreise werden sie gezwungen einen neuen Vertrag zu unterschreiben, der eine Inkasso-Vollmacht beinhält. Im Rahmen der Ausreisebeschränkungen bleibt Personenbetreuer*innen keine Wahl als ununterbrochen weiterzuarbeiten. Der Corona-Bonus von einmalig 500 Euro wurde auch ihnen zugesagt, allerdings wird dieser an die Vermittlungsagenturen oder Familien, und nicht direkt an die 24h-Betreuer*innen, überwiesen.

Das Lohngefälle zwischen Ost- und Westeuropa ist der Treibstoff, der die transnationalen Sorgeketten, die sogenannten care-chains, immerfort antreibt. In Rumänien liegt der monatliche Mindestlohn bei etwa 460 Euro, was nicht im Verhältnis zu den steigenden Lebenshaltungskosten steht. Für die Vermittlungsagenturen ist das 24-Stunden-Pflegepersonal austauschbare Arbeitskraft. Nach der Öffnung der EU-Grenzen in Folge der Osterweiterungen 2004 und 2007 haben Vermittlungsagenturen eine formelle Gegenstruktur zu bestehenden informellen Anstellungssystemen entwickelt. Das österreichische Pflegesystem steht trotz dem Hauptanteil von pflegenden Angehörigen in starker Abhängigkeit von migrantischen Pflegekräften. Flavia Matei betont, dass diese Abhängigkeit beidseitig ist, denn wie andere Beschäftigte in atypischen Arbeitsverhältnissen haben die Personenbetreuer*innen, unter Vertragsbedingungen, die sie zu Scheinselbstständigen machen, kein Einkommen ohne ausgeführte Arbeit.

Unsichtbare und unbezahlte Fürsorgearbeit

Frauen* arbeiten weltweit mehr als Männer*, zeigt eine aktuelle Studie der Internationalen Arbeitsorganisation. Durchschnittlich arbeiten Frauen* zu 76 Prozent unbezahlt, während bei Männern* unbezahlte Tätigkeiten etwa 36 Prozent ausmachen. Dass der Hauptteil „weiblicher“ Arbeit unentgeltlich ist, führt zu einer erheblichen finanziellen Benachteiligung, der Gefahr in Abhängigkeitsverhältnisse und Altersarmut zu geraten.

Da Mehrfachbelastungen für viele Frauen* Alltag sind, werden ihnen gerne Multitasking Fähigkeiten nachgesagt. Die Bewältigung von Haus- und Sorgearbeit ist ein wesentlicher Bestandteil vergeschlechtlichter Vergesellschaftung, für den als selbstverständlich gilt, dafür keine Bezahlung zu verlangen. Nicht zu Unrecht werden Frauen zynisch als soziale Airbags der Krise bezeichnet.

Gehaltserhöhung als Dankeschön

Diese Pandemie ist in vielerlei Hinsicht eine „weibliche“ Krise. Eine Krise für Personen, die als weiblich gelesen werden und eine Krise des untragbaren Bildes von „weiblicher“ Arbeit. Die gesellschaftliche Entwertung von Fürsorgearbeit drückt sich in ihrer Unterbezahlung aus, ein Kontrast, der angesichts der Lebensnotwendigkeit der Versorgungsleistungen besonders hervorsticht. Trotz der gesellschaftlichen Anerkennung „systemrelevanter“ Arbeit, stellt sich weiterhin die Frage welche Arbeit letztendlich als bezahlungswürdig eingestuft wird. Medienberichte vernachlässigen zumeist die Situation der rumänischen 24-Stunden Personenbetreuer*innen, wie der unbezahlten Mehrarbeit von Erwerbstätigen mit Betreuungspflichten. Gesten der Dankbarkeit und Solidarität zeigen, dass der Bedarf von Grundversorgungsleistungen das Menschsein wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat. Die beschworene Solidarität gilt jedoch nicht für alle gleichermaßen, während der mediale Fokus auf den Bedarf an Pflege eingeht, werden die Arbeitsbedingungen der 24-Stunden Pflege unter den Schutzmaßnahmen ausgeblendet. Die „Coronakrise“ wirft vor allem die Fragen auf, welches Leben zählt? Und welches Leben als schützenswert angesehen wird?

Swantje Höft ist Referentin für feministische Politik auf der ÖH Bundesvertretung und Vorsitzende der Hochschüler_innenschaft an der Akademie der bildenden Künste Wien

Politischer Aktivismus an kurzer Leine

  • 08.06.2020, 17:50
Was machen Aktivist_innen, wenn das öffentliche Leben stillsteht? Vertreter_innen von Attac, Fridays for Future und Seebrücke geben Antworten.

Krisenzeiten sind Regierungszeiten. Wenn Tag ein Tag aus nur ein Thema die Debatte dominiert, hat es die Opposition schwer – von Aktivist_innen ganz zu schweigen. Vor allem zu Corona-Zeiten stellen sie sich die Frage: Wie organisieren, auf sich aufmerksam machen, Öffentlichkeitsarbeit betreiben – wenn Menschenansammlungen untersagt sind und ohnehin kaum jemand zuhört? Andererseits sind Krisenzeiten immer auch Zeiten, in denen Neues entstehen kann.

Der Politikwissenschafter Martin Dolezal forscht an der Universität Salzburg zu politischem Protest. Er erklärt, dass öffentliche Versammlungen, wie etwa Demonstrationen, zwar laut COVID-19-Verordnung erlaubt sind – die Abstandsregelung solche Veranstaltungen aber zusätzlich erschweren. Hinzu kommt, so Dolezal auf progress-Nachfrage, dass es für Aktivist_innen schwieriger geworden ist, mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Falls eine Aktion doch den Weg in die Medien findet, sei der „Tenor der Berichterstattung im Moment aufgrund der breit rezipierten Sichtweise, den öffentlichen Raum nur eingeschränkt zu nutzen, eher negativ“.

Schulstreik ohne Schule. Noch bevor so ein Protest überhaupt stattfindet, will dieser organisiert werden. Und dabei, so schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, fühlen sich viele Aktivist_innen derzeit „wie Schwimmer in einem Becken voller Honig. Jede kleinste Aktion ist mühsam“ [1]. Die Umstellung aufs Homeoffice, erklärt Lisa Mittendrein, Sprecherin von Attac, war eine „große Herausforderung“, sei in ihrem Team in Anbetracht der Umstände aber einigermaßen gut gelungen. Dennoch: „Innerhalb kurzer Zeit arbeitsfähig zu werden, die richtigen Tools zu finden und allen die Mitarbeit zu ermöglichen, war nicht ganz einfach“.

Für das Bündnis Seebrücke sind es insbesondere die Einschränkung demokratischer Grundrechte seitens der Regierung, die die Arbeit erschweren. Durch den de facto-Ausnahmezustand, kritisieren Aktivist_innen der Seebrücke, werde „Aktionismus in der Öffentlichkeit generell kriminalisiert“. Eine Aktion dreier Seebrücke-Aktivist_innen vorm Haus der EU in der Wiener Innenstadt endete für die Beteiligten mit rechtlicher Verfolgung – obwohl der geforderte Sicherheitsabstand eingehalten und Schutzmasken getragen wurden, wie sie auf Nachfrage beteuern.

Wenn die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus jemanden einen Strich durch die Rechnung machten, dann wohl Fridays For Future: Ein Schulstreik in Zeiten, in denen Schulen geschlossen sind, ist keiner. Der für 24. April angedachte globale Klimastreik wurde ins Internet verlegt, aus dem analogen „Earth Strike“ wurde ein digitaler „Netzstreik fürs Klima“. Rund 1.000 Menschen nahmen in Österreich via Livestream teil, informiert Anna Lindorfer, Sprecherin von Fridays For Future Österreich. Ob es unter normalen Umständen wohl mehr geworden wären? Diese Frage will Lindorfer nicht gelten lassen: „Normale Umstände hat es nie gegeben“. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen geändert hätten, dürfe die aktuelle Corona-Situation keine Ausrede sein, „denn die Rahmenbedingungen ändern sich kontinuierlich und die Klimakrise wird uns, wenn wir nichts unternehmen, mehr und stärkere Ausnahmezustände bescheren“.

Digitale und analoge Bubbles.Neben der physischen Präsenz, dem Umstand, dass die Forderungen einer Bewegung in der Öffentlichkeit sichtbar werden, ist es das Gemeinschaftsgefühl, das die DNA von Aktivismus und Protest ausmacht: Gemeinsam singen, musizieren, laut sein; nicht zuletzt das Bier aus der Dose. Online ist das Alles schwer vorstellbar. Den langfristigen Erfolg von Netzaktivismus sieht Politikwissenschafter Dolezal daher kritisch: „Aus Sicht der Partizipationsforschung sind Formen des Online-Aktivismus eher kurzfristig und führen zu keinem stabilen, längerfristigen Engagement, für das auch Gefühle der Gruppenzugehörigkeit entscheidend sind“. Ebenso fehlen die imposanten Bilder, die während einer Demo entstehen und oftmals um die Welt gehen. Onlineaktivist_innen haben es schwerer, die eigene digitale Bubble zu durchbrechen, um auch außerhalb ihres Klientels Aufmerksamkeit zu erregen.

Kann diese außergewöhnliche Situation für zivilgesellschaftliches Engagement dennoch eine Chance sein? Ja, findet Lindorfer von Fridays for Future. Durch die Krise werde vielen erst bewusst, dass das, was lange als „normal“ galt, so „normal“ gar nicht ist. Die Krise, erklärt Lindorfer, lasse viele „über unser instabiles Wirtschaftssystem und die unsichere Zukunft nachdenken“. In letzter Zeit hätten sich daher viele neue Aktivist_innen bei ihrer Organisation gemeldet.

Auch bei der Seebrücke sieht man durchaus Chancen, die diese Krise bieten könnte – wenn auch aus den objektiv falschen Gründen: Durch die desaströse Situation in den Camps der Geflüchteten, wie beispielsweise im griechischen Moria, die sich durch die Corona-Pandemie nur noch verschärft, steige das Bewusstsein dafür, „dass etwas getan werden muss“. Aber man dürfe „die Chancen solch einer Situation auch nicht überbewerten“, warnen die Seebrücke-Aktivist_innen. Den Chancen eines solidarischeren Umgangs miteinander stehen die Gefahren einer Vertiefung rassistischer (Grenz-)Politiken und einer weiteren Prekarisierung vulnerabler Gruppen gegenüber.

Auch innerhalb von Attac sei man „zwischen Risiken und Chancen hin- und hergerissen“, erklärt Mittendrein. Einerseits hegt man die Hoffnung, „neoliberale Dogmen aufzubrechen“, andererseits sei auch die Gefahr einer Vertiefung autoritärer Politik klar erkennbar, oder dass – wie das auch nach der Krise 2008 der Fall war – der Klimaschutz erneut Unternehmensinteressen geopfert wird. „Schwere Krisen sind immer Momente, in denen die Zukunft neu ausverhandelt wird“, findet Mittendrein.

Quellen:

[1] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/aktivismus-in-corona-zeiten-auch-revolutionaere-bleiben-zu-hause-16741672.html

Alles für Alle.

  • 14.06.2020, 22:47
Wie ein kleiner Kostnix-Laden in Wien-Meidling versucht, Antworten auf ganz große Fragen zu geben.

Geldlose Gesellschaft - ein theoretisches Konzept der solidarischen Ökonomie oder: Was seid ihr denn nun?

Gibt es etwas, was in unserer Gesellschaft selbstverständlicher ist als die Existenz des Geldes? Im Kostnix-Laden sind wir der Meinung, dass die Art, wie wir Gesellschaft gestalten wollen, unsere eigene Aufgabe und Chance ist. Wir wollen mit unserem Laden einen Vorschlag bieten, unsere Gesellschaft und Wirtschaft anders zu denken, das gute Leben für alle in den Mittelpunkt zu rücken, sowie eine Möglichkeit aufzeigen, innerhalb ökologischer Grenzen Dinge des täglichen Bedarfs zu erwerben und abzugeben. Und das ganz ohne Geldmittel.

In unseren gesellschaftlichen Strukturen ist tief verankert, dass nur wer über ausreichend Geldmittel verfügt auch vollkommen am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Die geldlose Gesellschaft als Synonym für Umsonst- oder Schenkökonomie versucht, alternative Lösungsansätze zu bieten. Bei den Ökonominnen Habermann und Möller und der Soziologin Peters (https://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Giegold_ua_Solidarische_Oekonomie_komplett.pdf, S. 54–56) wird diese Form des Wirtschaftens als solidarisch bezeichnet, da es sich um ein basisdemokratisch organisiertes, bedürfnisorientiertes und vorsorgendes Wirtschaften handelt.

„Solidarische Ökonomie würde ich beschreiben als Versuch das bestehende Wirtschaftssystem, das wir von oben nicht ändern können, von unten ein bisschen zu beeinflussen“, sagt Mary*, Aktivistin im Kostnix-Laden. Im Kostnix-Laden verlieren die Gegenstände durch die Abgabe ihren Geldwert – und erhalten einen Gebrauchswert: eine „individuelle oder gemeinschaftliche Nützlichkeit eines Gutes“, wie es der Philosoph und Ökonom Adam Smith 1990 beschrieb.

Die gelebte Utopie der geldlosen Gesellschaft – der Kostnix-Laden oder: Wie geht das denn nun?

Der Kostnix-Laden in Wien Meidling ist ein Ort, an dem Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Kleidung, Haushaltsgegenstände, Bücher, Elektrogeräte, Spielzeug, Sportartikel etc. gratis von Menschen, die diese nicht mehr benötigen, zur Verfügung gestellt werden. Die Zielgruppe dabei ist grundsätzlich die gesamte Bevölkerung. Oberflächlich betrachtet ist der Kostnix-Laden also ein Ort, an dem Waren gratis „eingekauft“ und/oder zur Weiterverwendung bereitgestellt werden können. Blickt man genauer hin, erkennt man den Ansatz für eine solidarische, nachhaltige Gesellschaftsentwicklung, der gelegt wird bzw. bereits im Aufgehen begriffen ist. „Ich sehe den Kostnix-Laden in der Zukunft als Teil von einem großen solidarischen Netzwerk aus verschiedensten Initiativen, die sich selbst organisieren und nicht hierarchisch ablaufen. Wo wir gemeinsam selbstbestimmt und selbstorganisiert handeln“, sagt Sandra*, Teammitglied des Kostnix-Ladens.

Ein Kerngedanke des Projekts ist das solidarische, also kooperierende, Wirtschaften innerhalb ökologischer Grenzen in einer zunehmend instabiler werdenden Welt. Anhand der stetig wachsenden Umweltzerstörung und Vermögensungleichheit zeigt sich, dass unser Wirtschaftssystem in seinem momentanen Bestand nicht auf das Wohl aller ausgelegt ist. Zwei Hauptproblematiken des 21. Jahrhunderts wollen wir mit zwei Lösungsansätzen begegnen. Laut Österreichischer Nationalbank verfügt das reichste 1 % der österreichischen Haushalte über rund 40 % des gesamten Nettovermögens, während die ärmeren 50 % der österreichischen Haushalte insgesamt gerade einmal 2,5 % besitzen; es ist daher angebracht, Lösungen zu schaffen.

Der Kostnix-Laden versteht sich als kleiner zivilgesellschaftlicher Beitrag dazu. Geld als notwendiges „Lebensmittel“ kann, wenn ausreichend Menschen das Vorhaben mittragen und die Wohnzimmer und Supermärkte einer (ungleichen) Wohlstandsgesellschaft übervoll sind, umgangen werden. „Ich finde, dass es natürlich für Menschen ist, solidarisch zu sein. Um sich dessen bewusst zu werden, müssen sie in Kontakt mit ihrer verletzlichen Seite sein: Sie müssen erkennen, dass sie nicht alleine unabhängig von anderen Menschen leben können. Die Wirtschaft, die wir kennen, lässt uns das vergessen. Die Angewiesenheit wird negativ konnotiert. Ich denke gerne darüber nach, warum ich andere Menschen brauche – was sie mir geben können, was ich ihnen geben kann. Diese Beziehungen sind die Essenz des Lebens für mich“, sagt Mary*. Einer ungeachtet der Klimakrise voranschreitenden Überproduktion und damit verbundenen Ressourcenverschwendung inklusive Müllproblematik uvm. wollen wir durch die kostenfreie Verteilung von weggelegten Gütern begegnen.

Der Kostnix-Laden ist mehr als ein Laden.

Marius*, Teammitglied im Kostnix-Laden, sagt: „Mir hat eine Freundin vom Kostnix-Laden erzählt. Ich bin reingekommen und hab' mir gedacht: Das ist genau, wie ich es mir vorstelle. Genau, wo ich hin wollte.“ Der Laden versteht sich nicht nur als Ort, an dem man Dinge ohne Erwartung einer Gegenleistung weiter in Umlauf bringen kann. Das Ziel ist es, sowohl für das Konsumverhalten als auch für das soziale Miteinander einen Raum zu öffnen, geprägt von Wertschätzung, Menschen wie Produkten gegenüber. Wir wollen zeigen, dass Kooperation uns weiterbringt, dass Teilen das neue Tauschen, Kooperieren das neue Konkurrieren ist. Dazu wollen wir als Teil einer breiten sozialen Bewegung beitragen. Das wahrlich Schöne am Kostnix-Laden sind letztlich die Menschen, die ihn am Leben halten, Besucher_innen und Unterstützer_innen. Das Konzept funktioniert nur durch ausreichende und ausgewogene Teilhabe bzw. Teilnahme, mit Menschen, die gleichermaßen geben & nehmen. Wir sind stolz auf die bunten Menschen und wechselnden Dinge, die Teil des Ladens sind. Sie gestalten durch ihr reges Kommen und Gehen, wie der Laden läuft.

Es sind die kleinen Projekte, die uns Platz geben, um ein gemeinschaftliches Miteinander zu erproben. Die von der Wissenschaft und den eigenen Eindrücken in vielerlei Hinsicht geforderte Wende ist genau dann realisierbar, wenn wir auch selbst beginnen, eine neue Form des Umgangs – also des Denkens, Redens, Handelns – zu gestalten. Wir versuchen's halt. „Der Kostnix-Laden ist ein Zentrum für alles. Du hast hier Menschen, es gibt von allen Dingen irgendwas und es treffen sich hier immer Leute, die davon überzeugt sind, dass man aufeinander aufpasst. Ich denke mir: So lange ich im Kostnix-Laden bin, kann schon nichts so Schlimmes passieren. Auch wenn der ganze Laden brennt, tun wir uns zusammen und sagen: Gut, was machen wir als Nächstes?“, erzählt Marius*. Und was sagen wir dazu? Am besten: Nix anbrennen lassen, einfach mal vorbei kommen :)

Linkliste:

www.kostnixladen.at

https://dieschenke.wordpress.com

www.geldlos.at

https://www.degrowth.info/de/was-ist-degrowth/

https://web.ecogood.org/de/