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Nutze deine Stimme!

  • 28.04.2021, 08:17

Die ÖH ist die offizielle Vertretung der über 370.000 Studierenden in ganz Österreich. Sie vertritt Studierende und deren Rechte gegenüber Politik, Universität und Gesellschaft. Die Österreichische Hochschüler_innenschaft ist nicht ohne Einfluss und konnte in der Vergangenheit schon viel für Studierende erreichen! Die ÖH ist nämlich Anlaufstelle für persönliche und professionelle Beratung und hat fundiertes Wissen, sowie externe Kontakte, um dir bei allen Anliegen helfen zu können. Wenn die ÖH dies auch weiterhin sein soll und eine starke Stimme für alle Studierenden in Österreich darstellen soll, ist es wichtig, dass viele Personen zur Wahl gehen. Eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zeigt auch, dass die Studierenden an unseren Hochschulen und unser Studium nicht egal sind und wir zweifelsohne auch bereit sind, für eine bessere Hochschullehre und bessere Bedingungen für Studierende und die Gesellschaft zu kämpfen. Wählen zu gehen stärkt nicht zuletzt die Position der ÖH gegenüber den Verantwortlichen; egal welche Fraktion du dabei unterstützt.

Falls dich das noch nicht überzeugt hat, haben wir hier 10 Gründe warum es wichtig ist an der ÖH-Wahl 2021 von 18.-20. Mai zu partizipieren:

1.     Jede Stimme zählt

Du hast also das Gefühl, dass deine Stimme nicht viel bewegen kann? Oft genug war es auch in den vergangenen Jahren bei Wahlen knapp, sei es in Bezug auf eine Regierungsbildung, eine Koalition auf der ÖH Bundesvertretung oder bei der Entscheidung, welche Person zukünftig das Amt als Bundespräsident_in innehaben darf. Das zeigt, wie ausschlaggebend jede einzelne Stimme für den Ausgang der Wahl sein kann. Nur, wenn du wählen gehst, können Meinungen in Form einer Abstimmung etwas bewirken und deine Interessen vertreten werden. Jede abgegebene Stimme ist also relevant!

2.     Wahlen sind ein wichtiges Recht

In vielen Ländern sind demokratische Wahlen ein Privileg, für welches hart gekämpft wurde und immer noch wird. Beispielsweise 1918, als Frauen in Österreich nach jahrzehntelangem Kampf endlich das Recht zu wählen erlangten. Aber auch heute sind demokratische, faire Wahlen in vielen Ländern dieser Welt nicht selbstverständlich, blickt man beispielsweise nach Myanmar, wo bei Protesten gegen den Militärputsch unzählige Demonstrant_innen verhaftet und auch getötet wurden.  Wahlen sind ein wichtiges Recht für jede Bürgerin und jeden Bürger und der Grundbaustein jeder Demokratie. Eine Demokratie erfordert somit auch das Mitwirken aller, sonst geht die Macht und Entscheidung nicht mehr vom Volk aus. Genau aus diesen Gründen ist es so wichtig, dass wir alle dieses hart erkämpfte demokratische Recht auch nutzen sowie zu schätzen wissen und du daher deine Stimme bei der ÖH- Wahl abgibst.

3.     Alle dürfen wählen

Alle Studierenden sind aktiv und passiv wahlberechtigt, wenn sie im Semester, in dem die ÖH-Wahl stattfindet, studieren. Das bedeutet, dass du dich entweder zur Wahl selbst aufstellen lassen kannst oder eben deine Stimme einer Fraktion oder einer Person geben kannst. Du musst dafür nur zur Fortsetzung deines Studiums gemeldet sein und den ÖH-Beitrag, sowie eventuelle Studiengebühren fristgerecht bis 30. März 2021 bezahlt haben, um bei der Wahl zwischen 18. und 20. Mai 2021 stimmberechtigt zu sein.

Im Gegensatz zu einer Nationalrats- oder Bundespräsidentschaftswahl darfst du dich also unabhängig von deiner Staatsbürger*innenschaft, deines Wohnorts oder deines Alters bei der ÖH-Wahl beteiligen und aktiv mitbestimmen. Nutze also unbedingt dieses Recht!

4.     Ohne deine Stimme entscheiden die anderen

Du denkst vielleicht, dass Nichtwählen keinen Einfluss auf das Wahlergebnis hat, aber in Wahrheit stellt sich eine Wahlverweigerung gegen deine Interessen. Gehst du nämlich nicht wählen, entscheiden die Stimmen der anderen, wer dich und deine Studierendeninteressen in Zukunft gegenüber Politik und Universität vertreten wird. Deine Stimme wird also nicht an jene verteilt, die deine Interessen am ehesten umsetzen - somit haben andere einen Vorteil. Weiters fließen nicht abgegebene Wahlzettel nicht ins Abstimmungsergebnis ein und somit geht auch ein möglicherweise ausschlaggebendes Gewicht bei der Vertretung aller und insbesondere auch deiner Anliegen verloren.

5.     Mit einer Nichtwahl sagst du nichts aus

Solltest du mit Nichtwählen Protest ausdrücken wollen, führt das nicht zu dem Effekt, den du dir damit höchstwahrscheinlich erhoffst. Wenn du deine Stimme nicht ab gibst, kann das zwar Vieles bedeuten. Einerseits kann es bedeuten, dass du dich am bestehenden System nicht beteiligen möchtest und du mit keiner der bestehenden Fraktionen zufrieden bist. Andererseits aber auch, dass du anderen Studierenden vertraust, das Richtige zu wählen. Der Haken: Was genau die Hintergründe für dein Nichtwählen sind, wird niemand erfahren, sodass du damit auch nichts konkretes erreichen wirst. Daher ist es so wichtig, zur Wahl zu gehen, wenn du etwas damit erreichen möchtest.

6.     Damit du sichergehen kannst, dass deine Interessen vertreten sind

Die wahlwerbenden Gruppen, die für die Wahl der ÖH Bundesvertretung und die Hochschulvertretungen kandidieren, und die Personen, die für die Studienvertretungen kandidieren, vertreten durchaus unterschiedliche Positionen.  Beispielsweise gehen die Meinungen zu Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren, der ÖH-Pflichtmitgliedschaft und gesellschaftspolitischen Engagement sowie dem Allgemeinpolitischen Mandat weitestgehend auseinander und viele unterschiedliche Meinungen werden repräsentiert. Die einzelnen Fraktionen sind auf unterschiedlichste Weise organisiert und nicht alle sind einer Parlamentspartei nahe. Du hast also durchaus die Möglichkeit, mit deinem Stimmverhalten die Standpunkte der ÖH nach außen wesentlich im Sinne deiner Interessen zu beeinflussen.

 

7.     Wählen gehen ist einfach und dauert nicht lange

Der Prozess des Wählens an sich ist überhaupt keine schwierige Sache und wirklich jede und jeder, der ihn vollziehen möchte, kann ihn auch bewältigen. Natürlich solltest du dir bereits vor dem Wahltermin darüber klar sein, wen du wählen möchtest und aus welchen Gründen. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen sogenannten wahlwerbenden Gruppen oder auch Fraktionen, sowie deren Ziele und Programme musst du selbst betreiben. Jedoch bietet diese Ausgabe genau darüber einen Überblick und soll dir die wichtigsten Informationen zur Unterstützung deiner Entscheidung geben.

Die Kreuze bei der Wahl selbst ist allerdings eine Sache von nur wenigen Minuten. Und du kannst sogar mittels Briefwahl ganz einfach zwei der drei Ebenen, die gewählt werden (also Bundesebene und Hochschulebene) von zuhause aus abstimmen. (Mehr Informationen zur Briefwahl findest du unter: https://wahl2021.oeh.ac.at/briefwahl/wahlkarte-beantragen-und-abgeben/).

8.     Weil du aktiv die Politik der ÖH beeinflussen kannst

Eine demokratische Wahl basiert darauf, dass die Stimmberechtigten ihre Vertreter_innen wählen, die dann in dem Sinne der Wähler_innen handeln können. Nur wenn alle Studierenden die Demokratie aktiv mitgestalten, kann sie wirklich funktionieren. Und nur wenn du deine Stimme abgibst, kannst du etwas dafür tun, dass ein_e Vertreter_in gewählt wird, der dich und insbesondere deine Interessen möglichst adäquat repräsentiert.

Mit deiner Stimme nimmst du Einfluss auf die ÖH, diese in weiterer Folge auf Politik und Universität und somit auf wichtigen Fragen des Alltags für Studierende.

9.     Mit deiner Wahl übernimmst du Verantwortung

Für viele Studierende ist es nicht möglich sich neben dem Studium und der Lohnarbeit noch ehrenamtlich für die eigenen Interessen als Studierende gegenüber der Politik und Universität stark zu machen. Wenn du dich also nicht selbst für bestimmte Themen engagieren kannst oder möchtest, dann kannst du mit deiner Stimme sehr wohl Verantwortung für diese Themen übernehmen und die Leute mit Rückhalt durch eine abgegebene Stimme unterstützen. Tu also etwas dafür, dass diejenigen, die deine Interessen vertreten und in deren Namen für ihre und auch deine Ziele eintreten, gewählt werden.

Die Politik entscheidet heute über viele Themen von morgen, die uns und oftmals noch viele nachfolgende Generationen in Zukunft betreffen werden. Nichtwähler_innen verzichten darauf, Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen und sie mitzugestalten.

10.  Weil auch ungültige Stimmzettel zählen

Falls du dich mit deiner Meinung und Einstellung in keiner der zur Wahl kandidierenden Fraktionen identifizieren kannst und deine Interessen in keinem Wahlprogramm repräsentiert siehst, so ist es noch immer besser einen ungültigen Stimmzettel abgeben, als gar nicht wählen zu gehen. Ungültige Stimmen fließen nämlich sehr wohl in die Wahlbeteiligung hinein und viele ungültige Stimmen würden ein symbolisches Signal setzen. Das Interesse an der Politik der ÖH ist vorhanden, aber die wahlwerbenden Gruppen stehen nicht für die Anliegen und Meinungen der Wähler_innen.

 

Da wir dich nun hoffentlich davon überzeugt haben, wählen zu gehen, wünschen wir dir viel Spaß beim Einlesen in die unterschiedlichen Positionen der verschiedenen Fraktionen und ein hoffentlich weiterhin erfolgreiches Semester!

Du hast die (ÖH) Wahl!

  • 28.04.2021, 08:24

Du hast die (ÖH) Wahl!

 

In knapp einem Monat ist es wieder soweit, ihr könnt demokratisch mitentscheiden wer euch in den kommenden zwei Jahren im Studium und an den Hochschulen vertritt! Von 18.-20. Mai findet, die ÖH Wahl, statt. Dieser Artikel soll dazu dienen, die Struktur eurer Interessensvertretung und das Wahlprozedere zu durchleuchten und zu erklären. Es zeigt sich, demokratische Mitbestimmung ist nicht nur einfach, sondern auch essentiell für ein solidarisches und zukunftssicheres Hochschulsystem.

 

Grundsätzliches: Die Österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (kurz ÖH) wurde 1945 gegründet ist. Die ÖH-Mitgliedschaft ist eine sogenannte Solidarmitgliedschaft, also alle Studierenden sind automatisch Mitglied und zahlen damit den Solidarbeitrag in Höhe von momentan 20,20 €. Gewählt werden die Organe der ÖH bzw. der Hochschüler_innenschaften alle zwei Jahre in einer gemeinsamen österreichweiten Wahl. So auch wieder dieses Jahr, von 18. – 20. Mai 2021. Dies geschieht in einem Wahlgang mit mehreren Stimmzetteln, einmal für die Bundesvertretung, einmal für die Hochschulvertretung und pro Studium für die jeweilige Studienvertretung. Besonderheiten gibt es bei Studien, die an mehreren Hochschulen gemeinsam eingerichtet sind (z. B. Lehramt), hier dürfen Studierende an zwei Hochschulen ihrer Wahl die Hochschulvertretung bzw. die Studienvertretung(en) wählen.  Auch möglich ist die Wahl mittels Briefwahl, wobei hier aus logistischen Gründen nicht die Wahl der Studienvertretung möglich ist.

Um die Bedeutung der ÖH Wahl fassen zu können, ist es jedoch wichtig die Struktur und den Aufbau der Studierendenvertretung in Österreich besser zu verstehen, weshalb wir in den folgenden Absätzen näher darauf eingehen.

Aufbau der ÖH:

An der Spitze steht sozusagen die Österreichische Hochschüler_innenschaft, wenngleich sie keine Weisungen oder Ähnliches an lokale Hochschüler_innenschaften richten kann. Sie steht insofern ganz oben, als dass sie ganzheitlich die Interessen aller Studierenden in Österreich vertritt. Zusätzlich gibt es an den einzelnen Hochschulen eingerichtete Hochschüler_innenschaften. Diese lokalen Vertretungen vertreten die Interessen der Studierenden an der jeweiligen Bildungseinrichtung und agieren selbstverwaltend als Körperschaft öffentlichen Rechts. „Darunter“ gibt es je nach Hochschule noch weitere Organe, beispielsweise Fakultäts- oder Zentrumsvertretungen. Jedenfalls ist für jedes Studium eine Studienvertretung einzurichten.

BUNDESVERTRETUNG:

Die ÖH Bundesvertretung ist die Vertretung aller Studierenden an Universitäten, Privatuniversitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen in Österreich. Bei der Wahl zur Bundesvertretung werden insgesamt 55 Mandate vergeben.

Seit 2015 wird die ÖH-Bundesvertretung direkt durch Listenwahl (ähnlich wie bei der Nationalratswahl) gewählt. 2021 kandidieren folgende Fraktionen:

AG – AktionsGemeinschaft (Studentenforum)
FLÖ – Unabhängige Fachschaftslisten Österreichs
GRAS – Grüne & alternative StudentInnen
JUNOS – Junge liberale Studierende
KSV-LILI – Kommunistischer StudentInnenverband – Linke Liste

KSV-KJÖ – Kommunistischer StudentInnenverband – Kommunistische Jugend Österreich
RFS – Ring Freiheitlicher Studenten
VSStÖ – Verband Sozialistischer StudentInnen in Österreich

Diese Fraktionen werden also am Wahlzettel zur Bundesvertretung zu finden sein und stellen sich in dieser Ausgabe mit ihren Vorstellungen und Ideen vor.

Die Bundesvertretung vertritt nicht nur deine Interessen österreichweit, sondern sie berät in verschiedenen Referaten, organisiert österreichweite Kampagnen, gibt zusätzlich Broschüren zu studienrelevanten Themenstellungen heraus und vieles mehr. Zu diesem Zwecke werden in der Bundesvertretung ein_e Vorsitzende_r und entsprechende Stellvertreter_innen gewählt, welche Beschlüsse der Bundesvertretung umsetzen, und als Sprachrohr ebenjener in der Öffentlichkeit und gegenüber Stakeholdern dienen.

Zusätzlich hat die ÖH-Bundesvertretung Referate, mit Referent_innen, ebenfalls von der Bundesvertretung gewählt, an der Spitze. Neben den gesetzlich vorgeschriebenen Referaten (Referat für wirtschaftliche Angelegenheiten, Referat für Bildungspolitik und Referat für Sozialpolitik) existieren noch viele weitere Fachreferate.

Ein gutes Beispiel, um zu verstehen, was ein Referat macht, ist jenes für Sozialpolitik. Das Sozialreferat informiert, berät und interveniert kostenlos, um die soziale Situation von Studierenden zu verbessern. Tätig ist es vor allem in den Bereichen Beihilfen, Versicherungen, Arbeitsrecht und Aufenthaltsrecht. Auch der Sozialfonds, bei dem Studierende in finanziellen Härtesituationen um einmalige finanzielle Unterstützung ansuchen können, liegt in ihrem Zuständigkeitsbereich. Besonders aktuell sind die Unterstützungsleistungen (Corona-Härtefonds) der ÖH für Studierende, die finanzielle Probleme aufgrund der COVID-19 Pandemie erfahren. Bisher wurden weit über 1.000 Studierende österreichweit unterstützt.

HOCHSCHULVERTRETUNG.

Die Hochschulvertretung ist die Vertretung auf lokaler Ebene. In diesem Organ der ÖH sitzen auch verschiedene Fraktionen, die unterschiedliche Interessen vertreten. An den einzelnen Hochschulen kandidieren zum Teil andere Fraktionen als für die Bundesvertretung.

Alle Hochschulvertretungen müssen verpflichtend je ein Referat für Bildungspolitik, Sozialpolitik und wirtschaftliche Angelegenheiten einrichten, können aber bei Bedarf auch andere in ihrer Satzung festlegen.

Außerdem entsendet die Hochschulvertretung in den Senat bzw. Hochschulkollegium der eigenen Hochschule.

Der Senat ist nach dem Prinzip der Mitbestimmung der Universitätsangehörigen konstruiert und ist in viele wichtige Entscheidungen der Universität involviert.

Der Senat hat mehrere relevante Aufgaben, so entsendet er z. B. einen Teil der Mitglieder des Universitätsrat, ist federführend bei der Wahl einer_s neuen Rektors_in involviert oder ist leitend verantwortlich für die Erlassung und Änderung von Curricula.

STUDIENVERTRETUNG. 

Direkt bei den Studierenden befinden sich die Studienvertretungen.

Jede Studienrichtung hat ihre eigene Studienvertretung mit je nach Studiengröße drei bis fünf Personen. Sie organisiert z. B. Veranstaltung für Erstsemestrige, Informationsabende und berät direkt die Studierenden bei Fragen zu ihrem Studium. Außerhalb von Pandemien organisiert sie auch Feiern für die Studierenden. Gewählt werden die Vertreter_innen durch Personenwahl. Das bedeutet, dass die StudienvertreterInnen nicht für Fraktionen kandidieren. Auch nicht gewählte Studierende wirken in vielen Studienvertretungen mit. Die Studienvertretungen nominieren Vertreter_innen für Gremien wie z. B. Curriculakommissionen, Habilitationskommissionen oder Berufungskommissionen.

Die Wahl

Wie eingangs erwähnt, erfolgt die Wahl in einem Wahlgang pro Wähler_in. Wahlberechtigt ist jede_r Studierende die_der ihren ÖH Beitrag rechtzeitig bis zum 30. März 2021 eingezahlt hat. Bist du wahlberechtigt, so kannst du dich entscheiden, ob du dein Wahlrecht vor Ort oder per Briefwahl ausüben möchtest. Entscheidest du dich für die erste Variante, so kannst du alle Ebenen der Vertretung (Bundesvertretung, Hochschulvertretung und Studienvertretung) wählen. Einfach deinen Studierendenausweis schnappen und auf zum nächsten Wahllokal an deiner Hochschule (mehr Infos hier).

Aufgrund der derzeitigen Situation, sind jedoch viele Studierende nicht mehr an ihren Studienorten, manche gar nicht in Österreich. Doch auch dies steht der demokratischen Mitbestimmung nicht im Wege, denn es gibt die Briefwahl (Wahl per Wahlkarte). In Folge soll ein kurzes FAQ die wichtigsten Fragen rund um die Briefwahl beantworten.

Wer kann eine Wahlkarte für die Briefwahl beantragen?
Alle, die wahlberechtigt sind.

Wo kann eine Wahlkarte beantragt werden?

Online (Link/shortlink einfügen zu dieser Seite: https://wahl2021.oeh.ac.at/briefwahl/wahlkarte-beantragen-und-abgeben/ ).

Was kann ich per Brief wählen?
Per Briefwahl können nur die Hochschul- und Bundesvertretung gewählt werden. Die Studienvertretung muss direkt an der Hochschule vor Ort gewählt werden.

Wann ist der späteste Zeitpunkt, um die Briefwahl zu beantragen?
Beantragt werden kann die Briefwahlkarte bis eine Woche vor dem ersten Wahltag, also 11.Mai 2021.

Wie erfolgt die Zustellung der Wahlkarte?
Die Wahlkarte wird per Post an die Wohnadresse geschickt. Wenn die Wahlkarte an eine andere Adresse geschickt werden soll, muss die gewünschte Adresse im Antrag angegeben werden. Die Wahlkarten werden ab Ende April versandt.

Bis wann muss meine Wahlkarte bei der Wahlkommission eintreffen, damit sie gezählt wird?
Die Wahlkarte muss bis spätestens 18.00 Uhr am 19.05.2021 bei der Wahlkommission einlangen und korrekt ausgefüllt sein, damit die Stimme auch gültig ist.

Wohin bringe ich meine ausgefüllten Wahlkarten?
Die Wahlkarte kann entweder in den nächstgelegenen Postkasten eingeworfen (keine Frankierung notwendig) oder persönlich bei der Wahlkommission der ÖH in der Rosengasse abgegeben werden. Die ausgefüllte Wahlkarte kann nicht an den Wahltagen bei deiner Wahlkommission vor Ort abgegeben werden.

Kann ich trotz beantragter Wahlkarte, vor Ort wählen?

Ja. Wichtig dabei ist, dass du ALLE zugesandten Unterlagen in das Wahllokal mitbringst und die eidesstattliche Erklärung auf der Wahlkarte NICHT unterschrieben hast. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kannst du vor Ort alle drei Ebenen, Bundesvertretung, Hochschulvertretung und Studienvertretung wählen.

Mental Health - #Talkaboutit

  • 28.04.2021, 08:31

Mental Health - #TalkAboutIt

Im Jahr 2019 leben ungefähr 1,2 Millionen Menschen in Österreich mit einer psychischen Erkrankung. Bei der Versorgung besteht dennoch großer Aufholbedarf. Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) fordert mittels Petition (Pflaster für die Seele) nicht nur ausreichend Behandlungsplätze, sondern vielmehr auch eine klinisch-psychologische Behandlung als Leistung der Krankenkasse. Nicht nur die psychische Belastung auf Betroffene und Angehörige, sondern auch volkswirtschaftliche Kosten sind enorm. Schätzungen zufolge liegen sie bei jährlich zwölf Milliarden Euro, da beispielsweise psychische Erkrankungen für zwei Drittel aller Frühpensionen verantwortlich sind. Besonders häufig sind dabei Depressionen und Angststörungen (DerStandard, 10.10.19)

Auch die Lage in österreichischen Universitäten ist dementsprechend besorgniserregend: In etwa ein Viertel aller Studierenden haben psychische Probleme (wie beispielsweise Ängste, Depressionen, Krisen und Ähnliches), durch welche die Lebensqualität und der Studienerfolg erheblich leiden können. Die Studierenden-Sozialerhebungen der letzten Jahre zeigen ebenfalls, dass der Anteil Studierender, die von studienbezogenen Schwierigkeiten berichten, bedingt durch Stressfaktoren und/oder psychische Beschwerden, ansteigen. Von 2015 bis 2019 hat sich der Anteil Studierender, die mindestens eine studienerschwerende psychische Beschwerde genannt haben von 42% auf 48% erhöht. Auch heute ist die Hürde Hilfe aufzusuchen, hauptsächlich aufgrund gesellschaftlicher Stigmatisierung, noch sehr groß.

Psychisches Wohlbefinden bildet unter Anderem den Grundstein für die Lebensqualität und Produktivität jedes einzelnen Menschen. Gerade durch die schwierigen Umstände der Covid-19-Pandemie wurde dies vielschichtig deutlich. Psychische Gesundheit ist eine wichtige Ressource, die zum sozialen, menschlichen und wirtschaftlichen Kapital einer Gesellschaft beiträgt. Auf individueller Ebene setzt sie die Möglichkeit voraus, das eigene emotionale und intellektuelle Potenzial zu verwirklichen. Auf gesellschaftlicher Ebene stellt psychische Gesundheit eine Ressource für den sozialen Zusammenhalt sowie für ein besseres Sozialwohl dar. Trotzdem wird auch heute noch die Bedeutung von psychischer Gesundheit unterschätzt, während die Häufigkeit psychischer Erkrankungen zunimmt (Diel & Sonntag, 2009).

Wir, das Team hinter der Mental Health Kampagne der ÖH Bundesvertretung, nehmen dies zum Anlass, für die mentale Gesundheit von Studierenden aufzutreten. Mit dem Titel “Mental Health - #TalkAboutIt” wurde der Fokus des Sommersemesters 2021 darauf gelegt, Stigmatisierung und Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen abzubauen, sowie ein Bewusstsein über psychische Gesundheit zu schaffen. Durch diese Aufklärungsarbeit soll Prävention möglich und potenzielle Risikofaktoren gesenkt werden. Wir fordern, dass Hochschulen und Hochschullehre Studierenden nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch Räume bieten, in denen sich Menschen mit psychischen Erkrankungen frei von Diskriminierung bewegen können und jede Person die Hilfe bekommt, die sie benötigt. 

Aus diesen Gründen ist es uns besonders wichtig, ein größeres Bewusstsein für psychische Gesundheit bzw. auch psychische Krankheit zu entwickeln und auf die Einschränkungen und Barrieren für Studierende mit psychischen Problemen aufmerksam zu machen. Mentale Gesundheit bedeutet für uns, dass alle Personen, die Unterstützung benötigen, diese auch ohne Hürden in Anspruch nehmen können! Die massiven Missstände in der österreichischen Politik im Umgang mit psychischer Gesundheit müssen klar aufgezeigt und verbessert werden. Wir fordern daher den raschen Ausbau psychosozialer Dienste, mehr Aufmerksamkeit auf psychische Gesundheit insbesondere der von Studierenden und einen niederschwelligen und freien Zugang zu psychologischer und psychotherapeutischer Hilfe.

Umgesetzt wird die Kampagne unter anderem durch einen Fokus auf Aufklärung, dem Bereitstellen von Anlaufstellen, Beiträgen von Expert_innen und einer Broschüre zum Thema “Mental Health". Letztere soll ​alle Interessierten in das Thema einführen​, ​Erfahrungsberichte zu verschiedenen psychischen Krankheiten bzw. Problemen im Studierendenalltag zur Verfügung stellen und wichtige Anlaufstellen präsentieren. Dabei werden Themen bearbeitet wie: Stressbewältigung im Studium, sozial- und kulturwissenschaftliche Hintergründe sowie psychische Gesundheit im Zusammenhang mit anderen Diskriminierungsformen, beispielsweise LGBTIQ+/Queer Community, Körperliche Behinderungen oder Rassismus. Weiters wurden Gespräche mit den Autor_innen der Broschüre aufgezeichnet und stehen allen Interessierten online zum Nachhören zur Verfügung.

Zum Abschluss möchten wir euch noch mitgeben, dass es wichtig ist auf seine Mitmenschen, aber vor allem auch auf sich selbst zu achten. Beinahe die Hälfte aller Studierenden geben an psychische Beschwerden zu haben. Persönliche, finanzielle und gesundheitliche Probleme können die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit entscheidend beeinträchtigen.

Die Inanspruchnahme professioneller Hilfe ist also vollkommen normal, wichtig und auch sinnvoll!

Hier findest du Stellen, an die du dich wenden kannst:

  • Telefonisch unter 147 - Rat auf Draht
  • Telefonisch, Mail, Chat der Psychologischen Studierenden Beratung Infos unter: www.studentenberatung.at
  • Helpline der ÖH Infos unter: www.oeh.ac.at/helpline

Alle weiteren Informationen zu unserer Kampagne findest du unter: https://mentalhealth.oeh.ac.at/

 

Geschichte der ÖH- ein kurzer Überblick

  • 28.04.2021, 08:36

Geschichte der ÖH- ein kurzer Überblick

Die Anfänge

Die Idee zur Gründung einer allgemeinen Studierendenvertretung kam schon Ende des 19. Jahrhunderts auf. So forderte die 1893 gegründete „Freie Vereinigung Sozialistischer Studenten“ bereits 1896 die Errichtung einer solcher Interessenvertretung an der Universität Wien.
Diese Forderungen scheiterten jedoch an den Widerstand von deutschnationalen Studierendengruppierungen und der Universitätsleitung. Es sollte von der Gründung und dem Zerfall der ersten Republik, zwei verheerende und grausame Weltkriege, sowie das Überstehen des Austrofaschismus und der NS-Schreckensherrschaft andauern, bis im September 1945 per Gesetzesakt der provisorischen Staatsregierung Renner die Österreichische Hochschüler_innenschaft formal gegründet wurde. Schon zuvor im April 1945 konstituierte sich ein sogenannter „Sechserausschuss“, welcher die Leitung einer provisorischen studentischen Selbstverwaltung übernahm. Dieser „Sechserausschuss“ wurde später zu einem „Zehnerausschuss“ und danach zum „Hauptausschuss der Demokratischen Studentenschaft“ erweitert. Dieser Hauptausschuss verstand sich als provisorisch eingerichtete Studierendenvertretung, bestehend aus fünf Fachgruppenleiter_innen und je einer/m Vertreter_in der drei politischen Fraktionen. Bereits in dieser Zeit wurden die ersten Arbeitsreferate gegründet, welche die späteren Strukturen der Österreichischen Hochschüler_innenschaft wesentlich mitprägen sollten.

Mit dem Erlass des Hochschulgesetzes 1945 wurden sämtliche bisherigen Organe aufgelöst und in die neue Körperschaft öffentlichen Rechts „Österreichische Hochschülerschaft“ übergeführt. Die studentische Selbstverwaltung war in diesem Hochschulgesetz zwar formal geregelt, jedoch hatten die Rektoren ein Einspruchsrecht gegen ÖH-Beschlüsse und durften auch studentische Funktionäre des Amtes entheben. Die studentische Selbstverwaltung wurde erst mit dem Hochschülerschaftsgesetz 1950 tatsächlich verankert und realisiert. Bis zur ersten ÖH-Wahl schlugen die drei anerkannten Fraktionen FÖST (Freie Österreichische Studentenschaft), VSStÖ (Verband Sozialistischer Studenten) und die Kommunisten als Zwischenlösung den parteilosen Rudolf Wengraf zum provisorischen Vorsitzenden. Am 19. September 1946 war es dann soweit, mit einer 82% Wahlbeteiligung fand die erste ÖH-Wahl statt.

Soziale Studentenpolitik in der Nachkriegszeit

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs stand der Wiederaufbau der Hochschulen im Vordergrund. Sowohl Student_innen als auch Lehrende folgten im Mai 1945 den Aufruf der Universität Wien die zerstörten Universitätsräumlichkeiten wieder instand zu setzen. Neben der Wiederherstellung der Universitätsgebäuden stand auch die Beschaffung von Lebensmittel im Vordergrund. So berichtete die Tageszeitung „Neues Österreich“ in der Ausgabe vom 27. Mai 1947 davon, dass die Österreichische Hochschülerschaft zur Erntehilfe ausrief.  Rund 70.000 Erntehelfer_innen fehlten für den Kampf ums tägliche Brot. Generell mangelte es den Student_innen in der unmittelbaren Nachkriegszeit an vielen Dingen des Alltags (Lebensmittelknappheit, Bekleidung, Medikamente etc.) und die finanzielle Unterstützungen waren sehr beschränkt. Der Fokus der Österreichischen Hochschülerschaft lag dementsprechend in der monetären Entlastung von Studierenden durch Vergabe von Stipendien und Darlehen, um die Studiengebühren zu senken. Das Sozialreferat spendete Bekleidung und versuchte Studierenden Neben- und Ferialjobs zu vermitteln.

Neben der Grundversorgung bemühte man sich auch die Freizeit- und Kulturaktivitäten zu fördern. Das Sportreferat organisierte regelmäßig Wettbewerbe gegen Sportler_innen aus anderen (Bundes-)Länder und das Kulturreferat richtete unter der Leitung von Initiator Friedrich Langer ein eigenes Theaterstudio für Student_Innen in der Wiener Kolingasse ein. Die Schauspieler_Innen erhielten durch ihre Auftritte mitunter Verpflegung, Medikamente und Bekleidung.

ÖH Politik ab 1950

Anfang der 1950er Jahre war die soziale Lage von Student_Innen noch immer sehr angespannt. Die wirtschaftlichen Folgen des 2. Weltkriegs waren noch lange nicht überwunden. Ein beträchtlicher Teil (ca. 60%) der ÖH-Beiträge wurden für die Deckung von Stipendien, Arztkosten, Medikamente, Versicherungskosten, Mensen und mitunter Kurbesuche zur Rehabilitation aufgewendet. Als die Rektorenkonferenz (heute Universitätskonferenz) 1951 eine Verdopplung und später sogar eine Verfünffachung der Studiengebühren verlangte, gingen die Wogen in der ÖH hoch. Am 13.Oktober 1952 kam es dann zu einem Sitzstreik auf der Wiener Ringstraße. Die Student_innendemonstration zeigte Wirkung und die Studiengebühren wurden nur geringfügig erhöht. Anfang der 1960er Jahre begann die sogenannte „Bildungsexpansion“ und die Anzahl der Student_innen stieg rasant an. Die Universitäten benötigten aufgrund der steigender Studierendenzahlen immer mehr Geld. So wurden Kinosäle angemietet, um die überfüllten Hörsäle auszugleichen. Zwischen 29. Mai bis 7. Juni 1961 hielten in etwa 2000 Student_innen, aufgrund von ausgebliebenen Zusagen, einen einwöchigen Sitzstreik ab. Als Folge wurden eine Budgeterhöhung beschlossen.

Nach langen und zähen Verhandlungen konnte die Österreichische Hochschüler_innenschaft 1963 den Beschluss eines Studienbeihilfegesetzes durch den Nationalrat erreichen. Im Sinne eines sozialgerechten Bildungssystem hatten sozialbedürftige Student_innen - bei entsprechenden Studienerfolg – einen Rechtsanspruch auf Studienbeihilfe. Mit Beschluss des Allgemeine Hochschul-Studiengesetz 1966 (heute Universitäts-Studiengesetz) begann die erste große Studienreform. Auf Grundlage dieses Gesetzes wurden zahlreiche Studienordnungen, besondere Studiengesetze und Studienpläne erlassen. Das Ziel war eine Modernisierung und Vereinheitlichung des Studienrechts. Für die Österreichische Hochschüler_innenschaft begann eine Phase sich vermehrt in den einzelnen Studienrichtungen einzubringen, um gezielter die Interessen der verschiedenen Student_innen vertreten zu können.

1970er Jahre: Eine goldene Ära

Anfang der 1970er Jahre wurde unter der Regierung Kreisky ein eigenes Wissenschaftsministerium geschaffen. An die Spitze dieses Ministeriums wurde Hertha Firnberg berufen – die erste Wissenschaftsministerin Österreichs. 1973 werden die Studiengebühren abgeschafft und mit Einführung des Universitätsorganisationsgesetz (UOG) 1975 schuf man ein neues Verwaltungssystem der österreichischen Hochschulen mit wesentlichen Mitbestimmungsrechten der Studierenden. Weitere Meilensteine sollten folgen: Zugang zu den Universitäten ohne Matura durch Studienberechtigungsprüfung, Abschaffung des Numerus Clausus und der Aufnahmeprüfungen, Möglichkeit eines Doppelstudiums und Mischung von Studienrichtungen, Erweiterung der Wiederholungsmöglichkeiten bei Prüfungen, mehr Mitspracherecht auf allen Ebenen der Universität, Studentenermäßigung und Freifahrten in den öffentlichen Verkehrsmitteln usw. Insgesamt wurden die Universitätsstrukturen „demokratisiert“ und die Übermacht der ordentlichen Professoren abgeschwächt.

1980er Jahre: Die Umweltbewegung

 Die Donaukraftwerke planten 1983 den Bau eines Wasserkraftwerks in der Hainburger Au. Trotz umwelttechnischer Bedenken seitens der Bevölkerung wurde der Bau des Kraftwerks östlich von Wien im November 1984 bewilligt. Die Österreichische Hochschüler_innenschaft protestierte an vorderster Front mit und zahlreiche Studierende nahmen an der Besetzung der Hainburger Au im Dezember 1984 teil. Die Protestbewegungen zeigten Wirkung und die Bundesregierung verhängte noch kurz vor Weihnachten einen Rodungsstopp. Nach den zahlreichen Bildungsreformen der 1970er Jahre hatte nun auch das Thema Umweltpolitik die ÖH endgültig erreicht. Man klärte vermehrt über Nachhaltigkeit, sowie fachgerechte Mülltrennung- und Entsorgung auf und setzte sich für den Ausbau von Radwegen ein.

1990er und 2000er Jahre

Im Winter 1992 beteiligte sich die ÖH an der Aktion „Der Mensch zuerst“, um der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit gegenüber Flüchtlingen aus Ex-Jugoslawien unter der Haider-FPÖ Regierung entgegenzutreten. An allen Universitäten fanden Veranstaltung gegen Hetze und für mehr Solidarität gegenüber Schutzsuchenden statt. Der Höhepunkt dieser Aktion wurde mit einem Schweigemarsch von über 10.000 Teilnehmer_innen und dem Lichtermeer am Heldenplatz erreicht. Bis heute setzt sich die ÖH mit der non-profit Organisation „Helping Hands“ für die Integration von Flüchtlingen ein.

Weitere Protestaktionen löste 1996 ein von der Bundesregierung angekündigtes Sparpaket aus. Diesmal demonstrierten unter den rund 40.000 Teilnehmer_innen nicht nur Studierende, sondern auch Universitätsassistent_innen und sonstige Hochschullehrende. Die Aktion sorgte zwar medial für viel Aufsehen, jedoch konnte man an dem Sparpaket nur wenig ändern. Viele Student_innen verloren daraufhin die Familienbeihilfe. Auch die Proteste gegen die Einführung der Studiengebühren Anfang der 2000er Jahre und das Universitätsgesetz 2002 blieben fruchtlos. Im Wintersemester 2001/2002 wurden Studiengebühren für Österreicher_innen in Höhe von € 363,36 und € 726,72 für Drittstaatsangehörige erhoben. Abertausende Studierende brachen daraufhin das Studium ab oder mussten aufgrund der zusätzlichen finanziellen Belastung länger studieren. Es sollte bis zum September 2008 dauern, bis der Nationalrat eine Änderung der Studiengebühren beschloss. Gebührenbefreit sind zukünftig Österreicher_innen und EWR-Bürger_innen wenn sie innerhalb der Mindeststudiendauer plus zwei Toleranzsemester studierten.

ÖH im Jahr 2021

Mit Ausbruch der Covid-19 Pandemie Ende 2019/Anfang 2020 steht die ÖH vor gänzlich neuen Herausforderungen. Seit der Verhängung des ersten Lockdowns im März 2020 wurde der Präsenzunterricht für Studierende österreichweit – mit Unterbrechungen – quasi stillgelegt. Eine Entscheidung die zum Schutz der gesamten österreichischen Bevölkerung notwendig war und ist. Jedoch darf man nicht vergessen welche fatalen Folgen dies für Student_innen mit sich bringt. Insbesondere die schweren psychischen Belastungen, ausgelöst durch fehlenden sozialen Kontakt und finanzielle Sorgen, stellen eine ernstzunehmende Gefahr für die Studierenden dar.  Die Österreichische Hochschüler_innenschaft reagierte schnell und richtete einen Corona-Härtefallfonds für einkommensschwache Student_innen ein. Zusätzlich erweiterte die ÖH das kostenlose Angebot für psychologische Beratungen und setzt sich für mehr Digitalisierung an den Hochschulen ein.

Corona-Härtefallfonds

  • 18.03.2021, 16:23

Corona-Härtefonds

Seit 13. März 2020 steht unser aller Leben Kopf. An diesem Freitag wurde der erste Lockdown aufgrund des neuartigen, hoch ansteckenden Virus SARS-CoV-2 verkündet. Spätestens an diesem Tag stand fest, dass das Virus und die zur Eindämmung angeordneten Maßnahmen gravierende Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen würden. 

Die Corona-Krise und ihre psychischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen treffen die gesamte Bevölkerung. Doch knapp ein Jahr nach der Verkündung des ersten Lockdowns steht fest, dass Menschen unter 30 Jahren besonders hart von den Auswirkungen der Krise betroffen sind. Unter ihnen spüren vor allem Studierende die Folgen nahezu tagtäglich: Distance Learning, Ausgangsbeschränkungen und daraus resultierende Einsamkeit, weil man weder Studienkolleginnen und -kollegen, Freund_innen oder Familie treffen kann, sind nur ein Teil der vielen Einschränkungen, mit denen Studierende zurechtkommen müssen.

Auch wenn seit Beginn der Pandemie in nahezu allen Altersgruppen ein Anstieg der Betroffenen von Ängstlichkeit und Suizidgedanken beobachtet werden kann, treten diese bei jungen Menschen seit April in größerem Maße auf als bei älteren Menschen. Frauen sind hiervon sogar noch stärker betroffen als Männer.

Die wirtschaftlichen Folgen der Krise spürt vor allem die junge Generation. 

Besonders belastend ist nicht nur die Einschränkung sozialer Kontakte, sondern auch Zukunftsängste, denen sich junge Menschen auch ohne globale Pandemie stellen müssen. Jobsuche, Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt und niedrige Einstiegsgehälter haben jungen Menschen schon vor der Corona-Krise das Berufsleben erschwert. Jüngere arbeiten oft in prekären Arbeitsverhältnissen, die leicht gekündigt werden können oder einfach nicht verlängert werden. Die Krise verschärft diese Schlechterstellung. Corona-spezifisch kommt hinzu, dass jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den am stärksten von der Krise getroffenen Branchen überproportional vertreten sind. Vor allem Beschäftigte im Tourismus oder in der Gastronomie, im Handel sowie in der Arbeitskräfteüberlassung haben ihren Job verloren. Auch hier ist es so, dass der Jobverlust mehr Frauen als Männer betrifft.

Es gibt für Österreich bereits Statistiken, die diese neuen Schwankungen am Arbeitsmarkt belegen. Die Arbeitsmarktdaten vom April zeigen, dass die Beschäftigung vor allem bei Jüngeren stark gesunken ist, während sie für die Bevölkerung im Alter von 50+ fast gleich geblieben ist. Zu befürchten ist, dass unsere Generation diese Auswirkungen ihr gesamtes Berufsleben lang spüren wird.

Obwohl bereits viele, auch staatliche, Unterstützungsangebote bestehen, erfüllen oft geringfügig Beschäftigte nicht die Kriterien für deren Gewährung. Hinzu kommt, dass nicht nur Studierende selbst, sondern auch ihr Umfeld von den wirtschaftlichen Folgen betroffen sein können. Sind Lebenspartnerinnen oder -partner, Eltern, Kinder oder andere Nahestehende von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen, wirkt sich dies auch auf die Studierenden aus.

Besonders Studierende mit Kindern, Studierende mit Erkrankungen oder Behinderungen oder eben auch solche, die in der aktuellen Situation den Job verloren haben, mit dem sie ihr Studium finanziert hatten, werden vor große Herausforderungen gestellt.

Soforthilfe durch ÖH-Fonds

Um jenen Studierenden, die durch die Auswirkungen der Corona-Krise in eine finanzielle Notlage geraten sind, finanziell unter die Arme zu greifen, haben bereits im Frühjahr 2020 diverse lokale Hochschulvertretungen Hilfsfonds eingerichtet. Für viele Studierende war diese Hilfe eine dringend notwendige finanzielle Unterstützung. 

Um darüber hinaus ein weiteres Unterstützungsangebot zu schaffen, hat die ÖH Bundesvertretung einen weiteren Corona-Fonds eingerichtet und diesen mit insgesamt 700.000 Euro dotiert. 

Hinter den bisher 1.300 bewilligten Anträgen stehen Schicksale von Studierenden, die durch die Corona-Krise in eine Notlage geraten sind. Die zahlreichen Anträge und unterschiedlichen Lebensumstände zeigen, wie notwendig diese zusätzliche Hilfe in vielen Fällen war. 

Mit den Sommermonaten und der warmen Jahreszeit nahmen auch die Ausgangsbeschränkungen ab, Schanigärten waren geöffnet, Treffen waren wieder erlaubt: Zumindest was die Sozialkontakte betraf, war ein Aufatmen möglich. Eine Verbesserung der finanziellen Situation war jedoch weiterhin nicht absehbar. 

Seit 01.01.2021: Corona-Härtefonds II

Wissenschaftsminister Heinz Faßmann und ÖH-Vorsitzende Sabine Hanger waren sich daher schnell einig: Es muss weitere Hilfen geben! 

Aus diesem Grund wurde im Dezember 2020 gemeinsam der Corona-Härtefonds II ins Leben gerufen. Dieser Fonds ist mit insgesamt 450.000 Euro dotiert und wird zur Hälfte vom Wissenschaftsministerium, zur anderen Hälfte von der ÖH Bundesvertretung finanziert. Eine Förderung kann seit 01.01.2021 beantragt werden.

 

Antragsberechtigt sind Studierende, die unverschuldet in eine Notlage geraten sind. Das ist der Fall, wenn ihre monatlichen Ausgaben die monatlichen Einnahmen übersteigen und das nicht in ihrer Verantwortung liegt. 

Antragstellerinnen und Antragsteller können maximal 800 Euro erhalten, wenn sie die Voraussetzungen für die Förderung, unter anderem den Nachweis eines adäquaten Studienerfolges, erfüllen und noch keine Unterstützung durch den Sozialfonds der ÖH Bundesvertretung oder durch ihre lokale Hochschulvertretung erhalten haben.

Wie kannst du einen Antrag stellen?

Die genauen Details zu den Antragskriterien, Formulare und alle weiteren Infos findest du auf der ÖH-Webseite (www.oeh.ac.at).

 

Kunstkrise Corona

  • 18.03.2021, 16:31

Die Kunst und Corona. Ein Kommentar zu einer toxischen Mischung.

Grenzen fördern die Kreativität. Wer alle Mittel hat, muss nicht um die Ecke denken. Doch was ist, wenn man so begrenzt ist, dass einem nicht nur die Mittel fehlen, sondern auch noch die gewohnten Möglichkeiten, das Publikum zu erreichen. Dies ist die traurige Realität, in der die meisten Kunstschaffenden zurzeit leben. Die Corona-Krise brachte Verödung im ersten Lockdown und bring nun auch noch Verarmung. Klar ist, wer ums Überleben kämpfen muss, hat kaum Zeit, sich auf das kreative Schaffen zu konzentrieren. 

Was macht also das Publikum in der Zwischenzeit? Es belustigt sich an der Konserve. Es gilt, sich vom öden Alltag der Isolation abzulenken. Lieblingsbücher, alte Filme, Konzertaufnahmen und vergangene Kabarettabende. Die Theater stehen leer, die Ausstellungen sind dicht und wer länger in der Menschenmenge rund um eine*n Straßenkünstler*in stehenbleibt, macht sich strafbar. 

Wohin das führt? Herbert Grönemeyer hat keine rosigen Aussichten, wie der Tagesspiegel berichtet: „Ein Land ohne die so unmittelbare Live-Kultur gibt und öffnet den Raum für Verblödung, krude und verrohende Theorien und läuft Gefahr, nach und nach zu entseelen.“ Leider ist es genau diese fehlende Live-Kultur, die viele in den finanziellen Ruin treibt. Große Teile des Umsatzes, die eine Künstlerin oder ein Künstler machen, werden bei Veranstaltungen verdient. Dies trifft leider die kleineren Künstlerinnen und Künstler am schlimmsten, da die erfolgreiche Vermarktung im Internet eine gewisse Bekanntheit voraussetzt. Selbst wenn aber die Vermarktung des Materials doch funktioniert, kann man damit trotzdem keine Hallen mehr füllen, egal ob Nummer 1 in den Charts oder ein Mixtape auf SoundCloud. 

Nun mag es gewisse Künstlerinnen und Künstler geben, die die Mittel finden, sich durch das Internet zu vermarkten. Doch Kunst ist keine Einbahnstraße. Die Improvisationen der Jazzmusiker*innen stehen in direkter Verbindung mit den Reaktionen des Publikums. Diese Resonanz darf sowohl bei einer Kabarettistin nicht fehlen, die so erst sieht, welche Teile ihres Programms funktionieren und welche nicht, als auch beim Schauspieler, der beim Vortragen seines Monologs durch die Spannung im Publikumsraum sein Potenzial ausschöpfen kann. Die Problematik liegt also nicht nur bei der Verarmung der Künstler*innen, sondern auch bei der Schädigung der Kunst selbst, weil sich die Kunstschaffenden nicht im gewohnten Arbeitsraum mit den gewohnten Rahmenbedingungen befinden. 

Hinzu kommt noch, dass vor allem Menschen, die durch die Pandemie psychisch angeschlagen sind, sich kaum in ihrer gewohnten Arbeitsroutine bewegen können. David Lynch sagte einmal in einem Interview, dass es nicht möglich ist, unter solchen Bedingungen kreativ zu sein. Desto mehr man leidet, desto weniger ist man gewillt, etwas Kreatives zu schaffen. Ist man depressiv, kann man sich ja kaum aufraffen, aus dem Bett aufzustehen. Das Gehirn ist so eingenommen, dass es die Künstlerin oder den Künstler vergiftet. Wie viel Arbeit kann man dann noch fertigbringen und wie sehr kann man einen solchen Prozess noch genießen? Mit genug psychischem Stress und genug negativen Gedanken hat man keinen freien Kopf und das steht dem kreativen Prozess beträchtlich im Weg.

Isolation allein ist aber glücklicherweise noch nicht der Tod der Kreativität. Kommt nun also nach der Corona-Krise eine Welle an Corona-Kunst auf uns zu? Laut einem Artikel des Deutschlandfunks nicht wirklich. Darin heißt es, vielen Künstlerinnen und Künstlern falle zu dieser Pandemie nicht wirklich was ein. Es gibt zwar vereinzelt Beispiele, wie der Film Coronation von Ai Weiwei, der sich dem Ausbruch der Pandemie in China durch eine Collage von Handyfilmen aus Krankenhäusern und Städten widmet, oder auch die Rolling Stones, die mit ihrer Single Living in a Ghost Town im April die iTunes Charts anführten, aber irgendwann ist die Nachfrage an Fotos von leeren Straßen und bekannten Figuren aus Gemälden mit Masken auch erschöpft. 

Allerdings gibt es auch Kunstschaffende wie die Band Annenmaykantereit, in deren neuem Album nicht die Pandemie selbst im Vordergrund steht, sondern mehr die Stimmung unserer gegenwärtigen Realität porträtiert wird. In der Produktbeschreibung ihrer neuen Platte merkt die Band an: „Es ist fertig. Unser drittes Album. Es heißt »Zwölf«. Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist. Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss. Wir wünschen uns, dass dieses Album am Stück gehört wird. Die Reihenfolge der Lieder hat für uns Bedeutung, und wer so großzügig ist, sich das Album auch in dieser Reihenfolge anzuhören, hat einen gepolsterten Sitzplatz in der Mehrzweckhalle unserer Herzen. Hoffentlich bis bald. Hoffentlich. […]“

Spannend wird, was auf uns zukommt, wenn die Krise vorbei ist. Nicht nur Kunstschaffende werden wie wild den Markt mit neuem Material überfluten, sondern auch das Publikum wird hungrig auf Neues die Veranstaltungsräume stürmen. Ob hier diejenigen erfolgreicher sind, die mit neuem Material still und heimlich auf das Ende der Krise gewartet haben oder diejenigen, die die neuen Konditionen nutzen, die sich möglicherweise nach der Pandemie auftun, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist nur, dass Veränderung bevorsteht. 

Die Branche ist von der Krise stark gezeichnet und viele stehen am Rande ihrer Existenz. Doch die Kunst selbst wird auch diese schwierige Zeit überstehen. Wie sagte schon Konstantin Wecker? „Kultur ist vielleicht nicht systemrelevant, aber sie ist lebensrelevant.“ Womöglich wird nachher nichts so sein, wie es vorher einmal war, doch das menschliche Bedürfnis nach Kunst bleibt bestehen. Eines schönen Tages wird Corona überstanden sein. Die Raupe der Gegenwart mag hässlich sein, doch der Schmetterling der Zukunft wird schöner werden als wir es zu träumen wagen. 

 

Und die Menschen blieben zu Hause.

  • 18.03.2021, 16:34

Mein Weg von der planlosen Studentin zur Verlegerin mit großer Vision

Mir war während meines Studiums nie so wirklich klar, was ich danach arbeiten wollte. Ich machte mir darüber eigentlich auch ziemlich wenige Gedanken und ließ es stattdessen auf mich zukommen. Die meisten meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen der Geisteswissenschaften hatten, genau wie ich, ein riesiges Fragezeichen über ihren Köpfen, wenn sie an ihre Zukunft dachten. Wir wussten nicht so wirklich, wo in der Gesellschaft später unser Platz sein würde. Das ist die Herausforderung vieler Studiengänge, die einfach aus Interesse studiert werden. Zwar lernt man, komplex zu denken, zu argumentieren, wissenschaftlich zu arbeiten und Texte zu schreiben, aber zumindest gefühlt wartet danach nichts und niemand so wirklich auf eine*n.

Viele junge Menschen nehmen nach dem Studium einen Job an, der irgendwie im Entferntesten etwas mit ihrem Studium zu tun hat, ohne wirklich dafür zu brennen. Nach meinem Abschluss entschied mich, stattdessen der “brotlosen Kunst” nachzugehen, richtete mir mein Leben so sparsam wie möglich ein, schrieb Gedichte und jobbte nebenher. Ich war zufrieden mit einem Leben in finanzieller Unsicherheit, dafür aber in vermeintlicher ultimativer Freiheit und Flexibilität. Dass Geldsorgen wenig mit Freiheit und Flexibilität zu tun haben, musste ich in der darauffolgenden Zeit immer wieder schmerzlich erfahren.

Dann wurde ich schwanger, mein Partner und ich waren überglücklich und ich widmete die nächsten zwei Jahre unserer kleinen Tochter. Als sie ins Kleinkindalter kam und immer selbstständiger wurde, wusste ich plötzlich, was ich beruflich als Nächstes machen wollte. Es war kein zermürbender Prozess, ich schrieb keine Pro- und Contra-Listen, ich dachte nicht über verschiedene Möglichkeiten nach. Ich kann mich auch nicht an den Moment erinnern, an dem mir die Idee kam. Sie war plötzlich einfach da: Ich wollte einen Buchverlag gründen, als erstes einen Lyrikband von mir veröffentlichen und dann nach und nach mein Sortiment erweitern. Es sollte eine „Ideenfabrik“ werden, in der meine eigenen Ideen und die anderer Autor*innen Realität werden konnten. Als ich einer guten Freundin freudig von meinem Vorhaben erzählte, schüttelte sie – zu meinem Erstaunen – missbilligend den Kopf: “Marie, willst du nicht mal was RICHTIGES machen?”. Aber nein, das wollte ich nicht. Zumindest nicht das, was sie darunter verstand.

Als ich dann noch in einer Bücherkiste, die jemand zum Verschenken auf die Straße gestellt hatte, ein Buch über Verlagsgründung fand, schien mein Schicksal besiegelt.

Ich arbeitete also den Ratgeber durch und setzte die Schritte nach und nach um. Wenige Wochen und einen Besuch auf dem Gewerbeamt später, war der Goldblatt Verlag geboren.

Damit begann mein Leben als Verlegerin. Und erst nach und nach merkte ich, was das eigentlich genau bedeutete. Denn mein Ziel war es nicht, einfach aus reiner Freude ein paar Bücher zu veröffentlichen. Ich wollte aus reiner Freude, ein funktionierendes Unternehmen aufbauen.

Mein Weg seit meiner Selbstständigkeit ist pures “learning by doing”. Als die erste Bestellung einer Privatperson aus meinem Onlineshop eintraf, googelte ich erstmal, was eigentlich auf einer Rechnung stehen muss. Als zum ersten Mal eine Buchhandlung bestellte, musste ich zuerst herausfinden, wie viel Rabatt eine Buchhandlung normalerweise vom Verlag bekommt. Ich war nicht panisch, weil ich so vieles nicht wusste, sondern freudig erregt, weil ich so viel in so kurzer Zeit lernte. Auch heute noch, vier Jahre nach meiner Unternehmensgründung, lerne ich wirklich täglich Neues dazu. Die unbegrenzten Möglichkeiten des Internets sind unbezahlbar. Es ist so unglaublich praktisch, dass fast alles online erklärt wird, es gibt Foren und Tutorials. Eine fast grenzenlose Bandbreite an Wissen ist oft nur ein paar Klicks von uns entfernt. Was es braucht, ist unsere Bereitschaft, uns dieses Wissen anzueignen, uns “reinzufuchsen” und es dann anzuwenden. Und wie das so ist, wenn man für ein Thema brennt und sich viel damit beschäftigt: Im Laufe der Zeit lernte ich mehr und mehr Menschen in der Branche kennen, angefangen von Buchhändler*innen bis hin zu anderen Verleger*innen von Independent-Verlagen. Wie bei einem riesigen, wunderschönen Mosaik kam so nach und nach eins zum anderen und die vielen kleinen Teilchen, die anfangs noch recht wirr und zusammenhanglos wirkten, fügten sich immer mehr zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Ich schaute mir verschiedene Online-Kongresse an, trat Mastermind-Gruppen bei, war in Facebook-Gruppen aktiv und begann, meine sozialen Medien aktiver zu gestalten. Und mehr und mehr setzt der sogenannte „Schneeballeffekt“ ein, es erreichten mich immer mehr Bestellungen über meinen Online-Shop und oft bestellten Leute später noch mehr Bücher, um sie zu verschenken. Immer mehr Buchhandlungen kamen auf mich zu, um meine Bücher in ihr Sortiment aufzunehmen. Zeitschriften und Blogs schrieben über meine Neuerscheinungen. Aber der Weg ist steinig, mittlerweile habe ich noch ein zweites Kind, schlafe seit viel zu langer Zeit viel zu wenig und begegne immer wieder neuen Herausforderungen. Glücklicherweise weiß ich, dass diese dazugehören und wichtig sind. Meine Bereitschaft, sie zu meistern, ist immer größer, als die Herausforderungen selber.

Gearbeitet habe ich in den letzten Jahren vor allem abends und nachts, wenn die Kinder schliefen und ich die Weite der Nacht vor mir hatte und mit ihr den Deal einging, mich meinen Träumen ein Stückchen näher zu bringen. Was ich immer wieder festgestellt habe: Wenn die Vision stimmig ist und das gesetzte Ziel groß und aufregend, dann wird plötzlich ein innerer Kompass aktiviert und man muss nur noch durchatmen und sich in Bewegung setzen. Was man dabei braucht, ist Vertrauen. Vor allem in sich selbst. Vieles macht erst rückblickend Sinn. Ob man ein glückliches Leben lebt, hängt nicht von den äußeren Umständen ab, sondern von der inneren Einstellung.

Im März diesen verrückten Jahres 2020 habe ich das Gedicht „And the people stayed home“ auf Facebook entdeckt und war so begeistert davon, dass ich es dort gleich geteilt habe. Es handelt davon, dass wir unsere Erfahrungen im Lockdown dazu nutzen können, uns selbst besser kennenzulernen und uns über unsere Prioritäten klar zu werden. Das hat meine tiefste Überzeugung bestätigt: In jeder Krise steckt auch eine Chance. Dieser Glaube gibt mir die Kraft, auch in schwierigen Zeiten die Ärmel hochzukrempeln und weiterhin Bücher zu veröffentlichen, die eine positive Botschaft für die Menschen bereithalten und ihnen Mut machen. Als ich gesehen habe, dass dieses Gedicht bald als Bilderbuch in einem amerikanischen Verlag erscheint, war ich Feuer und Flamme. Ich hatte sofort die Vision, diese optimistische Botschaft auch im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Glücklicherweise ist es mir gelungen, die Rechte für die deutsche Übersetzung zu bekommen. Im Zuge dessen habe ich auch einen sehr persönlichen und herzlichen Kontakt mit der Autorin, einer pensionierten Lehrerin und Seelsorgerin. Ihr Gedicht ist Anfang des Jahres viral geworden, sie wurde sozusagen über Nacht weltberühmt und hat Millionen Menschen Hoffnung geschenkt. Wirklich eine bewegende Geschichte. Für mich hat dieses Gedicht etwas greifbar gemacht, für das ich bis dahin noch keine Worte hatte. Nämlich, dass wir uns durch die Pandemie an das erinnern können, was uns wirklich wichtig ist. Dass wir alle zusammen mit diesen Erkenntnissen eine bessere Welt gestalten können. Meine Lieblingszeilen des Gedichtes sind diese hier: „Und in Abwesenheit der rücksichtslosen, gefährlichen und herzlosen Lebensweisen der Menschen begann die Erde zu heilen.“  In diesem Satz steckt, dass es noch nicht zu spät ist, unsere Erde zu retten. Der Klimawandel beschäftigt mich sehr und ich hoffe, dass es uns Menschen gelingt, noch rechtzeitig die Notbremse zu ziehen.  Durch die Pandemie werden wir aus unserem Alltagstrott geworfen und zum Innehalten gezwungen. In vielerlei Hinsicht bemerken wir erst jetzt, wie schön unser Leben „vorher“ eigentlich war. Ähnlich wird es uns gehen, je mehr die Natur durch die Umweltzerstörung aus dem Gleichgewicht gerät. Ich wünsche mir, dass der Zusammenhalt der Menschheit durch Corona größer wird und dass wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie fragil, schützenswert und gar nicht selbstverständlich das Leben auf der Erde eigentlich ist.

Im August haben mein Partner und ich uns mit Corona infiziert. Wir waren wochenlang sehr geschwächt und mit unseren beiden kleinen Kindern in Quarantäne. Hinzu kam ein großer Arbeitsdruck für mich, denn ausgerechnet in dieser Zeit gab es besonders viel zu tun, weil wir an der deutschen Ausgabe von „Und die Menschen blieben zu Hause“ gearbeitet haben. Sich auszuruhen ist so ziemlich das Einzige, was man bei Corona machen kann. Das wird sogar dringend empfohlen. Das war ein wirkliches Dilemma für mich. Aber mein Körper hat mich sozusagen dazu gezwungen, mir Auszeiten zu nehmen. Zum Beispiel habe ich seit meiner Erkrankung alle meine Abendtermine auf tagsüber gelegt, um genug Schlaf zu bekommen. Vorher hatte ich an drei Tagen der Woche meinen letzten Termin um 22.00Uhr. Damals dachte ich, dass das nicht anders geht. Aber siehe da: Irgendwie habe ich trotzdem alles unter einen Hut bekommen und das Buch ist rechtzeitig in den Druck gegangen. Das Gedicht stand in dieser Zeit für mich auf dem Prüfstand, aber letzten Endes war es ein großer Hit. Denn schließlich geht es darum, schwierige Situationen anzunehmen und dann das Beste daraus zu machen. Das habe ich mit Hilfe des Buches nochmal verinnerlicht. Ist das naiv oder weltfremd? Ich glaube nicht. Denn was sind die Alternativen dazu? Resignation und Trostlosigkeit. Beides bringt uns keinen Schritt weiter. Ich glaube, was die Welt gerade am dringendsten braucht, sind genügend sture Optimist*innen, die beherzt handeln und andere dadurch inspirieren, das Gleiche zu tun. Meine Neuerscheinung „Und die Menschen blieben zu Hause“ steht ihnen dabei zur Seite. Das Gedicht, in Kombination mit den kraftvollen Illustrationen, gibt Erwachsenen und Kindern Halt in dieser herausfordernden Zeit. Denn es gibt nichts, was mehr beruhigt und bestärkt, als hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Ich habe noch so viel vor und freue mich unglaublich auf alles, was da noch kommen wird. Ich finde es extrem wichtig, groß zu denken und alles für möglich zu halten. Sich nicht selbst mit den eigenen Gedanken zu limitieren. Eine Vision zu haben, die sich so verdammt gut anfühlt, dass man alles daransetzt, sie zu realisieren - auch, wenn man währenddessen keine Ahnung hat, wie das klappen kann. Meine Mission umfasst auch, mich persönlich weiterzuentwickeln und mehr und mehr zur besten Version meiner Selbst zu werden. Ich will mit dem Goldblatt Verlag viele Menschen erreichen und ihnen wertvolle Impulse mit auf ihren Weg geben. Erfolg ist für mich nicht das Ende vom Weg, sondern ein bestimmtes Mindset, während man den Weg geht. Ich glaube generell ist es sehr wichtig zu wissen, wo man hin will. Man kann sich konkrete Ziele setzen und trotzdem total im Moment leben. Das schließt sich nicht aus – im Gegenteil. Um das eigene grenzenlose Potenzial zu entfalten, braucht man einen klaren Fokus. Wenn man die eigene Passion konsequent verfolgt, mit Misserfolgen rechnet und aus ihnen lernt, unerschütterlich an sich selbst glaubt und dabei auch mal über sich selber lachen kann – dann fühlt sich plötzlich sehr vieles sehr richtig an.

Marie Franz

Land der Äcker?

  • 18.03.2021, 16:41

„Land der Äcker?“

Bodenversiegelung und Flächenfraß sind nicht nur baukulturelle Sünden. Warum die Folgekosten uns alle etwas angehen. 

Eine Ortseinfahrt in Österreich: Zuerst Lidl, dann ein Obi, Bellaflora, Fressnapf, McDonalds und Shoe4You. Vor den Geschäften unzählige Stellplätze, die auf PKWs der Kund*innen warten. Das ganze selbstverständlich weit außerhalb der Ortskerne, es könnte ja sonst jemand die Sinnhaftigkeit des Autos in Frage stellen. Dies ist hierzulande leider ein allzu gängiges Ortsbild. Österreich gehört bei der Einkaufsfläche pro Kopf zu den Spitzenreitern in Europa. 51% der Handelsflächen werden auf die „grüne Wiese“ gebaut, was dazu führt, dass Bodenversiegelung und Zersiedelung in einem besorgniserregenden Ausmaß voranschreiten. In punkto Versiegelung, also die luft- und wasserdichte Verbauung, Betonierung oder Asphaltierung von natürlich gewachsenem Boden, sind wir Europameister. Laut Umweltbundesamt werden rund 13 Hektar Boden pro Tag in Österreich verbaut. Zudem haben wir eines der dichtesten Schnellstraßennetze des ganzen Kontinents. 

Doch nicht nur Mobilität und unsere Einkaufspräferenzen, auch unsere Wohnbedürfnisse tragen zu diesem massiven Flächenfraß bei: Der Traum vom Haus im Grünen oder vom Nebenwohnsitz am Waldrand. Die Frage ist nur, geht sich das in der Zukunft noch aus? Können wir uns dieses Tempo beim Verbauen der Landschaft weiter leisten? Boden ist eine nicht-erneuerbare Ressource. Es benötigt rund 200 Jahre, bis 1 cm Boden nachwächst. Was wir also heute verbauen, geht für eine längere Zeit verloren. 

Sind Zersiedelung und Flächenfraß also ein österreichischer Fetisch? Schon Thomas Bernhard charakterisierte die Veränderung der Landschaft in seinem Roman „Holzfällen“: „Da wo noch vor 20 Jahren die schönsten Wiesen und Weiden gewesen sind, stehen jetzt dutzende sogenannte Einfamilienhäuser. Eines hässlicher, wie das andere […] Da wo ein Wäldchen war, da wo ein Garten aufblühte im Frühjahr […] wuchern jetzt die Betongeschwüre unserer Zeit, die auf Landschaft, überhaupt auf Natur, keinerlei Rücksicht mehr nimmt und die nur von der politisch motivierten Geldgier beeinflusst ist.“

Ursachen der Zersiedelung in Österreich

Die Anfänge dieser Entwicklung in Österreich liegen im Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum der 1950er und 1960er Jahre. Der Wirtschaftsaufschwung brachte eine erhöhte Nachfrage nach Fläche mit sich. Gleichzeitig verlor die Landwirtschaft immer mehr an Bedeutung. Der Druck auf Grundbesitzer und Gemeinden, mehr Bauland bereitzustellen, wurde größer. Es wurde umgewidmet, was das Zeug hält. Grünland, allen voran landwirtschaftliche Fläche, wurde als Bauland ausgewiesen. Das Wachstumsversprechen war damals so groß, dass mehr Bauland zur Verfügung gestellt wurde, als tatsächlich Nachfrage bestand. 

Doch von Rückwidmung heute keine Rede, aus einem einfachen Grund: Boden erfährt bei einer Umwidmung eine Wertsteigerung. Wird beispielsweise eine landwirtschaftliche Fläche als Bauland gewidmet, so bringt das in der Regel mehr Geld für den*die Eigentümer*in. Diese*r hat auf Wertverlust durch Rückwidmung in Grünland natürlich wenig Lust. Ist der Boden also einmal Bauland, wird er zu einer attraktiven Wertanlage. 

Bildvorschlag: Baugrund zu verkaufen (im Anhang); Copyright: Johann Jaritz, Wikimedia Commons, lizensiert unter CC BY-SA 4.0; Collage: Christina Kirchmair

Betongold

Die Aussicht auf hohe Renditen locken auch Investor*innen an, die oftmals die Flächen nicht bebauen, sondern nur darauf spekulieren, dass der Boden mit der Zeit an Wert gewinnt. Das führt unter anderem zu dem Umstand, dass Flächen in besten Lagen nicht genutzt werden und verfallen, während die Siedlungsentwicklung an den Ortsrändern und in der „grünen Wiese“ weiter voranschreiten muss. Das treibt Bodenpreise in die Höhe und beschleunigt die Zersiedelung. Expert*innen fordern hier gegen Spekulation durch Baulandhortung gesetzlich vorzugehen, beispielsweise mittels Fristsetzung, innerhalb derer das Grundstück bebaut werden muss, andernfalls drohen Sanktionen.

Vor allem seit der Finanzkrise 2008 ist der Lockruf des „Betongolds“ besonders laut. Seit damals wird Grund und Boden verstärkt finanzialisiert und ist als Anlagegut begehrt. Und das zahlt sich aus. In den Jahren 2010-2020 ist der Bodenpreis in Österreich im Durchschnitt um 71,64% gestiegen. Erfreulich zwar für Anleger*innen und Besitzer*innen, doch der Profit einiger weniger kommt der Allgemeinheit teuer zu stehen. Die Mieten steigen hierzulande stärker als die Löhne. In Ballungszentren ist Wohnraum unerschwinglich, ein Viertel der Bevölkerung gibt mehr als 50% des Einkommens für Wohnen aus. Längst sind es nicht mehr die Baupreise, sondern die Baulandpreise, die die Mieten in die Höhe treiben. Unter diesen Gesichtspunkten mutet es paradox an, dass Boden auf dem freien Markt gehandelt wird, obwohl er sich nicht vermehren kann. 

Verbaute Zukunft

Doch steigende Mieten sind nicht der einzige Effekt, den unser verantwortungsloser Umgang mit Boden mit sich bringt. Durch die zunehmende Zersiedelung und das Bauen auf der „grünen Wiese“ steigen die Ausgaben für Infrastruktur. Auch Gebiete am Stadtrand wollen mit Straßen und Kanal erschlossen werden, während gleichzeitig Ortskerne und ganze Dörfer aussterben. Nicht nur volkswirtschaftlich entsteht hier ein Schaden durch die Verbauung, auch die Natur leidet. Boden erfüllt zahlreiche Ökosystemdienstleistungen. Er ist Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten, er ist eine wichtige CO2-Senke, er reinigt Wasser und saugt es auf, was gerade bei Starkregen und Unwettern von Bedeutung ist, wenn man Überschwemmungen entgegenwirken will. Außerdem hat er eine temperaturabsenkende Wirkung und verhindert die Entstehung von Hitzeinseln. Versiegelter und verbauter Boden kann all diese Ökosystemdienstleistungen nicht mehr erfüllen. Gerade unter dem Aspekt der Klimakrise muss Bodenschutz ein zentrales Anliegen der Debatte darstellen. 

Durch den zunehmenden Flächenfraß und -verbrauch, vor allem von landwirtschaftlichen Ackerflächen, sinkt die Ernährungssicherheit. Das in der Corona-Krise oft beschworene Eigenversorgungspotenzial mit Lebensmitteln wird uns in naher Zukunft nur mehr im Rückblick ein Begriff sein. Zersiedelung und überbordende Bodenversiegelung sind also nicht nur baukulturelle Sünden. 

Kontrolle wäre besser

Grundsätzlich wären Raumordnung und Raumplanung dafür zuständig, Flächenfraß und Zersiedelung einzudämmen. Diese sind aber in Österreich Querschnittsmaterien, Kompetenzen und Instrumente sind zwischen Bund, Land und Gemeinden aufgeteilt. So obliegen beispielsweise Entscheidungen über die Flächenwidmung dem Gemeinderat, der oft fachlich nicht genug mit der Materie vertraut ist oder von monetären oder politischen Zwängen abhängig ist, sprich wiedergewählt werden will und so unbequeme Entscheidungen oft umgeht. Die Landesregierung kommt ihrer Pflicht als Aufsichtsorgan oft zu wenig nach. 

Das führt dann zu Entscheidungen, die zwar für Einzelne von Vorteil, für die Allgemeinheit aber von Nachteil sind. So kommt es, dass beispielsweise der Zugang zu Österreichs Seen nahezu vollständig verbaut und privatisiert ist, unberührte Natur oft Seilbahnen weichen muss und leerstehende Luxusimmobilien in Tourismusorten mittlerweile das Ortsbild prägen. 

Boden für alle

„Eine gute Bodenpolitik ist die Voraussetzung für eine gerechte, ökologische und schöne Welt“, so Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien (AzW) im Rahmen der (virtuellen) Eröffnung der Ausstellung „Boden für alle“. Die Ausstellung, die bis 03.05.2021 im AzW zu sehen ist, macht deutlich, wie der sorglose und kapitalgetriebene Umgang mit der Ressource Boden unsere Dörfer und Städte verändert, möchte Zusammenhänge greifbar machen und aufrütteln. Genau recherchierte Zahlen und Daten zu dem Thema werden in der Ausstellung comichaft illustriert und aufbereitet, sodass die trockene Statistik doch etwas greifbarer wird. So wird beispielsweise dargestellt, wie unser Steuersystem Flächenverbrauch begünstigt. Immobilien-relevante Steuern wie die Grundsteuer oder die Bodenwertabgabe sind vergleichsweise niedrig, während Faktoren wie Arbeit hierzulande hoch besteuert werden. Steckt hier Potenzial für ein Umdenken?

Lösungsansätze

Die Ausstellung möchte gleichzeitig Lösungsansätze und Alternativen präsentieren sowie skizzieren, wie eine mutige Bodenpolitik aussehen könnte. So wird das Fallbeispiel des Kantons Basel in der Schweiz als Best-Practice gezeigt. In der Schweiz sieht das Bundesgesetz für Raumordnung vor, dass 50% der Wertsteigerung, die ein Grundstück erfährt, wenn es als Bauland „hochgewidmet“ wird, in einen Fonds fließen. Dieser Fonds ist zweckgewidmet und wird für das Anlegen von Grünflächen, Parks und die Renaturierung von Stadtteilen verwendet, was zur Verbesserung der Lebensqualität der Bewohner*innen beiträgt. In Österreich steht die Wertsteigerung eines Grundstücks allein dem*der Eigentümer*in zu. Die Folgekosten der Verbauung trägt die Allgemeinheit. 

Doch Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll der Allgemeinheit dienen. So steht es zumindest im deutschen Grundgesetz, was den dortigen Gerichten in Bezug auf raumsparende und bodensparende Grundsatzentscheidungen mehr Handlungsspielraum eröffnet. In Österreich ist Bodenschutz in der Raumordnung aufgrund der verfassungsrechtlichen Unverletzbarkeit von Eigentum schon schwieriger durchzusetzen. 

Eine weitere Möglichkeit, bodensparendes Bauen zu fördern, wäre Bodenschutz als Kriterium für Wohnbauförderungen durchzusetzen. Die Gemeinde Zwischenwasser in Vorarlberg wiederrum stoppt die Außenentwicklung auf der grünen Wiese, indem sie Siedlungsgrenzen definiert, über die die Gemeinde nicht hinausbauen bzw. hinauswachsen soll. Bestehende Flächenreserven innerhalb der Gemeinde und Leerstand sollen vorrangig genutzt werden. 

Der Boden im Fokus

Nicht nur die aktuelle Ausstellung im Architekturzentrum zeigt, dass das Bewusstsein über Bodenverbrauch und Flächenversiegelung langsam wächst. Auch der Baukulturgemeindepreis 2021 stellt mit dem Motto „Boden g´scheit nutzen“ die Ressource Boden in den Mittelpunkt. Auch der „Verein Bodenfreiheit“ wird tätig. Der Verein kauft aktiv Grün- und Freiflächen auf, um sie vor der Bebauung zu schützen. 

Der Unmut der Bevölkerung über den Ausverkauf der Heimat zugunsten von Skiliften, Luxusimmobilien oder Einkaufsparks drückt sich auch in Wähler*innenstimmen aus. In Schladming und Haus im Ennstal wurden unabhängige Bürger*innenlisten bei den Gemeinderatswahlen gestärkt und alte Bürgermeister*innen abgewählt. Die Neuen haben nun eine zweijährige Bausperre für ihre Gemeinden verhängt. Das Thema wird heiß diskutiert. Wir alle müssen unsere eigenen Bedürfnisse hinterfragen und sind aufgerufen uns zu beteiligen, um für eine neue Politik zu sorgen. Es tut sich also was, im Land der Äcker. 

Sebastian Hafner studiert Raumforschung und Umwelt-Bioressourcenmanagement in Wien

Aufhören um neu anzufangen

  • 18.03.2021, 16:45

Aufhören um neu anzufangen 

Als wäre es gestern gewesen: Die Hörnchen-Nudeln kochen auf dem Gasherd, Adrian bereitet sich wieder Mal seine Lieblingsspeise zu. Ich komme erledigt von meinem Werkstudenten-Job zurück in die WG und weiß, was mir bevorsteht – die ewige Suche nach Informationen und Prüfungserfahrungen zu meiner nächsten Prüfung „Nichtmetallische Werkstoffe“. Warum muss ich dafür aber einen ganzen Nachmittag einplanen? Wieso sind keine aktuellen Informationen einfach und schnell abrufbar? *Gedankenblitz* 

Ich stürme in die WG-Küche, Adrians Nudeln sind fast fertig. „Adrian, hör zu – wieso gibt es eigentlich keine Plattform, auf der ich einfach nach meiner nächsten Prüfung suchen kann und dort auf einen Blick alle Daten zur Prüfungsvorbereitung finde, die ich gerade benötige?“ Als ich den Satz ausgesprochen habe, kommt Christoph in die Küche, hört unserem Gespräch zu und wir merken alle drei, dass wir gerade eine echt interessante Idee haben, die in Zukunft vielen Studierenden eine Menge kostbarer Zeit ersparen würde. Da 2016 bereits digitale Medien der Renner waren, haben wir Paul, einen Freund aus Innsbruck, mit ins Boot geholt. Als technischer Kopf hatte er alles was es braucht, um eine digitale Lösung umzusetzen. 

Zwölf Monate später startete unsere Plattform an der TU Wien, weitere sechs Monate später war sie bereits auf insgesamt fünf Hochschulen in Österreich vertreten. Heute ist sie auf über 30 Hochschulen in Deutschland und Österreich vertreten, unser Team besteht aus acht jungen und lustigen Menschen und in unserem Unternehmen setzen wir uns tagtäglich für Gerechtigkeit und Studierbarkeit an Hochschulen ein. 

Doch was hat es gebraucht, um diesen Weg zu gehen? 

Um ehrlich zu sein, war es sehr beängstigend. Als 22-jährige junge Männer war uns nicht ganz bewusst, welche Verantwortung und welches Risiko wir mit der Gründung eines Unternehmens eingingen. Uns war auch nicht klar, dass sich ein Vollzeit-Studium an der TU Wien und TU München, ein Werkstudenten-Job und das parallele Aufbauen eines Unternehmens nicht unter einen Hut bringen lassen. Schnell durften wir aber lernen, was es bedeutete eine Idee umzusetzen. 

Unmenschliche Zeitbeanspruchung, nächtelanges Arbeiten, Schlaflosigkeit. Und trotzdem reichte die Zeit nicht aus. Wir schmissen unser Studium, um unseren Traum wahr werden zu lassen. Wir kündigten unsere Jobs, um unserem Traum näher zu kommen. Eins mussten wir akzeptieren, und wir lernten es auf die harte Art – in der Unternehmensgründung gibt es einfach deutlich mehr Downs als Ups. Und daran mussten wir uns erstmal gewöhnen. 

Als unsere Plattform timebite das erste Mal im Oktober 2017 online ging, war das extrem aufregend. Wir freuten uns über jede*n neue*n Nutzer*in auf der Plattform, über jedes Feedback. Es schien zu funktionieren! 

Wir entwickelten die Plattform stetig weiter, versuchten alles, um Studierenden den besten Dienst zu bieten. Aber dann wurde uns schnell klar – ohne Werkstudenten-Job wird es schwer, die WG-Miete zu bezahlen, geschweige denn Server- und Betriebskosten zu erhalten. Es musste eine Finanzierung her, sonst war’s das mit unserem Traum. Eines war uns aber von Beginn an klar: Studierende werden nie auch nur einen Cent für timebite bezahlen müssen, das passt uns einfach nicht. Daher redeten wir mit Unternehmen, präsentierten ihnen unsere Lösung und fragten, was wir entwickeln könnten, damit sie auch einen Nutzen davon ziehen würden. 

Daraus entwickelte sich unser erstes Geschäftsmodell und unsere kleine Firma warf das erste Mal Geld ab. Wow, we did it!
Wir hatten tatsächlich das erste Mal Geld mit unserer Idee gemacht. Wir konnten also weiterarbeiten, weiterüberlegen, weiterhin unsere Mission verfolgen und unserer Vision näherkommen – Studierenden jederzeit Zugriff zu relevanten Prüfungsinformationen zu gewähren. Neben den ganzen Tiefs, die man so hat, kamen auch ab und zu ganz erfreuliche Hochs. Und es wurden einfach immer mehr Hochs, ehrlich. Wir hatten schon fast Angst, es könnte tatsächlich mehr Ups als Downs geben! 

Im Laufe des Jahres 2019 entwickelten wir dann gemeinsam mit der TU Wien unser zweites Produkt – die App Quinn. Diese soll ECTS-Gerechtigkeit und Studierbarkeit fördern und Studierenden gleichzeitig ein Lerntagebuch bieten, um die eigenen Learning Analytics zu verfolgen. Die App hat nach einem Jahr über 180.000 getrackte Stunden von Studierenden gesammelt – ein großer Erfolg. Wir entwickelten weiters auch HILFMA, um eine digitale Nachbarschaftshilfe per App in der Coronakrise zu ermöglichen. Auch diese wurde innerhalb kürzester Zeit von tausenden Menschen und Betrieben genutzt, sogar zur App des Jahres 2020 nominiert. 

Außerdem halfen wir vielen Organisationen bei der Digitalisierung, bei der Entwicklung von Produkten, berieten unglaublich kluge und tolle Menschen. Kaum zu glauben, dass wir heute als Experten in unserem Gebiet gelten. Unser Team leistet tagtäglich Unglaubliches, um weiterhin Fairness im Studium zu etablieren, zentrale Anlaufstellen für Prüfungsinformationen zu betreiben und Studierende zu verbinden. Durch die Motivation, durch enormen inneren Antrieb und Verfolgung unserer Mission haben wir tatsächlich nach den Sternen gegriffen. 

Es war zwar nicht immer leicht, aber wir sind von einem zutiefst überzeugt: Wenn man macht, was man gerne macht, dann macht man es gut. Und wenn man gleichzeitig ein starkes Durchhaltevermögen zeigt, wird man es schaffen. Heute sitzen wir in unserem Büro, in den letzten drei Jahren der Selbstständigkeit gefühlt um zehn Jahre gealtert – aber was soll‘s, wir kommen unserem Traum immer näher, wir erfüllen unsere Mission, wir haben eine Vision. 

Emir Selimovic, Mitbegründer timbite Solutions GmbH

Nachhaltig Studieren

  • 18.03.2021, 16:51

Nachhaltig studieren

Universitäten weisen bei ihren wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen ein fundamentales Manko auf: Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein werden praktisch ignoriert. Das muss sich ändern. 

Nach meinem Schulabschluss entschied ich mich für ein Studium der Ökonomie, um meinen Wissensdurst über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge zu stillen. Mich interessierten vor allem Volkswirtschaften insgesamt und die einzelnen Komponenten, die sie ausmachten. Wie funktioniert denn so ein Staat? 

Mit dieser und ähnlichen Fragen bewarb ich mich voller Elan an der Universität Wien, um Internationale Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Meine anfängliche Euphorie verebbte recht schnell aufgrund einer ernüchternden Kenntnis. Die Lehre legte ihren Fokus hauptsächlich auf die Vermittlung von profitmaximierenden Theorien, die andere bedeutsame Aspekte, wie beispielsweise Nachhaltigkeit, ignorierten.

Dabei war auch zu meiner Studienzeit bekannt, dass der fortschreitende CO2-Ausstoß zu erheblichen Krisensituationen führen würde. Die stetig steigende Erderwärmung hat schon jetzt Hitzewellen, Waldbrände und den Meeresspiegelanstieg zur Folge. Für eine zukunftsfähige Welt müssen wir unseren CO2-Ausstoß drastisch reduzieren. 

Verfechter*innen der Klimawende hatten diese Reduzierung jahrzehntelang gefordert und tatsächlich reagierte die Politik nach andauerndem Klimaaktivismus allmählich auf die Forderungen. Insbesondere die massive FridaysForFuture-Bewegung schlug hohe Wellen in der politischen Landschaft und selbst Politiker*innen, die nicht zu naturnahen Parteien gehörten, befassten sich allmählich mit der Klimakrise. 

Bei der UN-Klimakonferenz in Paris im Jahre 2015 beschlossen Staatenlenker*innen die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C, möglichst bei 1,5 °C zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Treibhausgasemissionen wohl auf globaler Ebene zwischen den Jahren 2045 und 2060 auf null gesenkt werden. 

Im Hinblick auf das Klimaabkommen von Paris hat sich die Europäische Kommission ambitionierte Ziele gesetzt. Sie möchte ihre CO2-Emissionen drastisch senken und dafür sorgen, dass Europa im Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent avanciert.

Faktisch ist eine entschiedene Reduzierung der CO2-Emissionen nicht mit unserem herkömmlichen Wirtschaftssystem vereinbar, da dieses die Umwelt nicht priorisiert. Grundsätzlich hat es das Ziel, kontinuierlich für Wirtschaftswachstum zu sorgen, wofür in der jetzigen Form fossile Ressourcen verbraucht werden müssen und die Umwelt zerstört wird. 

An dieser Stelle muss klar betont werden, dass Wachstum per se keinen negativen Sachstand darstellt. Im Gegenteil, Wachstum kann Innovationen fördern, die Lebensqualität steigern und somit viele positive Merkmale aufweisen. Allerdings darf Wachstum nicht auf Kosten der Umwelt oder marginalisierter Bevölkerungsgruppen entstehen. Tatsächlich hat unser Wirtschaftssystem Ökologie, Gesellschaft und Ökonomie rigoros getrennt, wodurch soziale sowie ökologische Dilemmata entstanden sind. Ressourcen, Naturflächen, Arten und Ökosysteme sind konfrontiert mit Übernutzung und Ausbeutung. Darüber hinaus werden die Kosten, die durch Abfallproduktion und die Zerstörung der Umwelt verursacht werden, in unserem Wirtschaftsmodell nicht bedacht.

Fakt ist: Unternehmen sind einem gewissen Einfluss der Umwelt ausgesetzt. Beispielsweise leiden Agrarunternehmen unter Dürresommern und verlieren beim Klimawandel. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU), der als NGO die Umwelt und die Natur schützen möchte, schreibt auf seiner Website: „Wir zahlen schon heute hohe Reparaturleistungen für die Dürreschäden in der Land- und Forstwirtschaft, für Überschwemmungen, den Zubau der Deiche oder die Aufbereitung unseres mit Nitrat belasteten Grundwassers. Dieses Modell, das alle Kosten auf die Gesellschaft, andere Länder oder zukünftige Generationen abwälzt, hat keine Zukunft. Gebraucht werden deshalb neue, ganzheitliche und gemeinwohlorientierte Ansätze des Wirtschaftens“. 

Die Klimawende gelingt nur mit Vertreter*innen der Wirtschaft

Eine Abhilfe für diese elementare Misere könnte das Nachhaltige Wirtschaften schaffen, das die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs bei steigendem Wachstum anstrebt. Im Fachjargon ist oft von „Entkopplung“ der Faktoren Ressourcenverbrauch und Wachstum voneinander die Rede. Eine solche Entkopplung ist für das Erreichen des Klimaziels 1,5 Grad Erderwärmung nötig. Doch einer Studie mit Beteiligung von Forscher*innen der Universität für Bodenkultur zufolge haben sich Materialverbrauch und Energiekonsum vom Wirtschaftswachstum so gut wie gar nicht gelöst.

Es muss ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft entstehen, bei dem Nachhaltigkeit und Umweltschutz zum Dogma erhoben werden. Nur mit kollektiven Kraftanstrengungen kann die Klimawende gelingen. Die*der einzelne Konsument*in kann sich z.B. an Siegeln orientieren, die umweltfreundliche Produkte und Dienstleitungen kennzeichnen. In Deutschland gibt es zum Beispiel den Blauen Engel, den nur nachhaltige sowie umweltschonende Produkte und Dienstleistungen erhalten. Der Blaue Engel kooperiert auch mit Österreich und kann für Verbraucher*innen als Indikator für einen nachhaltigen Konsum dienen. Noch bedeutsamer kann es jedoch sein, den sogenannten „materiellen Fußabdruck“ zu betrachten, der auch den Ressourcenverbrauch bei der Produktion berücksichtigt. So werden beispielsweise bei der Benutzung von Elektroautos keine fossilen Brennstoffe verbraucht, bei der Herstellung schon. Treibhausgasemissionen werden überwiegend von Betrieben verursacht, die der Wirtschaft zugeordnet werden können, nicht von Individuen. Demnach braucht es für die Klimawende die Kooperation von Vertreter*innen der Wirtschaftswelt.

Vor diesem Hintergrund fällt auf universitäre Einrichtungen, die zukünftige Unternehmer*innen ausbilden, eine besondere Verantwortung. Ein Studium stellt eine sehr prägende Zeit dar, die sich auch auf die Zukunft des*r jeweiligen Studierenden auswirkt. Umso wichtiger erscheint es, in der wirtschaftswissenschaftlichen Universitätsausbildung verpflichtende Kurse einzubauen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Die Schaffung einer Sensibilisierung im ökonomischen Universitätsumfeld ist wesentlich für das Erreichen eines nachhaltigen Wirtschaftssystems. In diesem Sinne müssten Fächer in den Stundenplan von Wirtschaftsstudiengängen eingebaut werden, bei denen die Dringlichkeit der Klimawende aufgezeigt werden. Curricula müssen den Aspekt der Nachhaltigkeit aufgreifen und dürfen sich nicht nur auf die Lehre der Neoklassik, also der herkömmlichen Wirtschaftslehre, beschränken. 

In Wirklichkeit gibt es schon eine Bewegung, die sich gegen eben diese neoklassische Unterrichtslehre stellt. Verfechter*innen der sogenannten „Pluralen Ökonomik“ kritisieren die traditionelle Wirtschaftslehre, da diese soziale sowie ökologische Aspekte nicht abdeckt und somit als realitätsfern gilt. Die Plurale Ökonomik hat ihren Ursprung um die Jahrtausendwende in Paris, wo Student*innen gegen den neoklassischen Monotheismus protestierten. Sie verurteilten die neoklassische Mainstreamlehre, die als absolutistische Unterrichtsform deklariert wurde. Befürworter der Pluralen Ökonomik sprechen sich für pluralistische Ansätze und Methoden aus, die sich nicht auf profitmaximierende Strukturen beschränken. Unter anderem fordern sie die Etablierung des nachhaltigen Wirtschaftens in der Universitätslehre.

Was genau ist denn die Neoklassik und wie wirkt sie sich auf die Universitätslehre aus?

„Die neoklassische Theorie stellt die Wirtschaft vor allem als System von Märkten dar, auf denen Angebot und Nachfrage durch die Güterpreise ins Gleichgewicht gebracht werden.“ Diese Beschreibung ist im Duden aufzufinden und im Grunde drückt sie aus, dass Unternehmen in ihrem Tun Gewinnmaximierung anstreben. Verbraucher*innen haben das Ziel, mit dem Konsum ihre Bedürfnisse zu befriedigen und die Wirtschaftsschaffenden antworten auf diese Nachfrage mit einem Angebot, durch das sie den größtmöglichen Profit generieren möchten. Je nachdem wie hoch die Nachfrage und das Angebot sind, pendelt sich der Preis für das jeweilige Produkt oder die Dienstleitung bei einem bestimmten Niveau ein. 

Eben diese Theorie wird im Studium als Maxime gelehrt, wodurch andere Ansätze unbeachtet bleiben. In meinem Studium wurde nicht nur der Aspekt der Nachhaltigkeit völlig ignoriert, sondern auch überwiegend der soziale Faktor. Erst später jedoch wurde mir bewusst, dass ich gewissermaßen eine Wissenslücke in Bezug auf das gesamtwirtschaftliche Konstrukt hatte. Nicht nur mir ging es so.

„Nach dem Studium habe ich gemerkt, dass ich überhaupt nicht vorbereitet war auf das wahre Leben und meinen Beruf in der Wirtschaftswelt. Eigentlich habe ich nur gelernt, dass die Anhäufung von Gewinn das Wichtigste ist. Heute weiß ich aber, wie bedeutsam Themen wie Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsability sind“, sagte eine ehemalige Kommilitonin von mir, die anonym bleiben möchte und auch Internationale Betriebswirtschaftslehre an der Universität Wien studiert hat. Als Mitarbeiterin in einer Marketingabteilung weiß sie, dass die Erzielung von Gewinn überaus wichtig ist, doch nicht das ausschließliche Ziel eines Unternehmens darstellen sollte. 

Insbesondere durch die eindrucksvolle FridaysForFuture-Bewegung hat sie sich mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit beschäftigt und eine gewisse Sensibilisierung zu diesem Thema erlangt. 

Nachhaltigkeit muss verpflichtend in die Studienpläne

Der Mangel an Nachhaltigkeitsthemen in Wirtschaftsstudiengängen ist kein Phänomen, das ausschließlich an der Universität Wien existiert. Auch an allen anderen staatlichen österreichischen Universitäten werden ökologische Themen nicht in den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen behandelt. Lediglich die Johannes-Kepler-Universität in Linz und die Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck bieten ökologische Wirtschaft als Wahlfach an. 

Meiner Meinung nach muss Nachhaltigkeit verpflichtend in die Curricula eingeführt werden, damit wir für uns und Folgegenerationen eine lebbare Welt schaffen können. Die klimatische Notlage ist akut und das muss auch in ökonomischen Studiengängen verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang habe ich eine Petition gestartet, bei der ich genau das verlange:

(http://chng.it/Zv9hCVzt). 

In unserem System muss sich vieles ändern, damit wir in Europa im Jahre 2050 Klimaneutralität behaupten können. Die Einführung von Nachhaltigkeit in den Wirtschaftsstudiengängen ist ein Anfang.

Atahan Demirel studiert internationale Betriebswirtschaftslehre an der Uni Wien

Hass im Netz

  • 18.03.2021, 16:08

Dickpicks nach der Yogastunde und Instagramkunde in der Volksschule

Unangemessene grafische Inhalte und beleidigende Privatnachrichten gehen Hand in Hand mit dem rasanten Wachstum der neuen Technologien und des Internets sowie der verstärkten Nutzung von Netzwerken wie Facebook, Telegram oder Tinder. Als Folge der anhaltenden Pandemie, die die Menschen in ihre Wohnungen - und vor allem hinter ihre Bildschirme - zwingt, schießen Cybergewalt und Hassattacken im Netz in die Höhe. Und damit auch die fatalen Folgen jener Übergriffe auf die Gesundheit junger Menschen. 

Vor ein paar Wochen spazierte ich um 7:30 Uhr nach meiner morgendlichen Yogastunde zu meinem Studijob in einer Kanzlei, als ich plötzlich einen Anruf von einer meiner engsten Freundinnen erhielt: „Babsi, ich war gerade bei der Polizei und bin noch sehr nervös, können wir kurz reden?“. Sie erklärte mir, dass sie trotz mehrmaligem „Nein“ von einem Mann unangebrachte Fotos erhalten hatte und dass es in Österreich (noch) keine Möglichkeit gäbe, ein solches Verhalten mit strafrechtlichen Konsequenzen zu ahnden. Komplett erschrocken verwandelte sich mein Spaziergang in eine unglückliche Recherche: 

Der aktuelle United Nations Women-Bericht besagt, dass im Jahr 2018 fast 73% der Frauen Online-Missbrauch erlebt haben. Erst kürzlich hat Hass im Netz einen neuen Höhepunkt erreicht: Zwischen Juli 2019 und 2020 wurden insgesamt 104.852 gefälschte Nacktbilder von Frauen veröffentlicht. Der Bösewicht in dieser Causa war ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter, großteils kostenloser Bot des Nachrichtenkanals Telegram. Benutzer*innen können dem Bot Fotos von Frauen –aktuellen Meldungen zufolge auch von Kindern - schicken, der diese daraufhin innerhalb kürzester Zeit digital auszieht.

Schmerzbereitend sind auch die Zahlen im Bereich Cyber-Stalking: 70 % der Frauen, die Cyber-Stalking erlebt haben, haben auch mindestens eine Form körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt durch einen Intimpartner erlebt, und 5 % der Frauen in Europa haben seit dem Alter von bereits 15 Jahren eine oder mehrere Formen von Cyber-Stalking erlebt.

Es ist kein Geheimnis, dass Frauen den (bisher gemeldeten) Zahlen zufolge weitaus am meisten von solchen Angriffen betroffen sind. Viel weniger wird über sexualisierten Kindesmissbrauch im Netz gesprochen. Dieser setzt sich zu 90% aus Darstellungen von Mädchen und zu 10% aus Darstellungen von Jungen zusammen. Entsetzlicherweise zeigen 79% davon Kinder im Alter zwischen 3 und 13 Jahren. 

Die Folgen solcher Angriffe sind fatal. Nach Angaben von Amnesty International erlebt jede zweite Frau, die Opfer von Online-Missbrauch wurde, ein geringeres Selbstwertgefühl oder einen Verlust des Selbstvertrauens sowie Stress, Angst oder Panikattacken. Im Jahr 2014 bestätigte UNICEF, dass das Risiko eines Selbstmordversuchs für Opfer von Cybercrimes 2,3-mal höher ist als für Nicht-Opfer.

In ganz Europa gibt es unzählige Initiativen, die Schutz vor Hass im Netz bieten. Um einige der zahlreichen Beispiele zu nennen: SafetyNed194, eine niederländische Plattform, die von vier Frauenhäusern geleitet wird, mit dem Ziel, sowohl Opfer häuslicher Gewalt als auch diejenigen, die sich um sie kümmern, mit Schutzinstrumenten auf digitalen Plattformen und neuen Technologien auszustatten; Fix the Glitch, eine im Vereinigten Königreich ansässige Organisation, die von Seyi Akiwowo, einer jungen britisch-nigerianischen Politikerin, gegründet wurde, bietet Workshops und Empfehlungen zur Bekämpfung des Online-Missbrauchs von politisch aktiven Frauen an; Antiflirting (mittlerweile @antiflirting2), ein Instagram-Account mit über 80.000 Followern, der Sexismus im Netz sichtbar macht; Dickstinction in Deutschland, eine Website mit der in unter einer Minute eine Strafanzeige erstellt wird; das No Hate Speech Movement des Europarates, Stop Cybersexisme in Frankreich, PantallasAmigas in Spanien oder ZARA, die österreichische Organisation für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit. 

ZARA ruft vor allem zur Zivilcourage auf. Es brauche entsprechende Präventionsmaßnahmen, weshalb der Verein ein Gegenrede-Tool entwickelt hat, damit man schnell und wirksam auf Hasspostings reagieren kann. Die Meldungen nehmen erschreckenderweise jährlich um ein Drittel zu. Allein im Zeitraum vom August 2019 bis September 2020 gingen bei der ZARA-Beratungsstelle #GegenHassimNetz 2.521 Hass-Meldungen ein. Durch die intensive Thematisierung und mediale Aufmerksamkeit wurde vielen Opfern erst bewusst, dass man sich gegen derartige Angriffe wehren kann: Es ist nicht verwunderlich, warum Joko und Klaas vor ein paar Wochen mit ihrer Ausstellung „Männerwelten“ über Gewalt gegen Frauen im Netz nicht mehr zu übersehen waren. Solche Aufschreie aus der Gesellschaft und Bewegungen, die Hass direkt thematisieren, wie beispielsweise #BlackLivesMatter, vervielfachen Meldungen. Einer auf ZARA veröffentlichten Statistik zufolge sind 35% der gemeldeten Fälle (straf)rechtlich verfolgbar – vorwiegend handelt es sich hier um Verhetzung, Beleidigung und Verstöße gegen das Verbotsgesetz – bei 65% der Meldungen konnten keine rechtlichen Schritte gesetzt werden.

Aktuell gibt es neben den bereits bestehenden Straftatbeständen eine eigene Strafbestimmung für "Cyber-Mobbing". Verstöße gegen diese sind mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen zu ahnden. Etwas mulmig wird mir bei der Strafbemessung, wenn die Tat den Selbstmord oder einen Selbstmordversuch der verletzten Person zur Folge hat. In diesen unvorstellbar schrecklichen Fällen sind Täter*innen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren zu bestrafen. Auf Gesetzgeberseite ist das Gesetzespaket „Hass im Netz“, das am 01.01.2021 in Kraft getreten ist, ein wichtiger Schritt für die Implementierung eines effektiveren Schutzes vor Hasspostings im Internet. Allerdings spießt sich das Gesetz mit mehreren EU-Richtlinien und könnte weniger wirksam ausfallen als erhofft. Es fällt mir schwer, bei dieser formalen Symptombekämpfung einen Erfolg zu verzeichnen, wenn man sich die Zahlen ansieht. Ist die Aufnahme neuer gesetzlicher Tatbestände wirklich der aktuell effektivste Schutz für Generation Google?

Nach wie vor wird genau diese Generation mit verstaubten Lehrplänen, wie sie unsere Eltern noch kennen, für das Leben ausgerüstet. Während unsere Jüngsten nach wie vor lernen, wie die alten Römer im Liegen aßen, wird kaum auch nur erwähnt, wer dafür verantwortlich ist, dass all die Antworten auf diese Fragen binnen Sekunden im Netz abrufbar sind oder wie man kritisch an die etlichen Antworten herangeht. Es wird in der Schule wochenlang darüber gesprochen, wie Nikotin die Lunge schwärzt, aber nicht darüber, wie das Internet unsere Denkweise und Laune, ja sogar unsere Hirnmasse in ihrer Form verändert. Das Zetterlschreiben ist binnen weniger Jahre zum WhatsApp-Chat geworden, der Unterricht hat sich bis auf das gelegentliche Aufpeppen durch Power Point kaum verändert. Wäre Corona nie gewesen, wäre wohl auch nie ein Onlineraum fürs Lernen denkbar gewesen. 

Jetzt ist es wichtiger als je zuvor genau diese Chance zu nutzen, um diesen virtuellen Raum in einen sozialen Lernraum zu verwandeln. Nur weil der Hass im Internet steht, bedeutet das nicht, dass er dort entsteht. Berichten des Europarates zufolge haben 54% der Opfer, die online schikaniert oder sexuell belästigt wurden, ihren Missbraucher im wirklichen Leben schon einmal getroffen. Es ist also zu Recht anzunehmen, dass potentielle Täter*innen im selben Klassenzimmer sitzen wie ihre Opfer. Jungen Erwachsenen muss nicht nur beigebracht werden, Gedichte zu analysieren, sondern auch kritisch mit sozialen Medien und den Inhalten, die man teilt und sieht, umzugehen. Der gravierende Einfluss dieser Medien und die damit einhergehenden Konsequenzen und Gefahren müssen jungen Menschen nähergebracht werden. Es wird Zeit, die Bühne für Lehrer*innen frei zu machen, die statt dem Handyverbot die Handys gemeinsam mit den Schüler*innen in die Hand nehmen. Und jetzt, wo man endlich in einem Raum angekommen ist, der uns dazu zwingt, uns mit Hass im Netz auseinanderzusetzen, muss ein Umdenken stattfinden. Kommunikation hat sich verändert und mit ihr auch die Köpfe der Schüler*innen. Im Schulalltag macht sich diese Veränderung aber kaum bemerkbar, sie wird oft ignoriert, anstatt sie mit in das Klassenzimmer zu nehmen. Natürlich kann man immer wieder mit dem Finger auf das Internet zeigen. Sinn macht es aber mehr, das Fingerzeigen in ein gemeinsames Tappen am Bildschirm umzuwandeln. 

Wie sieht es an Österreichs Hochschulen mit der Problematik aus? Langsam aber sicher – und um einiges schneller als im Pflichtschulbereich - kommt Hass im Netz auch in der Lehre an. Unter dem Begriff „Cyberpsychologie“ wird mittlerweile sogar ein Masterstudium an der FH WKW angeboten, das sich ausschließlich den Auswirkungen des Internets und der Sozialen Medien auf die Psyche des Menschen widmet. Verschiedenste Curricula erlauben immer wieder die Einbeziehung der Thematik im Pflichtbereich, immer öfter konfrontieren Dozent*innen und Professor*innen in ihren LVs Studierende direkt, wie beispielsweise in der letztes Semester auf der Uni Wien angebotenen Lehrveranstaltung „Hass im Netz: Geschlechterperspektiven auf Gewalt in digitalen Medien“. Von einzelnen Organisationen wurden während der Pandemie und während der Lockdowns vermehrt Helplines als Erstanlaufstelle eingerichtet und beworben. Die ÖH startete vor wenigen Wochen die „Mental-Health“-Kampagne „#reddrüber“, um die massive psychische Belastung von Studierenden nach außen zu tragen und aufzuzeigen, wo Hilfe bereitsteht. 

Je sichtbarer es wird, dass gemeinsam gegen solche Angriffe und daraus folgende Schwierigkeiten vorgegangen werden kann, und je transparenter und lauter Initiativen dagegen vorgehen, umso höher ist auch die Schwelle für potentielle Täter*innen. Zahlreiche Initiativen bewegen Gesetzgeber zu Reformen - ob diese solche Angriffe tatsächlich zurückdrängen werden, bleibt allerdings fraglich. Instagramkunde scheint vielleicht für so manch eine*n Leser*in etwas überspitzt. Solange die Problematik aber nicht intensiv(er) junge Menschen erreicht, wächst die potentielle Angriffsgefahr und mit dem Unwissen über (gesetzliche) Verfolgungsmöglichkeiten auch die Zahl der potentiellen Angreifer*innen. 

Barbara Abdalla

Dolores Bakos (Neos) im Interview.

  • 18.03.2021, 16:56

Dolores Bakos im Interview: Es braucht mehr Verlässlichkeit in der Politik im Zusammenhang mit langfristigeren Möglichkeiten!

Dolores Bakos, Abgeordnete im Wiener Landtag, hat sich Zeit genommen, das Vorhaben der NEOS betreffend die Zukunft der Student_innen im Rahmen eines Interviews zu erläutern. Wie geht es mit den Student_innen weiter? Ein kleiner Einblick in die Konzepte, den Wirtschaftsstandort Wien zu stärken, Generation Praktikum abzuschaffen und auch in der Krise zu unterstützen. 

Die Coronakrise hat zur Folge, dass das AMS im November 390.858 Menschen österreichweit als arbeitslos gemeldet verzeichnen musste. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 30,5 %. Wien muss für den Monat November sogar einen Anstieg von 31,6 % im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen, was für 142.638 Menschen in Wien die Erwerbslosigkeit bedeutet. 

Besonders Menschen mit ohnehin geringem Einkommen wie Studenten, die neben dem Studium oft auf geringfügige Dienstverhältnisse angewiesen sind, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern, trifft die Krise besonders hart. Laut Schätzungen der Österreichischen Hochschüler_innenschaft sind 60% der 380.000 Student_innen in Österreich neben dem Studium berufstätig, der überwiegende Teil davon in geringfügigen Dienstverhältnissen wovon mindestens ein Drittel bereits im März ihr Dienstverhältnis verloren haben. Zusätzlich scheint es, dass diese Berufsgruppe bei sämtlichen längerfristigen staatlichen Auffangnetzen durch die Maschen fällt. 

Die Österreichische Hochschüler_innenschaft fordern für geringfügig beschäftigte Student_innen ein System, das ähnlich dem der Kurzarbeit ist oder andere Unterstützungsmodelle. Ebenso Arbeiterkammerpräsidentin Renate Anderl: Sie betont, dass nicht nur Student_innen von der Krise betroffen sind, sondern auch Pensionist_innen, die sich ihre Pension verbessern und Eltern mit Betreuungspflichten, die auf diesen Zuverdienst angewiesen sind. 

Dolores Bakos ist Abgeordnete zum Wiener Landtag und somit Teil der führenden Kräfte der neuen Wiener Stadtregierung. Sie hat sich Zeit genommen, Fragen zur momentan eher trist wirkenden Situation der Student_innen zu beantworten.

Progress: Die Corona Krise trifft Studierende besonders hart, viele Student_innen haben ihren Job verloren, wie ist der Plan für Studenten hier neue Chancen und Möglichkeiten zu schaffen?

Dolores Bakos: Die Branchen, in denen Student_innen hauptsächlich tätig sind, sind überwiegend der Handel und die Gastronomie. Ziel der NEOS ist es vor allem in Hinblick auf diese Krise Möglichkeiten zu schaffen, die Klein- und Mittelbetriebe wirtschaftlich stärken. Den Betrieben sollen Werkzeuge in die Hand gegeben werden, die es erlauben, neue Arbeitskräfte einzustellen und auch zu halten. Eine vernünftige Abgabenregulierung der Wiener Betriebe kann hier ein erster Schritt sein. Gebrauchsabgaben beispielsweise sollten verhältnismäßig und treffsicher sein. Die Luftsteuer wäre etwa so ein Beispiel, das man sich ansehen müsste. 

Progress: Wäre eine Strategie im Zusammenhang mit der Kurzarbeit denkbar? Geringfügig Beschäftigte haben leider keine Möglichkeit auf ein Model dieser Art zurück zu greifen. 

Bakos: Ich sehe die Kurzarbeit als arbeitsmarktpolitische Intervention und nicht als sozialpolitische Maßnahme. Die Problematik mit der Kurzarbeit ist jene, dass dieses Model als Überbrückungshilfe gedacht ist. Die Überbrückung soll, metaphorisch dargestellt, von einem Steg zum anderen führen und eine Überbrückung des Flusses, also der Krise, darstellen. Sie darf nicht Steg ins offene Meer sein, bei niemandem. Kurzarbeit darf keine Endstation sein. Es braucht mehr Verlässlichkeit in der Politik im Zusammenhang mit langfristigeren Möglichkeiten. Gibt es keine Optionen nach der Corona-Krise für die Beschäftigten, macht dieses Modell keinen Sinn. 

Für Studierende in finanziellen Schwierigkeiten braucht es trotzdem dringend ein Auffangnetz. Wir sprechen uns klar für die Nachbesserung des Kurzarbeitsmodelles im Sinne der 350.000 geringfügigen Arbeitnehmer aus.

Zusätzlich ist der ÖH Corona Härtefonds ein gutes Instrument. Es gibt aber noch Lücken, die gefüllt werden müssen – zum Beispiel können Alleinerziehende in geringfügiger Beschäftigung nicht auf den Corona Familienhärtefonds zugreifen, was wir gefordert haben.

Progress: Es gab für Studierende die Lösung eines „neutralen Semesters“. Dieses galt jedoch nur in Bezug auf die Familien- und Studienbeihilfen. Die Studiengebühren für berufstätige Studierende oder jene, die aus anderen Gründen außerhalb der Regelstudienzeit sind, wurden nicht ausgesetzt. Welche Haltung haben die NEOS zu diesem Vorgehen?

Bakos: Hier sehe ich ganz klar Bildungsminister Heinz Faßmann in der Verantwortung. Das Hauptargument, warum die Studienbeiträge nicht rückerstattet werden, war, dass das Studium ja in digitaler Form weitergegangen ist. An den Fachhochschulen ist das überwiegend auch gut gelungen, an manchen anderen Hochschulen jedoch wurde die Digitalisierung verschlafen, weshalb nicht schnell genug auf Distance Learning umgestellt werden konnte. Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass eine echte Digitalisierung in den Hochschulen notwendig ist – nicht nur für und in Zeiten einer globalen Pandemie.

JUNOS Studierende haben sich im Übrigen stark für die Einführung von treffsicheren Gründen für den Erlass bzw. die Rückerstattung eingesetzt, etwa für Studierende in finanziellen Notlagen; Studierende, die besondere Dienste während COVID gleistet haben oder solche, die einfach nicht studieren konnten, da die Lehre nicht funktioniert hat.

Progress: Die Stadt Wien stellt im Rahmen des Contact Tracing Arbeitnehmer ein, wieso gibt es hier keine Möglichkeiten der Teilzeitanstellung, um auch von der Krise betroffene Studenten abzufedern?

Bakos: Das klare Ziel des Contact Tracings war es, die Pandemie zu bekämpfen und nicht die Arbeitslosigkeit. Je schneller die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle ist, desto schneller ist eine Wiederöffnung möglich, was wiederum zu besseren Chancen für Studierende am Arbeitsmarkt führt. Es muss klar sein, dass die Priorität auf einer effizienten und effektiven Eindämmung des Virus liegen muss.

Progress: Dass Langzeitarbeitslose zwischenzeitlich als Contact Tracer eingesetzt werden sollten ist jedoch ein klares Zeichen dafür, dass im Zuge der Pandemiebekämpfung auch gegen die Arbeitslosigkeit vorgegangen werden soll. Wieso hat man die Studenten nicht berücksichtigt, die sich eventuell auch gerne engagiert hätten und einige Arbeitsplätze für diese Zielgruppe geschaffen?

Bakos: Ich verstehe die Anliegen der Studenten und auch, dass das eine Möglichkeit gewesen wäre, die man hätte in Betracht ziehen können. Die NEOS sind jedoch erst seit einigen Wochen in der Stadtregierung, ich bin hier selbst nicht zuständig und kann mich hierzu daher nur bedingt äußern. 

Progress: Was können von der Krise betroffene Studenten akut tun, um Hilfe zu bekommen?

Bakos: Hier fällt mir, wie oben bereits erwähnt, der ÖH Corona Härtefonds ein. Das zum Beispiel wäre eine Möglichkeit, wie Studenten geholfen werden kann.

Progress: Der ÖH Corona Härtefonds ist mit seinen Kriterien selektiv bzw. handelt es sich dabei um eine einmalige finanzielle Unterstützung. Ist diese Möglichkeit ausreichend zur Abfederung?

Dolores: Der ÖH Corona Härtefonds ist ein wichtiges Mittel. Er ist zwar strikt, die engmaschigen Kriterien sorgen jedoch dafür, dass das Geld treffsicher verteilt wird. Unsere Lösung ist ein längerfristiger Prozess, der eine Wiederbelebung der Wirtschaft im Fokus hat, damit alle davon profitieren können. Zusätzlich kommt wie bereits angesprochen eine Nachbesserung des Kurzarbeitsmodells zugunsten der geringfügig Beschäftigten in Frage.  Die JUNOS haben sich auch um eine Rückerstattung der Studiengebühren bemüht, alle anderen Möglichkeiten sehe ich als längerfristigen Prozess, der vor allem nach der Krise stattfinden soll. 

Progress: Viele Studenten haben Angst, mit abgeschlossener Universität und einem Titel in der Tasche trotzdem vor der Arbeitslosigkeit zu stehen, vor allem die Krise und die damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen bestärken dieses Gefühl. Was kann hier eine Lösung sein? 

Bakos: Die Probleme mit Uni-Absolvent_innen zeichnen sich schon länger ab und es wird viel zu wenig darüber gesprochen. Meiner Meinung nach sind wir gerade dabei, eine „Generation Praktikum“ zu schaffen. Absolvent_innen müssen viel zu oft und lange zwischen befristeten und schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika hin und her hetzen, bevor sie zu einer Festanstellung kommen. Ziel der NEOS ist es den Wirtschaftsstandort Wien zu stärken und somit die Wettbewerbsfähigkeit der Stadt zu sichern. Durch eine aktive und innovative Standortpolitik sollen hier mehr qualitative Arbeitsplätze für AbsolventInnen geschaffen werden.  

Progress: Wie stehen die NEOS dazu, dass das Studiengesetz verändert werden soll? Von einer automatischen Exmatrikulation und einem mehrjährigen Verbot, diese Studienrichtung zu studieren, wird gesprochen. Auch eine Schwächung des Senats soll im Zuge dessen vorgenommen werden. 

Bakos: Zurzeit ist noch völlig unklar, wie viele Studierende von dieser Regelung überhaupt betroffen wären. Wir haben dazu eine Anfrage an Bildungsminister Heinz Faßmann gestellt, da ohne genaue Fallzahlen solche Entscheidungen nicht getroffen werden sollen. Uns ist es ein Anliegen, dass Studierenden die Situation nicht noch zusätzlich erschwert wird und eine solche Regelung nur um Karteileichen auszusortieren, geht viel zu weit.  

Um vor allem berufstätige Studierende zu unterstützen, fordern die JUNOS Studierenden ein Modell mit nachgelagerten Studiengebühren und gleichzeitig einem Ausbau der Teilzeitstudien. Hier fordern die JUNOS, welche sich sehr stark in diesem Bereich engagieren, mehr Flexibilität, im Konkreten, um nur einige Verbesserungsmöglichkeiten zu nennen, weniger Voraussetzungsketten, weniger verpflichtende Anwesenheit und mehr Wahlfächer. 

Die einseitige Schwächung des Senats begrüßen wir nicht. Die demokratische Mitbestimmung der Studierenden ist uns ein Anliegen und darf nicht geschwächt werden. 

Progress: Was machen berufstätige Studierende und solche mit Betreuungspflichten, ist der Ausbau der Beurlaubungsmöglichkeiten ausreichend, um diesen Studierenden einen fairen Zugang zu ermöglichen?

Bakos: Berufstätige Studierende sowie diejenigen mit Betreuungspflichten bräuchten vor allem die Einführung eines flexiblen Teilzeitstudiums. Der Ausbau der Beurlaubungsmöglichkeiten reicht hier eindeutig nicht. Es muss möglich sein, das Studium so zu gestalten, wie es einem passt, damit man eben nebenbei arbeiten kann, um das Leben zu finanzieren, oder, damit man seine Betreuungspflichten wahrnehmen kann.

Progress: Vielen Dank für das Interview!

 

Die Sache mit der Psyche

  • 18.03.2021, 16:16

Die Sache mit der Psyche

Die Corona-Krise drückt auf die Seele. Junge Menschen sind besonders gefährdet. Es ist höchste Zeit zu handeln.

Florenz im 14. Jahrhundert: In Italien wütet die Pest und rafft die Bevölkerung dahin, Leichengestank hängt in den Straßen, Institutionen funktionieren nicht mehr, die Gesellschaft bricht auseinander. Sieben junge Frauen und drei Männer entfliehen dem Tumult und ziehen sich auf einen Landsitz zurück. Dort erzählen sie einander ihre Geschichten, genießen köstliche Speisen und Wein, tanzen, um ihre Sorgen zu vergessen. Was der italienische Schriftsteller Giovanni Boccaccio in seinem Meisterwerk, dem Decamerone, beschreibt, erfahren wir rund 700 Jahre später am eigenen Leib: Anstatt der Pest ist es nun das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, das Menschenleben auf der ganzen Welt fordert und alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens beherrscht. Von Tanz und Genuss ist wenig übrig. Wir befinden uns inmitten einer Krise, deren Auswirkungen weder vor dem Gesundheits- und Bildungswesen, noch vor dem Arbeitsmarkt und dem wirtschaftlichen System Halt machen. Noch etwas ist längst nicht mehr zu übersehen: Corona macht Angst. Und einsam. Expert*innen warnen, dass jetzt eine dritte Welle anrollt – und zwar die der psychischen Erkrankungen.

Quälende Unsicherheit. 

Der international bekannte Psychiater der Harvard Medical School, Viktor Patel, ist alarmiert. Auf der Online-Konferenz der Europäischen Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten warnt er vor einem „weltweiten Tsunami schwerer psychischer Leiden“ infolge der Isolation und Angst. Eine Studie der Donau-Universität Krems bestätigt, dass auch die österreichische Bevölkerung psychisch stärker belastet ist als vor der Pandemie. Besonders besorgniserregend: Die depressiven Symptome haben auch nach Ende des ersten Lockdowns weiterbestanden. Insbesondere jene Menschen, die im Lockdown verstärkt Stress und Einsamkeit durchlebt hatten, waren danach prädestiniert für Depressionen und Co. Doch während zu Beginn der Krise befürchtet wurde, dass hauptsächlich ältere Menschen aufgrund ihres hohen Infektionsrisikos und des damit einhergehenden höheren Isolationsfaktors unter der seelischen Belastung leiden würden, zeigte sich rasch ein anderes Bild: Es sind auch junge Erwachsene zwischen 20 und 30, denen die Ausnahmesituation auf die Psyche schlägt. Die Fakultät für Psychologie der Universität Wien startete während des ersten Herunterfahrens des Alltages im April eine siebentägige Tagebuchstudie. 800 Teilnehmer*innen in Österreich und Italien machten dabei fünfmal am Tag via Smartphone-App Angaben zu ihrem Wohlbefinden und Stressniveau. Mit dem Ergebnis, dass Ängste und Unsicherheiten den Jungen besonders zu schaffen machen. Aber warum?

Abnabelung auf dem Prüfstand.

Unser soziales Leben liegt seit Monaten auf Eis. Bitter ist das für jede und jeden, aber gerade unsere Generation wird in einer heiklen Phase erwischt – nämlich jener der Identitätsbildung. Das Entwickeln eigener Interessen und Routinen, das Gestalten von Eigenzeit, spannende Übergangsphasen in neue Lebensabschnitte – vieles ist gerade nicht möglich und nicht alles kann in „besseren Zeiten“ nachgeholt werden. „Es gehört im jungen Erwachsenenalter dazu, sich gegen das Establishment aufzulehnen, andere Meinungen infrage zu stellen, um sich die eigene zu bilden. Da wiegen alternativlose Regeln und Maßnahmen umso schwerer“, betont Dr. Mag. Birgit Hladschik-Kermer, MME, Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie an der MedUni Wien. Auch die notwendige Distanz zu Mitmenschen ist ein hartes Pflaster für die Psyche: „Gerade für junge Menschen ist der Kontakt mit Gleichaltrigen ein wichtiger Baustein der emotionalen und kognitiven Entwicklung“, sagt Hladschik-Kermer. Das Wegfallen dieses Bausteins sei vor allem dann problematisch, wenn man wenig Kontakt zur Familie hat oder wenn ein stabiles soziales Netz fehlt – zum Beispiel, weil man erst kürzlich von zuhause ausgezogen, Jobeinsteiger_in oder single ist. Funktionierende soziale Ressourcen aufzubauen wäre jetzt wichtiger denn je, meint die Expertin. Einfach sei das aber nicht, denn: „Zurzeit haben viele junge Menschen mit massiven Schuldgefühlen zu kämpfen. Medial wird ihnen oft der schwarze Peter zugeschoben, sie werden für die starke Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht. Diese Stigmatisierung ist falsch – was natürlich nicht bedeutet, dass man in Zeiten wie diesen Partys veranstalten soll. Es bräuchte aber spezifische Unterstützungsangebote für alle Altersgruppen und das Aufzeigen von Perspektiven.“ 

Die Bedeutung von Zukunftsperspektiven ist nicht zu unterschätzen: Sie geben dem Leben eine Richtung und helfen dabei, auch Durststrecken durchzustehen. Wichtig dabei ist jedoch, dass der zeitliche Rahmen abgesteckt ist und man weiß, wie lange ein Zustand noch andauert.  Wir denken zum Beispiel an die Abreißkalender, die wir früher vor den Ferien oder vor der Matura gebastelt haben – eine optische Hilfe für die Seele. Dass aktuell aber das zeitliche Ziel fehlt, ab dem wir unsere sozialen Bedürfnisse wieder befriedigen und unseren Hobbys nachgehen können, ist einer von vielen Stressfaktoren. „Über uns schwebt eine Wolke aus Unsicherheit“, sagt Hladschik-Kermer. „Dieser Zustand ist nicht nur unangenehm, er führt auch zu einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems. Dadurch kommen möglicherweise auch Ängste an die Oberfläche, die bereits vor der Pandemie bestanden haben, die man aber im normalen Alltag und mit einem strukturierten Tagesablauf gut bewältigen konnte.“ Hinzu komme in vielen Fällen die fehlende Erfahrung im Umgang mit Krisen. „Ältere Menschen haben in ihrem Leben meist schon einige Krisen durchgemacht und sich dadurch Bewältigungsstrategien angeeignet, die sie jetzt anwenden können. Junge Erwachsene verfügen meist noch nicht über diese Krisenresistenz“, so die Psychologin. 

Zukunftsängste?

Social Distancing zieht sich nicht nur durch das Privatleben sondern bleibt uns vorerst auch im Studium nicht erspart. Wenngleich sich durch den Fernunterricht auch bestimmte Vorteile ergeben, haben Studierende dennoch viele Herausforderungen zu bewältigen. „Distance Learning erfordert sehr viel Selbstdisziplin und Organisation. Gleichzeitig bekommen Studierende ein unterschiedlich hohes Maß an Qualität geboten. Lehrkräfte wiederum sind gefordert, digitale Mittel kreativ zu nutzen, Feedback zu geben und den Studierenden Unterstützung anzubieten. Die Situation ist für beide Seiten nicht einfach und oftmals überfordernd“, gibt Hladschik-Kermer zu denken. Die Novelle des Studienrechts, mit der künftig Mindestleistungen für Studienanfänger_innen festgeschrieben werden (wer nicht in den ersten zwei Jahren seines Bachelorstudiums 24 ECTS-Punkte sammelt, verliert die Studienzulassung) ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Auch der Ausblick auf eine baldige Impfung offenbart nicht unbedingt rosige Aussichten. Es wird eine ganze Weile dauern, das Wirtschaftssystem wieder anzukurbeln. Vielfach wird die Befürchtung geäußert, dass es die Jungen sein werden, die in den kommenden Jahren finanzielle Wogen glätten müssen. Das sorgt für Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und wirft Fragen auf: „Werde ich nach dem Studium einen Job finden? Bekomme ich einen Praktikumsplatz? Kann ich es mir überhaupt leisten, eine Familie zu gründen?“ 

Belastung ist keine Schwäche.

Wie geht man mit all diesen Unsicherheiten am besten um? „Indem man auf jeden Fall das Gespräch mit jemandem sucht, dem man vertraut“, sagt Hladschik-Kermer. Sind persönliche Gespräche aufgrund der Maßnahmen nicht möglich, empfiehlt die Expertin Videocalls, da man sich dem*der Gesprächspartner*in dabei verbundener fühlt als beim Telefongespräch. Darüber hinaus gibt es auch verschiedene kostenlose anonyme Angebote, an die man sich jederzeit wenden kann. „Was uns im Augenblick besonders fehlt sind die schönen Dinge, die man gerne macht und mit denen man sich belohnen kann – zum Beispiel sich zum Essengehen verabreden oder einmal über das Wochenende wegzufahren. Nichtsdestotrotz sollte man auch jetzt versuchen, sich ab und an etwas Gutes zu tun, auf das man sich freuen kann“, rät die Psychologin. Das können ganz banale Dinge wie ein Spaziergang, ein virtuelles Mittagessen mit Freund*innen oder Sport sein. „Routinen vermitteln Sicherheit in einer unsicheren Zeit. Wer sich einen Tagesplan erstellt, bringt Struktur in den Alltag. Auch körperliche Aktivität tut jetzt gut – sie hält gesund und hebt die Laune“, sagt Hladschik-Kermer. Zusätzlich rät sie zum regelmäßigen Nachrichten-Fasten, denn uns wurde zwar die Kontrolle über einige grundlegende Bereiche genommen, aber wir können uns die Kontrolle darüber zurückholen, wann wir uns über die Geschehnisse informieren. Denn auch wenn wir tausendmal am Tag einen Liveticker verfolgen, können wir die aktuelle Situation nicht ändern und werden in den meisten Fällen nur zusätzlich in Panik versetzt. Eine Sache, betont Hladschik-Kermer, sei jetzt besonders entscheidend: „In Zeiten wie diesen psychisch belastet zu sein, ist keine Schwäche – im Gegenteil! Es ist ganz normal, während einer Pandemie nicht immer gut gelaunt, positiv und produktiv zu sein.“ Deshalb: Seid nicht zu streng mit euch selbst. Bessere Zeiten werden kommen!

Michaela Neubauer hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und arbeitet hauptberuflich als Redakteurin.

 

Privilegiendiskurs

  • 18.03.2021, 17:01

Privilegiendiskurs

Im öffentlichen Diskurs über Diskriminierung hat sich in letzter Zeit der Schwerpunkt von Diskriminierung auf deren Gegenstück, nämlich sogenannte „Privilegien“ verlagert, zum Beispiel in Form von Listen „männlicher Privilegien“, „weißer Privilegien“ oder vergleichbarer „Privilegien“ anderer Identitätskategorien. Auch wenn derartige Konzepte eine längere Vorgeschichte haben, geht der jetzige Diskurs vor allem auf den 1988 verfassten Text „White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack“ von Peggy McIntosh zurück, in dem eine Liste von „Privilegien“ angegeben ist, die von Weißen üblicherweise als selbstverständlich erachtet werden.

Es besteht die Frage, wie sinnvoll hierfür der Begriff „Privilegien“ ist, welcher üblicherweise verwendet wird, um eine Ausnahme vom Normalfall zu beschreiben, was auch von der Definition im Duden als „einem Einzelnen, einer Gruppe vorbehaltenes Recht, Sonderrecht; Sonderregelung“ angedeutet wird. Wenn eine Personengruppe ungefähr die Hälfte oder sogar eine Mehrheit der Gesellschaft ausmacht, ist es deswegen fraglich, inwiefern das dann nicht eher den Normalfall als eine Ausnahme vom Normalfall darstellt.

Unabhängig davon, ob der Begriff jetzt gut gewählt ist oder nicht, soll im Folgenden der Inhalt genauer betrachtet werden. Neben Fragen der Repräsentation bestehen diese „Privilegien“ nämlich vor allem einfach darin, nicht auf Grund einer bestimmten Identitätskategorie diskriminiert zu werden. Dies stellt auch Peggy McIntosh fest, wenn sie schreibt, dass manche dieser „Privilegien“ nicht unbedingt schädlich sind, sondern die Norm in einer gerechten Gesellschaft darstellen sollten. Wenn man will, dass Menschen nicht auf Grund irgendwelcher Identitätskategorien benachteiligt werden, scheint es aber widersinnig, sich auf die Abwesenheit derartiger Benachteiligung zu konzentrieren. Das Problem liegt ja dann vor, wenn gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen wurde und nicht, wenn das Diskriminierungsverbot eingehalten wurde.

Auch wenn Diskriminierung in den einschlägigen Texten als ein strukturelles statt nur individuelles Problem angesehen wird, wird aber gleichzeitig die Lösung dieses Problems individualisiert. Die Reflexion eigener Privilegien mag vielleicht nützlich sein, um ein Problembewusstsein zu schaffen, aber dies wird wenig helfen, wenn man das Problem vor allem darin sieht, dass andere Menschen nicht ebenso ihre Privilegien reflektieren. Während bei Peggy McIntosh hier noch ein Bewusstsein für die mangelnde Effektivität eines individualistischen Lösungsansatzes vorhanden ist, wird ein derartiger Ansatz in neueren Texten teilweise offen propagiert, wie das folgende Zitat von Robin DiAngelo zeigt: „Since all individuals who live within a racist system are enmeshed in its relations, this means that all are responsible for either perpetuating or transforming that system.“

Im Gegensatz zu strukturellen Lösungsansätzen lassen sich solche individualistischen Ansätze auch gut vermarkten, wie die mittlerweile nur mehr schwer überschaubare Industrie sogenannter Diversitätstrainings zeigt. Inwiefern die dort angeleitete Reflexion tatsächlich dazu beiträgt, diskriminierendes Verhalten zu beseitigen, ist dabei unerheblich. Der tatsächliche Abbau von Diskriminierung würde vielleicht sogar einen wirtschaftlichen Schaden bedeuten, wenn ausbleibende gesellschaftliche Veränderungen darauf zurückgeführt werden, dass anscheinend noch nicht genügend Selbstreflexion betrieben wurde – wofür man dann die Lösung in Form von noch mehr Diversitätstrainings im Angebot hat.

Unabhängig von derartigen Entwicklungen konzentriert sich aber auch schon der ursprüngliche Text vor allem auf das Verhalten von Individuen. Es stimmt zwar, dass gewisse Identitätskategorien einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz am Wohnungs- oder Arbeitsmarkt darstellen, aber andererseits ist es irritierend, welche Art von Konkurrenz hier aufgebaut wird. Statt zu fragen, warum diese Konkurrenz überhaupt besteht, wird das Problem auf gewisse Personengruppen innerhalb dieser Konkurrenz verlagert. In der Praxis ist dies vor allem dazu geeignet, eine Entsolidarisierung der Gesellschaft zu fördern, wenn sich zum Beispiel die „privilegierten“ und diskriminierten Wohnungssuchenden als entgegengesetzte Interessensgruppen betrachten statt als gemeinsame Interessensgruppe gegenüber dem Wohnungsmarkt. Auch für die Situation von diskriminierten Minderheiten wird es wenig förderlich dabei sein, gesellschaftliche Mehrheiten auf die eigene Seite zu bringen, wenn diese vor allem als Teil des Problems angesehen werden. Minderheiten mögen zwar überproportional von gewissen Problemen betroffen sein, aber immun sind gesellschaftliche Mehrheiten deswegen nicht: So mag eine „weiße“ Hautfarbe in den USA vor rassistisch motivierten Polizeiübergriffen schützen, aber vor Polizeiübergriffen im Allgemeinen schützt sie nur bedingt, wie das Extrembeispiel von Hannah Fizer zeigt, die im Juni 2020 von der Polizei erschossen wurde, obwohl sie selbst unbewaffnet war.

Wohin der Diskurs über „Privilegien“ in der Praxis führen kann, zeigt auch die kürzliche Debatte um die Rücknahme der „Hacklerregelung“, von der ÖVP-Vizeklubchefin Gaby Schwarz als „Männerpension“ und „ungerechtes System“ bezeichnet, da in der Praxis ausschließlich männliche Schwerarbeiter von dieser Regelung profitieren: Nicht nur eignet sich der Fokus auf „Privilegien“ bestens dazu, den Abbau von Sozialleistungen zu begründen – er ermöglicht es darüber hinaus sogar, den Abbau von Sozialleistungen als emanzipatorischen Akt darzustellen.

 

Politischer Aktivismus an kurzer Leine

  • 08.06.2020, 17:50
Was machen Aktivist_innen, wenn das öffentliche Leben stillsteht? Vertreter_innen von Attac, Fridays for Future und Seebrücke geben Antworten.

Krisenzeiten sind Regierungszeiten. Wenn Tag ein Tag aus nur ein Thema die Debatte dominiert, hat es die Opposition schwer – von Aktivist_innen ganz zu schweigen. Vor allem zu Corona-Zeiten stellen sie sich die Frage: Wie organisieren, auf sich aufmerksam machen, Öffentlichkeitsarbeit betreiben – wenn Menschenansammlungen untersagt sind und ohnehin kaum jemand zuhört? Andererseits sind Krisenzeiten immer auch Zeiten, in denen Neues entstehen kann.

Der Politikwissenschafter Martin Dolezal forscht an der Universität Salzburg zu politischem Protest. Er erklärt, dass öffentliche Versammlungen, wie etwa Demonstrationen, zwar laut COVID-19-Verordnung erlaubt sind – die Abstandsregelung solche Veranstaltungen aber zusätzlich erschweren. Hinzu kommt, so Dolezal auf progress-Nachfrage, dass es für Aktivist_innen schwieriger geworden ist, mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Falls eine Aktion doch den Weg in die Medien findet, sei der „Tenor der Berichterstattung im Moment aufgrund der breit rezipierten Sichtweise, den öffentlichen Raum nur eingeschränkt zu nutzen, eher negativ“.

Schulstreik ohne Schule. Noch bevor so ein Protest überhaupt stattfindet, will dieser organisiert werden. Und dabei, so schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, fühlen sich viele Aktivist_innen derzeit „wie Schwimmer in einem Becken voller Honig. Jede kleinste Aktion ist mühsam“ [1]. Die Umstellung aufs Homeoffice, erklärt Lisa Mittendrein, Sprecherin von Attac, war eine „große Herausforderung“, sei in ihrem Team in Anbetracht der Umstände aber einigermaßen gut gelungen. Dennoch: „Innerhalb kurzer Zeit arbeitsfähig zu werden, die richtigen Tools zu finden und allen die Mitarbeit zu ermöglichen, war nicht ganz einfach“.

Für das Bündnis Seebrücke sind es insbesondere die Einschränkung demokratischer Grundrechte seitens der Regierung, die die Arbeit erschweren. Durch den de facto-Ausnahmezustand, kritisieren Aktivist_innen der Seebrücke, werde „Aktionismus in der Öffentlichkeit generell kriminalisiert“. Eine Aktion dreier Seebrücke-Aktivist_innen vorm Haus der EU in der Wiener Innenstadt endete für die Beteiligten mit rechtlicher Verfolgung – obwohl der geforderte Sicherheitsabstand eingehalten und Schutzmasken getragen wurden, wie sie auf Nachfrage beteuern.

Wenn die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus jemanden einen Strich durch die Rechnung machten, dann wohl Fridays For Future: Ein Schulstreik in Zeiten, in denen Schulen geschlossen sind, ist keiner. Der für 24. April angedachte globale Klimastreik wurde ins Internet verlegt, aus dem analogen „Earth Strike“ wurde ein digitaler „Netzstreik fürs Klima“. Rund 1.000 Menschen nahmen in Österreich via Livestream teil, informiert Anna Lindorfer, Sprecherin von Fridays For Future Österreich. Ob es unter normalen Umständen wohl mehr geworden wären? Diese Frage will Lindorfer nicht gelten lassen: „Normale Umstände hat es nie gegeben“. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen geändert hätten, dürfe die aktuelle Corona-Situation keine Ausrede sein, „denn die Rahmenbedingungen ändern sich kontinuierlich und die Klimakrise wird uns, wenn wir nichts unternehmen, mehr und stärkere Ausnahmezustände bescheren“.

Digitale und analoge Bubbles.Neben der physischen Präsenz, dem Umstand, dass die Forderungen einer Bewegung in der Öffentlichkeit sichtbar werden, ist es das Gemeinschaftsgefühl, das die DNA von Aktivismus und Protest ausmacht: Gemeinsam singen, musizieren, laut sein; nicht zuletzt das Bier aus der Dose. Online ist das Alles schwer vorstellbar. Den langfristigen Erfolg von Netzaktivismus sieht Politikwissenschafter Dolezal daher kritisch: „Aus Sicht der Partizipationsforschung sind Formen des Online-Aktivismus eher kurzfristig und führen zu keinem stabilen, längerfristigen Engagement, für das auch Gefühle der Gruppenzugehörigkeit entscheidend sind“. Ebenso fehlen die imposanten Bilder, die während einer Demo entstehen und oftmals um die Welt gehen. Onlineaktivist_innen haben es schwerer, die eigene digitale Bubble zu durchbrechen, um auch außerhalb ihres Klientels Aufmerksamkeit zu erregen.

Kann diese außergewöhnliche Situation für zivilgesellschaftliches Engagement dennoch eine Chance sein? Ja, findet Lindorfer von Fridays for Future. Durch die Krise werde vielen erst bewusst, dass das, was lange als „normal“ galt, so „normal“ gar nicht ist. Die Krise, erklärt Lindorfer, lasse viele „über unser instabiles Wirtschaftssystem und die unsichere Zukunft nachdenken“. In letzter Zeit hätten sich daher viele neue Aktivist_innen bei ihrer Organisation gemeldet.

Auch bei der Seebrücke sieht man durchaus Chancen, die diese Krise bieten könnte – wenn auch aus den objektiv falschen Gründen: Durch die desaströse Situation in den Camps der Geflüchteten, wie beispielsweise im griechischen Moria, die sich durch die Corona-Pandemie nur noch verschärft, steige das Bewusstsein dafür, „dass etwas getan werden muss“. Aber man dürfe „die Chancen solch einer Situation auch nicht überbewerten“, warnen die Seebrücke-Aktivist_innen. Den Chancen eines solidarischeren Umgangs miteinander stehen die Gefahren einer Vertiefung rassistischer (Grenz-)Politiken und einer weiteren Prekarisierung vulnerabler Gruppen gegenüber.

Auch innerhalb von Attac sei man „zwischen Risiken und Chancen hin- und hergerissen“, erklärt Mittendrein. Einerseits hegt man die Hoffnung, „neoliberale Dogmen aufzubrechen“, andererseits sei auch die Gefahr einer Vertiefung autoritärer Politik klar erkennbar, oder dass – wie das auch nach der Krise 2008 der Fall war – der Klimaschutz erneut Unternehmensinteressen geopfert wird. „Schwere Krisen sind immer Momente, in denen die Zukunft neu ausverhandelt wird“, findet Mittendrein.

Quellen:

[1] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/aktivismus-in-corona-zeiten-auch-revolutionaere-bleiben-zu-hause-16741672.html