• 22.05.2015, 13:16

Veranstalter*innen und Publikum eint auf Tech-Veranstaltungen meist eines: Sie sind männlich, weiß und hetero. Stuart Cameron hat aufgrund des akuten Mangels an queeren Tech-Events vor einem halben Jahr unicornsintech gegründet und erstmals das #unitfestival veranstaltet.

Veranstalter*innen und Publikum eint auf Tech-Veranstaltungen meist eines: Sie sind männlich, weiß und hetero. Stuart Cameron hat aufgrund des akuten Mangels an queeren Tech-Events vor einem halben Jahr unicornsintech gegründet und erstmals das #unitfestival veranstaltet.

Das Festivalgelände liegt etwas abgelegen in der Straße der Pariser Kommune, Nahe des Berliner Ostbahnhofs. Die Wege rund um den Bahnhof sind weitläufig, aufwändige Graffitis zieren die Mauern um das Industriegelände. Man muss zweimal hinsehen, um den Eingang zu finden. Berliner Underground eben. Der Fritz Club gewährt den Besucher*innen genau die Art von lässiger Atmosphäre, die man von einem alternativen Tech-Festival erwartet. Es ist dunkel, verwinkelt und kalt. Obwohl die Party vom Vortag schon zu Ende ist, kann man den Geruch von Zigaretten und Bier erahnen. Im Inneren des denkmalgeschützten Gebäudes sind unzählige Kilometer Kabel und Lüftungsrohre verlegt worden, um den Veranstaltungsort optimal nutzbar zu machen. 1200 Menschen hätten theoretisch Platz, um irgendwo zwischen Liegestühlen, Vintagesofas, Bar und den drei Stages Platz zu nehmen.

Foto: Bianca Xenia Mayer

„Wenn wir 100 Leute zu unserem ersten Festival herbekommen, sind wir schon happy. Bis gestern haben sich 500 Leute registriert. Mal schauen, wie viele davon auch kommen“, erzählt mir unicornsintech-Gründer Stuart freitagmorgens. Eine unbegründete Sorge. Schon gegen zehn Uhr füllen sich die Sofas im Garden Tent. Zeit für die Eröffnungsrede.

Thematisch breit gefächert reihen sich englischsprachige Vorträge wie „Bitcoin and the Promise of Cryptocurrencies“, „Stigma of Boredom & Why We Love it: Elaborating Games With a Global Visual Language“ oder „Fluid Creativity Between the Digital & Physical“ aneinander. Das überschaubare Gelände ist in eine Mainstage, zwei sogenannte classrooms und zwei weitere, kleine Bühnen unterteilt.

Bässe wummern von früh morgens bis zum Ende des Tages durch die Gänge. Auf den Stress, der mit Massenveranstaltungen wie der re:publica einhergeht, hatten die Veranstalter*innen sichtlich wenig Lust. Die re:publica ist eine der wichtigsten Tech-Konferenzen in Deutschland, die sich mit Themen rund um das Web 2.0, die digitale Gesellschaft und soziale Medien befasst. Sie wird seit 2007 in Berlin veranstaltet und zählte dieses Jahr mehr als 6000 Teilnehmer*innen. 

Foto: Bianca Xenia Mayer

„Es gibt nicht nur Vorträge, sondern auch Musik. Künstler*innen sind da, man kann vieles direkt ausprobieren, zum Beispiel die Virtual-Reality-Brille. Das ist ein angenehmer Mix“, findet Stuart. Während man auf der re:pulica zeitweise das Gefühl hatte, auf einem netzwerkorientierten Business Speed-Dating gelandet zu sein, wird auf dem #unitfestival erstmal im Garten gechillt und auf neue Freund*innen gewartet.

Vor der Gründung von unicornsintech musste der diplomierte Betriebswirt feststellen, dass es zwar viele elaborierte Events gab, allerdings kaum welche, die sich explizit an queere Menschen richteten. „Es ist schwer als Einhorn auf solchen Veranstaltungen. Wir haben uns dann gedacht: Lass uns doch ein cooles Tech-Event machen, mit einer Atmosphäre, in der jedes Einhorn willkommen ist.“ Die unicornsintech sind eine Community, die die Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans-Menschen in der Szene aktiv unterstützt und sich Queerness auf die Fahne schreibt, statt sie lediglich in einem Beisatz zu erwähnen. „Du kannst hier so sein, wie du bist, es juckt wirklich niemanden. Das ist es, was diese Veranstaltung besonders macht und was man hiervon mitnimmt. Diese gewisse Offenheit.“

Blaue Haare, lila Blumenschmuck, karierte Leggins. Unterschwellige Fashion Statements unterstreichen szeneninhärente Codes, statt sie zu zerschlagen. Das ist auch auf dem #unitfestival nicht anders als anderswo. Aktuell liegt der Frauenanteil des #unitfestival trotz der gut gemeinten Bestrebungen bei nur 35 Prozent, 50:50 wäre das Ziel. Die erste offizielle Session des Tages hält Anna Rojahn zu „Societal Change Through the Rise of Artifical Intelligence“. Dabei konfrontiert sie das Publikum mit der Frage, inwiefern künstliche Intelligenz ein Gewissen entwickeln kann und wenn ja, bis zu welchem Grat sich dieses Gewissen mit unseren Ideen von Moral und Ethik decken würde. Dass es schon für Menschen schier unmöglich scheint, einheitliche Vorstellungen von Moral zu entwickeln, ist bekannt.

Foto: Bianca Xenia Mayer

Wer nicht länger still sitzen wollte, konnte sich über eine Wendeltreppe Zutritt zum zweiten Stock verschaffen. Dort erwartete die Festivalteilnehmer*innen nicht nur Abwechslung in Form von Mario-Kart-Tournaments, sondern auch Workshops mit vielversprechenden Titeln wie: „Time to Leave For Berghain: Sobering Tales From a Frontier Called #identity“. Der vielleicht berühmteste Techno-Club Berlins ist nicht weit von der Location entfernt. Matteo Cassese beschäftigte sich in diesem Vortrag auch mit dem Einfluss mobiler Endgeräte auf unser alltägliches Leben. Wieso lächeln wir auf Profilfotos eigentlich so bescheuert? Brauchen wir Wecker, die uns daran erinnern, einen Club zu verlassen? Langjährige Feiergewohnheiten fließen in unser Big Data Profil mit ein, dem die plötzliche Alkoholabstinenz verdächtig vorkommt.

Foto: Bianca Xenia Mayer

Auch sehenswert: Die Live Coding Performance von Joseph Wilk, der allen Anwesenden Einblicke in die Welt des Programmierens gewährte. Ein wechselhaftes, schnelllebiges und buntes Spektakel, das auf der Leinwand ein Eigenleben aus herumschwirrenden Codes entwickelte.

Fern von Heteronormativität stellt das #unitfestival eine gelungene Alternative zu herkömmlichen Veranstaltungen dar, die laut Stuart durchaus ihre Daseinsberechtigung haben. „Wir haben nichts dagegen, dass es so etwas gibt. Es sollten aber auch Veranstaltungen existieren, die einen etwas anderen Fokus haben und die Branche auflockern. Wenn zwei Jungs oder zwei Mädels Hand in Hand bei uns über das Festival laufen, ist das das Normalste auf der Welt. Wenn die das auf einer anderen Tech-Veranstaltung machen, bleibt ein Hintergedanke: Bin ich hier wirklich willkommen oder schaut jetzt jemand blöd?“

Foto: Bianca Xenia Mayer

Zwischen all den Apps, kreativen Communities und zum Austesten bereitgestellten Wearables tönte Musik von den Razor Kunts, einer riot grrrl punk band, die mit zwei Cellos, Bass Drum und Snare ausgestattet gekonnt no wave mit punk kombiniert. No Wave entstand Ende der 1970er Jahre in der Lower East Side von New York City und gilt bis heute als avantgardistische Antwort auf die New-Wave-Bewegung. Ambika Thompson und Jane Flett schreiben erfrischende Songs über Menstruation und Zungenküsse mit Frida Kahlo.

Neben all den spaßigen Aktivitäten und Sand zwischen den Zehen sollte die Aneignung von Wissen nicht zu kurz kommen. Am frühen Nachmittag konnten alle Interessierten an einer Crypto-Party teilnehmen und dort lernen, wie das Verschlüsselungsprogramm enigma funktioniert. „Cryptoparty ist eine globale dezentrale Bewegung. Wenn du heute sagst, ich schmeiß morgen eine Cryptoparty in einem kleinen Dorf in den Alpen, dann darfst du das. Das Einzige, was du machen musst, ist die Richtlinien zu respektieren. Wenn du das nicht machst, kriegst du kein Publikum“, erklärt Shiro, Aktivistin und Journalistin, das Konzept. Das bedeutet: Keine Belästigung, kein Stalking, kein unangemessener körperlicher Kontakt und keine verletzenden und beleidigenden Worte.

„Ein Angel erklärt dir beispielsweise die E-Mailverschlüsselung, der muss das schon ausprobiert haben. Manchmal gibt es auf Cryptoparties auch Leute, die Crypto-Software Entwickler sind. Die meisten Leute sind aber wie ich.“ Ihren Bachelor hat Shiro in den Fächern Deutsch und Französisch abgeschlossen. Ein Handy benutzt sie mittlerweile nicht mehr. „Bis vor einem Jahr hatte ich einen Windows Rechner, Skype, Facebook und Gmail. Du brauchst gar nicht so extrem zu sein, um ein Crypto Angel zu werden.“ Man könne auch mit einem ganz normalen Windows PC, einem iPhone und Facebook Profil dazugehören. „Jeder der mitmachen will, kann mitmachen. Das ist das Schöne an Cryptoparty.“

Foto: Bianca Xenia Mayer

Stuarts oberstes Ziel, nämlich eine gute Zeit zu haben, hat sich für mich erfüllt. Ich habe zum ersten Mal bei der Verschlüsslung von E-Mails zugesehen, gelernt, wofür man einen public key benötigt und etwas über Asimov’s Three Laws of Robotics erfahren. Für das nächste Festival bleibt zu hoffen, dass der Anteil an Speakerinnen, insbesondere jener der nicht weißen, cis-hetero Frauen erhöht wird.

Teilnehmer*innen äußerten auf Twitter Kritik an der weißen Suprematie, die auch vor dem inklusiven #unitfestival nicht halt machte. Zudem hätten sich manche Besucher*innen einen stärkeren Fokus auf LGBT-Thematiken in der Tech-Branche gewünscht. So auch Theresa Enghardt, eine queere Feministin aus Berlin: „Es hätte mich gefreut, auf den Bühnen noch mehr explizit queere Inhalte zu sehen, denn ein signifikanter Teil der Vorträge nahm auf Technik Bezug, aber nicht auf das „queer”.”

Theresa, deren Bisexuailtät oftmals „nur als eine Phase" abgetan wird, fühlte sich von einer Session mit dem Titel „Lesbians who Tech“ nicht angesprochen, da bisexuelle Teilnehmer*innen zwar auch willkommen, aber nicht explizit angesprochen sind. “Schön und gut, aber ich bin nicht lesbisch, und ich möchte nicht unsichtbar gemacht werden und bei „Lesben" mitgemeint sein. Ich möchte nicht das Risiko eingehen, dass Leute entsetzt reagieren, wenn ich von einer Beziehung mit einem Mann erzähle. Ich wurde auf queeren Veranstaltungen dann schon geschockt gefragt, ob ich denn hetero sei. Mir wurde das Gefühl gegeben, ich gehöre nicht richtig dazu.”

Der partizipative und persönliche Charakter des Festivals muss an dieser Stelle hervorgehoben werden. Vor allem im Vergleich zu großen Tech-Veranstaltungen wie der re:publica war es auf dem #unitfestival deutlich leichter, mit spannenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Auch abseits der Sessions waren die Speaker*innen dazu bereit, sich mit Interessierten über ihre Vorstellungen von einer digitalen Zukunft auszutauschen.

 

Bianca Xenia Mayer studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

AutorInnen: Bianca Xenia Mayer