• 01.03.2020, 00:22
Es gibt HIV-positive Menschen und Menschen die studieren - die Schnittmenge dieser zwei fällt im Diskurs aber meistens raus. Ein Bericht über Leben und Studieren am Rande der Tabuisierung.

„Ich verstehe gar nicht, wie du bis jetzt in dem Zustand studieren konntest“. Dieser Satz vom Arzt beschäftigte Michael*, als er die Ordination verließ. Plötzlich machte alles Sinn - Michael war Student und im vierzehnten Semester. Lange Zeit hatte er gedacht, dass er schlichtwegs die geistige Kapazität für ein Studium nicht besäße. Seine Kommiliton_innen, mit denen er angefangen hatte zu studieren, waren mit ihrem Studium längst fertig. Michael litt unter Konzentrationsschwäche und Müdigkeit. Üblicherweise konnte er Vorlesungen nicht folgen und sich nicht auf Prüfungen vorbereiten.

Doch dann war klar warum – er erhielt die Diagnose HIV-positiv. Dabei war der 27-Jährige am Anfang seines Studiums sehr erfolgreich. Jede Prüfung bestand er mit ausgezeichneten Noten. Später verschlechterten sich seine Leistungen und er fiel öfters durch. Irgendwann traute er sich nicht, mehr als drei Vorlesungen pro Semester zu belegen, normal sind bei seinem Curriculum sechs. Michael hat sich mit dem Virus im Laufe seiner Studienzeit vermutlich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt. Er meint selbst, „Ich war dumm, ich hatte Sex ohne Kondom“. Sex war für ihn ein Tabuthema, da Michael homosexuell und nicht geoutet ist. Weder mit seiner Familie noch mit Freund_innen konnte er über seine Sexualität reden. Dieses Schweigen führte dazu, dass er sich einsam fühlte und Zuneigung bei anonymen OneNight-Stands fand. Im Nachhinein ist ihm klar: „ich hatte Angst davor, nicht akzeptiert zu werden und entwickelte Minderwertigkeitskomplexe“.

Obwohl er selbst spürte, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte, wollte er sich nicht auf Geschlechtskrankheiten testen lassen. „Aus Scham ging ich nicht zum Arzt“. Schließlich erfuhr der Student durch einen Bluttest seinen Status. „Es war furchtbar, die Ärztin sagte mir, dass ich HIV-positiv bin, verwies mich an einen Facharzt und gab mir nur paar Broschüren mit. Mit dem Schmerz, der auf diese Nachricht folgte, musste ich alleine klarkommen. Ich hätte mir psychologische Unterstützung gewünscht“. Kurz darauf fing er mit der Behandlung an. Jeden Morgen und jeden Abend musste er eine Pille nehmen, die den Ausbruch von AIDS bekämpfen soll. Doch die Pillen hatten starke Nebenwirkungen, jeden Morgen musste er sich übergeben und bekam Wunden im Mund. Also erhielt er andere Tabletten, deren Nebenwirkungen nicht so heftig waren. Tatsächlich musste er in der Anfangsphase seiner Behandlung alle zwei Wochen zur medizinischen Kontrolle. Später wurden diese Kontrolltermine weniger.

Mittlerweile ist HIV kein Todesurteil mehr, Medikamente hemmen die Ausbreitung der Viren im Körper. Mit der richtigen Behandlung kann das Virus so weit unterdrückt werden, dass gängige Testmethoden den HI-Virus im Blut nicht nachweisen. Allerdings kann der Erreger nicht ganz eliminiert werden. Einige der Viren verstecken sich im Knochenmark, in Immunzellen oder im Gehirn. Damit Michael unter dieser Nachweisgrenze bleibt, muss er die zum heutigen Stand der HIV-Forschung verfügbaren Medikamente ständig zu sich nehmen. „Ich nehme die Medikamente natürlich jeden Tag ein, denn so kann AIDS nicht ausbrechen und ich kann andere nicht anstecken“. Solange er die Behandlung fortführt, besteht für seine Mitmenschen keine Ansteckungsgefahr. Der gemeinnützige Verein AIDS Hilfe Wien verdeutlicht: „Im Alltag kann HIV nicht übertragen werden. Eine wirksame Therapie unterdrückt HIV im Körper (bis unter die Nachweisgrenze). So können HIV-positive Menschen das Virus – auch beim Sex – nicht weitergeben.“

Nichtsdestotrotz sind Menschen mit dem HIV-Erreger stark stigmatisiert. Als Michael irgendwann den Mut hatte, sich seinen besten Freund_innen gegenüber zu öffnen, fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Hauptsächlich erfuhr er Mitgefühl und Unterstützung, doch eine Freundin distanzierte sich tatsächlich und wurde vorwurfsvoll. „Sie fragte mich, wie ich nur so dumm sein konnte und behauptete sogar, dass ich nicht begraben werden kann, sondern verbrannt werden muss“. Die Gemütslage von Betroffenen ist häufig sehr schlecht, sie verfallen oft in Depressionen und können suizidgefährdet werden. Die Tatsache, dass das Thema HIV üblicherweise totgeschwiegen wird, führt zu einer verstärkten Trauer. Michael haben die stundenlangen Gespräche mit Freund_innen und Expert_innen sehr viel geholfen. „Durch die Unterhaltungen mit meinem Therapeuten oder mit Freund_innen konnte ich meine Situation verarbeiten“.

Michael hat auch schon die psychologische Studierendenberatung der Universität Wien in Anspruch genommen. Allerdings kannten sich die Berater_innen mit dem Thema überhaupt nicht aus und konnten ihm keine konkrete Hilfeleistung bieten. Der Student hätte sich von der Universität mehr Unterstützung gewünscht. Um Jugendliche auf die Risiken von ungeschütztem Geschlechtsverkehr vorzubereiten, bietet die AIDS Hilfe Jugendpräventionsarbeit an, bei der sie Jugendliche über Ansteckungsgefahren informiert. Frenky Varga von der AIDS Hilfe Stuttgart beteuert die Wirkung bei Jugendlichen: „Man merkt, dass viele sich der Risiken von ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht bewusst sind, weil beispielsweise im Elternhaus nicht darüber geredet wurde“. Ganz wichtig ist es, das gesellschaftliche Stigma gegen HIV-positive Menschen aufzubrechen, und Personen mit HIV nicht auszugrenzen. Für ein größeres Verständnis sind Debatten und Diskurse vonnöten, die HIV-Belange behandeln. Veranstaltungen an der Universität, die die Thematik aufgreifen, können für ein geschärftes Bewusstsein sorgen.

AutorInnen: Atahan Demirel