Inter-vention

Inhalt

Inter-vention. Eine Buchrezension.

„Medizin orientiert eigentlich darauf, dem Menschen zu nützen, nicht ihm zu schaden“, schreibt Heinz-Jürgen Voß in seinem aktuellen Buch Intersexualität – Intersex. Eine Intervention. Eigentlich sollte dies ein banaler Allgemeinplatz sein. Aber in Bezug auf die Situation von Intersex-Personen kommt die Medizin genau dieser allgemeinen ethischen – und damit gesellschaftlichen – Anforderung nicht nach. Dies ist auch der Ausgangspunkt von Voß' Buch, das wir als eine kritische wissenschaftliche Intervention in die aktuellen Debatten um das Thema Intersex verstehen können.

Neben all den klischeehaften Darstellungen in Mainstream- Medien und verklausulierten wissenschaftlichen Studien, in denen gesellschaftliche Interessen und eigene Vorurteile zumeist verschleiert werden, bietet dieses kleine Büchlein einen kompakten Überblick. Zuerst wird in die Geschichte des Phänomens „Hermaphroditismus“ und „Intersexualität“ sowie der damit verbundenen medizinischen Maßnahmen eingeführt. Die zweite Hälfte befasst sich mit der aktuellen medizinischen Situation und gibt eine Zusammenschau von Studien, die Behandlungsergebnisse und -zufriedenheit von Betroffenen evaluieren. Dadurch entwickelt dieses kompakte Büchlein das Potential zur breit verwendbaren Argumentationsgrundlage für medizinisch- und juristisch-politische Debatten. Jedenfalls wird klar, dass die bestehende Situation den Betroffenen mehr schadet als nützt und somit auch medizinisch-ethisch nicht vertretbar ist.

Ähnlich wie in seiner ausführlicheren und als Grundlage zu empfehlenden Einführung in das Thema Geschlecht. Wider die Natürlichkeit (2011. Schmetterling Verlag) versteht es Voß, wissenschaftliche Sachverhalte auch in historische und aktuelle gesellschaftliche Kontexte einzubinden. Trotz des wissenschaftlichen Charakters ist der Biologe Voß dabei stets darum bemüht, die Sachverhalte in allgemein-verständlicher Weise zu erläutern.

Das Thema Intersexualität wird mittlerweile auch in (versuchsweise sozialkritischen) Krimiserien wie „Tatort“ (Münster im September 2011; Luzern im Mai 2012) aufgegriffen. Und kritische Interventionen – wie sie Voß auch mit diesem Buch liefert – scheinen auf meist oberflächliche Auseinandersetzungen beispielsweise in Fernsehsendungen zu wirken. Dabei wird Raum für feinere Differenzierungen geschaffen und auf die Betroffenen-Perspektive fokussiert. Zudem lehrt diese Intervention auch auf einer Metaebene etwas über die Verquickung von Wissenschaft und Gesellschaft. Es zeigt, wie marginalisierte und nicht-normierte Personen, Themen und Phänomene als (gewaltvolles) Experimentierfeld dienen, um gesellschaftliche Normierungen in anderen Bereichen festzuschreiben – in diesem Fall den Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit und, versteckt, zur Heterosexualität.

Heinz-Jürgen Voß (2012): Intersexualität – Intersex. Eine Intervention. Münster: Unrast Verlag. 80 S., 7,80 Euro

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