• 03.07.2014, 15:34

Am 11. Juli startet in Sofia/Bulgarien mit der heurigen „Ecotopia Biketour“ eine Fahrradreise, die durch Serbien, den Kosovo, Mazedonien und Griechenland führen wird. Susi Huber berichtet für progress online über die Geschichte, die Ambitionen der Organisator _innen und den Ablauf des Projekts, bei dem die Teilnehmer_innen autonom über deren Teilnahme und Reiselänge entscheiden.

Am 11. Juli startet in Sofia/Bulgarien mit der heurigen „Ecotopia Biketour“ eine Fahrradreise, die durch Serbien, den Kosovo, Mazedonien und Griechenland führen wird. Susi Huber berichtet für progress online über die Geschichte, die Ambitionen der Organisator _innen und den Ablauf des Projekts, bei dem die Teilnehmer_innen autonom über deren Teilnahme und Reiselänge entscheiden.

Ich bin in der neu eröffneten Bikekitchen (1) in Europas größtem besetzen Haus, dem Yfanet, in Thessaloniki zu Gast. Es wird geschraubt, gewerkt und gebastelt, diverse alte Räder werden auf Vordermann/Vorderfrau gebracht, denn es ist nicht mehr lang Zeit, dann geht es los...

Doch wie kam es dazu? Nach der Wiedervereinigung und dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde es plötzlich wieder möglich, dass sich Menschen aus dem Osten und Westen treffen, so entstand die Idee von einem gemeinsamen utopischen, ökologischen Festival. Das Ecotopia Gathering wurde erstmals 1989 in Köln abgehalten. Um dem ökologischen Festival Genüge zu tragen, entstand schon im darauf folgenden Jahr die Idee mit dem Fahrrad anzureisen – die Ecotopia Biketour wurde geboren: „Langsam genug, um mit der Natur in Einklang zu sein, aber doch schnell genug, um das Gefühl zu behalten, dass man auf Reisen ist“. Es reisten also um die 100 Personen aus ganz Europa mit dem Fahrrad an und übernachteten in Turnsälen. Es gab eine eigene Küchencrew, die mit dem Auto dabei war.

Foto: Susi Huber

Im Laufe der 90er Jahre wurde diese Form der Anreise immer wichtiger, man fuhr mit dem Rad zum Festival ins Baltikum, entlang der Donau bis nach Bulgarien, durch Frankreich in die Schweiz, von Ungarn nach Rumänien, Polen, Niederlande, Moldawien, England, Spanien, Italien und durch das ehemalige Jugoslawien. Immer mit den Prinzipien des Festivals im Kopf, dessen Wunsch: eine auf Gemeinsamkeit beruhende Gesellschaftsordnung , die auf alle Fälle eine stark ökologische Komponente hat. Im Jahr 2008 fand das Ecotopia Gathering, das Festival zu dem man fuhr, erstmals nicht statt. So wurde die Tour in Bezug auf die ausgewählten Orte die berreist und besucht werden können unabhängiger.

Wo geht es dieses Jahr hin? Nach mehr als zwanzig Jahren gibt es nur mehr wenige Länder, in dem die Fahrradtour noch nie war: Deshalb geht es heuer nach Griechenland. Startpunkt ist am 11. Juli 2014 in Sofia/Bulgarien, von dort geht es weiter durch Serbien, den Kosovo, über Mazedonien nach Griechenland. Während dieser Tour sollen Stopps eingelegt werden, um diverse ökologischen oder zivil-gesellschaftlichen Projekten einen Besuch von mehreren Tagen abzustatten, mitzuarbeiten, Workshops zu organisieren oder einfach nur mit den Menschen eine Zeit lang zu leben.

Als einer der ersten Stopps in Griechenland geht es nach Thessaloniki. Da die komplette Reise heuer von zwei EU-Freiwilligen von dort aus geplant wird, wird es in der Stadt einiges zu sehen und zu erleben geben. Eine der Basisstationen wird sicherlich das Yfanet Europas größtes besetztes Haus – sein. Denn hier treffen sich eben jetzt schon die Fahrradbegeisterten, um die Tour zu planen und an Fahrrädern zu schrauben. Aus altem Fahrradschrott werden mit Hochdruck neue gebastelt, um es allen Menschen, die Lust haben, zu ermöglichen die Tour mitzumachen. In Thessaloniki ist es traditionell nicht sehr verbreitet mit dem Fahrrad zu fahren, was sicherlich an den hohen Temperaturen in den Sommermonaten liegt, außerdem ist radeln auch nicht ganz ungefährlich, weil der Straßenverkehr nicht darauf ausgelegt ist und Radwege, bis auf die Promenade am Meer, äußerst rar sind. Außerdem wird es einen Stopp im selbstorganisierten Kulturzentrum Sxoleio geben, ein weiteres besetztes Haus, in dem man jeden Abend hervorragend speisen kann und in dem zahlreiche andere Aktivitäten stattfinden. Hier gibt es einen Bioladen, der ökologisch vertretbare Produkte aus der Region verkauft. Ein weiteres Ziel ist ein Gemeinschaftsgartenprojekt und „Vio.me“ eine von den Arbeiter_innen besetzte und gemeinschaftlich verwaltete Fabrik.

Anschließend ist Halkidiki in Nordgriechenland angedacht, das Urlaubsparadies mit seinen malerischen Stränden und Buchten eignet sich definitiv zum Verweilen. Außerdem solidarisieren sich die Abenteuerurlauber_innen im Südosten der Halbinsel mit den Protesten der lokalen Bevölkerung gegen den Bau von Goldminen. Ein ähnliches Projekt wurde schon letztes Jahr in Cluj/Rumänien besucht. Die Reise führte durch mehrere Orte, in denen man einen Einblick in die Proteste gegen den Goldabbau bekam.

Wie wird das Leben auf Tour organisiert? Jedem Menschen bleibt es selbst überlassen, wie lange und wie weit er oder sie bei der Tour mitfährt, ob eine Woche oder die gesamte Zeit von 2,5 Monaten. Die Koordinator_innen legen Wert darauf, dass es jedem Menschen möglich ist teilzunehmen, deshalb planen sie Tagestouren von maximal 60 Kilometern, je nach Straßenbedingungen und Höhenkilometern. Zentral bei der Tour ist der Werte-Austausch mit Menschen aus ganz Europa, es geht dabei weniger darum wie weit gefahren wird, sondern um das gegenseitige voneinander lernen und den gemeinsamen Weg.

Jedem und jeder steht es frei während der Fahrt zu entscheiden, welches Tempo gefahren wird, deshalb werden die Tagesetappen so geplant, dass ein paar „Scouts“ eingeteilt werden an erster Stelle zu fahren und mit Kreide die Route für die anderen am Boden zu markieren. Am Abend trifft man sich schließlich wieder und es wird gemeinsam gegessen.

Jeden Tag wird jemand anderer eingeteilt, um regional einzukaufen und mit Hilfe eines Rocketstoves[8] für alle zu kochen. Geldbedarf entsteht eigentlich vorwiegend durch das benötigte Essen. Für den Zweck wird von jedem oder jeder Teilnehmer_in zwischen 3 und 5 Euro pro Tag eingesammelt. Dies passiert völlig anonym, es wird lediglich auf einer Liste vermerkt, dass diese oder jene Person bezahlt hat, nicht jedoch die Summe, die bezahlt wurde. Ernährt wird sich vegan, um niemanden auszuschließen, aber auch aus ökologischen und politischen Gründen.

Geschlafen wird während diesen 2500 Kilometer bei den angesteuerten Projekten alternativen Lebens, in besetzen Häusern, sozialen Zentren, in Zelten oder unter freiem Himmel.

Foto: Susi Huber

Wer ist verantwortlich für die Tour? Im Großen und Ganzen entsteht die Gemeinschaft während der Tour immer neu, je nachdem wer mitradelt und sich einbringt. Es gibt Aufgaben, für die sich jeden Tag jemand anderer melden soll. Dokumentiert wird das ganze ebenfalls freiwillig. Es gibt immer wieder Menschen, die gerne Berichte schreiben, besonders spannend wird es, wenn es zu einem Ereignis zwei verschiedene Sichtweisen gibt.

Im Vorfeld wird die Tour von einem Team von zumeist zwei bis drei Personen geplant und organisiert. Einer der Koordinatoren erzählt, dass sie hoffen in Zukunft das Vorbereitungsteam zu erweitern. Dieses Jahr sind es zwei Personen aus Österreich und England, die stationär in Thessaloniki sind. Finanziert werden diese zwei Posten durch den EU-Freiwilligendienst. Die Freiwilligen wählen die Projekte aus, die sie spannend finden. So entsteht eine Route, die vielleicht nicht immer dem direkten Weg folgt, aber schöne Orte und interessante Projekte einbezieht. Besonders wichtig ist dabei, dass die lokalen Gegebenheiten eingebunden werden und die Bevölkerung vor Ort zum Fahrradfahren motiviert wird. Eine der wichtigsten Dinge dabei ist die Sprachbarriere, deshalb werden alle Texte in die verschiedensten lokalen Sprachen übersetzt (Bulgarisch, Serbisch, Mazedonisch, Albanisch und Griechisch).

Schließlich ist nur mehr eine Frage offen: Wie kann ich Teil dieses Projektes werden? Auf meine Frage während des Interviews zum Podcast wie man ihnen helfen kann, sagt einer der Organisatoren, dass man Werbung für die Tour machen kann, um vor allem diese Art der Lebensweise zu verbreiten. Eine Utopie, die helfen soll, einen respektvolleren Umgang miteinander zu pflegen, naturbewusster zu leben, im Einklang mit der Natur, der Umwelt und den Menschen. Letztlich steht es jedem und jeder frei sich für die Tour anzumelden und sich Zeit zu nehmen, den südöstlichen Teil Europas mit dem Rad zu erkunden.

 

(1) Bikekitchen ist ein Begriff, der Allgemein für selbstorganisierte Fahrradwerkstätten im deutschsprachigem Raum gebraucht wird, in denen Menschen anderen zeigen, wie man Fahrräder repariert, ohne selbst Expert_in zu sein.

(2) Ein Rocketstove ist ein transportabler Hockerkocher, der mit Holz geheizt wird, ein Ofenmodell ähnlich einem Kachelofen. Die Hitze breitet sich durch ein spezielles Durchzugssystem äußerst ökonomisch aus.

https://www.ecotopiabiketour.net

Podcast zum Artikel: http://termitinitus.virtualkitchen.org/

Die Autorin lebt und arbeitet in Salzburg und hat Politikwissenschaften und Soziologie studiert.

 

AutorInnen: Susi Huber