• 15.03.2014, 12:28

Ist die Leber sinnlos? Die Wiener Gruppe nicht.THEATER geht dieser Frage auf den Grund und inszeniert Werner Schwabs Stück rund um Eskapaden und Familienskandale. Der Zuschauer ist mittendrin statt nur dabei und kann vor Ort seinen technischen und sozialen Skills bei Skype, Facebook und Co frönen. Premiere ist am 15. März.

Ist die Leber sinnlos? Die Wiener Gruppe nicht.THEATER geht dieser Frage auf den Grund und inszeniert Werner Schwabs Stück rund um Eskapaden und Familienskandale. Der Zuschauer ist mittendrin statt nur dabei und kann vor Ort seinen technischen und sozialen Skills bei Skype, Facebook und Co frönen. Premiere ist am 15. März.

 

Es muss scheppern. Die Aussage von Werner Schwab soll für das Ensemble nicht.THEATER der Anlass gewesen sein, Schwabs Stück „Volksvernichtung“ für ihre mittlerweile dritte Produktion auszuwählen. Laut und komisch darf es sein, durchaus auch vulgär und absurd. Mit klassischem Theater können sie scheinbar nicht viel anfangen, gerne aber mit Ausgefallenem und Neuem. Wie steht’s mit der Distanz zum Publikum? Klare Antwort der freischaffenden Theatermacher: Rein in die Interaktion mit dem Publikum, Grenzen verschieben und den Zuschauer lustvoll und auf möglichst viele Arten miteinbeziehen! Die Gruppe nicht.THEATER besteht aus der Regisseurin Rieke Süßkow, einem Produktionsteam und den sieben SchauspielerInnen Aleksandra Corovic, Anna Blumer, Steve Schmidt, Herwig Ofner, Sabine Herget, Miriam Fussenegger und Angela Ahlheim, die sich alle vor ein paar Jahren gesucht und gefunden haben. Vergangene Produktionen sind „Die Beautyqueen von Leenane“ (Oktober 2012) und „Protect Me nach Falk Richter“ (Mai 2013). Das Potenzial des Theaters im 21. Jahrhundert sieht die Gruppe darin, mit zeitgenössischem Theater eine neue haptische, akustische und visuelle Erfahrung zu schaffen. Ihr Credo lautet: Weg aus der Hauptstadt, hin zu den Menschen. Aus diesem Grund wählten sie als Veranstaltungsort die „Blaue Lagune“ bei Wiener Neudorf. Die Anlage bietet mit ihren Fertighäusern eine paradiesisch klingende, familiäre Atmosphäre, die sich das Team für ihr dramatisches Stück zu Nutze machen will, da „Volksvernichtung“ ebenfalls von drei Familien und von der scheinbaren Intimität des Eigenheims handelt.

 

 

Kleckern und Protzen im großen Stil. Die 1991 uraufgeführte Radialkomödie des Grazer Autors Werner Schwab hat für das Ensemble „nichts an Aktualität eingebüßt“. So gewinnt das Publikum bei „Volksvernichtung – Oder meine Leber ist sinnlos“ Einblicke in das Zusammenleben dreier sozial unterschiedlich angesiedelten Familien in einem Mietshaus: Frau Wurm und ihr körperlich beeinträchtigter Sohn Hermann gehören zum unteren Rand der Gesellschaft. Herr Kovacic lebt mit seiner Frau und den zwei Töchtern ein scheinbar glanzvolles Bilderbuchleben, Pensionistin Grollfeuer führt als Hausherrin ein strenges Regiment. Die Welt ist instabil, da bietet das Daheim eine der letzten Konstanten. Der „private“ Wohnraum bewahrt vor der hektischen Welt draußen, aber in der „Volksvernichtung“ verschwimmen die Grenzen.

Den Höhepunkt der Aufführung liefert der dritte von vier Akten, in dem sich alle drei Familien bei einem pompösen Geburtstagsmahl an Speis und Trank sowie dem bittersüßen Leben laben. „Fotzenmaul“ oder „blutige Geburtsscheiße“ sind nur zwei der Phrasen, welche durch ihre Komik die Absurdität des Lebens und das prätentiöse Verhalten der Charaktere entlarven sollen.

Zum Schluss endet alles im noblen Speisezimmer der vornehmen Frau Grollfeuer, die, um die eigene Sinnlosigkeit zu vergessen, ihre „Leber um eine Erträglichkeit strapaziert“. Dem irren Lebenskampf ihrer Mitmenschen setzt sie mit vergiftetem Essen und Getränken ein Ende, um im letzten Akt die angedeutete Volksvernichtung doch nur als Imagination abzuhandeln.

 

 

Big Brother is watching you. In diesem Stück fungiert der Zuschauer als gesellschaftskritischer Voyeur: Im Musterhaus hat er auf zwei Etagen unterschiedliche Räume vor sich, in denen sich das Leben der verschiedenen Familien abspielt. Schonungslos sind die Szenen des scheinbar so intimen Zusammenlebens, die sich vor den Augen des Publikums auftun. „Die Inszenierung funktioniert quasi wie Reality-TV“, so die Produktionsleiterin Lisa Schöttel. Videos und Interviews auf Fernseh-Bildschirmen wechseln sich mit schauspielerischen Szenen ab, langweilig wird dem medienaffinen Beobachter also nicht. Zwei Laptops verbinden das Publikum mit den Darstellern, die via Ipad und Iphone über Skype kommunizieren. Und auch der Facebook-Liebhaber kommt auf seine Kosten, denn Posts und Bilder sind Teil des Schauspiels und können sofort geliked oder kommentiert werden.

Auch das Thema Werbung findet große Bedeutung, meint der Dramaturg Alexander Tilling. „Es geht bei den Bildern um ein Verständnis des Lebensglücks als Werbefläche. In gewisser Weise ist keine der dargestellten Personen authentisch in einem emotionalen Zusammenhang mit Glück zu sehen. […] Es geht eben viel mehr um die Simulation des Glücks.“

Übrigens: Bei den nicht.THEATER-Darstellern geht die Charakter-Identifizierung in Fleisch und Facebook-Name über. So kann man bereits seit einigen Wochen online den einzelnen Mitgliedern und Interaktionen der Familie Kovacic folgen.

Merke: Soziale Medien sind überall. Ebenso die Lust, andere zu beobachten. Dem Leben entkommt sowieso keiner. Eine teuflische Mixtur, die sich in der heutigen Welt da zusammenbraut (und damit meine ich nicht das Gesöff von Frau Grollfeuer).

 

 

nicht.THEATER-Ensemble präsentiert:

„Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“

Von Werner Schwab

Premiere: Samstag, 15. März, 19.30

Weitere Termine: 16., 20., 21., 22., 23., 27., 28., 29. und 30. März

www.nichttheater-ensemble.at

Ein multimediales Theater-Event in der Musterhaussiedlung „Blaue Lagune“

AutorInnen: Manuela Tiefnig