Theresa Aigner

Essen trägt die ganze Welt in sich

  • 10.06.2014, 16:03

Geschlechterverhältnisse, Arbeitsorganisation, ja sogar Liebesgeschichten ließen sich anhand unseres Essens und der Art, wie wir darüber sprechen, rekonstruieren, sagt die Soziologin Eva Barlösius im Gespräch.

Geschlechterverhältnisse, Arbeitsorganisation, ja sogar Liebesgeschichten ließen sich anhand unseres Essens und der Art, wie wir darüber sprechen, rekonstruieren, sagt die Soziologin Eva Barlösius im Gespräch.

progress: Welchen Stellenwert hat Essen heute in unserer Gesellschaft?

Eva Barlösius: Inhaltlich hat sich der Stellenwert ein bisschen verschoben, aber die Bedeutsamkeit hat sich nicht im Geringsten reduziert. Essen ist eine Facette, in der sich alle gesellschaftlich wichtigen Prozesse reflektieren. Wenn Sie das Essen studieren, können Sie etwas über Geschlechterverhältnisse oder die soziale Position des Essenden lernen. Genauso kann man auch viel über die Prozesse der Globalisierung erfahren – also welche Lebensmittel zu uns kommen, wohin wir Lebensmittel exportieren oder wie sie verarbeitet werden. Das gibt auch Auskunft über die Familie oder darüber, wie Arbeit organisiert ist. Selbst wenn Sie die Geschichte einer Liebe erzählen möchten, eignet sich das Essens dazu. Essen ist für mich das Phänomen, das die ganze Welt in sich trägt.

Was sagt dann das, was wir essen, über uns aus?

Das Interessante ist, dass diese Frage suggeriert, dass das, was die Menschen tatsächlich essen, identisch mit dem sei, worüber sie sprechen, wenn es um Essen geht. Da muss man unterscheiden. Männer und Frauen etwa beschreiben sehr unterschiedlich, was sie gerne essen. Häufig leben sie aber zusammen oder in Familien – also kann das, was sie tatsächlich essen, gar nicht so verschieden sein. In der Art und Weise, wie wir über das Essen sprechen, es bewerten und uns gleichzeitig von bestimmten Formen distanzieren, spiegelt sich, als wer wir gesehen werden möchten. Wir drücken damit auch unsere wesentlichen moralischen und ethischen Grundsätze aus. Wenn man etwa großen Wert auf biologische Lebensmittel legt, ist darin implizit eine Kritik an den Globalisierungsprozessen enthalten.

Es unterscheiden sich aber auch die Geschmäcker – wodurch ist das geprägt?

Eigentlich ist es umgekehrt: Mit dem Geschmack rechtfertigen wir, was wir essen und was nicht. Es macht einen Unterschied, ob ich sage, ich esse gerne Vollmilchschokolade oder lieber bittere Schokolade mit hohem Kakaoanteil. Es kann heißen, dass mir das Eine nicht schmeckt und ich Bitterschokolade lieber mag. Aber diese Formen von Schokolade sind ja gleichzeitig mit dem Geschmack bestimmter gesellschaftlicher Gruppen konnotiert. Und diese sozialen Geschmäcker existieren nicht nebeneinander, sondern repräsentieren eine Geschmackshierarchie.

Entlang welcher Linien verlaufen diese Hierarchien?

Das läuft immer entlang der zentralen Linien, mittels welcher eine Gesellschaft soziale und kulturelle Unterschiede herstellt. Entlang des Geschlechts, der sozialen Klasse, entlang von Regionalität und Herkunft und so weiter. Parallel dazu gibt es unterschiedliche Geschmacksmuster.

Aktuell verzichten immer mehr Menschen auf Fleisch. Worin hat diese Ernährungsweise ihren Ursprung?

Dieser Ursprung liegt sehr weit zurück. Schon die Pythagoreer haben in der Antike auf Fleisch verzichtet. Das war ein Weg zu symbolisieren, dass man mit den herrschenden Verhältnissen nicht einverstanden war, weil sich diese damals über das Tieropfer reproduziert haben. Freiwillig auf etwas zu verzichten, das mit besonderer gesellschaftlicher Wertschätzung verbunden war, war eine Form des Protests. Bereits im 19. Jahrhundert gab es eine vegetarische Bewegung, die aus den neuen bürgerlichen Schichten entstanden ist. Sie wollte sich einerseits vom etablierten Bürgertum abgrenzen und andererseits von den Proletariern, die sich kein Fleisch leisten konnten. Die sozial aufsteigenden bürgerlichen Schichten begründeten einen Lebensstil, der sich als ethisch besonders verantwortungsvoll präsentierte. Etwas Ähnliches passiert auch heute: Bestimmte Gruppen fangen an, auf Fleisch zu verzichten, weil sie dadurch zeigen können, dass sie Menschen mit einem besonderen ethisch-moralischen Bewusstsein sind.

Einerseits wollen sich die Menschen also abgrenzen, andererseits werden diese Trends aber massiv vom Markt aufgegriffen.

Das macht unsere heutige Gesellschaft aus. Sobald diese Trends erkennbar sind, werden sie von der Industrie aufgegriffen und unmittelbar vermarktet – obwohl sie eigentlich immer auch Kritik an der ökonomischen Verfasstheit der Lebensmittelproduktion sind. Das ist der Unterschied zu den Bewegungen des 19. Jahrhunderts: Damals versuchte man, spezifische Einrichtungen, etwa Reformhäuser, zu gründen, ist damit aber oftmals ökonomisch gescheitert. Das ist heute selten der Fall. Man ist bei jeglicher Form der Kritik nicht mehr davor geschützt, dass sie am nächsten Tag vermarktet wird.

Kann diese Vermarktung dazu beitragen, einen bestimmten Lebensstil zu verankern?

Der Eiermarkt in Deutschland ist hierfür ein gutes Beispiel: Hier setzen sich Produkte, die als „bio“ klassifiziert sind oder ein Tierschutz-Gütesiegel tragen, immer mehr als Selbstverständlichkeit durch. Das ist also auch ein Mechanismus, über den man breite gesellschaftliche Veränderungen langsam in Gang setzen kann.

Heutzutage ist es in, einen bewussten Lebensstil zu pflegen und Sport zu treiben. Steht das auch mit der modernen Arbeitswelt in Zusammenhang?

Das ist geradezu ein und dasselbe. Die Bereitschaft, Sport zu machen und sich gesund zu ernähren, fungiert als Beweis für Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortlichkeit in der Arbeitswelt. Ich habe ein Forschungsprojekt mit dickeren Jugendlichen gemacht und denen war es ein wichtiges Anliegen zu unterstreichen, dass sie zwar anders aussehen, aber trotzdem eine hohe Leistungsbereitschaft haben. Der Körper ist heutzutage die „Marke“, die ich zu produzieren habe, „meine Visitenkarte“, mit der ich zeige, dass ich ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Eigenverantwortlichkeit und Leistungsbereitschaft mitbringe.

Es existiert also immer ein Zusammenspiel zwischen der Arbeitswelt und dem Essverhalten?

Das ist das Interessante: Je weniger der Körper als Instrument der Arbeit dient, umso mehr wird er zum Symbol der Arbeitsbereitschaft. Dagegen lässt sich allerdings wenig unternehmen, denn darin spiegelt sich die gesellschaftlich anerkannte Leistungsideologie.

 

Eva Barlösius ist Soziologin und lehrt derzeit als Professorin an der Leibniz Universität Hannover. Seit Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere befasst sie sich mit dem Thema Essen. Von ihr erschien unter anderem Das Buch „Die Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung“. Das Interview führte Theresa Aigner.

 

Über meinen Charakter red’ ich nicht

  • 11.12.2014, 12:23

Selbsttäuschung ist immer dann eine Versuchung, wenn die eigene Vorstellung
von einem guten Leben bedroht wird, sagt die Philosophin Kathi Beier.
Im progress-Interview erklärt sie warum.

Selbsttäuschung ist immer dann eine Versuchung, wenn die eigene Vorstellung von einem guten Leben bedroht wird, sagt die Philosophin Kathi Beier. Im progress-Interview erklärt sie warum.

progress: Was ist „Echtsein“? Und welche Rolle spielt Selbsttäuschung dabei?

Kathi Beier: Authentizität wird von vielen Philosophen als Ideal oder Wert begriffen, der dem, was man das Phänomen der Selbsttäuschung nennt, direkt widerspricht. Dabei kann man Selbsttäuschung als eine Form des Glaubens wider besseres Wissen bezeichnen: Jemand hält an Überzeugungen fest, von denen er oder sie eigentlich wissen könnte oder sogar schon weiß, dass sie nicht stimmen. Eine Person, die sich selbst täuscht, erkennt, dass sie ihre Vorstellung eines guten Lebens nicht verwirklichen kann. Das kann unterschiedliche Gründe haben.

Etwa eine Handlung aus der Vergangenheit, von der ich jetzt erkenne, dass sie schlecht oder falsch war – ich müsste sie mir eigentlich zuschreiben, aber das möchte ich nicht, weil ich dann als schlechter Mensch dastehen würde. Diese Person erkennt also etwas nicht an, was doch zu ihrem Leben gehört. Und damit sind wir bei der Beschreibung von Authentizität, die einige Philosophen geben. Nämlich: Authentisch oder „echt“ ist man dann, wenn man etwas als zu einem gehörig anerkennt, was zu einem gehört.

Sie sagen, die Selbsttäuschung wird dann zur Versuchung, wenn die eigene Vorstellung von einem guten Leben bedroht ist. Welche Rolle spielt die Selbsttäuschung dann bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen?

Man könnte sagen, dass Selbsttäuschung erst ab einem gewissen Alter möglich ist, denn dafür müssen zwei Dinge gegeben sein: Man muss einerseits eine Vorstellung davon haben, was ein gutes Leben für einen bedeutet, und andererseits muss ein Bewusstsein dafür existieren, dass das Leben endlich ist. Denn nur, wenn wir dieses Endlichkeitsbewusstsein haben, wird auch die Aufgabe dringlicher, die Zeit, die uns noch zur Verfügung steht, so gut wie möglich zu leben.

Ein Punkt, an dem man merkt, dass gewisse Dinge endlich sind bzw. wichtige Entscheidungen getroffen und Weichen gestellt werden müssen, ist gegen Ende des Studiums. Ist es überhaupt möglich, in dieser Zeit authentisch zu sein?

Ein Problem in dieser Zeit ist vielleicht, dass man noch gar nicht so genau weiß, was man kann und was man will. Das führt aber noch nicht direkt zu einer Selbsttäuschung. Das ist eher ein Auftrag, diese Dinge herauszufinden. Ich glaube nicht, dass man Authentizität berechtigterweise so beschreiben könnte, dass man sich ganz genau einschätzen kann. In Bewerbungsgesprächen wird ja oft verlangt, dass man Rechenschaft über die eigenen Fähigkeiten ablegt. Das ist eine Forderung, die man gar nicht erfüllen kann. Denn eine Beurteilung des eigenen Charakters kann man eigentlich für sich selbst nicht leisten. Das können andere Personen besser. Wenn ich einen Rat geben sollte, würde ich sagen, dass man dieses Anliegen in einem Bewerbungsgespräch zurückweisen und sagen sollte: „Aus moralphilosophischen und theoretischen Gründen geht das nicht.“ Wobei ich dazu sagen muss: Ich hab das einmal versucht – das kam nicht so gut an.

Oft werden einem viele Rollen gleichzeitig abverlangt. Inwieweit verlangt der Versuch der Erfüllung dieser Rollen auch ein gewisses Maß an Selbsttäuschung?

Einige Philosophen sagen, dass die vielen Rollen, die man ausfüllen müsste, dem Unauthentischen gewissermaßen Vorschub leisten. Man muss so vieles auf einmal sein, dass man gar nicht mehr weiß, wer man ist und sich selbst verliert. Das hat jetzt aber noch nichts mit Selbsttäuschung zu tun. Denn die passiert ja nicht unbewusst, sondern ist eine Reaktion, die manche Menschen an den Tag legen und andere nicht. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Feststellung, dass man zu viele Rollen erfüllen müsse, überhaupt stimmt.

Vielleicht geht es ja nicht nur um die unterschiedlichen Rollen, sondern um den Druck und den Perfektionismus, mit dem man versucht, all diesen Rollen gerecht zu werden. In gewisser Weise muss man schon wissen, was man will. Und da ziehen sich ein paar Dinge durch die Geschichte der Philosophie hindurch, die für ein gutes Leben für wichtig gehalten werden. Etwa gute Freunde zu haben, sich einer Arbeit widmen zu können, die am besten noch mit einer Entlohnung verbunden ist, oder irgendein Projekt zu finden, an das man sich gerne verschwenden würde. Diese klassischen Rollen sind gut beschrieben, die kennt man seit Aristoteles.

Es könnte viel mehr sein, dass wir in der modernen Zeit ein Problem damit haben, weil ganz bestimmte Vorstellungen davon existieren, was es heißt, ein guter Freund zu sein. Sicher ist es auch so, dass sich bestimmte Rollen in Frage stellen lassen – das liegt aber oft an äußeren Umständen. Zum Beispiel daran, dass bei einem Alleinverdiener das Geld nicht mehr reicht, um die ganze Familie durchzubringen. Die äußeren Umstände erfordern heute, dass man berufstätig und familienfreundlich ist. Und das bringt einen natürlich in Schwierigkeiten.

Aber bei diesen Druckpunkten muss nicht unbedingt das Authentische verloren gehen, sondern man merkt vielleicht erst dadurch, was man gerne machen würde, was sich aber den Umständen entsprechend nicht verwirklichen lässt. Aber man kann diese Umstände ändern oder zumindest darauf drängen, dass einem in dieser Gesellschaft ein menschenwürdigeres Dasein ermöglicht wird. Man muss sich den Umständen nicht ergeben. Wenn man das tut, läuft man eher Gefahr, nicht mehr authentisch zu sein oder sich in einer Selbsttäuschung zu verlieren.

 

Das Interview führte Theresa Aigner.

„Der Gewöhnungseffekt ist ein Hund“

  • 10.03.2014, 21:51

Die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums war zwar ein zufälliges Produkt der Koalitionsverhandlungen, fügt sich aber dennoch in einen Wandlungsprozess der österreichischen Hochschullandschaft ein, der bereits vor mehr als zehn Jahren seinen Anfang genommen hat. Eine Chronologie der Bildungsökonomisierung.

Die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums war zwar ein zufälliges Produkt der Koalitionsverhandlungen, fügt sich aber dennoch in einen Wandlungsprozess der österreichischen Hochschullandschaft ein, der bereits vor mehr als zehn Jahren seinen Anfang genommen hat. Eine Chronologie der Bildungsökonomisierung.

Die Bestürzung war groß, als am Abend des 12. Dezember 2013 bekannt wurde, dass das Wissenschaftsministerium die Koalitionsverhandlungen nicht überlebt hat und die Agenden des bisherigen Ministers Karlheinz Töchterle (ÖVP) in das Wirtschaftsministerium unter der Führung von Reinhold Mitterlehner (ÖVP) wandern. Als „schäbig, armselig und dumm“ bezeichnete etwa Spitzen-Forscherin Renée Schroeder dieses Ergebnis gegenüber dem Nachrichtenmagazin profil. RektorInnen, Uni-Personal, ForscherInnen, Studierende und selbst große Teile der ÖVP waren entsetzt über die Entscheidung von Parteiobmann Michael Spindelegger, das Wissenschaftsministerium zugunsten eines neu geschaffenen Familienministeriums aufzulösen. Eine Unterordnung der Wissenschaft unter das „Diktat der Wirtschaft“ war und ist eine der zentralen Befürchtungen der KritikerInnen dieser Entscheidung. Vor einem „Aushungern der Grundlagenforschung“ warnen zahlreiche namhafte WissenschaftlerInnen, RektorInnen-Chef Heinrich Schmidinger forderte Bundespräsident Heinz Fischer auf, die Regierung nicht anzugeloben, die Universitäten wurden kurzzeitig schwarz beflaggt und StudierendenvertreterInnen aller Fraktionen riefen zu Protest- und Trauerkundgebungen auf. Sie warnten auf Transparenten und in Aussendungen vor einer weiteren „Ökonomisierung der Bildung“.

Und dennoch: Nach ein paar Tagen der Empörung war die Aufregung auch schon wieder vorbei. Für Sigi Maurer, ehemalige ÖH-Vorsitzende, inzwischen Wissenschaftssprecherin der Grünen, zeigt das, „wie weit wir schon sind. Das Wissenschaftsministerium arbeitet seit vielen Jahren auf eine stärkere Integration in die Wirtschaft hin. Jetzt sind die Wissenschaftsagenden dort angesiedelt – das macht für viele keinen Unterschied mehr. Ein Stück weit ist so etwas wie informierte Resignation eingetreten“, analysiert Maurer.

Mangelnde Wertschätzung. Offensichtlich war die Eingliederung der Wissenschaftsagenden in das Wirtschaftsministerium aber kein von langer Hand geplanter Schritt, sondern ein zufälliges Produkt der Koalitionsverhandlungen. „Dennoch zeigt diese Entscheidung klar, welches Bild die ÖVP von Wissenschaft hat und welche Wertigkeit sie ihr beimisst“, sagt Maurer. Damit ist sie ausnahmsweise einer Meinung mit Karlheinz Töchterle. „Die Einführung eines neuen Familienministeriums soll ein Zeichen sein, dass der ÖVP dieser Bereich besonders wichtig ist. Im Umkehrschluss sind ihr demnach Wissenschaft und Forschung nicht so wichtig. Das ist für mich angesichts der Bedeutung dieses Bereichs nicht plausibel“, so Karlheinz Töchterle gegenüber progress. Der Ex-Minister teilt die Sorgen der KritikerInnen: „Neben der symbolischen Wirkung sind auch faktische zu befürchten. Wissenschaft und Forschung bekommen schlicht weniger Zuwendung.“ Das vielzitierte „Diktat der Wirtschaft“ befürchtet der ehemalige Minister zwar weniger, ganz auszuschließen sei es aber dennoch nicht, so Töchterle.

Pacman frisst die Bildung. Die Jagd nach ECTS-Punkten erinnert Studierende an das Computerspiel Foto: Martin Juen

Nicht erst seit der Übersiedelung der Wissenschaft ins Wirtschaftsministerium ist eine immer stärkere Verstrickung von Wirtschaft und Bildung in Österreich Thema, denn die Universitäten befinden sich seit Langem in einem Wandlungsprozess, der nicht zuletzt unter europapolitischen Vorzeichen begann. Einerseits durch den Bologna-Prozess, der europäische Mobilität und einheitliche Abschlüsse bringen sollte, andererseits durch die Lissabon-Strategie, mit der Europa bis zum Jahr 2010 zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt“ werden sollte, begann spätestens ab dem Jahr 2000 auch in Österreich ein drastischer, struktureller Umbau der Universitäten. Zentral war dabei das Universitätsgesetz 2002 (UG 02, inzwischen wird es nur mehr UG genannt), mit dem die Universitäten in die seither vielbeschworene „Autonomie“ entlassen wurden. Luise Gubitzer, Ökonomin und Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und seit den 80er- Jahren im Wissenschaftsbetrieb tätig, konstatiert, dass rund um das Jahr 2000 ein Prozess in Gang gesetzt wurde, der bis heute andauert und vor allem durch eine „Übernahme des Vokabulars, der Denkweise und der Organisationsform“ aus der gewinnorientierten Wirtschaft geprägt sei. Unter dem Dogma des „New Public Managements“ wurden unternehmensähnliche Strukturen geschaffen und marktwirtschaftliche Bewertungskriterien eingeführt: Evaluierung, Kennzahlen, quantifizierbare Leistungs- und Zielvereinbarungen, Wissensbilanzen und Rankings – all das sollte „outputorientierte“ Arbeit ermöglichen. RektorInnen wurden als UniversitätsmanagerInnen mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet.

Dahinter stecke eine „industrielle Vorstellung“ der Institution Universität, so Gubitzer: Sie werde als Betrieb gesehen, der Waren produziert und stets seinen Output zu steigern hat – mehr Publikationen, mehr AbsolventInnen, etc. „Dabei handelt es sich aber nicht um einen fruchtbaren Forschungswettbewerb, sondern im Grunde um einen Statuswettbewerb. Es ist nicht die Konkurrenz darum, wer den besseren Master anbietet, sondern wer besser dafür wirbt“, kritisiert sie.

Entdemokratisierung. Darüber hinaus brachte das UG 02 große Einschnitte in die demokratischen Strukturen der Universitäten: Die Möglichkeiten der Mitbestimmung von Studierenden und des wissenschaftlichen Personals wurden massiv eingeschränkt. Ihre Stimmen im Senat, dem einzig verbliebenen Uni-Gremium, das gewählt wird, wurden zugunsten des Stimmanteils der ProfessorInnen verringert. Das und die hierarchischen Organisationsstrukturen, die auf allen Ebenen sichtbar wurden, führten damals zu Protesten. Nicht nur Studierende gingen auf die Straße, auch viele progressive Lehrende solidarisierten sich mit den Studierenden, erinnert sich Barbara Blaha, die ein paar Jahre später als ÖH-Vorsitzende eine neue Protestwelle anführen sollte. „Aber es ist auch erstaunlich, wie schnell das wieder vorbei war. Zehn Jahre später kann sich keiner mehr vorstellen, dass Unis anders funktionieren können als heute. Das Gedächtnis der Institutionen ist offenbar sehr kurz“, sagt Blaha.

Aber auch die Proteste gegen das Universitätsgesetz waren nicht die ersten, die sich gegen den Einzug von Verwertungslogiken in den Hochschulbereich richteten. Nach den Sparpaketen der 90er-Jahre und der in diesem Kontext beschlossenen Senkung der Familienbeihilfe gingen auch im Jahr 2000 Studierende auf die Straße, um gegen die erstmalige Einführung von Studiengebühren unter der damaligen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) zu protestieren. In den folgenden Jahren sollten die Studiengebühren wieder abgeschafft, eingeführt, doch nicht abgeschafft, autonom eingehoben und wieder rückerstattet werden. Luise Gubitzer sieht Studiengebühren als einen Schritt der Verankerung einer marktwirtschaftlichen Logik im Bildungssystem: Mit ihnen kommt das Element „Preis“ ins Spiel. „Als öffentliches Gut muss Bildung aber allen zugänglich sein und darf keinen Preis haben“, so Gubitzer.  

Liberalisierung und Protest. Zu den Protesten gegen Studiengebühren und gegen das umstrittene UG kam außerdem bald ein weiteres Thema hinzu, das weit über die Grenzen der Universität hinaus ein breites Bündnis von zivilgesellschaftlichen AkteurInnen auf den Plan rief: das GATS-Abkommen – das „General Agreement on Trade in Services“ der Welthandelsorganisation (WTO), das den weltweiten Handel mit Dienstleistungen und dessen Liberalisierung zum Ziel hatte.

Bildung, Gesundheit, Energie- und Wasserversorgung sollten dem freien Markt zugänglich gemacht und staatliche Regulierung in diesen Bereichen eingeschränkt werden. „Bildung ist dann nicht mehr Aufgabe des Wissenschaftsministeriums, sondern des Wirtschaftsministeriums“, warnte im Studienjahr 2002/03 die Fakultätsvertretung für Geistes- und Kulturwissenschaften der Uni Wien – ironischerweise auf einer Informationsseite, die heute noch online ist. Unter dem Motto „Education not Profit“ startete die ÖH eine groß angelegte Kampagne gegen das Handelsabkommen und war damit Teil eines breiten Bündnisses, das unter dem Slogan „Stopp GATS“ zahlreiche Organisationen unter einem Dach vereinte: von den Gewerkschaften bis zu ATTAC, von SchülerInnenorganisationen über die Armutskonferenz bis hin zu Umweltorganisationen. Die WTO wollte die Verhandlungen zum GATS bis zur Doha-Runde 2005 abschließen. Aufgrund von Uneinigkeiten zwischen den Mitgliedsstaaten ist das aber bis heute nicht gelungen.

Nach sechs Jahren schwarz-blauer Regierungspolitik, die unter anderem das UG02 und die Einführung von Studiengebühren gebracht hatten, keimte bei vielen Studierenden ein kleiner Hoffnungsschimmer, als die SPÖ 2006 als Wahlsiegerin aus den Nationalratswahlen hervorging und Alfred Gusenbauer Bundeskanzler wurde. Denkbar groß waren die Wut und die Enttäuschung, als klar wurde, dass auch diese Regierung, entgegen aller Ankündigungen, die Studiengebühren nicht abschaffen würde. Dieser Umstand und die Unzufriedenheit mit dem Gesamtergebnis der Koalitionsverhandlungen veranlassten die damalige ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha aus der SPÖ auszutreten. Blaha sieht die damaligen Protesten, durchaus als Erfolg: „Wenn die Studierenden dieses Thema 2007 nicht so skandalisiert hätten und mein Partei-Austritt nicht so ein großes Thema gewesen wäre, wäre Werner Faymann nicht gezwungen, das Thema Studiengebühren als Symbolfrage zu behandeln. Mit dem Ergebnis, dass die Studiengebühren heute für einen Großteil der Studierenden Geschichte sind. Und solange Faymann Kanzler ist, werden sie das auch bleiben.“ Die Studierenden, die 2007 auf der Straße waren, sehen das aber nicht als ihren Erfolg, weil es zur geforderten Abschaffung der Studiengebühren erst Jahre später kam, so Blaha.

Schon im Jahr 2009 sollte es zu neuen Protesten kommen, die unter dem Titel #unibrennt – jedenfalls der medialen Rezeption nach – als die größten Bildungsproteste der vergangenen Jahre in die Geschichte eingehen sollten. „Die Proteste waren, abgesehen von der Besetzung als Protestform, weit nicht so radikal, wie sie nach außen vielleicht gewirkt haben“, erinnert sich Sigi Maurer, die damals ÖH-Vorsitzende war. „Der Fokus vieler Arbeitskreise war die Verbesserung der individuellen Situation an der Universität, mit der Zusatzforderung nach ECTS-Punkten für den Aktivismus im Audimax. Auch daran zeigt sich, wie weit die Durchdringung der Gesellschaft, auch der Studierenden, mit ökonomischen Prinzipien vorangeschritten ist“, stellt Maurer fest und ergänzt: „Das wäre eine Möglichkeit gewesen, darüber nachzudenken, was das Ziel von Lehre und Studium sein sollte – das haben die meisten Universitäten aber verabsäumt.“

Von Österreichs Universitäten bleibt nur noch ein Skelett. So sahen es Demonstrierende im Dezember 2013  Foto: Martin Juen

Neben der individuellen Unzufriedenheit mit dem Studium sei aber auch ein kollektives Unbehagen mit dem Wandel der Hochschullandschaft durch diese Proteste ersichtlich geworden, sagt Barbara Blaha: „Der Funke in der #unibrennt-Bewegung war dieses dumpfe Gefühl, dass die Unis derzeit in die falsche Richtung laufen.“ Das habe sich für die Studierenden an vielen Kleinigkeiten des Studienalltags bemerkbar gemacht: Voraussetzungsketten, verschulte Lehrpläne, eine möglichst effiziente Verwertbarkeit der Lehrinhalte und „Employability“. Nicht umsonst wird mit der Protestbewegung rund um das Audimax der Spruch „Bildung statt Ausbildung“ verbunden. Gefordert wurden unter anderem eine Demokratisierung der Universitäten, der freie Hochschulzugang, die Abschaffung bzw. Nicht-Einführung von Studiengebühren und nicht zuletzt die Ausfinanzierung der österreichischen Universitäten. Ob #unibrennt ein paar Jahre später auch noch funktionieren würde, ist sich Blaha nicht sicher. „Der Gewöhnungseffekt ist ein Hund. Und inzwischen ist der ökonomische Druck – etwa durch die weitere Verringerung der Familienbeihilfe und die Nicht-Anpassung der Studienbeihilfe – so hoch, dass ich von niemandem verlangen kann, links oder rechts zu schauen. Die Menschen rennen durch ihr Studium – weil sie müssen.“

In wessen Auftrag? Längst hat also eine ganze Reihe von Mechanismen dazu geführt, dass marktwirtschaftliche Logiken Einzug in das Hochschulwesen gehalten haben. Laut Luise Gubitzer wird eine Ökonomisierung von Bildung und Bildungsinstitutionen auf mehreren Ebenen sichtbar. Nicht zuletzt hat auch die chronische Unterfinanzierung der Universitäten durch den Staat zunehmend private AkteurInnen auf den Plan gerufen. Dass die erste Ankündigung Mitterlehners war, die Finanzierung von Forschung durch Drittmittel noch stärker ausbauen zu wollen, sieht Gubitzer als Problem: „Das bedeutet, dass der Staat sich zunehmend aus seiner Aufgabe, universitäre Bildung zu finanzieren, zurückzieht und sie immer mehr auf eine Basisfinanzierung reduziert. Den Rest müssen sich die Unis dann anderswo holen. Das halte ich für eine riesige Gefahr.“ Die komplette Ausfinanzierung der öffentlichen Universitäten ist aus Gubitzers Sicht nämlich Aufgabe des österreichischen Staates. Warum? „Weil öffentliche Bildung vielfach positive, multiplikative Effekte hat“, so Gubitzer – etwa das Reflektieren von gesellschaftlichen Prozessen, aus denen sich wiederum Forschungsaufgaben und Lehrgegenstände für die Universität ergeben. „Die öffentliche Uni muss sich immer wieder mit den Aufgaben, die sie gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen muss, in Beziehung setzen“, so Gubitzer.

Auch die Rolle von Sponsoring gelte es kritisch zu beobachten. Nirgendwo wird die wachsende Bedeutung von privaten Geldern so gut sichtbar wie bei einem Spaziergang durch den neuen WU-Campus mit seinem OMV Library Center und seinem Red Bull-Hörsaal. Die ständige Präsenz der Firmennamen mache ein kritisches Hinterfragen dieser Unternehmen schwieriger, so Gubitzer. Außerdem sei problematisch, dass es zunehmend zur Selbstverständlichkeit werde, dass sich Universitäten auf diese Weise finanzieren. „Die WU wurde ja mit öffentlichen Mitteln gebaut. Die Frage ist, wofür das Hörsaalsponsoring eigentlich verwendet wird.“ Wenn damit etwa ein Kongress finanziert wird, werde dorthin wohl niemand eingeladen, der dem sponsernden Unternehmen kritisch gegenübersteht, befürchtet Gubitzer.

Keine Studierendendemo ohne Popkultur – gegen die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums 2013 demonstierten die Space Invaders mit. Foto: Luiza Puiu

Über die Konsequenzen dieser Entwicklungen gelte es nicht nur innerhalb der Universitäten, sondern auch als Gesellschaft nachzudenken. „Die Unternehmen wissen ganz genau, was sie von der Uni verlangen, während die gesellschaftlichen Gruppen viel zu wenig fordern“, sagt Gubitzer. Statt die Unis zunehmend darauf zu reduzieren, dass sie Studierende ausbilden, müsse sich die Gesellschaft bewusst machen, was sie von einer Universität, die aus Steuermitteln finanziert wird, erwartet. Eine öffentliche Universität habe nämlich komplett andere Aufgaben als ein gewinnorientiertes Unternehmen, so Gubitzer. Statt die Universitäten also dem Wettbewerb um gutes Abschneiden bei Rankings zu überlassen, müsse die Öffentlichkeit fragen, was sie eigentlich von der Forschung hat. „Menschen, die in den Universitäten sind und noch etwas anderes wollen, als Studierende für den Arbeitsmarkt auszubilden, müssen gestärkt werden, um Lehre und Forschung voranzubringen.“ Das und eine Wiederaufwertung der internen Mitbestimmung an den Universitäten wären laut Gubitzer erste dringende Voraussetzungen, um die Unis wieder auf einen anderen Kurs zu bringen.

Theresa Aigner ist freie Journalistin in Wien. Ein ausführliches Interview mit der Ökonomin Luise Gubitzer findest du hier: „Die öffentliche Uni hat der Gesellschaft etwas zurückzugeben“.

„Die öffentliche Uni hat der Gesellschaft etwas zurückzugeben“

  • 07.03.2014, 11:13

Die österreichischen Hochschulen befinden sich seit 15 Jahren in einem massiven Wandlungsprozess, der nicht zuletzt unter dem Schlagwort „Bildungsökonomisierung“ diskutiert wird. Luise Gubitzer, Ökonomin und Professorin an der Wiener Wirtschaftsuniversität, erklärt im Gespräch mit progress, warum diese Tendenzen die Forschung verengen und die Gesellschaft viel mehr von der öffentlichen Universität fordern müsste.

Die österreichischen Hochschulen befinden sich seit 15 Jahren in einem massiven Wandlungsprozess, der nicht zuletzt unter dem Schlagwort „Bildungsökonomisierung“ diskutiert wird. Luise Gubitzer, Ökonomin und Professorin an der Wiener Wirtschaftsuniversität, erklärt im Gespräch mit progress, warum diese Tendenzen die Forschung verengen und die Gesellschaft viel mehr von der öffentlichen Universität fordern müsste.

progress: Welche Aufgabe haben die Universitäten heute aus ihrer Sicht?

Luise Gubitzer: Es ist immer noch die „alte“ Aufgabe: junge Menschen zum Denken anzuregen. Diese Rolle des Denkens diskutiert auch Horkheimer in seiner Antrittsrede 1952 an der Universität Frankfurt. Er sagt, die jungen Menschen müssen darin bestärkt werden und wir müssen ihnen Möglichkeiten und Werkzeuge geben, um zu einem eigenständigen Denken zu finden. Philosophen dieser Zeit sind durch die Nazi-Herrschaft darin geschult, dass eine Massengesellschaft Mitläufertum heißen kann. Ich halte es für unsere unmittelbarste Aufgabe, zum Reflektieren anzuregen und eine gewisse Distanz zu realen Prozessen aufzubauen. Aus entsprechenden Beobachtungen ergeben sich wiederum Forschungsaufgaben und Lehrgegenstände für die Universität. Die öffentliche Uni muss sich immer wieder mit den Aufgaben, die sie gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen hat, in Beziehung setzen.

Gerade im Fall der Wirtschaftsuniversität (WU) halte ich es für zentral, nicht nur Ausbildung zu bieten, sondern darüber zu reflektieren, welche Aufgabe bzw. Rolle ein Unternehmen in der Gesellschaft hat. Auch wir sind eine öffentliche Uni, die der Gesellschaft etwas zurückzugeben hat. Und das heißt nicht, sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, der gewinnorientierten Wirtschaft qualifizierte ManagerInnen zu liefern. Es braucht ein breiteres Verständnis.

Was erwarten sich aber die Studierenden, wenn sie an die Uni kommen: im Reflektieren geschult zu werden oder eine Berufsausbildung?

Es gibt die Erwartung, die Persönlichkeit weiter zu entwickeln und sich mit der eigenen Aufgabe, dem eigenen Standing in der Gesellschaft zu befassen. Das ist vorhanden und daraus können wir etwas machen. Aber wir müssen das bewusster wahrnehmen. Denn mit der Studieneingangsphase machen wir an der WU das Gegenteil: Massenprüfungen, bei denen die Studierenden nicht mehr als eine Matrikelnummer sind. Und darüber melden die Studierenden tiefe Betroffenheit, sie wollen mehr sein als eine Nummer.

Die jungen Menschen brauchen eine „Ich-Stärkung“. Aber die richtet sich dann eben danach, was ihnen die Universität bietet. Wenn es ein Jahr lang Massenveranstaltungen gibt, dann sozialisieren sie sich im Kontext von Konkurrenz und Egoismus und letztlich entsteht bei denen, die durchkommen, ein elitäres Bild davon, wer man jetzt ist. Es gibt auch andere Fähigkeiten, die bei den Studierenden angelegt sind, etwa Reflexions- oder Kritikfähigkeit – aber die können sie nicht weiterentwickeln, wenn die Rahmenbedingungen es nicht zulassen.

Diese Rahmenbedingungen sind nicht zuletzt durch Tendenzen entstanden, die immer wieder als „Bildungsökonomisierung“ bezeichnet werden. Was verbinden Sie mit diesem Begriff?

Ich sehe verschiedene Ebenen der Bildungsökonomisierung. Es gab an den Universitäten eine Übernahme des Vokabulars, der Denkweise und der Organisationsform aus der gewinnorientierten Wirtschaft. Das drückt sich in quantitativen Auswertungen und im Statuswettbewerb aus – Wissensbilanzen und Rankings spielen hier eine Rolle. Obwohl die öffentliche Universität komplett andere Aufgaben hätte als ein gewinnorientiertes Unternehmen. Aber es herrscht eine industrielle Sichtweise von der Uni vor. Sie wird als Betrieb gesehen, der Waren produziert und seinen Output stets zu steigern hat: mehr Publikationen, mehr AbsolventInnen, etc.

Diese Übernahme der marktwirtschaftlichen Kategorien geht bis zur „Filetierung“, die ja auch ein Element neoliberaler Entwicklungen im Unternehmensbereich ist: also Unternehmen zu teilen und die einzelnen Teile bestmöglich zu vermarkten. An den Unis bedeutet das, dass Monografien als Habilitation nicht mehr gerne gesehen werden. Bereits Dissertationen sollen in drei Artikel filetiert werden und das setzt sich im Forschungsprozess fort. Da stellt sich dann die Frage, wo Grundlagenforschung und ein längerfristiger Denkprozess noch Platz haben.

Sie haben Rankings erwähnt – inwiefern führt dieser Wettbewerb unter den Universitäten zu einer Veränderung dessen, was innerhalb der einzelnen Unis passiert?

An der WU ist Vieles in diese Richtung umgestellt worden. Das äußert sich vor allem darin, dass ProfessorInnen berufen werden, die bereits in Ranking-Journals publiziert haben. Aber dadurch entstehen keine neuen Forschungsrichtungen, weil es für solche eben keine gerankten Journals gibt. Rankings begrenzen die Forschung und auch die Gehirne. Eine Möglichkeit dem entgegen zu wirken wäre, dass man im Rahmen des Hochschulbudgets einen Topf zur Verfügung stellt, der nur dazu da ist, völlig unorthodox zu forschen. Es muss Platz für freie Forschung geben.

Eine andere Entwicklung, die in Zusammenhang mit „Bildungsökonomisierung“ immer wieder genannt wird, sind Privatisierungen. Wie sehen Sie das?

Das kann man an der WU deutlich beobachten: Es gibt einen privaten Sicherheitsdienst, einen privaten Putzdienst – neuerdings werden sogar Prüfungserstellung und Prüfungsvorbereitung outgesourct. Gleichzeitig gibt es starke Bestrebungen die Drittmittelforschung auszubauen. Das halte ich für ein großes Problem. Es gibt Stiftungsprofessuren, die von Unternehmen gesponsert werden. Das heißt nicht nur, dass die Person die Inhalte beeinflusst, sondern sie kann auch ihre Sichtweise von der Institution Universität und deren Aufgaben in die Gremien hineintragen. Denn im Rahmen der Ökonomisierung sind die Universitäten ja auch stark hierarchisiert worden – Stichwort: Universitätsgesetz.

Ein aktuelles Thema ist in dem Zusammenhang auch das Sponsoring. Wenn Sie durch den WU-Campus gehen, sehen Sie die OMV Library, den Redbull Hörsaal und so weiter. Durch die ständige Präsenz der Unternehmen wird es schwieriger, diese kritisch zu hinterfragen. Aus Sicht der Unternehmen ist das eine sehr gute Werbemaßnahme. Es wäre interessant zu wissen, was in diesen Sponsoringverträgen steht.

Zynisch formuliert könnte man ja sagen, dass die Unis in Anbetracht der chronischen Unterfinanzierung froh sein können, wenn sie Geld von Privaten erhalten.

Das Problem daran ist, dass es zunehmend zu einer Selbstverständlichkeit wird, dass sich Universitäten so finanzieren. Auch die Ankündigung von Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner, die Drittmittelforschung noch weiter ausbauen zu wollen, zeigt, dass sich der Staat zunehmend auf eine Art Basisfinanzierung zurückzieht. Den Rest müssen sich die Unis dann anderswo herholen. Für mich ist die Aufgabe des Staates aber nach wie vor die volle Ausfinanzierung der öffentlichen Bildung – für alle, die studieren wollen und zwar ohne Studiengebühren. Öffentliche Bildung hat nämlich vielfache positive, multiplikative Effekte.

Aber entspricht das noch dem Selbstbild der Politik? Ist nicht der Sachzwang, dass es zu wenig Geld gibt und alle sparen müssen, hegemonial geworden, weshalb der Rückzug der Politik aus der Finanzierung legitim erscheint?

Mit der Ökonomisierung der Bildung ist auch eine Ökonomisierung der PoltikerInnen und der RektorInnen einhergegangen. Sie verstehen sich als ManagerInnen und zu managen bedeutet auch, weitere Drittmittel zu lukrieren. Grundsatzentscheidungen über die Ausrichtung der Universitäten  dürfen ihnen aber nicht alleine überlassen werden. Auch die Regierung soll nicht alleine bestimmen können. Für mich müsste diesbezüglich die Rolle des Parlaments, als zentrale Institution einer Demokratie, gestärkt werden. Auch die Studierenden und die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen an den Unis müssten stärker eingebunden werden. Und nicht zuletzt muss sich auch die Öffentlichkeit für ihre Interessen stark machen.

Inwiefern?

Das öffentliche Bild der Universitäten hat sich in den letzten zehn Jahren massiv verschlechtert. Wir werden darauf reduziert, Studierende für den Arbeitsmarkt auszubilden. Dabei müsste sich die Gesellschaft viel stärker fragen, was sie von einer öffentlichen Universität erwartet und was sie von einer Forschung haben will, die aus Steuermitteln finanziert wird. Die Unternehmen wissen ganz genau, was sie von den Unis erwarten. Aber andere  gesellschaftliche Gruppen verlangen viel zu wenig von den Unis. Menschen, die in den Universitäten sind und noch etwas anderes wollen, als Studierende für den Arbeitsmarkt auszubilden, müssen gestärkt werden, um Lehre und Forschung voranzubringen. Das und eine Wiederaufwertung der internen Mitbestimmung sind erste, dringende Voraussetzungen, um die Unis wieder auf einen anderen Kurs zu bringen.

 

Interview: Theresa Aigner

 

 

 

Elend, das uns anturnt

  • 13.07.2012, 18:18

Billige Sozialporno-Dokus bringen den Sendern höchsten Quotenerfolg – warum schauen wir uns das an?

Billige Sozialporno-Dokus bringen den Sendern höchsten Quotenerfolg – warum schauen wir uns das an?

Vom Arbeitsalltag des WEGA-Chefs bis zur 13-jährigen werdenden Mutter - das alles gibt es auf ATV zu sehen. In den so genannten „Eigenproduktionen“ werden Menschen des „echten, einfachen Lebens“ portraitiert. Denn es ist für ATV offensichtlich, was das ZuschauerInnenherz heutzutage begehrt. Sendungen wie Das Geschäft mit der Liebe oder das jüngere Format Saturday Night Fever erfreuen sich großer Beliebtheit beim österreichischen Publikum. Letztgenannte Sendung erreichte im Vorjahr sogar zwischenzeitlich einen Marktanteil von 25 Prozent bei den 12 – 29 Jährigen und erkämpfte Platz drei unter den meistgesuchten Filmen bzw. Serien, die im Jahr 2010 über die österreichische Seite von Google gesucht wurden. Schon beeindruckend, wie aus ein paar Jugendlichen, die das Trinken für das Publikum nach vier Staffeln maximal professionalisiert haben, die TV-HeldInnen der jungen Fernsehgeneration wurden. Aber auch die Bauern auf der Suche nach der großen Liebe, gehen im Jahr 2011 bereits in die neunte Staffel und auch von jenem Format, das junge Schwangere begleitet – Teenager werden Mütter – ist in diesem Jahr schon die vierte Staffel zu sehen.

Haben wir noch immer nicht genug? Offensichtlich nicht. Neben ATV ist auch PULS4 auf diesen Zug aufgesprungen und bedient mit der Sendung Die Puffbrüder – Alltag im Edelbordell das Voyeursherz des österreichischen Publikums. „PULS4 ist mittendrin und zeigt, was es heißt, ein Freudenhaus als Familienbetrieb zu führen“, so soll den potentiellen ZuseherInnen auf der Homepage des Senders das fragwürdige Format schmackhaft gemacht werden. Aber nicht nur die Privaten setzen auf „mittendrin im echten Leben“. Auch der ORF sieht sich mittlerweile gezwungen, eigene Doku-Soaps ins Programm aufzunehmen. Entsprechend seiner Funktion als öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt wird der Schauplatz kein Puff sein und die ProtagonistInnen nicht ausschließlich in den tiefsten Beisln rekrutiert werden. Dennoch hat der enorme Erfolg der Privatsender auf diesem Gebiet dem öffentlich-rechtlichen Sender weis gemacht, dass funktionierende Unterhaltung genau so aussieht und der ORF dackelt hinterher – 2011 starten dort gleich zwei Doku-Soaps durch. Die eine wird JungunternehmerInnen auf dem Weg zum großen Geld begleiten und die andere wird eine Kuppel-Show. Elisabeth T. Spira, wenn man so will, das Urgestein des österreichischen „Sozial-Pornos“, Erfinderin der beliebten Alltags- und Liebesg’schichten (davon gibt es schon bald die 15. Staffel), vermutet in einem Interview mit derstandard.at, dass das neueste Vorhaben des ORF „wohl so etwas ähnliches werden soll wie auf ATV, aber sicher wesentlich besser“. Ob das gelingt? Beim ORF wird betont, dass man sich eben durch einen respektvollen Umgang mit den ProtagonistInnen in diesem Genre auszeichnen wolle. Nun rührt der Erfolg des Genres aber daher, Menschen in einem sehr privaten und intimen Kontext darzustellen und dabei ihre Unfähigkeit Die unterhaltenden Elemente dieser Sendungen basieren eben darauf, die Schwächen, Krisen und Blößen der gezeigten Personen zu stilisieren.
Andreas Mannsberger, Regisseur von Das Geschäft mit der Liebe – Frauen aus dem Osten erklärte die Auswahl jener Männer, ddie auf ihrer Jagd nach der perfekten Frau von der Kamera begleitet wurden, mit folgendem Motiv: „Wir haben bewusst Männer genommen, die sehr von sich selbst überzeugt sind, und so zu sagen die Spitze der Klischee- Gesellschaft darstellen“. Dass bei solchen Typen die „richtigen“ Sager, die „richtigen“ Aktionen und die damit einhergehende Belustigung des Publikums inklusive sind, verspricht hohe Einschaltquoten, aber auch die mediale Rezeption solcher Formate. Dass diese im Fall von Das Geschäft mit der Liebe aber auch für Saturday Night Fever zumeist nicht gerade wohlwollend ausfiel, ändert nichts an der Popularität der Sendungen und das Ziel ist in jedem Fall erreicht.

HeldInnen von Unten. Wer sind nun diese Leute, die freiwillig so tiefe Einblicke in ihre Privatsphäre gewähren? „Die heutige Generation ist viel ungenierter als frühere“, sagt der RTL-Chef Gerhard Zeiler in der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT. „Es gibt eine Veränderung in der Beziehung des Einzelnen zur Privatheit.“ Betrachtet man nun die Dar stellerInnem der so genannten Doku-Soaps, besteht wenig Grund an Zeilers Analyse zu zweifeln. Das immer stärkere Verschwimmen von Privatem und Öffentlichem ist nicht erst aktuell seitdem Begriffe wie Web 2.0 und Social-Networks den medialen Alltagsdiskurs dominieren. Auch auf einer wissenschaftlichen Ebene gibt es die Beschäftigung mit Formen der Selbstdarstellung und Kommunikation der jungen Generation im 21. Jahrhundert, die diesen Trend bestätigt.
Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier erklärt das große Interesse junger Menschen, bei derartigen Sendungen mitzuwirken, damit, dass es sich dabei um Leute handelt, „die sonst überall ausgegrenzt werden – auf dem Arbeitsmarkt, in teuren Geschäften, außerhalb ihrer Peer Group will sie niemand haben.“ Und jetzt sind sie richtige Stars, mit Facebook Fan-Seiten, eigener Single, Foto-Shooting, Party-Tour, und und und. Ein Auftritt im Fernsehen – die Prominenz wird zum Maßstab des persönlichen Erfolgs. Aber nicht etwa herausragende Verdienste oder Leistungen am Bildschirm führen zu diesem (vermeintlich) persönlichen Erfolg, sondern die schamlose Bereitschaft das Innerste nach außen zu kehren. Dass dieser Erfolg in so gut wie allen Fällen nur von kurzer Dauer ist, zieht für die DarstellerInnen von Doku-Soaps nicht selten auch psychische Konsequenzen nach sich. Von der aktuellen Bekanntheit beflügelt, stürzen sie danach oft in ein umso tieferes Loch.

Fans von überall. Die interessantere Frage ist aber: Warum erzielen diese Sendungen so große Erfolge beim Publikum? Die Mediensoziologin Eva Flicker ortet den Erfolg von Produktionen wie Saturday Night Fever darin, dass diese Formate gleich zwei Zielgruppen bedienen: „Die einen sehen sich die Sendung an, weil sie sich mit ihr identifizieren. Die anderen, weil sie ihnen hilft, sich abzugrenzen." Welche Gruppe größer ist, lässt sich schwer sagen. Nach jeder Ausstrahlung von Saturday Night Fever erreichen ATV die Bewerbungen von 80 – 100 Jugendlichen, die sich auch gerne mal beim Partymachen zeigen wollen und die Online- Fangruppen wachsen stetig. Aktuell spricht ATV von ca. 60.000 Personen. Durchstöbert man hingegen heimische TV-Foren bestätigt sich zwar der Eindruck der enormen Beliebtheit dieses Formates. Die Motive, die hier für das Schauen der Sendung genannt werden, unterscheiden sich aber von jenen der „echten Fans“.
Fremdschämen zum Hauptabendprogramm, so lautet das Credo. Die meisten, die sich hier zu Sendungen äußern, sind der Meinung, dass das alles unglaublich „tief“, „primitiv“, „peinlich“ und vor allem zum „Fremdschämen“ sei. Aber trotzdem, oder besser: genau aus diesem Grund schauen sie sich diese Sendungen Woche für Woche an. Weil die Menschen gerne Menschen sehen, die noch ein bisschen ärmer, peinlicher, ungebildeter, erfolgloser, einsamer und hässlicher sind als sieselbst, denn das hilft dabei sich abzugrenzen und sich eben ein kleines Stück besser zu fühlen. Aber auch das Eintauchen in fremde, „intime“ Lebensbereiche an sich hat seinen Reiz für die ZuseherInnen. Sabine Prokop, Kultur- und Medienwissenschaftlerinerkennt in diesem Voyeurismus eine „relativ menschliche Regung“. So scheint es nicht verwunderlich, dass diese „menschliche Regung“ vor keiner gesellschaftlichen Gruppe Halt macht.

Sind wir tatsächlich so anspruchslos? Unterhaltungmuss nicht grundsätzlich niveaulos sein, um auch tatsächlich zu unterhalten. Betrachtet man die Programm-Schemata der deutschsprachigen Privatsender, wird der Eindruck aber stark erhärtet. So ist das deutsche Privat- TV sogar schon einen Schritt weiter – oder tiefer wenn man so will – und bleibt nicht bei einfachen Doku-Soaps. Nicht mehr echte Menschen mit ihren echten Lebensrealitäten werden gezeigt, sondern LaienschauspielerInnen mimen die Probleme der „echten Menschen“ nach Drehbuch. Das nennt sich dann Scripted Reality. Diese Neudefinition von Doku-Soaps beschert dem Sender RTL Traumquoten am Nachmittag, vor allem in der Gruppe der 19 – 49 Jährigen, sprich der relevantesten Zielgruppe. Was in diesen Sendungen gezeigt wird, ist aber noch eine Schublade unter den Doku-Soaps. Episoden tragen Titel wie „Unzufriedene Mutter ist mega-aggressiv“ und zeigen kaputte Einzelschicksale sowie familiäre Albträume und imitieren dabei stilistisch das Format der Dokumentation. Dass durch solch eine überspitzte, aber „realistische“ Darstellung der Eindruck einer noch viel dramatischeren und brutaleren Realität als diese in Wirklichkeit ist, entsteht, versteht sich von selbst. Grautöne in der gesellschaftlichen Wahrnehmung werden zurückgedrängt, was interessiert, ist das Extrem. In Deutschland hüten sich öffentlich-rechtliche Sendeanstalten noch, auf diesen Zug aufzuspringen. Carl Bergengruen vom Südwestrundfunk konstatiert, dass diese Formate den Publikumsgeschmack verändern und zu einer „Hinrichtung“ bestehender Formate führen. Dass auch Doku-Soaps schon Potential dazu besitzen, zeigt nichts eindeutiger, als die Anbiederung des ORF an das Unterhaltungsformat Nummer Eins.
Bei Scripted Reality sind die österreichischen Privatsender zwar noch nicht angelangt, dennoch stellt sich die Frage, wie lange die echten Menschen mit ihren echten Realitäten noch extrem genug für das Publikum sind – bei den deutschen Sendern funktionieren die echten Menschen bestenfalls noch in der Haustiergeschichte am Nachmittag.

Vierhundert Euro für eine Stimme

  • 13.07.2012, 18:18

Bei den vergangenen ÖH-Wahlen konnte in Österreich erstmals über das Internet gewählt werden. Das „Projekt E-Voting“ war von Anfang an umstritten und heftig diskutiert. Nun sind die Wahlen geschlagen – doch die Gemüter kommen auch nach Abschluss der Wahl und Auszählung der Stimmen nicht zur Ruhe.

Bei den vergangenen ÖH-Wahlen konnte in Österreich erstmals über das Internet gewählt werden. Das „Projekt E-Voting“ war von Anfang an umstritten und heftig diskutiert. Nun sind die Wahlen geschlagen – doch die Gemüter kommen auch nach Abschluss der Wahl und Auszählung der Stimmen nicht zur Ruhe.

Fünfundzwanzig Personen erhoben gegen die Wahl Einspruch. Und „praktisch alle Einsprüche richten sich gegen das E-Voting“ sagt Bernhard Varga, Vorsitzender der Wahlkommission. 

Was wird beanstandet? Laut Hans Zeger von der ARGE Daten ist das gesamte „System E-Voting“ nicht ausgereift, und wird es auch nie sein. Egal, wie technisch gefinkelt das Konzept auch sein möge, die Transparenz, die für das Akzeptieren eines Wahlergebnisses notwendig sei, werde durch das E-Voting komplett aufgehoben. Ähnlich sieht das auch Peter Purgathofer, Professor an der TU Wien und bekennender E-Voting-Kritiker. „Man gibt seine Stimme am Computer ab und muss darauf vertrauen, dass die Prinzipien der geheimen und freien Wahl eingehalten werden. Wir können das nicht selbst überprüfen, wir können es nicht nachvollziehen und wir können es auch nicht verstehen“, sagt er. Er gründete deshalb mit MitstreierInnen die Online-Plattform papierwahl.at, die die Öffentlichkeit über die Gefahren von E-Voting aufklären will.
Doch nicht alle beurteilen den E-Voting-Versuch bei den ÖH-Wahlen so negativ. Für Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) war es ein Erfolg. Trotz hoher Kosten und geringer Beteiligung zeigt er sich nicht unzufrieden, und sagte einer Tageszeitung, dass „einem Demokratie schon etwas wert sein kann“. 900.000 Euro um genau zu sein. 2161 Studierende der rund 230.000 Wahlberechtigten nahmen die Möglichkeit zur elektronischen Stimmabgabe wahr, das bedeutet: jede einzelne dieser Stimmen war dem Minister 403,35 Euro wert. Was sehr viel Geld ist, bedenkt man die übliche Knausrigkeit, wenn es um Geldflüsse in Richtung Universität geht. Der größte Brocken des ausgegebenen Geldes ging noch dazu nicht für technische Maßnahmen drauf, sondern für Werbung. Inserate und kostenlose Kartenleser-Verteilaktionen sollten die Studierenden dazu animieren, ihre Wahl an der elektronischen Urne am Computer durchzuführen. 

Für Hahn zählt das nicht. Ihm ist allein wichtig, dass die Wahl „technisch und juristisch okay über die Bühne ging“. Trotz minimaler Beteiligung und hohen Kosten war sie für ihn ein Erfolg, der den Weg für den Einsatz von E-Voting bei anderen Wahlen ebnen soll. Mehrere ExpertInnen, die von Hahn im Vorfeld der ÖH-Wahl zu Hintergrundgesprächen gebeten wurden, berichten, der Minister plane den Einsatz von E-Voting bei kommenden Nationalratswahlen.    
Ob das E-Voting bei der vergangenen ÖH-Wahl nun ein Erfolg war oder nicht, kommt also darauf an, wo gefragt wird. Eines hat es allerdings auf keinen Fall gebracht – eine höhere Wahlbeteiligung: Die lag so niedrig wie noch nie bei einer ÖH-Wahl. Das mutet merkwürdig an: BefürworterInnen führten das Ziel einer höheren Wahlbeteiligung immer als Hauptgrund für E-Voting an.