• 09.04.2015, 15:21

Bei einem Vortrag des polnischen Wissenschaftlers Zygmunt Bauman drangen polnische Neonazis in das Gebäude ein und skandierten Nazi-Parolen.

Bei einem Vortrag des polnischen Wissenschaftlers Zygmunt Bauman drangen polnische Neonazis in das Gebäude ein und skandierten Nazi-Parolen.

Der polnische Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman hielt am Mittwochabend einen Vortrag im Wien Museum zum Thema „Diasporic Terrorism“. Nach rund 20 Minuten tauchten etwa zehn Mitglieder der polnischen Gruppe „Wiedeńska Inicjatywa Narodowa“ (WIN), was so viel heißt wie „Wiener nationale Initiative“, auf. Hinter einer Glastür riefen sie „die Kommunisten lassen wir nicht leben, an die Helden werden wir uns erinnern - weg mit dem Kommunismus“. Diese Parolen sind in der polnischen Hooligan-Szene weit verbreitet und stehen nicht nur für Antikommunismus, sie symbolisieren unter anderem auch Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Bauman warf den Unruhestiftern einen unbeeindruckten Blick zu und führte seinen Vortrag nach wenigen Sekunden fort. Wie auf dem Überwachungsvideo des Museums zu sehen ist, reagierte der Aufseher sofort und forderte die Männer auf, das Museum zu verlassen. Es ist nicht das erste Mal, dass Baumans Vorträge gestört wurden. So schrien 2013 etwa 100 Neonazis „Hau ab!” bei einer Vorlesung in Wrocław (Breslau).

Der polnische Jude Zygmunt Bauman wurde 1925 in Poznań (Pozen) geboren. Als Polen von Nazideutschland überfallen wurde, flüchtete er mit seiner Familie in die Sowjetunion. Fünf Jahre später nahm er an der Schlacht um Ostpommern teil und kehrte nach Polen zurück. Nach dem Krieg arbeitete er für den Sicherheitskorps des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit. Er soll dort Widerstandskämpfer aus den Reihen der Armia Krajowa (Polnische Heimatarmee) bekämpft und später als Geheimagent gearbeitet haben. Im März 1968 kam es zu einer antisemitischen Kampagne des kommunistischen Regimes, infolgedessen Bauman nach Israel flüchtete. Wenig später emigrierte er nach Großbritannien und erhielt einen Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds. Der heute 89-jährige Zygmunt Bauman behandelt totalitäre Regime in seinen Schriften und verfasste unter anderem „Modernity and the Holocaust“.

In einer schriftlichen Stellungnahme progress gegenüber bekannte sich die WIN zur Störaktion. Der Vereinsobmann schreibt: „Wir haben die Anweisungen der Sicherheitskräfte befolgt und haben die Räumlichkeiten des Wien Museums umgehend nach Aufforderung verlassen. “ Man dürfte, so WIN, Zygmunt Bauman keine Plattform bieten, vor allem „wenn das Ganze mit öffentlichen Geldern aus Österreich und Polen finanziert wird“.

Inzwischen soll der Verfassungsschutz bereits die Ermittlungen aufgenommen haben. Laut Polizeipressesprecher Patrick Maierhofer stehe die Polizei mit dem Wien Museum in Verbindung und nähme solche Vorfälle sehr ernst. Zygmunt Baumann wird im Laufe der Woche noch weitere Vorträge halten. Laut dem Internetportal Indymedia seien erneute Angriffe denkbar. Deshalb würden sich die „Veranstaltungen selbst sowie die jeweils naheliegenden Parks als Ausgangspunkte für einen tatkräftigen Antifaschismus“ anbieten.

 

Nathan Spasić studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist als freier Journalist und Fotograf tätig.

AutorInnen: Nathan Spasić