An den Rand geschrieben

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Eine Hommage an Paul Valéry

Paul Valéry war ein Dichter. Und er war ein Philosoph. Beim Dichten wie beim Denken strebte er stets nach Klarheit und Deutlichkeit: „Von zwei Worten wähle man das weniger bedeutende.“ Seinem eigenen Rat versuchte der in Paris lebende Freund und Bewunderer des Schriftstellers Stephane Mallarmé stets zu folgen, in der Lyrik wie in der Philosophie. Tiefe war ihm nur ein Trick, ein sprachlicher Kniff. Seine Poesie entfaltet ihr Leben aus der Sprache selbst, unter Verzicht auf Brimborium, auf Überflüssiges. Die poésie pure sollte verzaubern ohne Magie: durch Genauigkeit und Formvollendung.

Als Theoretiker ist der französische Lyriker in Österreich so gut wie unbekannt. Sein Werk liegt zerstückelt vor. Zum größten Teil besteht es aus posthum herausgegebenen Notizen, die er sich – und wohl zunächst nur für sich – machte: cahiers, Hefte. Darüber hinaus erschienen einige Essays und Aphorismen schon zu seinen Lebzeiten. Er schrieb etwa über Leonardo da Vinci und Edgar Degas, den er hoch verehrte. Dem Maler kritzelte er, „wie ein zerstreuter Leser seinen Bleistift an den Rändern eines Buches spazierenführt“, einen kleinen Text an den Rand einiger seiner Studien. So fällt an Valéry zuerst seine Unaufdringlichkeit ins Auge. Es handelt sich dabei um eine unaufdringliche Unaufdringlichkeit, eine, die nicht beständig ausrufen muss: Seht her! Wie bin ich doch edel und zurückhaltend. Bei ihm entspringt sie der
Sache. Nicht das Wesentliche, das Wichtigtuerische ist für ihn entscheidend – der Vorbehalt dagegen schwingt noch in seinen konservativen Tiraden gegen das Neue mit. Das Unprätentiöse und Subtile gilt ihm soviel mehr. Der angestrengt errungene Gedanke, der, nur einen Augenblick lang wahr, sogleich wieder erlischt, verfliegt, vergeht … 

Die Form des Feuilletons ist dem Meister der vergänglichen Beständigkeit deshalb wie auf den Leib gegossen. Als journalistische Gattung ist es flüchtig, dahingesagt, einmal gelesen – gedacht und vergessen. Zugleich verlangt es, was Valéry stets von Denken und Sprache gefordert hat: Einfachheit und Subtilität in einer festen Form zu vereinen. „Man kann nicht subtil genug sein, und man kann nicht einfach genug sein. / Subtil genug, weil die Dinge es verlangen; einfach genug, weil unser Dasein und unsre Handlungen es gebieten.“

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