Keine Gerechtigkeit für Frauen

  • 01.01.2023, 15:56
Nicht funktionierende staatliche Schutzmaßnahmen, schwangere Teenager und eine Botschaft: Straflosigkeit. Gewalt an Frauen in Ecuador.

CW: Schilderung von Gewalt

Geraldina Guerra erzählt uns von einem Kampf, den die Zivilgesellschaft führt. Gegen komplizierte bürokratische Prozesse. Gegen ein System, das eigentlich beschützen sollte. Und gegen machistische und frauenfeindliche Stereotypen in der Gesellschaft. Sie ist Frauenrechtsaktivistin und Präsidentin der Stiftung ALDEA (Asociación Latinoamericana para el Desarrollo Alternativo). Wir treffen sie im Garten ihres Hauses in Mindo, nahe der Hauptstadt Quito. Inmitten von Vogelgezwitscher und Bananenbäumen erzählt Guerra von der Problematik der Gewalt an Frauen im Land: „Die Gewalt ist die andere Pandemie. Die Pandemie im Schatten. Sie bringt mehr Frauen um als der Krebs oder Verkehrsunfälle. Sie durchdringt leise das Leben und die Körper der Frauen.“

65 von 100 Frauen. Etwa 65 von 100 Frauen in Ecuador sind Gewaltopfer. Diese kann verschiedene Formen haben, zum Beispiel physisch, psychisch oder auch ökonomisch. Ein besonders großes Problem ist die sexualisierte Gewalt an Frauen, Kindern und Jugendlichen: „Vier von zehn ecuadorianischen Frauen sind Opfer sexualisierter Gewalt. In den Fällen von Sexualgewalt an Minderjährigen passieren 60% im eigenen Haushalt. Das heißt, es sind die eigenen Eltern, Onkel, Geschwister oder Großeltern, die Gewalt ausüben.“ Oft nimmt die geschlechtsspezifische Gewalt ihre schlimmste Form an: Alle 28 Stunden stirbt eine Frau durch einen Femizid.

An Gesetzen und Protokollen zum Schutz vor Gewalt mangelt es in Ecuador nicht. Schwierig ist eher die Umsetzung, denn bei der Staatsanwaltschaft und anderen zuständigen Stellen herrscht Personalmangel: „Du hast manchmal eine einzige Person, um die Gewaltfälle zu bearbeiten, aber gleichzeitig auch Diebstähle und alle möglichen Sachen, die in diesem Bezirk passieren.“ Dadurch bleiben Fälle jahrelang liegen und die Täter werden spät oder gar nicht zur Verantwortung gezogen: „Es gibt keine Gerechtigkeit für die Frauen. Die Message ist dann: Es ist egal, dass ein Vater seine siebenjährige Tochter vergewaltigt hat. Fatal. Was man mit der Gewalt machen muss, ist, eine handfeste Botschaft senden. Von Sanktionen, von Gefängnis. Von Bestrafung. Und das ist, was nicht passiert.“

Keine Schulung. Polizist_innen seien außerdem nicht genug geschult im Umgang mit Gewalt und die Frauen selbst würden oft ihre Rechte nicht kennen. Viele wissen nicht, dass sie sich im Ernstfall an eines von elf Frauenhäusern wenden können. Doch selbst dieses Angebot erscheint wenig: In Österreich gibt es 29 Frauenhäuser – bei halb so vielen Einwohner_innen wie in Ecuador.

Wir fahren nach Puerto Francisco de Orellana ins Amazonasgebiet. Palmen und Bananenbäume säumen die Straße, Schäfchenwolken stehen am blauen Himmel, es ist heiß. Hier befindet sich das Frauenhaus „Casa Paula“, welches seit über 20 Jahren eine Anlaufstelle für Gewaltopfer der Amazonasregion bietet. 

Inez Ramirez Maldonado hat das Haus gegründet und leitet es bis heute. Sie ist um die 50 und hat die langen schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten. Neben ihr arbeiten hier im Haus eine Anwältin, eine klinische Kinderpsychologin, zwei Sozialarbeiterinnen, eine Lehrerin, zwei Pädagoginnen und die Administratorin. Die Frauen, Jugendlichen und ihre Kinder bekommen hier Unterkunft, Essen, Kleidung und gesundheitliche Versorgung. Das ist oft notwendig, so Maldonado: „Wenn die Frauen kommen, kommen sie mit dem, was sie am Leibe haben. Sie kommen zerschnitten, geschlagen, vergewaltigt, schwanger, manchmal mit einer Vielzahl an Krankheiten. Viele sind knapp einem Femizid entgangen. Sie wurden fast umgebracht. Wir möchten ihnen zumindest eine Grundausstattung geben, damit sie sich wohl fühlen hier im Haus.“ Das ist nicht billig. Eigentlich bekommen Frauenhäuser eine Teilförderung vom ecuadorianischen Staat. Casa Paula hat diese heuer aus bürokratischen Gründen nicht bekommen, das versprochene Geld von der Gemeinde ist auch noch nicht angekommen. So ist das Haus auf NGOs und Spendengelder angewiesen – die meisten davon aus Europa. Trotz der stetigen Geldnot hilft das Team des Frauenhauses, wo es kann. Jugendlichen Gewaltopfern wird ein Schulplatz gesucht und finanziert, damit sie ihre Ausbildung beenden und sich ein eigenes Leben aufbauen können. Doch das funktioniert nicht immer: Manche werden per Gerichtsentscheid zurück in ihre Familien geschickt und müssen dort wieder mit dem Täter zusammenleben. „Eine fatale Entscheidung“, so Guerra.

Casa Paula. Maldonado wohnt mit ihrer Tochter, ihrem Mann und fünf Hunden nicht weit vom Frauenhaus entfernt. Ihre Familie beschreibt sie als ihre größte Stütze, gerade in der schwierigen Zeit um die Gründung des Frauenhauses. Auf dem schwarzen Sofa im Wohnzimmer sitzend, erinnert sie sich zurück: „Es gab einige Männer hier, die mit allen Mitteln verhindern wollten, dass ein Frauenhaus entsteht. Sie haben sogar die Bauarbeiter_innen geschlagen das ganze Baumaterial auf die Straße geschmissen. Ich habe dann alle Frauen organisiert und wir haben in einem großen Aufmarsch den Baugrund besetzt. 15 Tage haben wir dort geschlafen, bis sie mit der Basis für das Haus fertig waren.“ Der Widerstand hat sich schließlich gelohnt und für Maldonado ist das Frauenhaus damals wie heute ein Herzensprojekt: „Ich würde sagen, es war ein Lebensziel von mir, dass diese Organisation aufrechterhalten und gepflegt wird. Dass sie diese Betreuung anbieten kann. Denn wir retten Leben, indem wir einer sehr vulnerablen Gruppe Betreuung und Schutz bieten. Einer Gruppe, die nicht mehr hat als Casa Paula.“

Spenden an Casa Paula: paypal.me/AylluHuarmicunaF

 

Zur Autorin: Julia Wendy studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Sie hat 2021/22 ein Jahr in Mindo, Ecuador, verbracht.

 

 

AutorInnen: Julia Wendy