Nationalsozialismus

Die kulinarische Kodifizierung des Terrors

  • 26.09.2012, 01:57

Die Behörden des deutschen Innenministeriums können sich erst nach einer Serie rechtsextremer Morde und Gewalttaten zum öffentlichen Eingeständnis durchringen, dass rechtsextremer Gewalt zu wenig Gefahrenpotential beigemessen wurde.

Die Behörden des deutschen Innenministeriums können sich erst nach einer Serie rechtsextremer Morde und Gewalttaten zum öffentlichen Eingeständnis durchringen, dass rechtsextremer Gewalt zu wenig Gefahrenpotential beigemessen wurde. Die Verstrickungen und personellen Überschneidungen von Verfassungsschutz, Polizei und Neonazis leisten dazu ihren Beitrag und behindern die Aufklärungsarbeit. So erweist sich der in die Jahre gekommene Gemeinplatz, dass auf die Behörden kein Verlass sei, wenn es um antifaschistische Arbeit geht, als krisensicher und brandaktuell. Und nicht nur das: Die Nazi-Connection beim Verfassungsschutz ist seit mindestens zehn Jahren bekannt, und wird noch immer nicht in Frage gestellt.

Strategien der Verharmlosung. Ob die Schuldeingeständnisse, Reuebekundungen und Entschädigungsankündigungen der Justiz und der Polizei mehr als bloße Lippenbekenntnisse sind, wird noch zu zeigen sein. Was jedoch von Anfang an, im schlechtesten Sinne und in besonderer Deutlichkeit, zu Tage trat, sind die Versuche, rechtsextreme Gewalt zu verharmlosen: Zwei spezifische Phänomene, die im Zusammenhang mit der Neonazi-Mordserie häufig zur Geltung kommen, verweisen auf weitaus allgemeinere gesellschaftliche Probleme als „bloß“ kriminalistische Mängel. Es ist die rassistische Rede von „Döner-Morden“, die den Opfern noch den letzten Rest an Würde und Betrauerbarkeit nimmt. Indem die Opfer dieser rassistisch motivierten Morde mit einem kulturalistisch kodifizierten Gegenstand (Döner) gewaltsam identifiziert werden, verlieren sie ihren Status als Menschen. Sie sind tot. Und Döner lassen sich nicht betrauern. In dieser leichtfertigen Rhetorik zeichnen sich bereits die Konturen einer Strategie ab, die sowohl von Rechtsextremen, als auch von denen, die vor deren Auftreten, deren Gewalt, die Augen verschließen und verstummen, angewandt wird.

Alibi. Doch das Entsetzen und die Erschrockenheit über die Details, die nach und nach ans Tageslicht geraten, sind oft vor allem eines: Ausdruck der deutschen Normalität und Zeichen der Verharmlosung der menschenverachtenden Ideologie von Neonazis, NationalistInnen und Rechtsextremer aller Couleur, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. In Österreich hingegen, wo sich die Elite der europäischen Rechten alljährlich in der Hofburg, wohl nicht nur zum Tanze, versammelt, gibt es, wie man meint, keine Probleme mit „diesen“ Rechtsextremen, sitzen sie doch domestiziert im Parlament und in anderen großen Häusern – gleich nebenan. Aber verstellt der Blick auf diese „RepräsentantInnen“ nicht gerade die Sicht auf die, die sie repräsentieren?

An Tagen wie diesem

  • 26.09.2012, 01:45

Am 27. Jänner 2012 ist der 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen. Weltweit wird an diesem Tag der Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gedacht. In Österreich jedoch findet ein anderes Ereignis statt

Am 27. Jänner 2012 ist der 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen. Weltweit wird an diesem Tag der Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gedacht. In Österreich jedoch findet ein anderes Ereignis statt: In der Hofburg, in den Prunksälen der Republik, feiert sich der Wiener Korporationsring (WKR) anlässlich seines alljährlichen Balles – unter Vorstand der Burschenschaft Olympia. Diese wird vom Dokumentationsarchiv Österreichischen Widerstands (DÖW) als rechtsextrem und revisionistisch eingestuft.
Am letzten Freitagabend im Jänner hat sich in der Wiener Innenstadt eine ungewöhnliche Tradition eingebürgert: Sie gleicht einer Geisterstadt, der oberirdische öffentliche Verkehr kommt zum Erliegen und ihre einzigen legitimen BewohnerInnen scheinen Polizeikräfte und schlagende Burschenschafter samt Begleitung zu sein. Dieses Jahr hat die dafür verantwortliche Veranstaltung einen besonders schalen Beigeschmack: Der Balltermin überschneidet sich mit dem internationalen Holocaust-Gedenktag, der seit dem Beschluss der UN-Generalversammlung im Jahr 2005 auf den 27. Jänner fällt.
An diesem Tag gelang es der sowjetischen Armee Auschwitz-Birkenau zu befreien, wo Schätzungen zufolge über eine Million Menschen, hauptsächlich Jüdinnen und Juden aus Ungarn, ums Leben kamen. Die sowjetische Armee fand jedoch nur mehr rund 7000 Inhaftierte im Lager vor. Unter den Befreiten befand sich auch Otto Frank, Anne Franks Vater. Weitere 60.000 waren in den Tagen und Wochen zuvor auf Todesmärsche in Richtung Westen geschickt worden.
An diesem Jahrestag wird der schlagende Burschenschafter und Klubchef der Wiener FPÖ Johann Gudenus wohl in der Hofburg tanzen. Für ihn stellt das kein Problem dar, denn er sieht deutschnationale Burschenschaften als bürgerliche Bewegungen. Die dem WKR vorsitzende Verbindung Olympia, welcher auch der dritte Nationalratspräsident Martin Graf angehört, zeigt allerdings mit ihrer Einladungspolitik mit Faible für prominente Holocaustleugner eindeutig, welchen Geistes Kind sie ist. Auf der Gästeliste standen bereits der wohl bekannteste revisionistische Historiker David Irving, der 2005 auf dem Weg zu einer Veranstaltung der Olympia in Wien festgenommen und später wegen Wiederbetätigung verurteilt wurde, sowie die rechtsextremen Liedermacher und NPD-Politiker Michael Müller („(...) mit sechs Millionen Juden fängt der Spaß erst richtig an“).
Hinter der bürgerlichen Fassade sind die antisemitischen und revisionistischen Botschaften leicht auszumachen. Und den schlagenden Verbindungen wird mit dieser Veranstaltung einmal mehr ermöglicht, ihre menschenverachtende Ideologie zu inszenieren. 2013 wird der WKR Ball nach momentanem Stand nicht in der Hofburg feiern dürfen. Damit reagierten die GesellschafterInnen der Hofburg auf den öffentlichen Druck, der sich in den letzten Jahren verstärkte.

Ein Feiertag in der Zwickmühle

  • 24.09.2012, 10:00

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Ein Kommentar über beklemmende Trauer, Freude und Stille beim österreichischen Gedenken an das erfreuliche Ereignis.

Der 8. Mai, der Tag des Sieges der Alliierten über Nazideutschland im Jahr 1945, wird in Österreich nicht als offizieller Feiertag begangen. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Staaten Europas ist die Bedeutung des 8. Mai in Österreich keine so klare Angelegenheit. Dem 8. Mai wird jedoch nicht nur vom offiziellen Österreich wenig Beachtung geschenkt, er hat auch für weite Teile der Bevölkerung keine Bedeutung. In den Medien finden sich höchstens kurze Meldungen zu den traditionellen Auseinandersetzungen zwischen rechtsextremen Burschenschaftern, die den 8. Mai mit Fackeln in der Hand und Tränen in den Augen als Tag der totalen Niederlage betrauern, und linken Antifaschist_innen, die den skurrilen Traueraufmarsch verhindern oder zumindest stören möchten. So scheint es, dass dieser Tag lediglich für die extreme Rechte und ihre expliziten Gegner_innen eine gewisse Bedeutung hat.

TRAUERTAG DER EXTREMEN RECHTEN. Das Bild, das sich am 8. Mai rund um den Heldenplatz bietet, hat sich in den letzten Jahren kaum verändert: Großräumige Sperren ermöglichen es den Burschenschaftern in voller Montur, den „Alten Herren“, den FPÖ-Abgeordneten und den unauffällig gekleideten Neonazi-Kadern - 2004 lauschte etwa die mittlerweile inhaftierte Neonazi-Ikone Gottfried Küssel der Trauerrede Heinz-Christian Straches -, mit Fackeln und Trommelbegleitung von der Mölker Bastei zum Heldenplatz zu marschieren. Dort angekommen, werden pathetische Reden zum Besten gegeben und am Ende das „Lied vom guten Kameraden“, der Gassenhauer der Ewiggestrigen, angestimmt. Die antifaschistische Gegendemo fand in den letzten Jahren, abgeschirmt von mehreren Reihen Polizist_innen, vor den Toren des Heldenplatzes statt. Für die extreme Rechte und ihre parlamentarische Vertretung, die FPÖ, ist der 8. Mai traditionellerweise eine politische Bekenntnisfrage. Blaue Politiker_innen, die an diesem Tag gemeinsam mit Burschenschaftern und Neonazis zum Heldenplatz ziehen, verstecken ihre Interpretation des 8. Mai meist hinter der allgemeinen Floskel, es gehe ihnen um das Gedenken an „alle Opfer des Krieges“. In diesem Sinne erwähnte der damals frisch gebackene FPÖ-Parteichef Strache bei seiner „Totenrede“ auf dem Heldenplatz 2004 auch die Häftlinge der Konzentrationslager, um sie dann sogleich mit den „Opfern des alliierten Bombenterrors“ und den „Millionen heimatvertriebenen Deutschen“ gleichzusetzen, für die „das Kriegsende aber keine Befreiung gewesen“ sei. Hier wird einerseits eine klassische Vermischung von Opfern und Täter_innen betrieben: Alle waren irgendwie Opfer des Krieges, egal auf welcher Seite sie standen. Andererseits knüpft Strache an die Narrative derjenigen an, für die der 8. Mai 1945 tatsächlich ein Tag der Niederlage war, weil sie mit Überzeugung und Begeisterung für ein „Tausendjähriges Reich“ gekämpft hatten.

FEIERTAG DES ANTIFASCHISMUS. Für einen nicht so kleinen Teil der Gesellschaft - in Österreich gab es immerhin circa 700.000 NSDAP-Mitglieder - war der 8. Mai 1945 also eher ein Tag der Niederlage. Für jene, die verfolgt wurden, in den Konzentrationslagern litten, um ihr Leben fürchten mussten, war dieser Tag jedoch tatsächlich eine Befreiung, die es zu feiern galt. 1946 wurde rund um den 8. Mai ein dreitägiges Fest organisiert, das in den Folgejahren jedoch immer mehr an Bedeutung verlor. Um diesen Widerspruch zwischen Befreiten und Kriegsverlierer_innen zu kaschieren, wurde der 8. Mai 1945 zu einer „Stunde Null“ uminterpretiert, von der aus sich alle politischen Lager gemeinsam für ein freies Österreich einsetzten. „Österreich ist frei“, hieß es dann erst bei der Staatsgründung 1955. Damit sich Österreich als „Opferkollektiv“ konstituieren konnte, musste es sich zuerst von der konkreten Befreiung vom Nationalsozialismus „befreien“. Der Anspruch, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu begreifen, ist somit nur schwer vereinbar mit den Gründungsnarrativen der Nation Österreich.

Heute rufen Antifaschist_innen rund um den 8. Mai dazu auf, diesen Tag gebührend zu feiern. Aber auch das birgt die Gefahr, Österreich wieder als „erstes Opfer“ zu begreifen, als „macht- und willenlos gemachtes Volk“, das 1945 endlich von der Fremdherrschaft befreit wurde. Wenn anstatt einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der postnazistischen Gesellschaft das „andere“, „bessere“ Österreich sich selbst abfeiert, wird der Widerspruch, auf dem Österreich beruht, erneut zugedeckt.

VERWEIGERUNG FEIERN. Ein Bezugspunkt für den 8. Mai, der kaum patriotisch instrumentalisierbar ist, wäre Desertion, Befehlsverweigerung und Flucht aus Verbänden der deutschen Wehrmacht. Das Sichtbarmachen von Deserteuren würde den Widerstreit der unvereinbaren Positionen von Widerstandskämpfer_innen und Deserteuren einerseits und den Täter_innen andererseits offenlegen, der durch das Gründungsnarrativ Österreichs verdeckt wird. Dass es für einen Staat kaum möglich ist, sich auf „Verrat“ positiv zu beziehen, zeigt jedoch die bis heute kontrovers geführte Debatte über den Umgang mit dem Andenken an Wehrmachtsdeserteure. Bis Herbst 2009 hat es gedauert, dass die Republik Österreich sich dazu durchringen konnte, die Opfer der NS-Militärjustiz zu rehabilitieren und die Urteile gegen sie aufzuheben. Die Forderung nach einem Denkmal, das Desertion und Fahnenflucht aus der Wehrmacht als widerständigen Akt würdigt, steht bis heute im Raum. Das Beispiel der Deserteure straft außerdem den Opfermythos und die Rede von der Willen- und Machtlosigkeit Lügen, indem es aufzeigt, dass es Möglichkeiten gab, gegen den Nationalsozialismus Widerstand zu leisten.

Die Frage, welche Rolle dem 8. Mai aus antifaschistischer Perspektive beigemessen wird, lässt sich nur angemessen beantworten, wenn ein konkreter historischer Bezug geschaffen wird. Fehlt diese Verbindung, beläuft sich das alljährliche Begehen dieses Tages auf bloßes Feiern, das jeder Grundlage entbehrt, oder auf eine patriotische Vereinnahmung durch das „bessere“, „andere“ Österreich. Die positive Bezugnahme auf Verweigerung, Ungehorsam und „Verrat“ als Charakteristika, die die Handlungen der Deserteure auszeichnen, bietet einen Ansatzpunkt, von dem aus der 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, jenseits identitärer Instrumentalisierung und inhaltlicher Verflachung, gefeiert werden kann.
 

DER SIEG DER ALLIIERTEN 1945

29. MÄRZ 1945: Die Rote Armee befreit Klostermarienberg im Burgenland.
6. APRIL 1945: Rote Armee erreicht Wien. Kampflosen Übergabe Wiens scheitert, heftiger Häuserkampf zwischen Roter Armee und Volkssturm bzw. der HJ. SS patrouilliert in Straßen und erschießt desertierte Wehrmachtssoldaten.
10. APRIL 1945: Teppichhaus Haas geht in Flammen auf. Funkenflug löst den Brand des Stephansdoms aus - das Sinnbild Österreichs als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“.
13. APRIL 1945: Kampf um Wien beendet, die rote Fahne wird am Parlament gehisst. Von den mehr als 200.000 Juden und Jüdinnen, die im März 1938 in Wien gelebt hatten, erleben nur mehr 5243 hier die Befreiung.
27. APRIL 1945: SPÖ, ÖVP und KPÖ unterzeichnen Proklamation der Selbstständigkeit Österreichs. Die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Österreicher_innen bzw. von Angehörigen der Volksgruppen der Roma und Sinti sowie die Beteiligung zahlreicher Österreicher_innen an den NS-Verbrechen wird darin nicht erwähnt.
5. MAI 1945: US-Amerikanische Truppen befreien das KZ Mauthausen.
8. MAI 1945: Die Wehrmacht kapituliert bedingungslos in Berlin. Der 8. Mai ist in vielen europäischen Staaten bis heute als „Tag der Befreiung“ ein gesetzlicher Feiertag.

 

Eichmanns Ankläger in Wien

  • 20.09.2012, 16:15

Genau vor 50 Jahren fand in Israel der Prozess gegen Adolf Eichmann, den „Organisator der Shoa“, statt. Anlässlich einer Ausstellung im Justizpalast war der damalige Ankläger Gabriel Bach für ein ZeitzeugInnengespräch in Wien.

Genau vor 50 Jahren fand in Israel der Prozess gegen Adolf Eichmann, den „Organisator der Shoa“, statt. Anlässlich einer Ausstellung im Justizpalast war der damalige Ankläger Gabriel Bach für ein ZeitzeugInnengespräch in Wien.

Gabriel Bach ist 84 Jahre alt. Schon oft hat er vom Eichmann-Prozess erzählt. Doch wenn er erklären soll, welcher Moment ihn am stärksten berührt hat, wird seine Stimme zittrig. Der Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann erzählt von einem Zeugen, der im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau seine ganze Familie verloren hat: „Er sagte: Ich habe meine Frau nicht mehr gesehen, die war verschwunden in der Menge. Ich habe meinen Sohn nicht mehr gesehen, der war verschwunden in der Menge. Aber mein Töchterchen, zweieinhalb Jahre alt, die hatte einen roten Mantel. Und dieser rote Punkt wurde immer kleiner. So verschwand meine Familie aus meinem Leben. Und ganz zufällig hatten wir eine kleine Tochter. Genau zweieinhalb Jahre alt. Ich hatte ihr zwei Wochen vorher einen roten Mantel gekauft.“ Als der Zeuge das gesagt hatte, da verschlug es Bach vollständig die Stimme, erzählt er heute: „Es hat vielleicht zwei oder drei Minuten gedauert, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Wahrscheinlich eine banale, kleine Geschichte, aber für mich symbolisiert das diesen Prozess mehr als irgendwelche anderen Momente.“
Gabriel Bach war der stellvertretende Chefankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann im Jahr 1961. Ein halbes Jahrhundert später war er Ende November anlässlich der Ausstellung „Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht“ im Justizpalast zu einem Gespräch in Wien. Schon oft habe er von seinen Erfahrungen erzählt, merkt Bach man an. Doch jedes Mal auf neue Weise, ergreifend und voll innerer Überzeugung, spricht er über diesen Prozess, der bis heute sein Leben geprägt hat.

Glückskind. Bach überlebte den Nationalsozialismus wie durch ein Wunder – sein Vater hatte die richtige Intuition und flüchtete mit der Familie nur zwei Wochen vor den Pogromen am 9. November 1938 nach Holland. Und nur ein Monat vor der deutschen Invasion in den Niederlanden konnte die Familie auf einem Schiff weiter nach Jerusalem reisen. Er ist der einzige aus seiner Schulklasse, der die Zeit überlebt hat. „Wir konnten vorher all die Jahre hindurch immer nur hören und lesen, was da geschehen war und nie etwas dagegen tun“, sagt Bach heute. Daher auch der Wille, „auf demokratischste und juristisch fundierteste Weise die Sachen zu beweisen gegen den Mann, der verantwortlich war für alle Aspekte. Das hat einem doch eine große Befriedigung gegeben.“
Der Angeklagte, der ehemalige Leiter des nationalsozialistischen „Judenreferats“ Adolf Eichmann, wurde 1960 vom israelischen Geheimdienst Mossad in Argentinien aufgespürt und für seinen Gerichtsprozess nach Israel verschleppt. Eichmann, der in Linz aufgewachsen war, war maßgeblich für die Organisation und Durchführung der Deportationen und Ermordungen von sechs Millionen Juden und Jüdinnen verantwortlich. Jeder Transport nach Auschwitz ging über seinen Schreibtisch. Und so leitete er beispielsweise das ungarische „Judenkommando“, im Zuge dessen in der kurzen Zeit von März 1944 bis Juli 1944 eine halbe Million ungarischer Juden und Jüdinnen nach Auschwitz deportiert wurden. Mit Eichmann hatte man den Fachmann für die „Judenfrage“ im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) dingfest gemacht.
Zuvor war er, wie viele andere NS-Funktionäre untergetaucht und über die „Rattenlinie“ nach Südamerika gelangt, wo er unter falschem Namen lebte. Eichmanns Verteidigungsstrategie war es, sich als Befehlsempfänger und kleines Rädchen darzustellen. Aber das stimmte nicht, erzählt Bach: „Am Ende des Krieges hat Eichmann gesagt: ,Ich weiß, der Krieg ist verloren, aber ich werde meinen Krieg noch gewinnen.‘ Und dann fuhr er nach Auschwitz, um die Tötungen von 10.000 am Tag auf 12.000 heraufzubringen.“

Eichmann in Jerusalem. Bis heute kontrovers sind die Prozessbeobachtungen Hannah Arendts, die den SS-Obersturmbannführer in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ als Befehlsempfänger und banalen Schreibtischtäter schildert. „Das ist von Hannah Arendt völlig falsch wiedergegeben“, sagt Bach. Zu einem Gespräch zwischen den beiden ist es nicht gekommen, erinnert er sich: „Ich hörte, da ist eine Frau nach Israel gekommen. Eine Philosophin aus Amerika, um gegen den Prozess zu schreiben. Das hat mich gewundert und ich habe ihr mitteilen lassen, ich würde mich freuen, mich mit ihr zu treffen. Sie hat geantwortet, dass sie nicht bereit sei, mit irgendjemand von der Staatsanwaltschaft zu sprechen. Das war ziemlich typisch.“
Die Bedeutung des Gerichtsprozesses für die Identität des jungen Staates Israel ist kaum zu ermessen. „Ich werde nie den ersten Moment dieses Prozesses vergessen, als die Richter in den Saal kamen mit dem Israeli-Wappen hinter sich und Eichmann da reinkam und Haltung annahm vor einem souveränen israelischen Gericht. Die Bedeutung des Staates Israel wurde mir auf einmal klarer als in irgendeinem Moment davor. Mehr als jede Parade, jeder Leitartikel in der Zeitung oder jede Zeremonie hat mich das ungeheuer beeindruckt“, sagt Bach.
Eichmann wurde der Verbrechen gegen das jüdische Volk und gegen die Menschheit schuldig befunden und im Mai 1962 hingerichtet. „Er ist der einzige Mensch, der in Israel jemals zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Ich glaube, ich kann objektiv sagen, dass er wirklich ein Mann ist, der das absolut verdient hat“, sagt sein Ankläger.

Der Autor hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Wien studiert. Die Gedenkstätte Yad Vashem hat den gesamten Prozess online gestellt: www.youtube.com/eichmanntrial

Stimmen gegen das Vergessen

  • 13.07.2012, 18:18

65 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutet unter anderem auch, sich mit dem Ableben vieler ZeitzeugInnen und Holocaustüberlebenden auseinandersetzen zu müssen und sich neue Formen der Erinnerung, aber auch Strategien gegen das Vergessen anzueignen.

65 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutet unter anderem auch, sich mit dem Ableben vieler ZeitzeugInnen und Holocaustüberlebenden auseinandersetzen zu müssen und sich neue Formen der Erinnerung, aber auch Strategien gegen das Vergessen anzueignen.

Die Filmreihe Visible von Marika Schmiedt stellt den Versuch dar, die Erinnerungen von ZeitzeugInnen zu sammeln und für die Nachwelt zu erhalten. Die Reihe Bücher gegen das Vergessen des kleinen zweisprachigen Verlages Drava aus Kärnten/KoroŠka versucht dasselbe.
In einer fünfteiligen Portraitreihe hat die Filmemacherin Marika Schmiedt filmisches Material aufgearbeitet, das in den Jahren 1998 bis 2000 von Mitarbeiterinnen der Lagergemeinschaft Ravensbrück in Zusammenarbeit mit dem Institut für  Konfliktforschung in Form von Interviews mit Frauen gesammelt wurde, die das KZ Ravensbrück überlebt haben. Die Besonderheit dieses Projekts wird durch den Zugang dargestellt, nicht nur die Lebensgeschichten der Überlebenden für die nachfolgenden Generationen festzuhalten, sondern auch darauf einzugehen, welche Auswirkungen die traumatischen Erfahrungen des Nationalsozialismus auf die Nachgeborenen hatten. „Ihr Leben mit dieser Erinnerung, mit/bestimmend für die gegenwärtigen Beziehungen zu Kindern und Enkeln und deren Erfahrungen damit, machen für jüngere ZuschauerInnen den Zusammenhang der Geschichte des Nationalsozialismus mit dessen Bedeutung heute sichtbar.“
So kommen auch die Kinder und Enkelkinder der Holocaust überlebenden Frauen zu Wort und schildern die Schwierigkeiten, sich mit den Geschichten und Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern  auseinanderzusetzen. In den verschiedenen Portraits von Überlebenden unterschiedlicher Opfergruppen werden die Spätfolgen ebenso aufgezeigt wie die Art und Weise, wie die Erfahrung des Holocausts die Beziehungen zu den Familienangehörigen mitstrukturieren. So portraitiert beispielsweise Aber in Auschwitz will ich begraben sein nicht nur die traurige Geschichte von Dagmar Ostermann, die lange Zeit als jüdische Zeitzeugin in Schulen in ganz Österreich tätig war und nun, beinahe vergessen, in einem jüdischen Altersheim in Wien vereinsamt, sondern auch ihren Enkel Marc Ostermann, der sich als letzter in Wien verbleibender Familienangehöriger um seine Oma kümmert. Dieser will sich auch dem letzten Wunsch seiner Oma annehmen, nämlich in Auschwitz begraben zu werden. In der Gedenkstätte des Vernichtungslagers selbst war er aber noch nie. Im Portrait erzählt Ostermann davon, dass die Realität der Lager war, dass sie nicht überlebt wurden. Darüber hinaus versteht sie das Wort „Wiedergutmachung“, gerade in Anbetracht der ständigen Angst und der „Ausrottung“ ganzer Familien durch die Nazis, als reinen Zynismus. Ostermann gibt auch zu, dass sie ihren Sohn mit den Erzählungen vom KZ malträtiert hat und das Aufwachsen mit ihren Erinnerungen nicht immer einfach gewesen ist.
Auch in Lungo Dom/Langer Weg über die Überlebende Ceija Stojka beschreiben sowohl die Tochter als auch die Enkelin der Romi und Künstlerin, dass sie mit den Erzählungen über KZs aufgewachsen sind. Aber auch die Diskriminierungen, mit denen sich Angehörige der Minderheit der Roma immer noch konfrontiert sehen, werden in dem Portrait ausführlich thematisiert. „Die Angst, die durch ihre Erinnerungen an die grauenhafte Kindheit im Todeslager und die wieder zunehmenden Verfolgungen von Roma in Europa wach gehalten wird, hat sie an ihre Kinder und Enkelkinder weitergegeben – aber auch die Liebe zum Leben.“ 

Autobiographische Erzählungen. Der Drava Verlag hat in den letzten Jahren mehrere autobiographische Werke und Übersetzungen von ehemaligen PartisanInnen und anderen (Kärntner) SlowenInnen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise gegen das nationalsozialistische Vernichtungsregime zur Wehr setzten, veröffentlicht. So erschienen beispielsweise im Herbstprogramm 2007 die Erzählungen zweier Autoren, Anton Haderlap und Franc Kukovica, die die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Erlebnisse aus der Perspektive der Kinder, die sie damals waren, literarisch verarbeiteten.

Franz Kukovica. So erzählt der 1933 in Blasnitzen/Plaznica, in der Gemeinde Eisenkappel-Vellach/Železna Kapla-Bela geborene Franc Kukovica in seinem Werk Als uns die Sprache verboten wurde. Eine Kindheit in Kärnten (1938-1945) von der systematischen Ausschaltung der slowenischen Sprache in Kärnten/Koroška sowie der voranschreitenden Benachteiligung, Zurücksetzung und Demütigung von slowenisch sprechenden Menschen durch die Nazis. In der Schule als „Windischer“ stigmatisiert, erinnert sich Kukovica auch an seine Angst, die Verluste, die er schon als Kind machen musste, und an jene Männer und Frauen, die für die Freiheit kämpften, und mit denen seine Eltern während des Kriegs in engem Kontakt standen. Während sein Vater in der Fabrik für die PartisanInnen nützliche Materialien, Gegenstände und Geld sammelte und sich später auch dem bewaffneten Widerstand anschloss, übernahm Kukovica selbst Kurierdienste. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Bei der Erledigung meiner Kurierdienste fühlte ich in meinem Körper oft eine plötzliche Spannung, mir wurde so heiß, dass ich schwitzte, das Herz schlug mir sehr stark, ich fühlte es im Halse, Angst befiel mich. Gewöhnlich dann, wenn meine Zweiliterkanne vollgefüllt mit verschiedenen Sachen für die Partisanen war und ich am Wachposten vor der Brücke über die Vellach vorbei musste.“

Anton Haderlap. Aus der Perspektive eines Vierzehnjährigen wird auch das autobiographische Werk Graparji. So haben wir gelebt, Erinnerungen an Kärntner Slowenen in Frieden und Krieg von Anton Haderlap erzählt. Ebenfalls in der Gegend von Eisenkappel/Železna Kapla situiert, bearbeitet Haderlap die Geschichte seiner Familie, seines Tals sowie der slowenisch- sprachigen Bevölkerung seit dem Ersten Weltkrieg bis zur späteren Verfolgung und Unterdrückung durch die Nazis. So finden auch die verharmlosend als „Aussiedlung“ bezeichneten Deportationen von knapp 1.000 Kärntner Sloweninnen und Slowenen im Frühjahr 1942 Erwähnung in dem besagten Werk. Weiters beschreibt Haderlap auch den starken Zulauf der slowenisch-sprachigen Bevölkerung Kärntens zu den PartisanInnen, denen sich auch sein Vater anschloss. Während Haderlaps Mutter, zwei Tanten und ein Onkel sowie eine im gemeinsamen Haushalt lebende Cousine von den Nazis verhaftet und nach Ravensbrück und Dachau deportiert wurden, gelang dem Autor selbst gemeinsam mit einer anderen Tante und seinem elfjährigen Bruder die Flucht in die Wälder, wo er sich ebenfalls dem bewaffneten Widerstand gegen den Nationalsozialismus anschloss, als Kurier tätig wurde und so den Zweiten Weltkrieg überlebte. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Für einen jungen, neugierigen Menschen wie mich war vieles schwer zu verstehen. Es gab viele Fragen, auf die man einem Kind zu seinem Schutz und zum Schutz der ganzen Gruppe keine Antwort geben durfte. Geheimhaltung war lebenswichtig. Zu großes Vertrauen und Arglosigkeit haben viele ins Verderben gestürzt. Immer musste man mit Verrätern, Spitzeln und Denunzianten rechnen. Also musste ich in meinem neuen Heim warten und mich an das Leben im einsamen, muffigen Raum gewöhnen.“
In den autobiographischen Schriften ehemaliger PartisanInnen zeigt sich, dass die Literatur eine der wenigen Möglichkeiten darstellte, dem von ihnen Erlebten Gehör zu verschaffen, ihre Anliegen sichtbar zu machen und das auszusprechen, was nach 1945 in Kärnten wie auch anderswo in Österreich fast niemand hören wollte.

Karel Prušnik-Gašper. Auch Karel Prušnik-Gašper, ein bekannter Kärntner PartisanInnenführer erzählt in seinem Erinnerungsbuch Gemsen auf der Lawine (1981) von seiner Verurteilung zu einer zwölfmonatigen Haft. Dies geschah, weil er in seiner Rede bei der Denkmalenthüllung in St. Ruprecht 1947 unter anderem dazu aufgerufen hatte, das Denkmal möge den Kärntner SlowenInnen für alle Zeiten eine Mahnung sein, niemals wieder „Sklaven zu sein“ und immer dann zu den Waffen zu greifen, wenn es darum geht, „gegen die Fremdherrschaft“ zu kämpfen. „Unser Ziel war ein gerechter Friede eine gerechte demokratische Ordnung, die völlige Liquidierung des Faschismus.“ Ein Ziel, das im offiziellen Kärnten/Koroška und seinem „ewigen Abwehrkampf“ gegen alles Undeutsche weder anzutreffen war noch ist. 
 

 

Die Nazi-Riesen

  • 13.07.2012, 18:18

Einst von Zwangsarbeitern für die Nazi-HerrscherInnen erbaut, sind die drei Flakturmpaare in Wien mittlerweile fast schon zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Eine historische Reportage.

Einst von Zwangsarbeitern für die Nazi-HerrscherInnen erbaut, sind die drei Flakturmpaare in Wien mittlerweile fast schon zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Eine historische Reportage.

Zu Tausend standen sie bereits in den frühen Morgenstunden mit Sack und Pack im Augarten. Mütter mit schreienden Neugeborenen und quengelnden Kleinkindern an der Hand, beinamputierte Wehrmachtssoldaten, Alte auf Stöcke gestützt, die wenigen Habseligkeiten in einem kleinen Koffer verstaut. Zwischen all den Menschen wartete auch die fünfjährige Hertha Bernhart. Täglich drängte sie sich gemeinsam mit ihrer Mutter zum Flakturm durch, in der Hoffnung, eingelassen zu werden. Ein Flakturm ist ein Hochbunker, der gleichzeitig auch als Plattform für Flugabwehrkanonen (Flak) und deren Feuerleitanlage genutzt werden konnte. Ging der Bombenalarm erst los, dann war es meist schon zu spät. „Dann wurde es unglaublich hektisch“, erzählt die heute 70-jährige Hertha Bernhart. Die Menschen schubsten sich, stolperten übereinander, schimpften und weinten. Für wen es keinen Platz mehr gab, der musste draußen bleiben. Die Luftwarte wurde durch die eisernen Eingangstüren versperrt und die verzweifelten Menschen streuten unter tosendem Geheul der Sirenen auseinander. Doch woanders konnte Hertha mit ihrer Mutter nicht hin. Der feuchte Waschkeller ihres Wohnhauses in der Jägerstraße in Brigittenau war nicht sicher. Würde das Haus von einer Bombe getroffen werden, bedeutete dieser Unterschlupf ihr lebendiges Grab. Also hieß es Anstehen vor dem Flakturm. Zum Missfallen der älteren Menschen wurden Mütter mit Kindern bevorzugt eingelassen.

Macht aus Beton. Der Luftkrieg gegen Wien begann im Sommer 1943. In diesem Jahr zählte Wien acht Luftalarme, 1945 waren es bereits 51. Vielen Wienerinnen und Wienern sind vor allem die Nachtangriffe der Alliierten in Erinnerung geblieben, doch die Stadt wurde meist in den Vormittags- oder Mittagsstunden bombardiert. Um gegen die schweren Geschütze der US-Air-Force etwas ausrichten zu können, erfand das Deutsche Reich kurzerhand die Flaktürme – regelrechte Betonriesen, die die Stärke des Deutschen Reichs demonstrieren sollten. Es wurden Luftschutzräume in die Höhe statt in die Tiefe gebaut. Verstecken wollten sich die Nazis nicht.
Im gesamten Reich wurden acht Flakturmpaare errichtet, fünf davon in Berlin und Hamburg. Ein Paar bestand jeweils aus einem Leitturm und einem Gefechtsturm. Um die Jahreswende 1942/43 wurde mit dem Bau der Wiener Flaktürme begonnen. Zuerst im dritten Bezirk am Arenbergpark, danach im Esterhazypark und erst im Winter 1944/45 bauten Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen die modernste Variante der zwei Türme im Augarten. Sie sollten den Angriff der Alliierten erschweren und zeitgleich als Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung dienen. Die BewohnerInnen rund um den Augarten waren über den Bau der Türme zuerst erfreut – „auch wenn wir sie unglaublich hässlich fanden“, erinnert sich Hertha Bernhart. Die Leute wähnten sich in Sicherheit und dachten, die Amerikaner und Russen würden sich nicht trauen, die massiven Flaktürme zu bombardieren. „Doch dann wurde das erste Haus in der oberen Donaustraße getroffen und wir wussten, dass wir nirgendwo mehr sicher waren.“ 

Keiner überlebte. Erst einmal im Flakturm drinnen, hieß es stundenlang dicht gedrängt stehen. „Es war stickig, heiß, es dröhnte. Die Kinder schrien und schwangere Frauen brachten zwischen all den Menschen ihre Kinder zur Welt, meistens viel zu früh. Es war schlimm und es nahm kein Ende“, erzählt Bernhart. Von den Gefechtstürmen wurde der Kampf gegen die schweren Bomber der US-Air-Force aktiv aufgenommen. In vier Geschütz-Stellungen wurden Zwillingsflak-Geschütze postiert. Das Erdgeschoß und die zwei darüberliegenden Stockwerke waren als Luftschutzbunker vorgesehen. 15.000 bis 40.000 Menschen konnten in einem Flakturm Platz finden. Es gab einen eigenen Brunnen, Trinkwasseranlagen, Belüftungseinrichtungen und Kraftwerke für die Stromversorgung. Für die normale Bevölkerung und das Flakturmpersonal sowie die Wehrmachtssoldaten gab es getrennte Eingänge, Stiegenhäuser und Aufzüge. Auch Verwundete hatten einen eigenen Einlass. Bald hatte Hertha Bernharts Muttera ber genug von der täglichen Tortur. „Meine Mutter konnte sich nur schwer von der Wohnung lösen. All die Erinnerung an meinen Vater war ja hier, aber wir zogen dann zu Bekannten nach Klosterneuburg. Dawar es ruhig er.“ Wenige Tage nach  dem Umzug wurde ihr Wohnhaus in der Jägerstraße von einer Bombe getroffen. Alle, die sich im Keller sicher glaubten, wurden verschüttet. KeineR überlebte. 

Dunkelheit. Denkt Hertha Bernhart heute an die Kriegsjahre, dann kommen ihr vor allem die Entbehrungen in den Sinn. „Es gab nur wenig zu essen und es war sehr kalt, es gab ja keine Heizung. Wir mussten die Fenster unserer Wohnung verdunkeln, sobald der Alarm losging. Eigentlich war es immer dunkel“, erinnert sich Hertha Bernhart an ihre frühen Kindheitsjahre. Sie lebte alleine mit ihrer Mutter in der kleinen Wohnung, die Glühbirnen in den Stiegenhäusern waren schwarz bemalt und lediglich ein Punkt war freigekratzt, um die Stufen zu beleuchten. Um nachts auf den Straßen gesehen zu werden, mussten Knöpfe mit phosphorizierendem Licht getragen werden. Als Schutz vor Feuer waren die Hausparteien verpflichtet, Wasserkübel und Sand am Dachboden zu lagern. Berühmt-berüchtigt war die Feuerpatsche, ein alter Besen mit nassen Fetzen umwickelt. Bei Flächenbränden nutzten diese primitiven Vorkehrungen aber nichts. Am 12. März 1945 erfolgte der wohl schwerste Angriff auf Wien. Über 700 Bomber bombardierten eineinhalb Stunden lang die Stadt. Das Ziel war eine Ölraffinerie in Floridsdorf, getroffen wurden aber auch die Staatsoper, das Burgtheater, die Albertina und der Messepalast. 8.769 Wienerinnen und Wiener starben im „Kampf um Wien“, rund 30 Prozent der Gebäude wurden zerstört.
Noch heute ragt der 55 Meter hohe Gefechtsturm „Peter“ im Augarten empor. Ein paar Meter weiter der etwas kleinere und schmalere Leitturm, zwei Betonklötze mitten in einem belebten Park, rundherum zahlreiche Wohnhäuser. Die sind auch der Grund, weshalb eine Sprengung der Flaktürme nach Kriegsende nicht erfolgen konnte. Anders als in Deutschland, wurden die Türme in Wien innerhalb des Wohngebiets errichtet. Würde man die Türme detonieren, so würden die umliegenden Häuser ebenfalls einstürzen. Also ließ man die Türme stehen. Tauben nisteten sich in die Betonburgen ein. Eine mehrere Meter dicke Schicht aus Taubenkot und eine beträchtliche Zahl an Taubenkadavern beherrschen nun das Innenleben der einst mächtigen Nazi-Wahrzeichen. 
 

Wir müssen reden!

  • 13.07.2012, 18:18

Unsere Generation ist die letzte, die die Möglichkeit haben wird, mit jenen Menschen zu sprechen, die Krieg, Verfolgung und Diktatur in Österreich miterleben mussten. Viel Zeit dürfen wir aber nicht mehr verlieren, um diese Chance zu nutzen.

Unsere Generation ist die letzte, die die Möglichkeit haben wird, mit jenen Menschen zu sprechen, die Krieg, Verfolgung und Diktatur in Österreich miterleben mussten. Viel Zeit dürfen wir aber nicht mehr verlieren, um diese Chance zu nutzen.

Der 1928er Jahrgang war der letzte, der in den Krieg gezogen ist. 82 Jahre alt werden die noch lebenden VertreterInnen dieses Jahrganges 2010. Damit haben sie die durchschnittliche Lebenserwartung von ÖsterreicherInnen bereits um knapp vier Jahre übertroffen. Laut den Erhebungen des Statistischen Zentralamts von 2008 beträgt die Zahl der vor 1928 Geborenen etwa 350.000. Werden nur die männlichen ZeitzeugInnen gezählt, die im Gegensatz zu den weiblichen auch aktiv in Kriegshandlungen verwickelt waren, sind es knapp 100.000. Es kann davon ausgegangen werden, dass ein großer Teil von diesen aufgrund des fortgeschrittenen Alters nicht mehr im Stande ist, genaue Angaben zu den Geschehnissen und dem Erlebten zu machen. Viele, der in den historisch relevanten Jahren Geborenen, mussten ihr Leben bereits für den sinnlosen Todeskampf des maroden Hitler-Deutschland geben oder starben in den bombardierten Städten. Viele sind es also nicht, die heute noch leben und auch über das Erlebte sprechen möchten und können.
Daraus ergibt sich natürlich auch eine Verantwortung, nämlich das Geschehene an die Nachwelt weiterzugeben, um dem viel zitierten Satz „Niemals vergessen!“ Genüge zu tun. Gerade in Zeiten, in denen wichtige Elemente unserer Demokratie wie das Verbotsgesetz von PolitikerInnen des rechten Randes in Frage gestellt werden, ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, weshalb es Gesetze wie dieses gibt und warum wir in Österreich unsere Erinnerungskultur immer wieder erneut in Frage stellen müssen. Aus dem „Nie wieder!“ wird so ein „Warum noch immer?“, das neben einer konkreten Handlungsaufforderung auch noch ein verstärktes Reflektieren impliziert. 

Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht. So lautete das Credo von Agnes Primocic, einer österreichischen Widerstandskämpferin, die 1905 in Hallein geboren wurde. Sie war als Betriebsrätin in einer Tabakfabrik tätig und in der Kommunistischen Partei engagiert, weshalb sie sowohl von den Machthabern in der Zeit des Austrofaschismus als auch von den Nazis bedroht, verfolgt und auch mehrmals eingesperrt wurde. In den Achtzigerjahren begann sie damit, in0w Schulklassen über ihr Wirken im Widerstand zu sprechen. Es war ihr wichtig, Jugendlichen die Wichtigkeit von Zivilcourage zu vermitteln. Bis ins hohe Alter setzte sie diese Tätigkeit fort und wiederholte immer, wie wichtig es ist, gegen Unrecht aufzubegehren. Vor drei Jahren verstarb sie im Alter von 102 Jahren.
Eindrucksvoll ist auch die Geschichte der polnisch-stämmigen Jüdin Havka Raban-Folman, die während der Besetzung Polens als Botin zwischen den verschiedenen Widerstandsverbänden in den jüdischen Ghettos, die auf ganz Polen verteilt waren, fungierte. Nach ihrer Verhaftung wurde sie ins gefürchtete Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Aufgrund eines Formfehlers wurde sie jedoch als Polin und nicht als Jüdin registriert und kam wohl auch deshalb mit dem Leben davon. Nach dem Krieg emigrierte sie nach Israel und gründete gemeinsam mit anderen Überlebenden im Norden des Landes den Kibbuz Lohamei Ha‘Getaot, was übersetzt Ghettokämpfer bedeutet, und wo sie bis heute lebt. In ihrem Beruf als Lehrerin hatte sie die Möglichkeit, mit jungen Menschen über die Geschehnisse zu sprechen und sie für die Thematik zu sensibilisieren. Bis heute spricht sie mit Jugendlichen über ihre Erlebnisse und betreut bis zu drei Jugendgruppen täglich.

Situation in Österreich. Auch in Österreich kommt das Problem der immer kleiner werdenden Zahl von ZeitzeugInnen regelmäßig zur Sprache. Durch Projekte wie A Letter To The Stars wurde das Ganze auch medial vermehrt breit getreten. Bei diesem Projekt wurden SchülerInnen aufgefordert, an österreichische Überlebende der Shoah, die über die ganze Welt verstreut leben, Briefe zu schreiben.
Wichtig ist aber das Bewusstsein, dass ZeitzeugInnen nicht nur durch groß organisierte Projekte angesprochen werden können, sondern nächste ZeitzeugInnen auch in der NachbarInnenschaft zu finden sind. Ihre Geschichten können eines Tages nicht mehr gehört werden und uns kommt ein wichtiges historisches Dokument abhanden. Die Devise lautet: Jetzt handeln, fragen, zuhören und reden, bevor es zu spät ist.

 

Wiener Melange oder Filterkaffee?

  • 13.07.2012, 18:18

Die Wiener-Blut-Plakate der FPÖ schlagen wieder einmal ein Stückchen weiter in die in unserem Land ohnehin schon unerträglich tiefe rassistische Kerbe. Doch wofür steht das Wiener Blut? Ein Streifzug durch die einenden und trennenden Facetten eines Begriffs.

Die Wiener-Blut-Plakate der FPÖ schlagen wieder einmal ein Stückchen weiter in die in unserem Land ohnehin schon unerträglich tiefe rassistische Kerbe. Doch wofür steht das Wiener Blut? Ein Streifzug durch die einenden und trennenden Facetten eines Begriffs.

Blut ist ein ganz besondererSaft“, doziert Mephistopheles in Goethes Faust. Blut sei „dicker als Wasser“, meint der Volksmund und die AnhängerInnen der größten und mächtigsten Religionsgemeinschaft in Österreich trinken während ihrer sonntäglichen Messen regelmäßig symbolisch das Blut ihres Gründers. Die Metaphorik des Blutes als lebengebendes und verbindendes Element ist unumstritten.
Das Wiener Blut hingegen stellt nicht nur eine gemeinsame Symbolik verschiedener Wiener Lebensarten dar, es ist mittlerweile auch ein viel strapaziertes Klischee. Nicht nur politische Parteien bedienen sich seiner, auch in die Populärkultur hat es Einzug genommen: Die Deutsch-Rock- Export-Combo Rammstein verarbeitet in ihrem Lied Wiener Blut den Fall des Josef F. aus Amstetten und Fußballikone Toni Polster singt in einem musikalischen Intermezzo mit der Kölner Kultband Fabulöse Thekenschlampen vom Wiener Blut, das in seinen „Wadln“ fließe, um nur zwei – sehr gegensätzliche Beispiele – aus diesem Bereich zu nennen.

Kein blaues Blut,... Die Operette von Johann Strauß Sohn, die den Begriff des Wiener Blutes erst prägte, singt von der Spontanität, dem Charme und auch der Schlitzohrigkeit, die für die EinwohnerInnen Wiens vermeintlich typisch sei. Jedenfalls bezog sich dieser Begriff in seiner Entstehung um die Jahrhundertwende nicht auf Menschen einer bestimmten sozialen Herkunft (ganz im Gegensatz zum „Blauen Blut“) oder eines bestimmten ethnischen Hintergrunds. Das Wien des Jahres 1899 war das Zentrum eines Vielvölkerstaates, ein Schmelztiegel in dem soziale Rangordnungen zwar durchaus manifest waren, für dessen Funktionieren aber das reibungslose Zusammenleben Menschen unterschiedlicher Herkunft zentral war.
Johann Strauß Sohns Vermächtnis geriet übrigens in der Zeit des deutschen Faschismus ins Fadenkreuz des Rassenwahns und stellte die Nazis vor größere Widersprüche. Einerseits war Strauß in der Nazi- Diktion „Achteljude“, andererseits galt seine Musik als „überaus deutsch und volksnah“. Die beiden Texter des Librettos zum „Wiener Blut“ (Victor León und Leo Stein) stammten übrigens aus Polen und Bratislava, Steins Grab befindet sich im alten israelitischen Trakt des Wiener Zentralfriedhofes.
Das Wiener Blut war also in der Realität wie in der Literatur eine Melange und kein Filterkaffee. Auch der viel beschworene „echte Wiener“ heißt und hieß, wie schon in der allseits bekannten Fernsehsendung der 70er Jahre, eben nicht nur Sackbauer, sondern auch Blahovec und Vejvoda.

... kein reines Blut, ... Aus heutiger Sicht und bei Ausblendung der damaligen sozio-kulturellen Gegebenheiten können natürlich auch Gruppen definiert werden, die vom Begriff des Wiener Blutes exkludiert waren, die mit dem „echten Wiener“ nicht mitgemeint waren. Die Multikulturalität des Wiens von 1900 war geprägt von einer christlich-jüdischmitteleuropäischen Vielfalt und einer eurozentrischen Perspektive. In Wien lebende Menschen nicht-europäischer Herkunft waren nur schwach vertreten.
Dieser Umstand wird auch heute bewusst verwendet, um Ressentiments zu schüren. Nicht zufällig versucht sich HC Strache durch das Tragen von bestimmten Symbolen bei MigrantInnen serbischer Herkunft anzubiedern, nicht zufällig wird nach dem Motto „Divide et Impera“ im FPÖ-Sprech neuerdings immer stärker zwischen den „braven, anständigen“ MigrantInnen, mit „gemeinsamer christlich-abendländischer“ Kultur und Menschen islamischen Glaubens unterschieden. Eine latente Islamophobie könnte dem Wiener Blut also durchaus unterstellt werden, wenngleich auch die, die den Begriff geschaffen und geprägt haben, nur Kinder ihrer Zeit waren.

(K)ein böses Blut? Eine totalitäre und verbrecherische Funktion spielte der Begriff des Blutes im Vokabular der Nazis. Die Reinhaltung des Blutes wurde bereits in Hitlers Mein Kampf als eine der obersten Zielsetzungen der deutschen FaschistInnen festgeschrieben, die Metapher von Schädlingen, die dem Volk das Blut aussaugen, wurde systematisch etabliert. Dies ebnete zunächst den Weg dafür, dass bestimmten Gruppen von Menschen ihre Lebensberechtigung abgesprochen werden konnte und ermöglichte in weiterer Folge die industrielle Vernichtung von Menschen.
Diese bestimmte geschichtliche Epoche der Blut-Rhetorik ist es auch, die der aktuellen Debatte ihren Zündstoff gibt. Das Wiener Blut war und ist ein eng mit der ethnischen und sozialen Vielfalt einer Stadt verbundenes sprachliches Bild. Wer es aber in einer Stadt, deren Bevölkerung den Holocaust aktiv mitgetragen hat, in einer restriktiv geführten Integrationsdebatte verwendet, ist wohl von bestimmten Faktoren getrieben. Etwa von der Absicht, Menschen gegeneinander aufzuhetzen, von bewusster und absoluter Respektlosigkeit den Opfern dieser unbegreiflichen Verbrechen gegenüber oder im besten Fall einfach nur von komplett mangelndem Fingerspitzengefühl. Ein Blick in die jüngere Geschichte der FPÖ lässt nicht auf Letzteres schließen.

„Es kann notwendig sein, Tausende zu opfern“

  • 13.07.2012, 18:18

Was wissen wir heute über den Zweiten Weltkrieg?

Was wissen wir heute über den Zweiten Weltkrieg? Beginn 1938, Ende 1945. Hitler, Churchill, Roosevelt. Auschwitz und Holocaust. Hiroshima und Nagasaki. Die Epoche des Zweiten Weltkriegs ist wohl diejenige, über die auch SchülerInnen, die Semester für Semester um ihre Geschichtsnoten kämpfen mussten, halbwegs Bescheid wissen. Dementsprechend niedrig ist daher die Motivation, sich mit Literatur zu einer solchen Epoche zu befassen, da das Gefühl vorherrscht, bereits zur Genüge gelehrt worden zu sein. Nicholson Bakers Textcollage Menschenrauch ist aber auch gerade jenen ans Herz zu legen, die sich in den obigen Zeilen beschrieben meinen. Ohne sich selbst zu Wort zu melden, schafft Baker es, mittels Zeitungsausschnitten, Tagebucheinträgen, Reden und Briefen eine Chronik des Zweiten Weltkriegs zu schaffen, die durch die Zurschaustellung der bizarren Handlungsweisen der Kriegsführer starke Zweifel bezüglich dessen Unabwendbarkeit aufkommen lassen. Durch die zitierten Dokumente werden bei LeserInnen Reaktionen ausgelöst, die von ungläubigem Lachen bis hin zu angewidertem Kopfschütteln reichen. Und immer wieder kommt die Frage auf, ob denn nicht alles hätte ganz anders laufen können, wären die Zeichen, die auf einen drohenden Krieg und den bestialischen Holocaust hinwiesen, schneller erkannt worden. Gleichgültig, wie viel Wissen bereits über den Verlauf des Zweiten Weltkriegs vorhanden ist – gewisse Gegebenheiten überraschen garantiert. So zum Beispiel Mahatma Gandhis Opfertheoretik, mit der er sein Konzept der Gewaltlosigkeit zu untermauern versucht: „Ich weiß, dass es notwendig sein kann, Hunderte wenn nicht gar Tausende zu opfern, um den Hunger von Diktaturen zu stillen.“ Die Praxis der Gewaltlosigkeit – ashimsa – sei am wirksamsten angesichts schrecklicher Gewalt, schrieb Gandhi, „auch wenn die Opfer nicht mehr erleben, wofür sie gelitten haben“. Bakers Buch sorgte für allerlei Kritik. Die Verbrechen der NationalsozialistInnen würden verharmlost, Hitler mit Churchill auf eine Ebene gestellt und außerdem würde Baker mit den Quellentexten zu frei hantieren. Angesichts der Tatsache, dass Baker lediglich vorhandenes Material zu einem großen Ganzen zusammengestellt hat, scheinen derartige Vorwürfe nicht wirklich gerechtfertigt. Vielmehr versucht er seinen pazifistischen Standpunkt zu verständlichen, indem er mit leichtem Hohn das Verhalten der EngländerInnen und AmerikanerInnen ebenso für den Verlauf des Krieges verantwortlich macht, wie das der Deutschen. Er verachtet alle am Krieg Beteiligten gleichermaßen. Die einzige Gruppierung, die mit gewisser Würde aussteigt, ist eben jene der bedingungslosen PazifistInnen. Die Verachtung auf alle anderen zu vermitteln, gelingt Baker ohne selbst zur Feder zu greifen. Diese Aufgabe dürfen die LeserInnen übernehmen. Zusammengefasst also eine Lobeshymne auf den Pazifismus, die allerdings hauptsächlich von dessen GegnerInnen gesungen wird. 

„Seit damals sind wir die Nazis“

  • 13.07.2012, 18:18

In der Wiener Brigittenau wird seit Jahren um den Ausbau eines islamischen Kulturzentrums gerungen. Das Problem? BefürworterInnen und GegnerInnen leben in zwei getrennten Welten. Eine Reportage.

In der Wiener Brigittenau wird seit Jahren um den Ausbau eines islamischen Kulturzentrums gerungen. Das Problem? BefürworterInnen und GegnerInnen leben in zwei getrennten Welten. Eine Reportage.

Ein Mann springt auf eine Parkbank und hält eine Moschee aus Pappe in die Höhe. „Anzünden!“, tönt es vereinzelt, aber kräftig aus den Reihen der sechshundert Demonstrantinnen und Demonstranten. Die verstreuten Schreihälse haben etwas gemein: Sie tragen Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefel. Ihr Geifer steckt die Masse an: „Anzünden!“, „Niederbrennen!“, schreien nun RentnerInnen und Hausfrauen mit Neo-Nazis um die Wette. Einige schnappen sich die Papp-Moschee, werfen sie zu Boden, trampeln sie platt.
Vor zwei Jahren trug sich dieses Schauspiel im Wiener Stadtteil Brigittenau zu. Es sollte das Zusammenleben im Bezirk verändern. Hannelore Schuster, 61, verzieht der Ärger das Gesicht, wenn sie an diesen Tag erinnert wird. „Seit damals sind wir die Nazis“, sagt sie. Schuster ist die Sprecherin der Bürgerinitiative Dammstraße, die damals zur Demonstration aufgerufen hat. Sie will verhindern, dass der türkische Kulturverein Atib sein Vereinshaus zu einem fünfstöckigen Veranstaltungszentrum ausbaut. Ein Platz für tausend Musliminnen und Muslime? Nicht in der Dammstraße.

Islamisierung. Die GegnerInnen des Ausbaus treffen sich monatlich zu einem Stammtisch, veranstalten Informationsabende und riefen bisher zu zwei Demonstrationen auf. Die BürgerInnen-initiative entstand im Sommer 2007, wenige Tage nachdem die Baubehörde der Stadt Wien der Vergrößerung des türkischen Vereinshauses zugestimmt hatte. Trotz eines alten Gegen-Antrags aller Parteien des Bezirksparlaments, der vor Parkplatznot und Lärmbelästigung warnt.
Schusters Wohnung ist eine von 1.400, die in der Nachbarschaft des Zentrums liegen. Ihr Balkon im fünften Stock gibt den Blick frei auf den Gebäudekomplex. Wer ihr zuhört, merkt schnell, dass es um mehr geht als bloß um Lärm und Parkplätze. Um eine Parallelgesellschaft, die keine Zweifel am Koran dulde und für Zwangsverheiratungen stehe, geht es dann. Schuster greift nach einem Ordner, darin sind die Unterschriften von 11.400 Menschen aufgelistet, die mit ihrem Namen gegen die Islamisierung der Brigittenau protestieren.
Die Dammstraße ist ein ruhiger Teil von Wien, Bäume und Sträucher lockern Asphalt und Beton auf. Die meisten der mehrstöckigen Wohnhäuser gehören der sozialdemokratisch verwalteten Stadt, die Wohnungen darin werden unter dem Marktpreis vermietet. Hier leben vor allem TürkInnen und ÖsterreicherInnen – Tür an Tür aneinander vorbei. „Die Türken tun einfach so, als ob wir nicht hier wären“, sagt eine Frau, die am Atib-Zentrum vorbeispaziert. Die Türkinnen und Türken auf der anderen Seite der Mauer wünschten, sie könnten dasselbe von den Österreicherinnen und Österreichern behaupten.

Eine Fehlermeldung. Wer sich im umstrittenen Gebäude umsehen will, kommt nicht weit. Ein erster persönlicher Besuch scheitert, da sich unter den fünfzehn anwesenden Männern keiner findet, der Deutsch spricht. Atib hat eine Infotafel aufgestellt, die über die Ausbaupläne informieren soll. Wer eine E-Mail an die dort angegebene Adresse sendet, erhält eine Fehlermeldung: „I‘m sorry to have to inform you that your message could not be delivered.“ Erst gemeinsam mit einer türkischen Übersetzerin, die mit Atib nichts zu tun hat, lässt sich eine Besichtigung arrangieren. Die Männer machen für die türkische Studentin eine Ausnahme, eigentlich dürfe nur Pressesprecher Nihat Koca mit JournalistInnen reden.
Im Zentrum findet sich fast alles, was man zum täglichen Leben braucht. Ein Lebensmittelladen, ein Frisör, ein Gesellschaftsraum mit Fernseher und Billardtisch, eine Großküche, Klassenzimmer und zwei Gebetshäuser. Eines für Männer, eines für Frauen.
Das Gebetshaus der Männer ist ein hoher Saal, sechshundert Quadratmeter groß, die Wände werden von türkisfarbenen Keramikfliesen verziert – ein Import aus der fernen Heimat. Die gewölbte Decke wird von drei Bögen getragen, zwischen ihnen sind Dachfenster aus Glas eingelassen, die den Raum in ein angenehmes Licht tauchen.
Der Gebetsraum der Frauen sieht anders aus. Es ist ein dunkles, fensterloses Zimmer, keine hundert Quadratmeter groß. Die Decke und die Wände sind weiß, ohne jede Dekoration, in einer Ecke steht ein Radiator, an den Wänden lehnen Biergartentische. Es riecht muffig. Es gebe keinen besseren Platz, sagen die Männer.
Atib wird laut Pressesprecher Koca mit dem Ausbau nicht vor 2011 beginnen. Die Sprecherin der BügerInneninitiative, Hannelore Schuster, rechnet sich Chancen aus, das Projekt davor noch zu verhindern. Im kommenden Herbst finden in Wien Wahlen statt. Wenn der Bürgermeister seine absolute Mehrheit im Stadtparlament verliert, werden die Karten neu gemischt. „Tausende Menschen unterstützen uns“, sagt Schuster. Dass darunter auch Neo-Nazis sind, nimmt sie in Kauf? Sie will nicht daran erinnert werden.

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