Wo sich Vergangenheit und Gegenwart treffen - Mauthausen

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Am 27.1. ist Holocaust-Gedenktag – ein Anlass, sich mit der Gedenkkultur in Österreich zu beschäftigen. Das Memorial Mauthausen sticht da besonders hervor. Nina Aichberger ist Guide in der Gedenkstätte und berichtet für progress online von der KZ-Gedenkstätte und ihren Mitarbeiter_innen.

Mauthausen ist fast jedem/jeder ein Begriff. Eine Exkursion mit der Schule zur KZ-Gedenkstätte ist keine Seltenheit. So strömen jährlich knapp 200.000 Schüler_innen, aber auch Studierende und Einzelbesucher_innen auf den Hügel, auf welchem sich das ehemalige Konzentrationslager befindet. Orte, wie die Gaskammer und die so genannte Todesstiege bleiben den meisten in Erinnerung. Ein Ort, an dem man sich besonders gerne aufhält, ist das Konzentrationslager auf Grund seiner Geschichte nicht. Es gibt jedoch Leute, die häufig, manche davon sogar jeden Tag, viel Zeit zwischen den Mauern und Gedenktafeln verbringen. Und zwar diejenigen, die dort arbeiten. Mauthausen ist kein verfallener, dunkler und verstaubter oder gar versteckter Ort, sondern eine gut besuchte und teilweise belebte Einrichtung, welche manchmal auch einer Umgestaltung oder Renovierung bedarf.

 

Überblick über den Denkmalhain aus der Richtung des Schutzhaftlagers mit Blick auf den Steinbruch. Foto: Nina Aichberger

Vom Konzentrationslager zur Gedenkstätte

1938 ließen die Nationalsozialisten nahe der Stadt Mauthausen auf einem Hügel das gleichnamige Konzentrationslager errichten. Für die bis Österreich weit verteilten 49 Außenlager fungierte es zu der Zeit als Mutterlager. Andere bekannte Standorte waren beispielsweise Gusen, Linz, Ebensee, Melk, Steyr, Wien und viele mehr. Am 8. Mai 1945 wurde das Lager von der US-Armee „befreit“ bzw. als Lager aufgelöst,, die Häftlinge wurden versorgt. Deshalb finden rund um dieses Datum die Befreiungsfeiern im Konzentrationslager statt. Ca. 200.000 Menschen wurden aufgrund ihrer politischen Gesinnung, ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder sexuellen Ausrichtung in dieses Lagersystem verschleppt und rund die Hälfte ging an den Lebens- und Arbeitsbedingungen zugrunde oder wurde durch gezielte Exekutionen ermordet.

Von der US-Armee den sowjetischen Besatzern übergeben, erhielt Österreich im Jahre 1947 die Aufgabe aus dem ehemaligen KZ eine Gedenkstätte zu schaffen, was 1949 auch geschah. Heute ist das Memorial im Gegensatz zu vielen deutschen Gedenkstätten, welche in Stiftungen integriert sind, dem Bundesministerium für Inneres unterstellt, was immer wieder für Diskussionsstoff sorgt.

Auf dem österreichischen Denkmal am Appellplatz legen Besucher_innen Steine ab, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Foto: Nina Aichberger

Pädagogische Neuerungen und Angebot

Seit 2007 gibt es eine pädagogische Abteilung, welche für die pädagogischen Angebote, die Ausbildung des Vermittler_innen-Teams und die Rahmenbedingungen eines Gedenkstättenbesuchs zuständig ist. Seitdem wurden drei Vermittlungsausbildungen durchgeführt und ein pädagogisches Konzept erstellt, ganz nach der zentralen Frage „Was hat das mit mir zu tun?“.

Das Team der Vermittler_innen aus dem Pool des Memorial, welche Besucher_innen an der Gedenkstätte begleiten, ist bunt gemischt. Von Studierenden über Pensionist_innen, bis hin zu Menschen, die  sich in ihrer Freizeit dem Thema widmen, ist alles dabei. Auch das pädagogische Angebot ist unterschiedlich. Die klassischen Rundgänge dauern zwei Stunden, Rundgänge mit einem Vor- und einem Nachgespräch bis zu dreieinhalb, ein Impulsrundgang im Sommer nur eine Stunde.

In der Gestaltung ihrer Arbeit sind die Mitglieder jedes Vermittler_innen-Pools sehr frei, werden aber auch nach ihrer Ausbildung von der pädagogischen Abteilung unterstützt. Es wird viel mit Fotos und Illustrationen, mit Plänen und Zitaten von Überlebenden gearbeitet, das ist besonders im Außenbereich sehr wichtig, denn dort sind fast keine Bauten mehr erhalten. So erkennt man die Vermittler_innen meist an einer dicken Fächermappe, in der sie ihre oft selbst laminierten Materialien mit sich herumtragen.

Im Zentrum der Begleitungen steht die Interaktion. Die Besucher_innen sollen sich durch Diskussionen mit den drei Perspektiven Opfer, Täter_innen und Umfeld beschäftigen. Von Frontalvorträgen und Gruselgeschichten hält man in der Gedenkstätte nichts. Häufig beginnt der Rundgang vor dem im Zuge der Neugestaltung errichteten Besucherzentrum, in welchem sich die Räumlichkeiten der Pädagogik und Verwaltung, sowie ein Bookshop, ein Café, Seminarräume usw. befinden. In der Regel führt die Tour dann um das festungsartige, so genannte „Schutzhaftlager“ herum und durch den Denkmalhain. In diesem ehemaligen SS-Bereich stehen nun Denkmäler vieler betroffener Nationen und Gruppen. Vom monströsen Monument der Sowjetunion, bis hin zur kleinen Marmorsäule Griechenlands, jedes Denkmal ist für sich einzigartig und interessant. Manche, wie das der BRD wird an den Befreiungsfeiern gern von Kindern als Lauframpe genutzt, das der Roma und Sinti als Aussichtsplattform in den Steinbruch.

Teil des Bulgarischen Denkmals am Denkmalhain. Foto: Nina Aichberger

Neugestaltung und Ausstellung

Im ehemaligen „Krankenrevier“ im Inneren der Festung, wurden letztes Jahr endlich zwei neue Ausstellungen eröffnet. Im Obergeschoß befindet sich unter anderem eine Ausstellung, welche sich mit der Geschichte des Konzentrationslagers beschäftigt, im Keller wird auf den Tatort Mauthausen eingegangen. Er soll die Besucher_innen auf die sich im Keller befindenden Exekutionsstätten vorbereiten. Durch die schlängelt sich ein beleuchteter Pfad, der auch Informationen zum jeweiligen Raum bereithält und seit neuem das Betreten zur Gaskammer als Pietätsraum verwehrt. Dieses noch nicht ganz optimierte Einbahnsystem führt auch durch den „Raum der Namen“, ein zusätzlicher neuer kollektiver Gedenkraum: In dem damaligen Leichenlagerraum wurden Glasplatten montiert, welche ein bisschen an ein Labyrinth erinnern. Auf diesen sind 81.000 Namen der im Lagersystem Verstorbenen angebracht. Da der Boden eine leichte Neigung hat, wirkt es beim Hineingehen, als würde man in dem Meer aus Namen versinken.

Aussicht auf den Garagenhof der SS. Rechts im Hintergrund ist das Besucherzentrum, links ist das Schutzhaftlager. Foto: Nina Aichberger

Ein Ort der Gegenwart

Sichtbar auf einem Hügel, umgeben von einem umwerfenden Ausblick erhebt sich die graue Festung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Man begegnet nicht nur knarrenden Türen und sausendem Wind, sondern auch dem Brummen eines Rasenmähers oder dem Zwitschern der Schwalben, welche unter den Dächern der Baracken nisten. Zwar gibt es Tage,  besonders die, an denen es früher dunkel wird, an denen möchte man sich nicht gerne zur Sperrstunde im Inneren der massiven Mauern aufhalten, aber generell ist der Ort ein sehr belebter. So trifft man nicht nur weinende und traurige Gesichter, sondern auch lachende Schüler_innen und beispielsweise eine Gruppe jüdischer Frauen, welche an einem Gedenkstein ein fröhliches Lied singt oder einen Spaziergänger mit Hund im Außenbereich. Es ist ein Ort, an dem schreckliche Dinge passiert sind, Dinge, die sich niemand von uns vorstellen kann. Genau dieses Unvorstellbare lässt uns erschaudern und zusammenzucken. Den Ort selbst kreiert sich aber jede_r von uns selbst und oft ist es nicht nur der gespenstische Platz des Massensterbens, sondern auch ein Ort der Überlebenden, ein sich wandelnder Ort der Gegenwart, an dem man die Möglichkeit hat etwas aus der Geschichte und über sich selbst zu lernen.

Eine Blume auf einem Teil des Denkmals der DDR. Im Hintergrund sieht man auf den Steinbruch. Das Denkmal befindet sich direkt an der Steinbruchkante. Foto: Nina Aichberger

 

„Wenn ich mir vornehme was zu ändern, dann ist das ein guter Ort um das zu versuchen.“ - progress online Portraitstrecke An einer KZ-Gedenkstätte arbeiten

 

 

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