Kollegial kolonial

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Alle Jahre wieder gibt es sie, die Kritik um den Zwarte Piet (dt. schwarzer Peter) des niederländischen Sinterklaasfests. Dieses Jahr erregte die internationale Kritik an der Figur bei den VerteidigerInnen der kolonialgeschichtlichen "Tradition" die Gemüter. Lisa Zeller kommentiert die Gegenstimmen des Protests.

Tradition ist schon eine komische Sache. Man wächst mit ihr auf und weiß oft nicht, woher die Dinge kommen, die man als normal empfindet. Wenn diese dann kritisiert werden, versteht man es nicht. So müssen sich die zahlreichen NiederländerInnen fühlen, die sich jedes Jahr gegen immer größer werdende Kritik gegenüber einer ihrer wichtigsten  – wenn nicht sogar der wichtigsten – Weihnachtstraditionen zur Wehr setzen.

Zunächst hieß es an mehreren Stellen, die Vereinten Nationen hätten ein Untersuchungskomitee gegründet um zu prüfen, ob es sich hierbei um eine rassistische Tradition handele. Dann ließ ein Sprecher der UNESCO verkünden, dass es sich bei den Kritikpunkten um keine offiziellen UN-Kritiken handelte, sondern dass diese von einem - von den Mitgliedstaaten gewählten - unabhängigen Kommissariat für Menschenrechte kamen.

Einen Riesenaufruhr gab es jedenfalls unter den HolländerInnen, die ihre Lieblingstradition in Gefahr sahen. Dies ging so weit, dass besagte UN-InvestigatorInnen während ihrer Arbeit Todesdrohungen erhielten.
Repressionen gegen jede Form der Kritik gegenüber der Festlichkeit seitens der Bevölkerung gab es auch zuvor schon zur Genüge.

Im Jahr 2008 organisierten Petra Bauer und Annette Krauss eine Demonstration im Rahmen einer Ausstellung, die die Bedeutung von Zwarte Piet erläuterte. Auch diese Aktivistinnen erhielten Todesdrohungen, sodass das ausstellende Museum den Demonstrationszug absagte. Als „Ausländerinnen“ hätten sie zudem kein Recht gehabt, sich von der Zwarte Piet-Figur beleidigt zu fühlen.
Quincy Gario, ein niederländischer Aktivist, wurde während der Festlichkeiten im Jahr 2011 in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Zwarte Piet ist Rassismus“ verhaftet und erlebte massive Polizeirepressionen. Er beschreibt an mehreren Stellen, dass er aufgrund seiner Hautfarbe nicht als Niederländer gesehen wird und seine Kritik somit „weniger wert“ sei als die vieler anderer NiederländerInnen.

Das Rassistische an der Figur ist zum Einen die Praxis des Blackface, bei der sich weiße DarstellerInnen schwarz anmalen und im gleichen Atemzug meist überholte Klischees und Stereotype schwarzer Menschen nachahmen. So trägt der Zwarte Piet eine Afroperücke und oft auch Kreol-Ohrringe. In einem Interview mit Al Jazeera von 2012 sagte der Aktivist Gario zum Beispiel, dass Holland ein Land sei, in dem schwarze Kinder auf dem Spielplatz als „Zwarte Piet“ bezeichnet werden.

Es stellt sich die Frage, wie Gegenwartsgesellschaften mit Traditionen umgehen und wie inklusiv oder exklusiv diese sind. Umso wichtiger ist es, sich mit gewissen „Traditionen“ auseinanderzusetzen und vor allem kritische Stimmen anzuhören, ohne sie gleich anzugreifen.

Zwarte Piet war nämlich nicht immer „Tradition“. Die Festlichkeit wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ohne Zwarte Piet gefeiert.

Die Figur kam erstmals 1845 in der Geschichte eines Lehrers aus Amsterdam vor, Jan Schenkman „St. Nikolaas en zijn knecht“ („Nikolaus und sein Knecht“). In der Geschichte kommt Sinterklaas in einem Dampfschiff aus Spanien mit einem „schwarzen Helfer“, der einen afrikanischen Hintergrund hatte. Piet steckte unartige Kinder in einen Sack und nahm sie mit nach Spanien, angelehnt an die in mehreren europäischen Ländern verbreitete Idee eines Gegenstücks zum Weihnachtsmann (wie etwa dem Krampus). Das Buch war sehr beliebt und mit ihm begann der Einschluss der Zwarte Piet-Figur in der niederländischen Weihnachtsfestivität.
Wohlgemerkt erstreckte sich zu dieser Zeit das niederländische Imperium auf drei Kontinente. Teil dieses Imperiums waren Kolonien in Surinam und Indonesien, in denen auch der Sklavenhandel florierte. In der Vergangenheit hatte Zwarte Piet sogar einen surinamischen Akzent und spielte die Rolle eines Narrs.
Einige Argumentationen beziehen sich darauf, dass die Figur nicht auf den Sklavenhandel zurückzuführen sei, sondern auf Muslime aus der Nordafrikaregion, die wegen ihrer Religion gefürchtet waren.
Beide Zugänge enthalten jedenfalls rassistische Elemente, die sich eher gegenseitig bedingen, als sich auszuschließen.
Inzwischen sind die Rollen der jeweiligen „Helfer“ zwar diverser als in der einfachen Rolle des Narrs zuvor, doch die Unreflektiertheit der NiederländerInnen ist angesichts der Geschichte sehr beunruhigend.
Warum halten sie so klammerhaft an einer „Tradition” fest, die während des Höhepunkts der niederländischen Kolonialära entstanden ist?

Man könnte wie viele aus heutiger Sicht sagen, es ginge nicht darum, irgendwen zu beleidigen und es wäre ja nur für die Freude der Kinder.

Doch die HolländerInnen lieben ihren Zwarte Piet. So sehr, dass sie die Sicherheit anderer Menschen bedrohen. Die Facebook-Seite Pietitie (ein Wortspiel aus Piet und dem niederländischen Wort für Petition), die als Reaktion auf die Kritiken gegründet wurde, hat derzeit 2,1 Millionen Fans. Diese Reaktionenen kann man angesichts der Geschichte der Figur auch als kollegial kolonial bezeichnen.

Rassistische Übergriffe und Todesdrohungen an GegnerInnen sind allerdings Zeichen dafür, dass das Land bei der Aufarbeitung seiner Kolonialgeschichte noch einiges zu tun hat. Dabei sollten auch alle niederländischen Stimmen in die Diskussion miteinbezogen werden.

KritikerInnen betonen, dass Unabsichtlichkeit und Rassismus nah beieinander liegen. Doch genau in dieser Unabsichtlichkeit manifestieren sich rassistische Praktiken und das Problem wird auf andere - meistens politisch rechts stehende - Menschen, geschoben. Eine Reflexion über die eigenen und persönlichen Rassismen erfolgt viel zu selten.

Leider wirkt da das Argument, Zwarte Piet sei schwarz, weil er sich in den Kaminen schmutzig mache, wie eine faule Ausrede – zumal weder seine knallroten Lippen (übrigens auch ein Element rassistischer Darstellungen durch Blackface) noch seine Klamotten vom „Schmutz“ betroffen sind.

Auch die unreflektierte Aussage des niederländischen Premierministers Mark Rutte: „Der Name sagt es schon. Er ist schwarz. Ich kann da nicht viel tun“, zeugt von dem Unwillen, sich mit dem Thema und der geschichtlichen Vorbelastung auseinanderzusetzen.

Erfreulicherweise gibt es jedoch auch modernere Versionen des Zwarte Piet, die manchmal nicht mehr “schwarze” Helfer sind, sondern bunte. Wenn es also wirklich um die Kinder geht, ist eine bunte Welt doch auch viel schöner.

 

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Transkulturelle Kommunikation an der Uni Wien.

 

Meta

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