Hard Way to make an Easy Living

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Über Poker wird oft gesagt, es wäre eine anstrengende Art, sich ein einfaches Leben zu machen. Etwas ganz Ähnliches ließe sich über  den Kreativbereich sagen.

Alle ernsthaften Pokerspielerinnen wissen, dass sie ihr Spiel mit Disziplin und Ausdauer betreiben müssen, um erfolgreich zu sein.  Dennoch treibt viele der Traum an, vom Spielen leben zu können. Also von einer Tätigkeit, die im Grunde doch keine „richtige“ Arbeit ist, auch wenn ihr mit mehr Fleiß und Verbissenheit nachgegangen wird, als sie die meisten anderen Jobs erfordern. Es ist  eben ein Traum und nicht einfach Mittel zum Zweck. Poker ist aber nicht der einzige Bereich, auf den diese Diagnose zutrifft: Menschen wollen auch Journalistinnen werden, Künstlerinnen, Designerinnen; sie wollen sich kreativ betätigen, ihre Idee vom  eigenen Geschäft oder Restaurant verwirklichen. Sie träumen davon, von ihrer Leidenschaft leben zu können und sind bereit, dafür  einiges in Kauf zu nehmen.

San Precaria. Das Prekariat ist mittlerweile in aller Munde. Es hat sich herumgesprochen, dass sich die Arbeitsformen transformieren  und immer weniger Menschen in stabilen, vertraglich langfristig geregelten Verhältnissen beschäftigt sind. Auch in  linken Debatten hat sich der Fokus vom Proletariat auf das Prekariat verschoben. Damit einher geht auch eine Verschiebung von der  Betrachtung der kapitalistischen Produktionsweise als ganze zur Betrachtung der wechselnden Arbeitsbedingungen innerhalb  des Kapitalismus. War das Proletariat noch eine Bestimmung der grundsätzlichen Lage von Menschen im Produktionsprozess, meint  das sogenannte Prekariat eine sehr heterogene Gruppe, die das Leben unter ungewissen Verhältnissen gemeinsam hat. Die junge  selbstständige Architektin oder die angehende Künstlerin lebt scheinbar genauso prekär wie die Fließbandarbeiterin, die womöglich  umziehen muss, um einen Job zu finden, von dem sie nicht einmal sicher weiß, wie lange sie ihn behalten wird. Bei letzterer ist  übrigens einigermaßen verständlich, warum sie bereit ist, unsägliche Schikanen auf sich zu nehmen: Es bleibt ihr nicht viel übrig.  Wie verhält es sich aber in jenen Bereichen, von denen eigentlich alle wissen, dass ökonomisch nicht viel zu holen ist und in denen  sich dennoch Horden junger gut ausgebildeter  Menschen finden, die bereit sind, für die Chance auf eine mögliche Karriere ein  schlecht oder gar nicht bezahltes Praktikum nach dem anderen zu absolvieren? Sie bilden eine Art Wohlstandsprekariat und  konkurrieren um Stipendien, Beihilfen und Ausbildungsplätze, in der Hoffnung, einmal ihre Brötchen mit etwas Interessantem zu  verdienen.

Privilegien. Dieses Prekariat der Studierenden und Jungabsolventinnen ist in der eigentümlichen Situation, von einem Projekt zum  ächsten zu hetzen, einen Förderantrag nach dem anderen auszufüllen und Zertifikate zu sammeln, die sich im Lebenslauf gut  machen, aber dabei nichts zu verdienen, sondern sich vielmehr mit Hilfe von Reserven oder versteckten Einkünften über Wasser  halten zu müssen. Teilweise sind sich diese Prekären ihrer Einkünfte nicht einmal völlig bewusst. Vielleicht arbeiten sie sogar und  finanzieren sich selbst, leben aber in der günstigen Eigentumswohnung von Verwandten, bekommen immer wieder Geldgeschenke  oder werden auf Urlaube eingeladen. Und selbst wenn all dies nicht zutrifft, sind sie oft in der angenehmen Lage, einfach zu wissen,  dass sie einen Rückhalt haben, falls es hart auf hart kommt. Ihre prekäre Lage ist deshalb auch abenteuerlich und  zumindest eine Zeit lang durchaus erträglich. Das vergegenwärtigt, wieso vielen ein unbezahltes Praktikum als normaler Schritt auf  der Karriereleiter erscheint, oder warum es vielen nicht widerstrebt, Projekte, von deren Wichtigkeit sie im Grunde nur halbherzig  überzeugt sind, unentgeltlich auf die Beine zu stellen. Wir sind alle Individuen. „Ich nicht“, antwortet ein Statist in Monty Pythons  Das  Leben desBrian und stört die Menschenmenge, die im Chor einstimmig ihre Verschiedenheit bekundet. Sicher ist es auch ein Wunsch nach Selbstverwirklichung: danach, mit dem Leben etwas Besonderes anzufangen, der alle in dieselben prekären Berufe  drängt.

Die meisten wollen ja doch nicht leidenschaftlich Zahnärztin oder Mechanikerin werden, sondern Stars, Künstlerinnen, Profi- Gamerinnen. Sie strömen in Felder, in denen zu arbeiten mehr als einen Job bedeutet, mehr als ein Mittel, Geld zu verdienen. Es geht  darum, einen Traum zu verwirklichen und sich in einem umkämpften Bereich zu behaupten. Letztlich darum, etwas Besonderes zu  sein. Die Wohlstandsprekären machen mit, weil sie sagen wollen: „Ich bin Designerin“ oder „Ich kann von meiner Kunst leben“. Und  weil sie die Vorstellung, einen dieser normalen Jobs, die anstrengend sind, aber sein müssen, verständlicherweise abschreckt. Eine  Musikerin in einer Talk-Show meinte einmal, sie hätte hart an ihrem Album gearbeitet, aber sie wäre dankbar, keinen „richtigen Job“  machen zu müssen. Irgendwie nachvollziehbar. Es ist, wie Dolly Parton singt: „Working nine to five – what a way to make a livin’.“ Zweierlei Elend. Natürlich sind die Bedingungen, unter denen viele ihrem wahren Selbst nachhetzen, wirklich elendig – und die Kritik  daran notwendig und begrüßenswert. Auch wenn es nicht überrascht, dass sie reichlich artikuliert wird, betrifft sie doch  gerade jene, die im Kulturbereich, im Fernsehen und bei Radios tätig sind. Immerhin zeigen sie sich üblicherweise solidarisch mit  jenen, denen es noch mieser geht und deren Zugang zu Artikulationsmöglichkeiten begrenzter ist.

Es gibt nämlich noch ein anderes Prekariat. Viele Menschen haben keine Wahl, weil sie nichts haben. Ihnen bleibt nichts übrig, als  jeden Job anzunehmen, wo er auch sein mag, und noch die schikanösesten Arbeitsbedingungen zu ertragen. Diese Prekären gibt es  hierzulande und es gibt sie anderswo; dort geht es ihnen vielleicht noch schlechter. Dieses Phänomen ist nicht neu, es existiert, seit  es Kapitalismus gibt. Wer nichts hat, muss die eigene Haut verkaufen. Neu ist nur, dass Akademikerinnen  icht automatisch  mit einem sicheren Platz im Verwaltungsapparat des Elends belohnt werden. Und vielleicht war auch das nie wirklich ganz so  einfach. Die Gesellschaft transformiert sich also – und bleibt sich doch gleich.

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