„Was, das hast du nicht gelesen?“

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Was in der Literatur gut und schön ist, wird inoffiziell durch den „Kanon“ bestimmt. „Weil’s immer so war“ ist oft das Argument. So kommt es, dass SchülerInnen bei der Zentralmatura mit NS-Gedankengut konfrontiert werden. Höchste Zeit, den Kanon zu überdenken.

„Was, das hast du nicht gelesen?“ – „Das gehört doch zum Allgemeinwissen!“ – „Kulturbanause/in!“ – „Oje, das ist eine Wissenslücke“.

Diese Phrasen zeugen von der Vorstellung, dass es ein bestimmtes Repertoire an Büchern gibt, die jede und jeder gelesen haben muss, um als BildungsbürgerIn zu gelten. Dieses verpflichtende Bücherregal nennt man Kanon. Der Kanon ist eine inoffizielle Vereinbarung darüber, was „besonders wichtige“, „besonders gute“ oder „besonders schöne“ Bücher sind. Der Kanon, tradiert von Generation zu Generation, entscheidet also, welche Werke bekannt und relevant bleiben. In den sogenannten „Deutungskanon“ werden dann auch die allgemein anerkannten Interpretationen eingeschrieben. Im Kanon steht also, was gelesen werden „muss“ – und wie es gelesen werden soll. Der Kanon ist oft die Grundlage für Lehrpläne an Schulen und Hochschulen. Auch wenn in Österreich kein offizieller Schulkanon mehr besteht, greifen LehrerInnen gerne auf altbekannte Werke für den Unterricht zurück. Mitunter mit zweifelhaften Ergebnissen.

Im mittlerweile zweiten Probelauf zur Zentralmatura entwickelte etwa das BIFIE, ein dem Unterrichtsministerium verpflichtetes Bildungsinstitut, eine Deutschmatura, die einen Text des Autors Manfred Hausmann beinhaltete. Auf den ersten Blick soll darin die Schädlingsbekämpfung im deutschen Kleingarten Sinnbild für das Natur-Mensch-Problem sein. Nach dieser Lesart würde eine komplexe Fragestellung direkt an die kleinbürgerliche Lebensrealität, das Kleingartenrefugium des Nachkriegsdeutschen, herangetragen. Auch wenn dieses Motiv für die SchülerInnen vielleicht nicht gerade naheliegend ist, könnte man hier noch ein Auge zudrücken.

Hausmann wäre sicher nicht ihre einzige verstaubte Lektüre am Ende einer langen Schulkarriere. Das Duell „des Mannes“, ein Repräsentant des „zivilisierten“ Menschen, gegen die titelgebende „Schnecke“ eignet sich nur leider sehr bedingt für dieses Vorhaben. Die Biografie des Autors, der konkrete Inhalt des Textes und sein Rezeptionszusammenhang verleiden uns – und mittlerweile auch dem Unterrichtsministerium – die „produktive Textarbeit“ gehörig.

Fascho-Autor als Maturafrage? In Hausmanns Texten finden sich nämlich irrationalistische und antiaufklärerische Motive. Seine Karriere als Schriftsteller erstreckt sich von der Zwischenkriegszeit über die gesamte NS-Zeit und darüber hinaus. Die Schicksalsbestimmtheit des Daseins ist ein Leitgedanke in seinem Schreiben. Und in einem frühen Gedicht mit dem Titel „Die Leuchtkugel“ lässt Hausmann auf den Feind (in diesem Fall die Franzosen) schießen. In einem Bericht vom NS-Dichtertreffen 1940 schreibt er von der Einigkeit von Buch und Schwert und meint damit Dichter und Soldaten. Seine verklärenden Naturbeschreibungen und die religiöse Aufladung des bedrohlichen Außen sind zwar keine NS-Propaganda, sein Schreiben ist deshalb aber noch lange nicht nicht-faschistisch. Hausmann war Mitglied der Reichsschrifttumskammer, Redakteur der Wochenzeitung Das Reich, die regelmäßig mit Leitartikeln von Joseph Goebbels erschien, und gern aufgelegter Erfolgsautor im Dritten Reich. Er wird nach 1945 in den Gesang der „inneren Emigration“ einstimmen, Thomas Mann attackieren und sich als „immun“ gegen die NS-Ideologie darstellen. Auch vertrat Hausmann den Standpunkt, dass „reine Kunst“ nicht politisch sei.

Zweigeteilte Literatur. Die Hausmann’schen Lebensdaten und Schreibmotive sind kein Geheimnis. Innerhalb der Literaturwissenschaft gib es seit mindestens zwei Jahrzehnten einen Diskurs über Hausmanns Rolle in der NS-Zeit. Wie kommt es also dazu, dass solch ein Autor offensichtlich immer noch kanonisiert genug ist, um bei der Zentralmatura zur Bearbeitung vorgelegt zu werden?

Neben einer offenbaren Schlampigkeit bei der Erstellung der Prüfungsaufgaben ist ein Grund der seit 1945 bestehende Konflikt der Literatur des Exils und der „Literatur im Reich“. Letztere behauptet noch immer ihre Bastionen. Sei es nur dadurch, dass die durch Vertreibung entstandenen Leerstellen auch wirklich leer gehalten werden. Mindestens 1.200 österreichische SchriftstellerInnen, in etwa die Hälfte aller professionellen AutorInnen, mussten während des Nationalsozialismus ins Exil flüchten. Aber die Literatur des Exils fand später nur langsam Anerkennung in Literaturwissenschaft, Verlagswesen und Literaturbetrieb. Auch die Literaturgeschichte weiterzuschreiben, ohne die ins Exil Getriebenen zurückzurufen, ist eine Zustimmung zu den Konsequenzen von Faschismus und Nationalsozialismus.

Kanon „in and out“. Der Literaturkanon, in den fragwürdige AutorInnen offensichtlich immer noch eingeschrieben sind, dient der Repräsentation des kulturell Eigenen. Dieser Repräsentationsanspruch des Kanons vermittelt eine Absolutheit und Selbstverständlichkeit der anerkannten AutorInnen und Werke. Ausgewählte AutorInnen wirken dabei als VertreterInnen des Literaturkanons und Maßstab der Auswahl zugleich. Dass bei der Auswahl nicht immer alles mit rechten Dingen zuging, viele AutorInnen übergangen und kaltgestellt wurden, beeinflusst die weiteren Entwicklungen. Die Erweiterung des Kanons passiert reformatorisch, ansonsten müsste er als Ganzes in Frage gestellt werden. Es kann etwas „Neues“ begrüßt werden, solange es nicht den Anspruch stellt, zum Alten zu gehören. So gilt in den aktuellen Schullehrplänen für den Deutschunterricht Exilliteratur als eigene Literaturnische. Die SchülerInnen sollen sich also nicht mit deutscher Literatur von ExilantInnen befassen, sondern mit Exilliteratur, die nicht zum klassischen Kanon gehört.

Gängige Kanons, nicht nur innerhalb der Literatur, kennen viele weitere Ausschlüsse. Sie konstituieren sich gerade durch die Praxis der Grenzziehung. Ausgeschlossen werden zum Beispiel bestimmte MalerInnen in der Bildenden Kunst, der Häresie verdächtige Lehren in religiösen Zusammenhängen oder experimentelle Musik. Oder, und das gilt für alle Disziplinen: Frauen. Ihre Leistungen und Biographien werden unsichtbar gemacht, indem sie von vornherein (auch in der Geschichtsschreibung) ausgeschlossen werden. Später heißt es dann, es gäbe einfach nur wenige gute Frauen in diesem Feld. In Wahrheit wurden Frauen jedoch einfach ignoriert und gerieten im schlimmsten Falle in Vergessenheit. Die Ursache für solche Ausschlüsse ist immer eine gesellschaftliche Praxis, zum Beispiel Sexismus oder Kolonialismus. Das kann auch bedeuten, dass bestimmte Kunstformen von ganzen Bevölkerungsgruppen nicht produziert oder konsumiert werden können. In manche europäische Sprachen werden innerhalb eines Jahres mehr Bücher übersetzt als in der gesamten Verlagsgeschichte in die arabische Sprache. Mechanismen, die den Kanon
konstituieren, konstruieren gleichzeitig eine Gegensammlung der nicht-geschriebenen und vergessenen Literatur.

Aber was ist „Deutsche Literatur”? Der erste und einer der wichtigsten Ausschlüsse des Literaturkanons ist die Festlegung auf einen nationalen, eindeutig deutschsprachigen Kanon. Die vom 2013 verstorbenen, selbst schon zur Institution gewordenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Insel-Verlag herausgegebene Sammlung „Der Kanon. Die deutsche Literatur“ ist nur ein Beispiel dafür.

Der hier erkennbare Ausschluss ist vor allem ein Einschluss, nämlich die Einordnung einer österreichischen Literatur in die deutsche. Natürlich waren der österreichische Buchmarkt und der deutsche Buchmarkt auch schon in der Zwischenkriegszeit eng miteinander verbunden, trotzdem gibt es voneinander unterscheidbare Literaturtraditionen. Innerhalb der österreichischen Literatur ist der starke Einfluss von jüdischen Autorinnen und Autoren (auch wenn diese sich selbst vielmehr als ÖsterreicherInnen, SozialistInnen und Intellektuelle verstanden) ebenso wie das Vorhandensein spezifischer Sprachvarietäten enorm wichtig. Diese schlugen sich vor dem Faschismus nicht nur in verschiedensprachigen Publikationen, sondern auch innerhalb der deutschsprachigen Literatur nieder. Ungarische, slawische oder jiddische Sprachelemente waren auch nach dem Zerfall der Monarchie alltäglich hörund lesbar. Was „deutsche Literatur“ ist, wurde also großteils im Nachhinein konstruiert anstatt analysiert.

Wirkungsweisen. Der Kanon wird unter den Erkenntnissen der Wissenschaft und den Eindrücken von Publizität und des Marktes ständig (neu) konstruiert. Dabei wird versucht, das Schöne und Bedeutsame zusammenzufassen. Der Kanon ist deswegen immer eine Vereinfachung. Eine wichtige Funktion dieser Vereinfachung ist es, einen Maßstab für die Bewertung neuer Literatur zu setzen. Darüber hinaus hat der Kanon eine Erinnerungsfunktion. Die relative Starrheit des Kanons bringt Ordnung in das Chaos der Flut an neuen Publikationen. Er dient der kulturellen und kollektiven Orientierung, auch dann, wenn Buchtitel und AutorInnen vielleicht nur vom Namen her bekannt sind. Der Kanon macht Literatur nicht nur konsumierbar, das bloße Bescheidwissen weist die TrägerInnen dieses Wissens auch als Angehörige einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht aus. Das „Name Dropping“ in einem Alltagsgespräch oder das Posten von Lieblingsbüchern auf Facebook kann ein Zeichen der Zugehörigkeit zum BildungsbürgerInnentum sein.

Für das kollektive Erinnern ist die Kanonisierung des Schrifttums in einer Gesellschaft von außergewöhnlicher Bedeutung. Die Widersprüchlichkeit und Ausschlusskriterien des Kanons zu thematisieren ist ein Kampf um die eigene Erinnerung. Er wird – nicht nur, aber vor allem auch – in den Schulen geführt. Die Kritik am Kanon muss, auch wenn eine generelle Kritik des Kanons selbst nicht aus den Augen verloren werden soll, eine immer wieder unternommene Anstrengung sein.

 

Thomas Wallerberger studiert Philosophie und Politikwissenschaften an der Universität Wien.

 

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