„Deutsch sitzt bei mir im Mund“

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Französisch im Bauch, Persisch im Herzen und Englisch im Kopf. Sprachenporträts machen gelebte Sprachenvielfalt sichtbar: Mit Farben zeichnen Menschen ihre Sprachen in eine Silhouette ein und veranschaulichen die eigene Mehrsprachigkeit. Vier (Wahl-)WienerInnen haben zu den Buntstiften gegriffen und erzählen ihre Geschichten. Ihre Zeichnungen hat Ulrike Krawagna zu Illustrationen verarbeitet.

Illustration: Ulrike Krawagna

„Dann zuckt das französische Wort“ - Luc (24)

Meine ersten Schritte habe ich als Kind in der Schweiz gemacht. Ich bin in Zürich aufgewachsen, deshalb nimmt den unteren Beinbereich das Schweizerdeutsche ein. Es stellt das stützende Fundament für mein Sprachverständnis dar.

Vom Schritt bis zur oberen Brust ist für mich der französischsprachige Teil. Wahrscheinlich weil meine Mutter aus Frankreich ist. Bis sieben oder acht bin ich hauptsächlich französischsprachig aufgewachsen. Zum Französischen habe ich auch den emotionalsten Bezug. Wenn ich mich verbrenne, dann zuckt nicht nur der Schmerz in mir, sondern gleichzeitig auch das französische Wort. Außerdem ist das der sinnlichste Teil des menschlichen Körpers. Und schon ziemlich früh hatte ich die triviale Assoziation, dass ein Großteil meines sinnlichen Lebensverständnisses auf französische Lebenswelten zurückgeht. Den Bereich von der oberen Brust bis zum Scheitel nimmt das Schriftdeutsche ein. Es wurde bei uns neben dem Französischen gesprochen, vor allem nachdem mein Vater, der aus Österreich stammt, mehr zuhause war.

Erst das Deutsche in Schriftform hat mir wirklich und endgültig eine Sprache eingehaucht, in der ich mich ausdrücken konnte. Das Französische habe ich schriftlich zu wenig beherrscht und das Schweizerdeutsche hatte zu viele Unzulänglichkeiten für mich. Durch das Lesen des Schriftdeutschen wurde eine Fülle an Gedanken und Spielereien freigesetzt. Wenn wir ganze Bücher in einer Sprache lesen, dann ist klar, dass gewisse Horizonterweiterungen untrennbar mit dieser Sprache verbunden sind. Meine Zwillingsschwester und ich haben eine eigene Sprache: Schriftdeutsch in schweizerdeutschem Tonfall. Das ist so dieses Zwillingsding. So spreche ich nur mit meiner Schwester.

Der Schweiz den Rücken zu kehren, war doch eine Zäsur. Es hat mir gut getan, nicht auf das Schweizerdeutsche angewiesen zu sein. Aber ich entwickle wieder eine Affinität zu Zürich. Es tut mir gut, wenn ich in der Schnellbahn sitze und unter dem Fenster auf Französisch, Deutsch und Italienisch steht, dass man sich nicht aus dem Fenster lehnen soll. Im Vergleich zu Wien ist Zürich wirklich ein sprachlich hybrider Raum. Das lerne ich jetzt, nach fünf Jahren, zu schätzen.“

 

Illustration: Ulrike Krawagna

„Liebe und Mathematik sind auf Russisch“ - Mascha (30)

„Die roten Stiefel stehen für das Russische. Das ist instinktiv so: Rot ist Russisch. Die Lederhose ist Österreichisch. Der Davidstern das Hebräische. Das Ferrari-Zeichen steht für Italien. Der Eiffelturm steht für Französisch. Und viel kleiner: English Tea, weil mein Englisch nur Schulenglisch ist.

Ich rede jeden Tag Deutsch. Ich lebe in Wien und bin eine russische Wienerin. Deshalb ist das Deutschsprachige ganz groß. Das Italienische wird klein gehalten. Ich rede zwar jeden Tag Italienisch, weil ich in einer Pizzeria arbeite, aber ich habe keine italienischen Wurzeln.

Geboren wurde ich in Tashkent, in der damaligen UdSSR. Die Staatssprache war Russisch. Und meine Eltern waren beide Russen. Nach dem Zusammen- bruch der UdSSR, da war ich sechs, sind wir ausgewandert. Mein Papa ist Jude, deshalb sind wir nach Israel gegangen. An meinem ersten Tag in der Schule in Israel hat man mich einfach in die Klasse gesetzt und gesagt: Jetzt lernst du was. Ich habe – eigentlich wie eine Idiotin – einfach abgeschrieben, was auf der Tafel stand. Und diese Zeichen haben für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Ich habe das von links nach rechts abgeschrieben, bis mich ein Mitschüler gefragt hat, was ich da mache. Das ist mir fest in Erinnerung geblieben. Das Russische habe ich in Israel mehr oder weniger vergessen. Alles war auf Hebräisch. Sogar mit meiner Mama habe ich nur Hebräisch geredet, auch wenn sie mir auf Russisch geantwortet hat. Mittlerweile habe ich das Hebräische ziemlich verlernt. Schreiben und Lesen kann ich kaum noch, obwohl ich auch in Israel alphabetisiert worden bin.

Nach vier Jahren in Israel sind wir nach Wien gekommen. Als ich hier in die Schule gekommen bin, konnte ich kein Deutsch und Hebräisch hat niemand mit mir gesprochen – also was blieb übrig? Russisch! Meine damals beste Freundin war Russin. In der Schule sind wir immer nebeneinander gesessen. Wenn wir nicht nach Österreich gegangen wären, hätte ich viel von meinem Russisch vergessen. Jetzt spreche ich andauernd Russisch. Ich habe fast nur russische FreundInnen. Russisch ist die emotionalste Sprache für mich. Wenn ich schimpfe, schimpfe ich auf Russisch. Alles, was mein Herz betrifft, Liebe und Mathematik ist auf Russisch. Und meine Kinder werde ich auf jeden Fall auf Russisch großziehen.“

 

Illustration: Ulrike Krawagna

„Es war gar nicht komisch, die Sprache zu wechseln.“ - Katarina (28)

„Schwedisch ist meine Muttersprache. Schwedisch sitzt bei mir im Bauch, es kommt automatisch. Meine Zweitsprache ist Deutsch. Das sitzt bei mir im Mund. Manchmal muss ich darüber nachdenken, aber eigentlich kommt es einfach so raus. Englisch ist meine Drittsprache. Ich bin sehr gut in Englisch, habe es lange in der Schule gelernt, aber es ist für mich nicht so emotional. Weil ich manchmal länger nach den Worten suchen muss, sitzt es bei mir im Hirn.

Spanisch liegt im Herzen. Es ist eine Sprache, die ich gerne lernen würde. Auf meinem Weg in die Schule, saß jeden Tag vor mir im Bus ein chilenisches Pärchen. Die haben auf Spanisch miteinander gesprochen und das klang immer so schön.

Bei einem Schüleraustauch in Frankfurt an der Oder habe ich meinen Freund kennengelernt. Wegen ihm bin ich mit 19 nach Berlin gezogen. Ich habe dort einen viermonatigen Sprachkurs gemacht, da habe ich dann wirklich Deutsch gelernt. Unsere erste gemeinsame Sprache war Englisch. Aber nach drei Wochen hat es klick gemacht und wir haben nur noch Deutsch gesprochen. Es war gar nicht komisch, die Sprache zu wechseln, wir haben nicht darüber nachgedacht, es war einfach so. In Berlin habe ich zwei Jahre bei Ikea gearbeitet. Dort habe ich dann das Berlinerische gelernt und nach ein paar Wochen selber zum „Berlinern“ angefangen. Genau so war es in Wien: Wienerisch habe ich am Anfang auch nicht verstanden und jetzt spreche ich ein bisschen Dialekt.

Wenn mein Freund und ich uns am Anfang gestritten haben, war das schlimm. Beim Streiten habe ich es als Problem empfunden, dass ich die Sprache schlechter beherrsche als er. Heute denke ich nicht mehr darüber nach, ob ich Deutsch oder Schwedisch spreche. Deshalb fühle ich mich auch nicht unterlegen. Ich glaube, ich kann viele Sachen auf Deutsch, die ich auf Schwedisch nicht kann. Eben weil ich mein ganzes Studium in deutschsprachigen Ländern gemacht habe.

Schwedisch spreche ich nur alle zwei bis drei Wochen, wenn ich mit meiner Familie telefoniere. Aber ich lese regelmäßig schwedische Tageszeitungen im Internet. Das hält es ein bisschen lebendig. Manchmal wäre es schön, ein bisschen mehr Schwedisch zu sprechen oder zu hören. Ich habe aber nicht vor dorthin zurückzukehren. Ich habe mich so eingelebt in der deutschsprachigen Welt, ich fühle mich nicht mehr wirklich zuhause in Schweden.“

 

Illustration: Ulrike Krawagna

„Meine vielen Sprachen sind meine Geheimwaffe“ - Arzi (18)

„Aus der Ferne glauben die Leute, ich sei Österreicherin. Wenn sie näher kommen, denken sie, ich bin Albanerin. Und wenn sie noch näher kommen, glauben sie, dass ich Türkin bin. Deshalb habe ich diese Sprachen im Gesicht eingezeichnet.

Mein Vater ist Türke, meine Mutter Perserin. Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen. In der Brust, also beim Herzen, ist das Persische. Wenn ich denke oder mit mir selber rede, dann tue ich das oft auf Persisch. Weil meine Mutter mit mir als Kind immer Persisch geredet hat, und das geht direkt da hinein. Wenn mein Vater noch da wäre und mit mir reden würde, wäre das vielleicht anders. Mein Vater hat mit mir Türkisch gesprochen. Seit ein paar Jahren sind meine Eltern geschieden. Zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt mehr. Nach der Trennung wollte ich eine Zeit lang gar kein Türkisch sprechen, bis ich in der Volksschule türkische FreundInnen bekommen habe. Da habe ich wieder angefangen, Türkisch zu reden. Aber zuhause natürlich gar nicht mehr. Nur mit meinem Bruder, mit ihm spreche ich Türkisch, Persisch und Deutsch. Alles gemischt. Das ist so etwas wie eine Geheimsprache, das kann ich nur mit ihm machen.

Bis zu meinem sechsten Lebensjahr konnte ich kaum sprechen. Als ich mit sechs in den Kindergarten gekommen bin, habe ich dort zu sprechen angefangen. Das war auch das erste Mal, dass ich mehr mit Deutsch in Kontakt gekommen bin. Am Anfang war das schwierig für mich. Ich war sehr zurückgezogen. Aber dann bin ich lockerer geworden, habe FreundInnen gefunden. Ich denke, dass man mit Deutsch mehr erreichen kann, als mit den anderen Sprachen. Und nachdem ich hier geboren bin, habe ich in Wien eher ein Heimatgefühl als im Iran oder in der Türkei. Trotzdem fühle ich mich überall wie eine Ausländerin.

Das Arabische habe ich in der Bauchgegend eingezeichnet, weil ich orientalischen Bauchtanz mache und viele FreundInnen aus dem arabischen Raum habe. Mit ihnen spreche ich Deutsch, aber ich benutze viele arabische Ausdrücke. Das Englische ist in den Armen, weil ich Hip Hop tanze. Hip-Hop-Bewegungen werden mit den Beinen und den Armen gemacht. Ehrlich gesagt, hasse ich Englisch, aber im Hip Hop klingt es super geil. Im linken Bein ist das Spanische, weil ich Salsa tanze. Das Indische sitzt im rechten Bein, das kommt vom Bollywood- Tanzen.

Ich kann die Leute ausspionieren, weil ich so viele Sprachen spreche. Und die merken das nicht einmal. Mein Zukünftiger soll auch so viele Sprachen können wie ich. Sonst würde er ja vor Eifersucht platzen. Meine vielen Sprachen sind meine Geheimwaffe. Eine meiner Geheimwaffen.“

Meta

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