„Traiskirchen war für mich eine Art Überlebensschule“

  • 23.10.2015, 14:45

Der Weg vom Flüchtling zum österreichischen Staatsbürger und zur Aufnahme eines Studiums war für Shirin Omar lang und steinig. progress hat ihn zu seinen Beweggründen, seinen ersten Erfahrungen nach der Ankunft im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen und zur österreichischen Willkommenskultur interviewt.

progress: Warum hast du dich entschlossen, Syrien zu verlassen?
Shirin Omar: Als ich 19 Jahre alt war, wurde ich zum Militärdienst in Syrien einberufen, aber ich wollte dort keinen Wehrdienst leisten. Das war der Auslöser. Aber grundsätzlich hatte man in Syrien besonders als Kurde eigentlich Null Chancen, etwas aus seinem Leben zu machen, frei zu entscheiden und seinen eigenen Weg zu wählen. Der Druck des Regimes war groß.

Was genau meinst du mit „Druck des Regimes“?
Die ständige Angst. Syrien war immer schon ein Polizeistaat mit einem ausgeklügelten Geheimdienstsystem. Das syrische Regime hatte überall und besonders in den kurdischen Gebieten Spione. Immer hatte man Angst, irgendetwas Falsches zu sagen oder zu machen – beziehungsweise etwas, das das Regime falsch finden würde. Manche wurden einfach so angezeigt. Manche Menschen sind jahrelang verschwunden! Nicht weil sie politisch aktiv oder kriminell waren. Wenn beispielsweise Nachbarn persönliche Streitigkeiten hatten, hat eine Seite die andere beim Regime unter dem Vorwand regimekritisch zu sein gemeldet und die gemeldeten Personen sind verschwunden. Die Angst war so präsent, dass sich Eltern nicht einmal getraut haben, nach ihren verschwundenen Kindern zu fragen. Man war nie sicher in Syrien. Darüber hinaus gibt es auch einen großen gesellschaftlichen und familiären Druck. Ich wollte diesen Druck und die Angst nicht mehr aushalten und habe mich entschlossen mit einem Freund zu fliehen.

Wie war das für dich, als du in Österreich angekommen bist?
Es war alles fremd. Alles neu. Ich war nicht schockiert, sondern sehr überrascht. Wir sind im Winter 2005 angekommen und es lag unglaublich viel Schnee. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Schnee gesehen! Aber mit der Zeit habe ich mich an das Leben hier gewöhnt. Wir sind zuerst nach Traiskirchen gekommen. In dem Zimmer, in dem ich untergebracht war, waren wir zu zehnt.

Vor einiger Zeit sind Bilder aus Traiskirchen in den Medien kursiert, in denen die katastrophale Lage in diesem Erstaufnahmezentrum abgebildet war. Wie war die Situation damals?
Es waren nicht so viele Menschen wie jetzt dort – aber es war damals schon überfüllt. Oft mussten viele Menschen in einem Zimmer schlafen. Unmittelbar nach der Ankunft war ich in einem Zimmer mit 30 Menschen zusammen.
Später waren wir zu achtzehnt in einem Zimmer, dann zu zehnt. Wir hatten Bundesheer-Betten und beim Essen musste man wirklich sehr lang warten. Oft haben wir anderthalb Stunden auf eine Mahlzeit in der Schlange gewartet. Diese musste ständig von Securities und manchmal auch von der Polizei überwacht werden, da sich manche vorgedrängelt haben und dadurch ziemlich schnell Raufereien entstanden sind. Auch sonst gab es Konflikte zwischen den Flüchtlingen, die sich oftmals entlang der Nationalität ausgetragen haben. Einige hatten große Probleme miteinander und wurden sowohl beim Essen als auch bei Klogängen von der Polizei überwacht. Einmal kam es sogar zu einer Massenschlägerei. Die Securities waren in der Minderzahl und man musste warten bis die Polizei da war, um die Leute auseinanderzubringen.

Man hat viel zu viel Zeit dort und wenn man nichts tun darf oder kann und zum Warten verdammt ist, äußert sich dieser Stress auch in Form von Gewalttätigkeit .Viele Menschen haben ihre Probleme mit Schreien und Schlägen rausgelassen. Ich hab das Überleben eigentlich dort gelernt. Da in meinem Zimmer sieben Albaner und wir drei Kurden waren, dachten einige Tschetschenen, dass wir Albaner seien und waren uns deshalb feindlich gesinnt. Ich musste mit einigen Tschetschenen sogar eine Woche lang in der Früh beten gehen und mit ihnen Arabisch reden – einige von ihnen sprachen Hocharabisch –, damit sie mir glaubten, dass ich nicht aus Albanien bin und mich in Ruhe ließen.

Also auch in Traiskirchen hatte ich eine Zeit lang Angst. Deswegen bin ich auf sie zugegangen und habe mich so freundlich wie möglich verhalten und mit der Zeit hat sich die Lage beruhigt. Darüber hinaus musste man immer auf seine Habseligkeiten aufpassen, denn es wurde dort viel geklaut. Traiskirchen war für mich eine Art Überlebensschule.

Wie lange warst du insgesamt in Traiskirchen?
Sieben Monate.

Und danach?
Danach bin ich nach Traisen gekommen. Nach fünf Monaten in Traiskirchen wurde mir zum ersten Mal ein “Transfer“ verordnet. Die zuständigen Behörden bezeichnen damit, dass man in eine Pension oder woanders hin versetzt wird. Ich hab mich aber geweigert dorthin zu gehen, weil ich nach Klagenfurt versetzt hätte werden sollen. Damals hatte ich von Haider gehört und dass er ausländerfeindlich ist. Ich dachte alle KärntnerInnen seien Nazis. Daraufhin haben sie mich aus Traiskirchen rausgeschmissen, aber zum Glück nach einer Woche wieder aufgenommen. Dann war ich zirka zwei weitere Monate dort, bis zu meinem nächsten „Transfer“. Laut Gerüchten in Traiskirchen wurden nur diejenigen Flüchtlinge nach Traisen übersiedelt, die sich irgendwie etwas zu Schulden haben kommen lassen. Ich hatte meinen ersten Transfer verweigert, anderen wurde zum Beispiel Diebstahl vorgeworfen. Der Transfer dorthin sollte eine Strafmaßnahme sein, denn die Hausbesitzerin dieser Pension war wahnsinnig! Sie hat uns den ganzen Tag lang beschimpft und es gab Massenstrafen. Wenn jemand von uns nicht „brav“ war oder nach ihrer Pfeife getanzt hat, hatte man drei bis vier Stunden lang keinen Strom oder kein heißes Wasser. Wir durften nicht einmal einen Wasserkocher im Zimmer haben. Sobald sie was gerochen oder gemerkt hat, dass wir irgendwas im Zimmer haben, das uns beim Zeitvertreib hilft, hat sie es uns sofort weggenommen und auch alle anderen mitbestraft.

Konntet ihr euch an jemanden wenden?
Personen von der Caritas und der Diakonie waren oft da. Wir haben ihnen auch von unserer Situation erzählt. Entweder konnten sie nichts dagegen machen oder sie haben uns nicht ernst genommen. Jedenfalls hatte ich zum Glück in der Zwischenzeit eine sehr hilfsbereite Österreicherin kennengelernt. Sie kannte eine Besitzerin einer Pension in Baden und hat mich sozusagen dorthin vermittelt. In Baden war ich zirka sechs Monate und habe in dieser Zeit meinen positiven Asylbescheid bekommen.

Momentan ist die Lage schlimmer geworden und Flüchtlinge werden in Zelten untergebracht, obwohl es adäquatere Unterkünfte geben würde. Was denkst du, wenn du das hörst?
Ich glaube die ÖsterreicherInnen haben Angst vor dem Fremden – aber auch die Flüchtlinge haben Angst. Ich glaube auch, dass die Angst von den meisten Parteien zusätzlich geschürt wird. Die Flüchtlinge sind natürlich froh, dass sie aus dem Kriegsgebiet weg und hier sozusagen in Sicherheit sind, medizinisch versorgt werden und etwas zu Essen bekommen. Aber heißt das, dass sie hier in Österreich in Zelten untergebracht werden müssen?

Außerdem glaube ich, dass die Flüchtlinge es alleine nicht schaffen, weil sie aus der österreichischen Gesellschaft ausgeschlossen sind. Aber wenn du eine Person kennst, die dich vielleicht ab und zu begleitet, so wie diese österreichische Frau, die mir nicht nur bei der Vermittlung der Pension geholfen hat, dann hat man glaube ich wirklich eine Chance, in der österreichischen Gesellschaft anzukommen. Diese österreichische Frau hat mir auch eine Lehrstelle in Kärnten vermittelt.

Also bist du doch noch in Kärnten gelandet?
(lacht) Ja, ich habe es zuerst nicht gewusst, sondern erst nachher erfahren, denn es war ihr ehemaliges Heimatdorf und da kannte sie auch viele Leute zu denen sie wieder Kontakt aufgenommen hat. Durch ihren Einsatz waren die BewohnerInnen auch mir gegenüber offen. Und natürlich habe auch ich dazu beigetragen. Ich wollte so schnell wie möglich Deutsch lernen und arbeiten. Sie hat das gesehen und erkannt. Ich denke, ohne sie hätte ich viel weniger Chancen gehabt. Und daher glaube ich, dass wenn Flüchtlinge bei ihren ersten Schritten von Privatpersonen, die schon länger in Österreich leben, begleitet werden, sie hier mehr Chancen haben. Als Flüchtling weiß man nicht, wie das System funktioniert. Viele versinken in der Ratlosigkeit und das macht auch wütend – wenn man nichts tun darf, über Jahre! Dann werden Schuldige gesucht und der Staat wird für alles schuldig gemacht, was zwar stimmt, aber eben nicht so einseitig.

Also der Staat?
Der Staat, natürlich. Es bringt nichts, die Grenzen einfach dicht zu machen oder die Menschen abzuschieben. Es werden aufgrund der vielen Krisen mehr Menschen kommen und viele sind auch schon da. Der Staat muss sich Strategien überlegen. Bei mir hat es dank einer Privatperson geklappt und weil ich auch in der Grundversorgung war. Ich habe erkannt, dass es einige Regelungen gibt, die mir helfen und deshalb habe ich mich auch der österreichischen Gesellschaft gegenüber nicht verschlossen. Ich arbeite und helfe jetzt selbst Menschen.

Du hast vor einiger Zeit an einer Hochschule ein Studium aufgenommen. Wenn du jetzt daran zurückdenkst: Vom Augenblick des positiven Asylbescheids bis zur Aufnahme des Studiums – wie war der Weg?
Er war sicher steinig und hürdenreich. Aber ich bin stärker im Leben und selbstbewusster geworden. Ich hab viel dazugelernt.
In Traiskirchen zum Beispiel, in diesen sieben Monaten konnte ich unter den dortigen Bedingungen nur wenig Deutsch lernen. Viele konnten in so einer Situation gar nicht lernen. Das war verlorene Zeit. Wenn man hier ankommt, dann sollte man gleich einen Deutschkurs bekommen. Aber nur die Sprache allein reicht nicht, um in der Gesellschaft anzukommen. Zum Beispiel wissen viele gar nicht, dass man in Österreich mit einer syrischen Matura studieren darf. Oder die Lehre: Es gibt in Syrien keine Möglichkeit einer Lehrausbildung, wie sie in Österreich möglich ist. Ich glaube, wenn man von Anfang an weiß, wie das System funktioniert, dann kann man einen anderen Weg einschlagen.

Würdest du sagen, dass es in Österreich eine „Willkommenskultur“ gibt?
Mein Eindruck momentan ist, dass sich die Situation im Vergleich zu der Zeit, als ich nach Österreich kam, wesentlich verschlimmert hat. Ich glaube daher nicht, nein. Und das obwohl man sieht, dass die Menschen vor dem Krieg flüchten, dass sie offensichtlich große Probleme haben. Ich glaube niemand gibt seine Heimat freiwillig auf.


Soma Mohammad Assad studiert Politikwissenschaften an der Universität Wien und schreibt derzeit ihre Masterarbeit zum Thema Holocaust-Wahrnehmung junger MuslimInnen in Österreich. Sie arbeitet als Sachbearbeiterin im Referat für ausländische Studierende der Bundesvertretung der Österreichischen HochschülerInnenschaft.

AutorInnen: Soma Mohammad Assad